Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Theodor Mommsen – animal politicum

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(Fortsetzung des zum 150. Geburtstag von Mommsen von Alfred Heuß für DIE ZEIT verfaßten, aber damals nicht erschienenen Artikels. Für den ersten Teil s. den...

(Fortsetzung des zum 150. Geburtstag von Mommsen von Alfred Heuß für DIE ZEIT verfaßten, aber damals nicht erschienenen Artikels. Für den ersten Teil s. den vorherigen Blogeintrag.)

Die starken formalen Fähigkeiten Mommsens (sie kamen übrigens auch in seinem lateinischen Stil zur Geltung) hätten ihn befähigt, ein großer Publizist zu werden. In seinem Alter bestätigte ihm das ein Kenner dieses Metiers und zählte ihn zu den großen „Journalisten“ wie Macualy, Sainte Beuve, Hillebrand. In allen Phasen seines Lebens trat Mommsen als solcher hervor. Das war ein Ausfluß seiner politischen Leidenschaft und seines öffentlichen Verantwortungsbewußtseins. Er war in diesen Dingen von eminenter Reizbarkeit. Politisches Talent kann man ihm deshalb noch nicht zusprechen. Dazu fehlte ihm der Ehrgeiz und wahrscheinlich auch die Kunst der Menschenbehandlung. In seinem Fach war das anders. Da wirkte er durch seine sachliche Überlegenheit. Aber will man in der Politik etwas erreichen, muß man bekanntlich mehr gelten lassen, als sich vor dem Forum der Vernunft immer rechtfertigen läßt. Mommsen selbst hätte sich am wenigsten über diese Grenzen seiner Natur getäuscht. Aber da, wo er in seinem beschränkten Radius mitkämpfen und mitarbeiten konnte, da durfte man auf ihn zählen, und da war er auch immer zur Stelle.

Das fing 1848 an. Mommsen gehörte zwar nicht zu den Prominenten dieses Jahres. Er war kein Paulskirchen-Professor. In seiner Heimat, also beinahe in provinzieller Abgeschiedenheit, in Schleswig-Holstein, das freilich zeitweise in das Zentrum der Ereignisse rückte, dort tat er als Redaktor einer Zeitung seine Pflicht und wurde der Verfasser zahlreicher Artikel. Das ging allerdings nicht sehr lang, denn die Berufung an die Universität Leipzig, seine erste berufliche Stelle, die er, nun schon 31 Jahre alt, antrat, führte ihn weg. Man sieht daraus, daß Mommsen auch keineswegs frühreif war und verhältnismäßig spät gesicherten Boden unter die Füße bekam. Begreiflicherweise empfand er dies als großes Glück, aber die Politik brachte ihn um es sehr bald wieder. Er wurde in Sachsen ein Opfer der Reaktion und verlor seine Professur. Wie manch anderer Gelehrter fand er Zuflucht in der Schweiz an der Universität Zürich. Aber da er in Leipzig trotz seiner liberalen, demokratischen Gesinnung im Grunde nicht ihretwegen zu Fall gekommen war, sondern wegen seines Einsatzes für die preußische Hegemonie, war ihm zwei Jahre später schon der Weg nach Preußen geöffnet. Zuerst wurde er Professor in Breslau und dann 1858 in Berlin. Das war gerade, als die sog. Neue Ära die Reaktion der Nachrevolutionszeit ablöste. Der Liberalismus hatte damals im Zeichen der angesteuerten kleindeutschen Einigung durch Preußen nochmals seine große Zeit. Mommsen konnte in dieser Konstellation selbstverständlich nicht untätig sein. Er gründete die Fortschrittspartei, das große Sammelbecken der in diesem Sinn aktiven Liberalen, mit, und er war selbstverständlich auch auf dem Posten, als das politische Klima sich verschlechterte und die liberale Welt nicht mehr mit einem sich liberalisierenden Preußen, sondern dem des berühmten Militärkonflikte und seines leitenden Staatsmannes Bismarck konfrontiert wurde.

