Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Antike ohne Sicherheit?

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Am letzten Tag des diesjährigen Historikertags gab es eine Sektion mit dem etwa rätselhaften Titel „Grenzen der Sicherheit, Grenzen der...

Am letzten Tag des diesjährigen Historikertags gab es eine Sektion mit dem etwa rätselhaften Titel „Grenzen der Sicherheit, Grenzen der (Spät-)Moderne?„. Versucht wurde, epochenübergreifend mögliche Folgen zu analysieren, die sich aus den massiven Verschiebungen der Zuständigkeits- und Aufgaben-Grenzen von ‘Sicherheit‘ in der internationalen Politik der jüngsten Zeit für die Konzeption von Epochengrenzen in unserem Geschichtsbild ergeben. Der Anstoß kommt also aus der – historisch meist wenig informierten – Politikwissenschaft, genauer: aus einer erweiterten Beobachtung weltweiter Verhältnisse, aus der sich ein erweiterter Handlungsbedarf ableiten läßt (und ein Bedarf an mehr Politikwissenschaftlern!). Besonders die UNO verfolgt demnach human security als neues Leitkonzept. Gemeint ist damit, daß die Politik der internationalen Organisationen auf die Bedürfnisse und den Schutz der Individuen, nicht auf Schutz allein der Grenzen, der Regierung, der Souveränität eines Landes vor äußerer Gewalt ausgerichtet sein müsse. Sicheres Wohnen jenseits von slums, Sicherheit vor natürlichen und menschgemachten Katastrophen, Sicherheit vor Gewalt, Kriminalität, Bürgerkriegsauswirkungen, ja selbst vor den Auswirkungen schlecht austarierten Straßenverkehrs sind Gegenstände von human security-Politik, von NGOs und etwa von Initiativen wie dem United Nations Human Settlement Programme. Mit dem Begriff der „securitization („Versicherheitlichung“) wird erfaßt, daß inzwischen zahlreiche Lebensbereiche zu Gegenständen von Sicherheitspolitik erklärt werden und so das Konzept ‘Sicherheit‘ immer stärker erweitert und entgrenzt wird. Was bislang Gegenstand von Innen-, genauer: innerstaatlicher Wohlfahrtspolitik war, wird nun zum Aufgabenbereich internationaler Politik erklärt. Obsolet sei damit das sog. Westfälische System: Was mit den Souveränitätsdoktrinen eines Bodin und Hobbes und den klassischen Völkerrechtskonzeptionen seit Grotius, vor und nach dem Dreißigjährigen Krieg begann, scheint hier ein Ende zu finden. Human security ist die positiv aufgehöhte Seite der Medaille, auf dem Revers sind ‘Weltpolizei‘-Konzeptionen zu finden (dazu eine allumfassende und nie aufhörende Betroffenheit durch humanitäre ‘Katastrophen‘).

Für Historiker relevant ist nun die Idee, daß dieser expansive Sicherheits-Begriff keine neue Erfindung, sondern eher die Wiederaufnahme vor- oder frühmoderner Vorstellungen sei: So wird von Politikwissenschaftlern für die nach-westfälische Ordnung des internationalen Systems von einem new medievalism gesprochen, um das Nebeneinander staatlicher, supra- und substaatlicher Akteure – vom warlord bis zur ‘internationalen Staatengemeinschaft‘ – und die Konkurrenz ihrer Ansprüche zu erfassen. Von diesen Analogien blieb freilich in Berlin wenig; der Mediävist S. Patzold (Tübingen) argumentierte etwa, daß von einer Rückkehr in die Vormoderne keine Rede sein kann; vielmehr machen die gegenwärtigen Diskussionen über „human security“, „fragile Staatlichkeit“, „failed states“ usw. deutlich, daß die Dichotomie von Moderne und Vormoderne nicht geeignet ist, um soziale und politische Ordnungen erkenntnisfördernd zu kategorisieren.

 

Nur um das begrenzte Zeitbudget nicht zu sprengen, so versichert der Leiter der Sektion, sei die Antike nicht einbezogen worden. Das ist gleichwohl schade, denn gerade die Befunde aus der römischen Kaiserzeit sind sowohl typologisch interessant wie auch historisch – als Ankerpunkt für spätere begriffliche und konzeptuelle Rückbezüge – von Bedeutung.

