Antike und Abendland

Sloterdijk und das Alte Rom

Keiner wölbt wuchtige Wortgewitter so gewaltig wie Peter Sloterdijk und keiner drechselt so behende polemische Begriffe wie der Karlsruher Zeitgeistphilosoph. Seine Idee der stolzerzeugenden freiwilligen Steuern wurde an diesem Ort vor gut einem Jahr aufgegriffen, weil sie verblüffend an das antike Konzept des Euergetismus erinnert – ohne daß Sloterdijk die Verwandtschaft thematisiert hätte. Anfang Dezember kam er in der ZEIT nochmals auf die kurze Debatte zurück, unter dem bescheidenen Titel „Warum ich doch recht habe“ (2. Dez. 2010). Hier nun spielte Rom eine Rolle, eine verquere allerdings. Mit universalhistorischem Gestus ordnet Sloterdijk den antiken und frühmodernen Reichsbildungen den Existenzmodus „Plünderungen“ zu und behauptet, die Bürger Roms seien „über Jahrhunderte hinweg völlige Steuerbefreiung gewohnt“ gewesen, weil die „Plünderungspolitik des sich ausdehnenden Reichs Abgaben im Inneren überflüssig machte“. Das klingt schmissig und plausibel, hat man doch lebhaft die fronenden Provinzbewohner vor Augen, deren Fäuste sich ballen, wenn sie des Steuereintreibers mit seinen Listen und des Soldaten mit dem Schwert ansichtig werden. Allein, falsch bleibt falsche. Erst die Beute aus dem Dritten Makedonischen Krieg im zweiten Jahrhundert v.Chr. befreite die römischen Bürger von regelmäßigen direkten Steuern, aber die indirekten Abgaben blieben selbstverständlich, und unter den Bürgerkriegen vor und nach Caesars Ermordung litt Italien, also römisches Bürgergebiet, neben Griechenland und Kleinasien am meisten. Und als Augustus die Finanzierung des nunmehr stehenden Heeres und Veteranenversorgung auf einen sichereren Fuß stellen wollte – auch um sie von nicht prognostizierbaren Beuteerlösen unabhängig zu machen -, führte er neue, höchst unbeliebte Abgaben ein, welche die Bürger zu leisten hatten. Das erwähnt Sloterdijk übrigens tatsächlich, aber Periodisierung und Erklärungen stimmen eben nicht.

In einem Beitrag vom letzten Herbst zeigt Sloterdijk aber, daß ihm römische Überlieferungen durchaus geläufig sind (Letzte Ausfahrt Empörung. Über die Ausschaltung von Bürgern in Demokratien; Der Spiegel vom 8. Nov. 2010, dort unter d.T. „Der verletzte Stolz“). Den Gründungsmythos der Republik greift er auf, um einen aktuellen politischen Diskurs zu zuzuspitzen. Die Republik soll zurückerhalten, was ihr im postheroischen Zeitalter zumal hierzulande so gründlich abhanden gekommen ist: den Affekt, den großen Moment der Entscheidung, das Opfer, die Mobilisierung. Denn der Prototyp des Wutbürgers waren die Verschwörer wider die Tyrannis der Tarquinier.