Mommsen hat diese berühmte Krise des deutschen Liberalismus an sich selbst bis in die letzten Aporien miterlebt. Die große Schwierigkeit war bekanntlich, daß mit Königgrätz auf einmal der erbitterte Gegner als der Erfüller der nationalen Ziele dastand und an sich mit seiner Person die Wahrscheinlichkeit, um nicht zu sagen die Gewißheit, verband, daß durch sie ein deutscher Staat Wirklichkeit würde. Ein Teil der Liberalen blieb bei seiner Opposition, der andere, der größere, schloß seinen Frieden mit Bismarck. Mommsen war damals bei diesen, den sog. Nationalliberalen, und das hatte seinen guten Grund. Es war nicht reiner Opportunismus, denn Mommsen hatte von jener Demokratie und nationale Einigungspolitik in eins gesetzt. Wie viele andere stellte er damals einen Wechsel auf die Zukunft aus und erwartete von ihr, was die Vergangenheit bis jetzt versagt hatte, nämlich eine Staatswerdung auf der Grundlage der liberalen und schließlich auch demokratischen Prinzipien. Bekanntlich sah es in den Jahren der Reichsgründung so aus, als wenn Bismarck dieser Erwartung entsprechen würde und das deutsche Reich dasjenige politische und moralische Kapital, das mit dem mißglückten Revolution von 48/49 zu Boden gesunken war, jetzt haben würde.

Mommsens politische Biographie, sofern man diesen etwas zu anspruchsvollen Ausdruck anwendet, ist durch den Weg der deutschen Geschichte, wie er sich von diesem Standpunkt aus ausnahm, bestimmt. In den siebziger Jahren war Mommsen zuversichtlich. Wie schon in der Konfliktszeit war er wiederum Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses, einer unter den vielen Nationalliberalen, die dort und im Reichstag dem neuen Staatswesen den Schwung zu seinem inneren Aufbau verliehen. Aber die Tage dieses günstigen Fahrwindes waren gezählt. Ende dieses ersten Jahrzehnte trieb es Bismarck zum Bruch mit dem Liberalismus. Es wiederholte sich in gewissem Sinn die Konstellation der Konfliktzeit. Jetzt, nachdem das Reich gegründet war, war es für Mommsen keine Frage, daß die nationale Existenz nicht nur von der Seite des inneren liberaleren Ausbaus interpretiert werden muß, sondern dies auch im gegebenen Fall gegen den Gründer selbst zu geschehen habe. Mommsen und seine Gesinnungsfreunde, der linke Liberalismus der sog. Sezession, hatten damals die Hoffnung, sie könnten, gestützt auf eine breite Volksbewegung, Bismarck ihren Willen aufzwingen. Mommsen stand bei diesem Kampf, wenigstens für seine Verhältnisse, ziemlich nahe an der Front und beteiligte sich an der entscheidenden Reichstagswahl 1881, wurde sogar auch Abgeordneter. Damals kam es zu dem berühmten Rencontre mit Bismarck selbst, d. h. einem publizistischen Angriff Mommsens auf ihn und einer hämischen Replik Bismarcks im Reichstag, anschließend sogar zu einem Beleidigungsprozeß Bismarcks gegen Mommsen, in dem er allerdings freigesprochen wurde.

Der Zeitkritiker Mommsen gehört diesem letzten Viertel seines Lebens an, also der ausgehenden Bismarckära und dem Neuen Kurs Wilhelms II. Es ist ein psychologisches Phänomen seltener Art, mit welcher Lebendigkeit der alte Mommsen, siebzig- und achtzigjährig und noch älter, bis zu seiner Todesstunde auf seine politische Umwelt reagierte. Seine gelehrten Zeitgenossen, vor allem auch die jüngeren, die ihn als einen Heros in der Wissenschaft verehrten, verstanden das allesamt nicht und waren geneigt, sein kritisches Engagement, das in diesen Jahren sehr häufig sichtbar wurde, mehr oder weniger als eine Marotte anzusehen. Die Haltung des deutschen Bürgertums orientierte sich an der Reichsgründung von 1870 und machte aus Bismarck den Gegenstand einer Ideologie. Wer mit Mommsen der gleichen Generation der 48er angehörte, dachte in vielen ihrer achtbaren Vertreter an das, was vor 1870 gewesen war, wie an einen wüsten Traum zurück. Die Jüngeren hatten erst recht keine Beziehung mehr zu jenen Jahren. Worüber man sich bei Mommsen wunderte, hätte im Grunde das natürlich zu Erwartende sein müssen, nämlich die Treue gegenüber sich selbst und dem Credo, zu dem man sich nicht zufällig in den besten Jahren seines Lebens bekannt hatte. Aber die Ordnung der Welt schien derartig auf den Kopf gestellt zu sein, daß diese selbstverständlichen Relationen nicht mehr stimmten. Das ist der Grund für die tiefe Resignation, die Mommsen in seinen letzten Lebensjahrzehnten ergriff. Er ließ sich von seinem Standpunkt nichts abhandeln und gab Freundschaften preis, wenn es um die Aufrichtigkeit der Gesinnung ging. So kam es zu dem berühmten Zerwürfnis mit Treitschke, der Mommsen ursprünglich vor 1870 und unmittelbar danach nahegestanden hatte und ihn glühend verehrte. Aber seine antisemitischen Bemerkungen ließ Mommsen ihm nicht durch und griff ihn in aller Öffentlichkeit an. Zwanzig Jahre später erregte Mommsen im Fall Spahn ähnliche Aufmerksamkeit. Da ging es um die Einrichtung einer katholisch-konfessionellen Geschichtsprofessur in Straßburg. Mommsens Protest dagegen rief eine ganze öffentliche Aktion von zahlreichen deutschen Universitäten hervor. Seine eigene Deklaration wurde eine Berühmtheit der Wissenschaftsgeschichte. Sie enthielt die späterhin immer wieder aufgegriffene sehr eingängige Begriffsprägung von der „voraussetzungslosen Wissenschaft“. Mommsen war damals ein weltberühmter Mann, und läßt sich verstehen, daß man, wo man seine Gesinnungsfreundschaft vermutete, auch seine Hilfe, d. h. die Durchschlagskraft seiner Autorität erbat. Mommsen wäre nicht Mommsen gewesen, wenn er sich dem Ersuchen entzogen hätte. Seinen Mann in diesen Situationen zu stehen war ihm nicht nur Pflicht, sondern auch Lebensbedürfnis. Es war genau das, was er von jeher als inkarnierenden Bestandteil seines Wesens aufgefaßt hatte, nämlich die Lebensäußerungen eines „politischen Wesens“ im Sinne des Aristoteles, oder, wie er es ausdrückte, Ausdruck seines ‘Bürgertums‘.