Im Griechischen gibt es Wörter wie asphaleia („nicht zu Fall kommen“) oder adeia, die wir mit ‘Sicherheit‘ wiedergeben und die bisweilen auch in schöne Bilder eingebettet sind: „Hoch wissen wir zu schätzen“ heißt es in Aischylos‘ Hiketiden, „daß wir einen Freund gewonnen haben, der sich achtungswert erweist. Gib aus dem Volk Begleiter uns und Führer mit, damit wir die Altäre vor den Tempeln und die Plätze finden, die den Göttern eurer Stadt gehören, wir auch sicher eure Stadt durchschreiten.“ Politische Bedeutungen fehlen durchaus nicht: adeia kann auch schon einmal „Amnestie“ oder „sicheres Geleit“ in einem technischen Sinn bedeuten, und der politische Publizist Isokrates rät einem Potentaten (or. 2,36): „In erster Linie aber versuche, für dich und deine Polis einen Zustand der Sicherheit (asphaleia) aufrechtzuerhalten“, um gleich – sehr griechisch – nachzuschieben: „Solltest Du gezwungen sein, dein Leben aufs Spiel zu setzen, so ziehe einen rühmlichen Tod einem Leben in Schande vor.“ In Privilegien und vertraglichen Instrumenten wurde Stadtstaaten zugesichert, „in Sicherheit“ ihre Verfassung behalten und ihre Äcker bebauen zu können. Zu einem gewichtigen politischen Wert- oder Ideologiebegriff wird Sicherheit, soweit ich es übersehe, im klassischen Hellas jedoch nicht. Das ändert sich freilich im Hellenismus.

Dezidiert zum politischen Begriff wurde securitas (< se = sine + cura: „ohne Sorge“; wie im Griechischen also die Abwesenheit von etwas Unerwünschtem) dann in der römischen Kaiserzeit, wo sie zum Kanon der vom Kaiser gewährten und geschützten Zustände gehörte, neben so gewichtigen wie pax und libertas. Securitas war in diesem Horizont das heilsame und daher unbedingt zu verteidigende Ergebnis einer stabilen Regierung, zu der auch dynastische Kontinuität gehörte; so liest man bei Velleius Paterculus 2,103,3, die Adoption des Tiberius durch Augustus habe die „Hoffnung auf andauernde Sicherheit und die Ewigkeit des römischen Reiches aufkommen lassen“. Das Kollegium der Arvalbrüder brachte der Securitas bei besonderer Gelegenheit ein Kuhopfer dar. Edward Gibbon stellt sie als Voraussetzung für den sichtbaren Glanz des Reiches in dessen bester Zeit heraus: „Bei einem solchen Zustand allgemeiner Sicherheit wurden Muße und Reichtum des Fürsten wie des Volkes zur Vervollkommnung und Verschönerung des Römischen Reiches verwandt.“ Münzen und Medaillons der Kaiser priesen die Securitas Augusti / Augustorum / perpetua / publica / saeculi / orbis / temporum. Als personifizierende Göttin ist Securitas sitzend oder stehend dargestellt, oft mit Kranz, Zepter oder Weltkugel – in reicher Auswahl zu finden in der wunderbaren Numismatischen Bilddatenbank Eichstätt.

Auffällig ist der Unterschied zum Mittelalter. Dort wurde Sicherheit nahezu ausschließlich partikular und exklusiv gedacht; das gilt für die Akteure, die in unterschiedlichem Maße an der sozialen Konstruktion von Sicherheit teilhatten, wie auch für die Räume, deren Sicherung ausschließlich in Ausschnitten, Teilen oder Distanzen erfolgte (wie in der griechischen Antike die Unverletzlichkeit der Olympia-Reisenden auch während andauernder Kriege). Die mittelalterlichen Machteliten traten als Sachwalter der Sicherheit auf, indem sie einzelne Personen und Räume für sicher erklärten. In der römischen Kaiserzeit mußte der Kaiser dagegen zumindest der Idee nach für eine einheitliche und umfassende Sicherheit stehen, auch wenn seine tatsächlichen Möglichkeiten, diese tatsächlich durchzusetzen, selbstverständlich beschränkt waren und es im riesigen Imperium Romanum Zonen unterschiedlicher Sicherheit gab.