Doch dazu gleich. Denn auch Sloterdijk kann es sich nicht ersparen, zuvor wieder das offenbar unausrottbare Klischee von „Brot und Spielen“ zu bedienen, ironischerweise ausgehend von Spott über Westerwelles Wort von der „spätrömischen Dekadenz“: Das „römische Brot-und-Spiele-System“ sei nicht weniger gewesen als die erste Ausgestaltung dessen, was man seit dem 20. Jahrhundert als „Massenkultur“ bezeichne. Sloterdijk postuliert eine „Wende von der gravitätischen Senatorenrepublik zum postrepublikanischen Theaterstaat mit einem kaiserlichen Mimen im Zentrum“, vergißt dabei aber, daß die Senatoren der Republik ohne Volk keine Politik machen konnten und daß diese Politik (auch) im Theater stattfinden konnte, wenn einzelne Prominente auf Sprechchöre trafen. Die „Massenkultur“ gab es spätestens seit den Komödien des Plautus. Kennt Sloterdijk denn nur das Weltbild Ciceros? Und warum nimmt er die Exzesse eines Caligula, eines Nero für die prägende Wirklichkeit der Kaiserzeit? Wie sich zeigen wird, weiß er manches besser, und hier offenbart sich die Nemesis des Strebens nach binären Pointen und süffigen Formulierungen. Denn die Errichtung des Prinzipats bedeutete keineswegs eine „politische Bürgerausschaltung, die mit der Machtübernahme durch eine Junta von imperialen Berufspolitikern einherging“. Im Gegenteil: Nur wer nicht über den engen Kreis der Stadt Rom hinauszublicken gewillt ist, wird verkennen, daß das neue System in Wirklichkeit einen enormen Politisierungsschub brachte, indem nun nämlich Eliten aus ganz Italien und den Provinzen am Gemeinwesen, das nunmehr ein Imperium war, teilnahmen, als städtische Honoratioren und Glieder eines reichsweiten Ordnungssystems, insgesamt nach Zehntausenden zählend – von einer Junta kann keine Rede sein. Sloterdijk fällt sogar noch hinter Tacitus zurück. Dieser kritisierte zwar ebenfalls, daß es keine Politik im traditionellen Sinn mehr gab – Sloterdijk nennt das „Auflösung von republikanischem Leben in Verwaltung und Unterhaltung“ -, erkannte aber immerhin sehr klar, daß der Systemwechsel der großen Zahl zumal der provinzialen Bevölkerungen zum Guten ausschlug. Tacitus wußte außerdem als Mitglied der politisch-militärisch-administrativen Elite viel zu gut, daß die wahren Leistungen abseits der großen Kämpfe auf dem Forum und gegen die Barbaren erbracht wurden; er fand diese Dinge nur als Geschichtsschreiber langweilig. Sloterdijk aber nimmt die historiographische Blickverengung für das Wahre und Ganze, wenn er behauptet, daß „die Reichsverwaltung sich zunehmend in Formalien verstrickte“. Wer einmal einen Blick in Quellensammlung mit Inschriften zur Reichsadministration geworfen hat, wird anders urteilen. Und von der „Verrohung und Enthemmung“, die sich „in den Arenen rund um das Mittelmeer und bei den Festen der metropolitanen Oberschicht“ durchgesetzt habe, kann nur sprechen, wer sich nicht näher mit Sinn und Entwicklung der Gladiatur befaßt hat. Hauptsache, das Zwillingsfeindbild funktioniert: „Das Miteinander von Verwaltungsstaat und Unterhaltungsstaat antwortete auf einen Weltzustand, in dem die Machtausübung nur noch durch die weitgehende Entpolitisierung der Reichspopulationen gesichert werden konnte.“

Unvermittelt nach solchen eher groben Analogieschlüssen: die filigrane Analyse eines höchst aktuellen Gründungsmythos. Hören wir den Meister selbst:

„Das Spiel mit römischen Reminiszenzen rührt früher oder später an gefährliche Materie. Wer Rom erwähnt, sagt zugleich res publica, und wer von dieser spricht, sollte nicht versäumen, nach dem Geheimnis ihrer Anfänge zu fragen. Versuchen wir also zu erklären, wie es kam, daß die exemplarische ‘öffentliche Sache‘ Alteuropas mit einem bedenkenswerten Affektsturm begann: Der Sohn des letzten römisch-etruskischen Königs, Tarquinius Superbus junior, war auf die Reize einer jungen römischen Matrone namens Lucretia aufmerksam geworden, nachdem er durch die Prahlereien ihres Gatten Collatinus von deren Schönheit und Sittsamkeit erfahren hatte. Offensichtlich wollte er nicht hinnehmen, daß ein Untergebener erotisch glücklicher sein sollte als er selbst, der Sproß aus königlichem Haus. Der Rest ist dank Livius Weltgeschichte und dank Shakespeare Weltliteratur: Der junge Tarquinius dringt in Lucretias römische Wohnung ein und nötigt sie durch eine infame Erpressung, in ihre Vergewaltigung einzuwilligen. Nach der erlittenen Entehrung ruft die junge Frau ihre Verwandten zusammen, berichtet ihnen von den Vorfällen und erdolcht sich vor den Augen der Versammelten. Eine beispiellose Welle der Erschütterung verwandelt nun das harmlose Hirten- und Bauernvolk der Römer in eine revolutionäre Menge. Tarquinius Superbus wird vertrieben, die etruskische Vorherrschaft ist für immer beendet. Nie wieder werden Hochmütige an der Spitze des Gemeinwesens geduldet sein. Der Name des Königs wird für alle Zeiten geächtet – nicht nur ad personam, sondern im Hinblick auf die monarchische Funktion als solche.

