Antike und Abendland

Konfuzius vs. Aristoteles? Erziehungsstile in der Diskussion

Das Buch von Amy Chua, das in den Vereinigten Staaten zur Zeit Furore macht, wird hierzulande wahrscheinlich keine größeren Diskussionen auslösen (Die Mutter des Erfolgs: Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte; der Originaltitel ist spektakulärer: Battle Hymn of the Tiger Mother). Zu unannehmbar, aus der Welt gefallen erscheinen die Erziehungsmethoden, die Chua an ihren beiden Töchtern praktiziert hat. Auf Partys zu gehen, Alkohol zu trinken und früh Sex zu haben erscheint als ein selbstverständliches, nicht mehr zu widerrufendes Recht für Heranwachsende, und wem bei der Zustandsbeschreibung der chinesischstämmigen Juraprofessorin an der Yale-Universität vielleicht doch etwa mulmig wird, kann sich damit trösten, daß ‘unser‘ Bildungssystem in der Breite doch noch etwas besser funktioniert als das amerikanische. Leistung erscheint zumindest im pädagogischen Diskurs weitgehend diskreditiert, konnotiert mit Wörtern wie ‘-druck‘. Die Korrelation zwischen Leistung und Glück, von Elisabeth Noelle-Neumann aus ihren demoskopischen Forschungsergebnissen heraus immer wieder hervorgehoben, spielt kaum noch eine Rolle. Und gegenüber den Chinesen kann man sich immer noch damit beruhigen (oder betrügen), daß ‘unsere‘ Praxis die jungen Leute kreativer macht – als ob Kreativität ohne Können Sinnvolles hervorzubringen vermöchte!

Zufällig bin ich gerade in diesen Tagen, als die Diskussion über Chuas Buch auch nach Deutschland getragen wurde (s. FAZ v. 22. Jan.), in einem Lektürekurs zu Aristoteles‘ Politik auf einschlägige Aussagen gestoßen. Wir lesen einen Abschnitt über die Erziehung im siebten und achten Buch im Original. Aristoteles plädiert für die gemeinschaftliche Erziehung, wie sie in Sparta praktiziert wurde, vor allem aber dafür, auf die Erziehung generell große Aufmerksamkeit zu verwenden. Über Inhalte und Verfahren konstatiert er jedoch große Uneinigkeit, etwa darüber, ob die intellektuelle Schulung (dianoia) oder die Haltung der Seele im Vordergrund stehen sollten. „In der alltäglichen Erziehungspraxis ist der Blick verwirrt und ist es keineswegs klar, ob die für das Leben nützlichen Dinge eingeübt werden sollten oder das auf die aretê Zielende oder die perittá, die nicht anwendbaren, ‘zwecklosen‘ Gegenstände.“ Auf letzterem Gedanken wurde einst die neuhumanistische Erziehung (mit) gebaut: Da der Mensch nicht Mittel zu einem Zweck, sondern selbst Zweck ist, sollte auch die Bildung dazu dienen, ihn zuvörderst zu sich selbst zu bringen und nicht in erster Linie ‘fit‘ zu machen für einen außerhalb liegenden Zweck. (Ob auch die Werbung für den Lateinunterricht diesen Gedanken wieder auszusprechen wagt? Wohl eher nicht; Angst und Distinktionsbedürfnis der Mittelschicht sprechen eher für eine funktionale Rechtfertigung.) Natürlich muß auch das Notwendige an nützlichen Kenntnissen erworben werden (ta anankaia tôn chrêsimôn). Zur Erziehung eines freien Menschen – Aristoteles unterschied hier, den Gegebenheiten entsprechend, sehr deutlich die freien Menschen von den Unfreien, den Sklaven – gehöre es auch, an den relevanten Einsichten und Fertigkeiten teilzuhaben „bis zu einem gewissen Grad“ (mechri toû tinos), aber allzusehr nach Perfektion (akribeian) zu streben schädigt den Charakter eher.

Selbstverständlich ist es verboten, einzelne Aussagen antiker Philosophen aus ihrem Zusammenhang herauszureißen und als normative Maximen für die jeweilige Gegenwart zu lesen. Das ist bekanntlich oft geschehen, und in den langen zwölf deutschen Jahren ging vielleicht ein anderer Satz aus dem hier referierten Abschnitt in Anthologien ein: „Man darf nicht glauben, irgendein Bürger gehöre sich selbst, vielmehr gehören alle der Polis, denn jeder ist ein Teil der Polis. Und die Sorge um jedes einzelne Teil richtet sich natürlicherweise an der Sorge um das Ganze aus.“ Ersetze Polis durch Staat, wie es Schütrumpf in seiner Übersetzung tut, oder gar durch Volk, und die Bescherung ist da.

Dieser Weg ist also versperrt. Aber mit Aristoteles im Gepäck liest man Amy Chuan anders. Auch der Philosoph sieht die Physis des Menschen als ein Potential, das durch Erziehungs- und Selbstarbeit an der vollendeten aretê auszuschöpfen ist. Aber diese ist nicht einseitig zu verstehen, und gegen die Entfaltung geistiger Spontaneität durch soziales Leben hätte der größte antike Denker die Wirklichkeit nichts einzuwenden gehabt, schon weil diese Wirklichkeit in ihrer Vielfalt Extreme abzuschleifen geeignet war.

Aristoteles, Politik 7,1-2  1337a26 – 1337b21.

Aristoteles, Politik, Buch VII/VIII. Übers. und erläutert von Eckardt Schütrumpf (Aristoteles, Werke in deutscher Übersetzung, 9 IV), Berlin 2005.

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