Mommsen war mit allen Fasern seiner Persönlichkeit ein Ausdruck der tragenden Kräfte des 19. Jahrhunderts. Das deutsche Bürgertum verkörperte er in seinen besten Tugenden, in seinem unermüdlichen Fleiß, in seinem Pflichtbewußtsein, in seiner Bescheidenheit und schließlich auch in dem politischen Ethos, das ihm, bevor der Rauhreif darauf fiel, auch einmal eignete. Mommsen ließ sich durch die Prosperität des neuen Reiches nicht verführen. Als er Geheimrat und Excellenz werden sollte, lehnte er das strikte ab, und er ertrug auch die Einsamkeit, die jeden trifft, der nicht mit den anderen läuft. Das war für ihn, der eine gesellige Natur und auf Rapport mit den Menschen angelegt war, nicht immer leicht. Das Bekenntnis, das er 1899 seinem Testament beilegte, und das erst nach dem letzten Weltkrieg  publiziert werden konnte (bis 1939 war es durch letztwillige Verfügung gesperrt und im Dritten Reich konnte es aus begreiflichen Gründen nicht gedruckt werden) entspricht deshalb einer inneren Notwendigkeit seines Charakters. Die unterdessen beinahe klassisch gewordenen Worte gehören mit in das Bild von Mommsen und zeichnen den Mann treffender als umständliches Reden

„Politische Stellung und politischen Einfluß habe ich nie gehabt und nie erstrebt; aber in meinem innersten Wesen, und ich meine, mit dem Besten was in mir ist, bin ich stets ein animal politicum gewesen und wünschte ein Bürger zu sein. Das ist nicht möglich in unserer Nation, bei der der Einzelne, auch der Beste, über den Dienst im Gliede und den politischen Fetischismus nicht hinauskommt. Diese innere Entzweiung mit dem Volke, dem ich angehöre, hat mich durchaus bestimmt, mit meiner Persönlichkeit, soweit mir dies irgend möglich war, nicht vor das deutsche Publikum zu treten, vor dem mir die Achtung fehlt.“

Die Worte sind aber auch ein wichtiges historisches Dokument im allgemeinen, denn sie zeigen eine kritische Distanz zum Kaiserreich vom 1871, wie man sie bei einem seiner Professoren und dazu einem ausgesprochen „kleindeutschen“ (d. h. preußisch eingestellt) Patrioten nicht ohne weiteres erwarten würde. Mommsen wird hier zum gewichtigen Zeugen für eine Gruppe, welche die Geschichte zum Schweigen verurteilt hat. Es gehört – jedenfalls in unserer heutigen Sicht – nicht zuletzt zu Mommsen als geschichtlichem Phänomen, daß er diesen Stummen eine Sprache verlieh.


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