Aus der Konvulsion der Bürger erwächst eine folgenschwere Idee: Die Gemeinwesenlenkung wird künftig allein von Römern ausgeübt werden, sie wird pragmatisch und profan erfolgen. Zwei Konsuln halten sich gegenseitig in Schach, ihre jährliche Neuwahl beugt jeder erneuten Verwechslung von Amt und Person vor. Der religiöse Überbau implodiert, bis auf die Staatsorakel, ohne dies es auch in der Republik nicht geht; für immer bleibt die königliche Superbia verbannt. Die produktiven Energien des Hochmuts werden auf das Format des Strebens nach Ansehen durch Vortrefflichkeit zurückgeschraubt, wie in Meritokratien üblich. Aufgrund dieser Beschlüsse setzt sich im Jahr 509 vor Christus die am klügsten konstruierte republikanische Maschine der Menschheitsgeschichte in Gang; durch die nachträgliche Hinzufügung des Volkstribunenamts erlangt sie einen unüberbietbaren Grad an Effizienz. Eine Erfolgsstory ohnegleichen beginnt, bis, fast ein halbes Jahrtausend später, die Überdehnung des römischen Machtkomplexes den Übergang zu neo-monarchischen Verhältnissen erzwingt.“

Sozial- und verfassungsgeschichtliche Einwände einmal beiseite: Das ist eine brillante politische Interpretation der von Ovid bis Shakespeare so oft zum psychologischen Kammerspiel und sterilen Tugendexempel umgebogenen Lucretia-Geschichte. Politische Interpretation heißt hier: Die Römer werden in der Deutung des Mythos zu Archetypen der Wutbürger von heute:

„Die Lucretia-Legende handelt von der Geburt der res publica aus dem Geist der Empörung. Was man später Öffentlichkeit nennen wird, ist anfangs ein Epiphänomen des Bürgerzorns. Aus dem Unmut der zusammenströmenden Menge bildete sich das erste Forum. Die erste Tagesordnung umfaßte nur einen einzigen Punkt: die Zurückweisung einer herrscherlichen Infamie. Aus ihrer synchronen Erregung über den zügellosen Hochmut der Machthaber lernten die einfachen Leute, daß sie von nun an Bürger heißen wollen. Der consensus, mit dem alles anfängt, was wir bis heute öffentliches Leben nennen, war die zivile Einmütigkeit hinsichtlich eines unerträglichen Affronts gegen die ungeschriebenen Gesetze des Anstands und des Herzens.“

Sloterdijk eliminiert mit seiner Akzentuierung des Handelns aus Empörung freilich einen Kernbestand bisher gängiger Konzepte des Politischen, wie sie von Aristoteles bis Hannah Arendt gültig erschienen: Ja, Politik ist Handeln, aber Handeln von allseitig entwickelten Individuen auf der Basis von Gleichheit und diskursiv erzeugter Rationalität. Hinter Sloterdijks Lesart von politischem Bürgersinn verbergen sich archaische Affekte und aristokratische Attitüden:

„Um das Entscheidende noch einmal zu sagen: Was wir jetzt mit dem griechischen Ausdruck ‘Politik‘ umschreiben, ist ein Derivat des Ehrsinns und der stolzen Regungen gewöhnlicher Menschen. Für das Spektrum der stolzverwandten Affekte hält die alteuropäische Tradition den Ausdruck thymós bereit. Auf der thymotischen Skala der menschlichen Psyche erklingen viele Töne – von Jovialität, Wohlwollen und Generosität über Stolz, Ambition und Trotz bis hin zu Empörung, Zorn, Ressentiment, Haß und Verachtung.“

Solange eine politische Kommune von ihrem Stolzzentrum her gelenkt werde, stünden Fragen von Ehre und Ansehen im Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit. Gewiß, doch wird dabei unterschlagen, daß gerade diese Fixierungen zumal in den griechischen Poleis immer wieder die politische Sphäre gefährdeten. Konflikte bis hin zum Bürgerkrieg zeugen davon ebenso wie zahlreiche Prozesse wegen hybris in Athen. Platon konstruierte die Idealpolis daher monistisch, so daß dort vom Politischen nichts mehr übrigblieb. Gerne hätte man sich von Sloterdijk über den Stolz der versammelten römischen Bürger belehren lassen, die Respektsbekundungen aus dem Munde der Politiker, die nicht müde wurden, die maiestas des populus Romanus zu preisen. Und darüber, daß auch in der Kaiserzeit eine evidente Verachtung des Volkes durch den Kaiser nicht folgenlos blieb. Doch Sloterdijk skizziert lieber Szenarien, gewürzt mit saftiger Kulturkritik:

„Es dürfte klar sein, warum es nicht unverfänglich ist, in unseren Tagen von römischer Dekadenz zu sprechen und aktuelle Zustände mit ihr gleichzusetzen. Wer so redet, bekennt sich implicite zu der Auffassung oder der Befürchtung, daß auch auf die moderne Republik – wie sie vor gut zweihundert Jahren aus dem monarchiekritischen Zorn der Amerikanischen und Französischen Revolutionen hervorgegangen war – zu gegebener Zeit eine postrepublikanische Phase folgen werde. Typischerweise wäre auch diese durch das erneute Miteinander von Brot und Spielen charakterisiert, oder, um zeitgemäß zu reden, durch eine Synergie von Sozialstaat und Sensationsindustrie. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Vorboten solcher Doppelwirtschaft allgegenwärtig sind.“

Doch in einer charakteristischen Volte bremst sich Sloterdijk sogleich wieder ein, um zu den beiden bekannten Brennpunkten seiner gegenwartsorientierten Denkellipse zu kommen: der Wut und der freiwilligen Steuer:

„Man könnte aus diesen Beobachtungen den vorschnellen Schluß ziehen, die postdemokratischen Tendenzen hätten sich in der Dämmerung der zweiten republikanischen Ära, die wir die politische Moderne nannten, bereits auf ganzer Linie durchgesetzt. Dann bliebe uns, den Bewohnern der zweiten res publica amissa (des preisgegebenen Gemeinwesens) erneut nichts übrig als das Warten auf die Caesaren  – und auf deren billige Ausgaben, die Populisten, sofern Populismus heute den Beweis liefert, daß Caesarismus auch mit Komparsen funktioniert. Also hätte Oswald Spengler mit seiner gefährlichen Suggestion Recht behalten, man müsse Dekadenztheoretiker sein, um als Zeitdiagnostiker auf der Höhe der Phänomene zu stehen? Doch so anregend rhapsodische Überlegungen dieser Art sein mögen: Wir sind in dieser Angelegenheit besser beraten, wenn wir uns vom Elan der großen Analogie nicht mitreißen lassen. Zwar fehlt es nicht an Hinweisen darauf, daß wir postrepublikanischen und postdemokratischen Zuständen entgegengehen. Deren signifikantestes Symptom, die erneute Bürgerausschaltung durch eine monologisch in sich verschränkte Staatlichkeit, ist heute auf breiter Front zu diagnostizieren. Daß Politik hierzulande immer mehr dem Monolog eines Autistenclubs nahekommt, zeigt die aktuelle Linie der schwarz-gelben Regierung in Fragen der Atomenergie. 

Wer aber geglaubt hätte, die Bürgerausschaltung in der zweiten postrepublikanischen Situation werde so reibungslos verlaufen wie nach der Etablierung des antiken Caesaren-Regimes, sähe sich getäuscht. In diesem Punkt ist die historische Analogie nicht schlüssig – aus einem Grund, über den man sich noch immer aus alten Quellen am besten informiert. Die klassischen Autoren Griechenlands besaßen vom Menschen als zugleich erosbewegtem und stolzbewegtem Wesen ein ungleich tieferes Verständnis als die Modernen, weil die letzteren sich mehrheitlich damit begnügten, die menschliche Psyche allein aus der Libido, dem Mangel und dem Habenwollen zu deuten. Zu Fragen des Stolzes und der Ehre fällt ihnen seit über hundert Jahren nichts mehr ein. Folglich nimmt es nicht wunder, wenn heute weder Politiker noch Psychologen Rat wissen, sobald sie es mit öffentlichen Regungen der vergessenen Stolzkomponente im menschlichen Seelenhaushalt zu tun bekommen. Wer sich im Panorama der politischen Unruhen in Europa umsieht, besonders an den deutschen Krisenherden, sollte sich eines möglichst schnell klarmachen: Wenn heute die Bürgerausschaltung trotz aller Aufgebote an Expertokratie und Amüsierkultur nicht ganz gelingt, so darum, weil man die Rechnung ohne den Bürgerstolz gemacht hat. 