 

= Werner Conze, Sicherheit, Schutz, in: O. Brunner u.a. (Hgg.), Geschichtliche Grundbegriffe. Bd. 5, Stuttgart 1984, 831-862

= Sécurité Collective et Ordre Public dans les Sociétés Anciennes. Entretiens préparé par Cédric Brélaz et Pierre Ducrey et présidés par Pierre Ducrey. Vandoeuvres/Genève 2007

= Ute W Gottschall, Securitas. Römische Personifikation der Sicherheit im Sinne einer (innen-)politischen Ruhe und Stabilität, basierend vor allem auf einer „sicheren“ Machtposition des Kaisers, in: Lexicon Iconographicum Mythologiae Classicae (LIMC). VIII 1, 1997, 1090-1093

= Hans Ulrich Instinsky, Sicherheit als politisches Problem des römischen Kaisertums. Baden-Baden 1952

= Alfred Kneppe, Die Gefährdung der »securitas«. Angst vor Angehörigen sozialer Randgruppen der römischen Kaiserzeit am Beispiel von Philosophen, Astrologen, Magiern, Schauspielern und Räubern, in: I. Weiler (Hg.), Soziale Randgruppen und Außenseiter im Altertum. Graz 1988, 165-176.


2 Lesermeinungen

  1. Wann hätten wir je einen...
    Wann hätten wir je einen solchen Zustand gehabt?
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    „Sicheres Wohnen jenseits von slums“, warum eigentlich „jenseits von Slums“? Kann es sein, dass es hier nur um Sicherheit der Bürger geht, der Wohlstandsbürger, deren nun eben auch leiblicher nicht mehr nur am Leib sich angehängter Wohlstand gesichert werden soll? So langsam sich fürchtend, hier in unseren „Kristallpalästen“ (Sloterdijk), ob jener Verhältnisse, wie sie längst an den Rändern der Wohlstandsregionen, den sog. Schwellenländern der 3. Welt, üblich sind. Bei den Einen, in Kenia zum Beispiel, mauert man hochräumig die Slums ein, damit man diese erst gar nicht sehen muss – aus dem Blick, aus dem Sinne -, bzw. jene eben die Gesicherten nicht erblicken können, so erst gar keine Gelüste auf deren Wohlstand aufkommen könnte, von dort aus, bei den Anderen, wie in Südafrika zum Beispiel, oder in Buenos Aires oder Rio de Janeiro, mauern sich die Gesicherten ein, damit die Slums da erst gar nicht hinein wachsen können. Wieder andere schlagen allen Ernstes vor, gewisse problematische Quartiere mit Drogen ruhig zu stellen. Nicht dass man das nicht schon täte, aber deren Vorschläge unterlaufen jede kriminalistisch zu denkende Evidenz: so sollte man doch gewisse beruhigende Drogen ins Grundwasser von Neukölln geben, das sparte dann den Zaun drum (so auf einer Wissenschaftlerversammlung zum Thema „intelligentes Auto“ („Ekelhafte Arroganz“, https://blog.herold-binsack.eu/?p=675, oder: „Der repressive Staat, die ‚Schuld der Sozialisten’ und der französische Pass“, https://blog.herold-binsack.eu/?p=810).
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    Nun ja, da hilft uns dann wirklich auch die Antike, oder eine vorwestfälische Vormoderne, nicht wirklich weiter, denn die Klassengesellschaft ist nun mal noch etwas älter. Es wäre doch mal interessant dahingehend zu forschen, wie die Menschen aus der Zeit davor, wann auch immer man diese anzunehmen meint, für ihre ganz persönliche Sicherheit gesorgt haben. Nun ja: Mundraub wird es wohl schon zu allen Zeiten gegeben haben, wenn der Hunger größer war, als der Respekt vor dem Leben des Anderen; und die Antwort auf dementsprechende Übergriffe wird wohl anders gewesen sein als heute. Man hatte dann sowieso auf so was wie Blutrache Rücksicht zu nehmen. Blutsverwandte durfte man nicht so ohne weiteres schädigen! Bezüglich der anderen gab es wohl auch damals schon so eine Art zweckmäßiges Denken. In welchem Verhältnis stünde das zu Erwerbende dann zum Beispiel zu dem zu Verlierenden, der persönlichen Ehre zum Beispiel, wenn nicht gar eben jene persönliche Ehre, soweit man diese schon kannte, durch eine solche Tat eine Erhöhung erfahren würde?– aber das dürfte man sich schon ziemlich nahe an der Klassenrealität vorstellen. Fahrlässigkeit konnte dann aber ungewünschte Konflikte auslösen, zwischen ganzen Gruppen, später Stämmen, und war daher immer sehr gefürchtet.
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    Eine Beachtung einer solchen Fahrlässigkeit scheint heute aber obsolet, im Zeitalter von Drohnen, also Waffen, die den Anschein erwecken, als wären die nicht mit einem ganz bestimmten Menschen verbunden, einem Wesen, dass da einem anderen was antut.
    Und wie fahrlässig (unter dem Schutz der Anonymität) erst sind solche Vorschläge, wie die da mit den Drogen ins Grundwasser?
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    Es hilft nichts: Die Gesellschaft(en) globalisieren wohl, nähern sich an, gleichzeitig verrohen sie, vermutlich irreversibel, auf der nur denkbar niedrigsten Stufe. Globalisieren wir daher gar in Richtung einer neuen nie da gewesenen niedrigen Stufe? Auf welche historische Stufenleiter sollen wir uns denn hinab begeben, wollen wir diese „spätmoderne“ Unsicherheitsgesellschaft überhaupt auf den Begriff bekommen? Nicht wegen eines Mangels an Respekt gegenüber einem Dritten, sondern ob des Fehlens eines jeden Gefühls für Mangel (bei all den Anderen), ob des Überflusses, des eigenen. Und wann in der gesamten menschlichen Geschichte hätten wir je einen solchen Zustand gehabt?