Mit einem Mal steht er wieder auf der Bühne – der thymotische Citoyen, der selbstbewußte, informierte, mitdenkende und mitentscheidungswillige Bürger, männlich und weiblich, und klagt vor dem Gericht der öffentlichen Meinung gegen die mißlungene Repräsentation seiner Anliegen und seiner Erkenntnisse im aktuellen politischen System. Er ist wieder da, der Bürger, der empörungsfähig blieb, weil er trotz aller Versuche, ihn zum Libido-Bündel abzurichten, seinen Sinn für Selbstbehauptung bewahrt hat, und der diese Qualitäten manifestiert, indem er seine Dissidenz auf öffentliche Plätze trägt.“

Hier unterliegt Sloterdijk einer verbreiteten Fehlsichtigkeit durch übersteigerte Vergrößerung. Selbst ein Heimspiel von Arminia Bielefeld (für Auswärtige: 2. Liga, zur Zeit letzter Tabellenplatz) versammelt in der Regel noch immer mehr Zuschauer als eine durchschnittliche Demonstration gegen Stuttgart 21 Teilnehmer hat. „Wutbürger“ ist das unbekannteste sog. Wort des Jahres, das es je gab. Und die traurige, von reisenden Chaoten aus halb Europa gespeiste Wiedergänger-Folklore der Castor-Proteste ist schon gar nicht der Rede wert. Das Gros der Bürger leidet still und sieht seine Zukunft weniger von den eigenen Politikern bedroht als von denen anderer Euro-Länder. Das entlastet. Von den „psychopolitischen Primäraffekte Stolz und Empörung“, die sich „dem postdemokratischen Gebot der Bürgerausschaltung widersetzen“, ist jedenfalls in meiner Wahrnehmung (noch) wenig zu sehen – so verführerisch die römische Analogie auch sein mag.

Noch einmal kommt Sloterdijk auf das Römische Reich zurück, nun wieder mit teilweise mindestens diskutablen Beobachtungen:

„An dieser Stelle mag es sinnvoll sein, nachzufragen, wie den Römern der Caesarenzeit ihr Entpolitisierungskunststück gelang, während es den heutigen gewählten Postdemokraten aus den Händen zu gleiten droht. Die Antwort ist umweglos zu finden: Den kaiserzeitlichen Eliten stand über lange Zeit die Möglichkeit offen, den thymotischen Ansprüchen ihrer Bürgerwelt halbwegs brauchbare Ersatzangebote zu machen – trotz handfester Anzeichen postrepublikanischer Dekadenz: Sie verstanden sich darauf, im civis romanus den Stolz auf die zivilisatorischen Leistungen des Imperiums zu wecken; sie banden die Völker der Peripherie durch römische soft power an das Zentrum; sie waren klug genug, den haltlosen Massen in den Städten die Teilhabe am theatralischen Narzißmus des Kaiserkults zu gewähren. Im Vergleich hiermit springt die Hilflosigkeit unserer politischen Klasse in allen Belangen des thymotischen Haushalts ins Auge. Sie hat den Bürgern oft nicht mehr zu bieten als die Aussicht auf Teilhabe an ihrer eigenen Kläglichkeit – ein Angebot, auf das die Bevölkerung in der Regel nur im Karneval und bei Aschermittwochsreden eingeht. Wird die Frage gestellt, wie das breite Volk auf die Performance der Regierenden reagiert, verzeichnen Meinungsforscher seit einiger Zeit am häufigsten die Auskunft: mit Verachtung. Unnötig zu sagen, daß dieses Wort zum elementaren Vokabular der thymotischen Analyse gehört. Wenn die Bezeichnung für den Minuspol der Stolz-Skala so häufig und so heftig gebraucht wird wie zur Stunde, dürfte begreiflich werden, in welchem Maß die psychopolitische Regulierung unseres Gemeinwesens aus dem Ruder läuft.“

In seiner Gegenwartsanalyse kann ich Sloterdijk insgesamt an vielen Stellen zustimmen. Was die historischen Analogien zum Alten Rom angeht, so verblüfft, wie brillante Parallelisierungen und einseitige, bisweilen abwegige Gegenstandsbeschreibungen nebeneinanderstehen. Wahrscheinlich kann es nicht anders sein; der monumentalische Gebrauch von Geschichte funktioniert eben so. Sloterdijks Interventionen regen in jedem Fall an, wieder einmal nachzulesen, wie die römische Republik begann und endete und wie das Kaiserreich funktionierte, bei Livius und Sallust, bei Syme und Rostovtzeff.

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