  2. Danke für den Hinweis auf die...
    Danke für den Hinweis auf die “Sicherheitspolitik” in Antike und Gegenwart! Leider fallen die Informationen vom Historikertag allzu spärlich aus. Wahrscheinlich weil Sie sich dort als “Althistoriker” (schon dieses Wort klingt verdrossen nach entsorgungsreifer “Altlast”) dieses Jahr vernachlässigt wähnen, wie aus Ihrem vorletzten Beitrag hervorgeht.
    “Gottesfriede” und damit eng verknüpft “Landfriede” als genuin mitttelalterliche Konzepte gehen in ihrem Anspruch hinsichtlich Sicherheit und Gewaltmonopol deutlich über die von Ihnen als “nahezu ausschließlich partikular und exklusiv” gedachte mittelalterliche Sicherheitsauffassung hinaus. Post festum haben sie sich als zentral erwiesen und legten die Grundlage für unser heutiges Rechts- und Verfassungsverständnis. Auch dem Denken von Bodin und Hobbes fehlte jegliches Fundament, wäre dem Landfrieden nicht zur Durchsetzung verholfen worden.
    Auf die Gegenwart bezogen schreiben Sie: “Besonders die UNO verfolgt demnach human security als neues Leitkonzept. Gemeint ist damit, daß die Politik der internationalen Organisationen auf die Bedürfnisse und den Schutz der Individuen, nicht auf Schutz allein der Grenzen, der Regierung, der Souveränität eines Landes vor äußerer Gewalt ausgerichtet sein müsse.”
    Erfreulich, wenn man der Durchsetzung dieses “Paradigmenwechsels” etwas näher gekommen wäre, auch wenn er Risiken birgt, die aus der Aufhebung des Kalten Kriegszustandes resultieren: Grenzverschiebungen unter Atomwaffengewalt sollten zwischen 1950 und 1990 um jeden Preis vermieden werden, das Selbstbestimmungsrecht der wie auch immer definierten Völker hatte demgegenüber zurückzutreten. Ganz neu ist das von Ihnen beschriebene Konzept allerdings nicht, wie die Umstände der Auflösung Jugoslawiens belegen. Leider ist der “Schutz der Individuen” dort meistens ausgeblieben. Der Ehrgeiz der Bundesregierung, der auf einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat geht, verbunden mit dem eifrigen Sammeln von Fleißpunkten in der UNO-Arbeit, ist mir unverständlich: warum nicht wenigstens hier endlich einmal europäisch agieren, den Sitz Frankreichs aufgeben und den Sitz Großbritanniens in einen europäischen umwandeln und zugleich eine Neuordnung des Sicherheitsrates unter Berücksichtigung lateinamerikanischer und afrikanischer Staaten inaugurieren? China ist eine Interventionsfähigkeit der UNO in sogenannte “innere Angelegenheiten” ein Gräuel, den USA ist die Zweischneidigkeit dieser neuen Doktrin bewusst: einerseits herrscht Angst vor Verlust staatlicher Souveränität (hierin ähnelt man den Chinesen), andererseits weiß man um die Nützlichkeit eines völkerrechtlich legitimierten Instruments zur Durchsetzung der Pax Americana.
    Im Übrigen teile ich Ihre Kritik an mangelnden Geschichtskenntnissen bei Politikwissenschaftlern. Auf der Suche nach Arbeit sind sie findig, was bleibt Ihnen auch anderes übrig, denn selbst das neue Orakel des Bildungsbürgertums in Auflösung – Thilo Sarrazin – spricht ihnen so wenig Wert zu wie sonst nur Ökonomen, Soziologen und Gemüsehändlern.

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