Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Medea, philologisch, zum Volkspreis

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Überraschend ist eben bei Reclam eine neue Übersetzung von Euripides' Medea erschienen. Überraschend deshalb, weil es in der großartigen...

Überraschend ist eben bei Reclam eine neue Übersetzung von Euripides‘ Medea erschienen. Überraschend deshalb, weil es in der großartigen „Universal-Bibliothek“ bereits eine zweisprachige Ausgabe von Karl-Heinz Eller gibt (1983). Nun also Konkurrenz im eigenen Haus. Aber man ist, wie fast immer, dankbar, kostet eine Druckseite des neuen Heftes ganze drei Cent – zum Vergleich: Bei der „Bibliothek der griechischen Literatur“ (Hiersemann), aus der an dieser Stelle zuletzt der Diodor vorgestellt wurde, sind es etwa fünfzig Cent.

Der Herausgeber, Paul Dräger, ist Besuchern dieses Blog als unbarmherziger Kritiker von Raoul Schrotts Ilias-Übertragung bekannt. Die neue Medea ist ein Zwitter. Unter dem gelben Karton der Popularisierung verbirgt sich nicht nur harte Philologie. Schon die Liste der strittigen Lesarten im griechischen Text ist für eine reine Übersetzung eher ungewöhnlich. Im Nachwort informiert Dräger, der als Übersetzer der Argonautika des Apollonios Rhodios die vielen Facetten der Argonautensage bestens kennt, knapp über den Autor Euripides, dessen Beitrag zum Dramenwettbewerb i.J. 431 v.Chr. lediglich den dritten Platz belegte. um dann dessen Umgestaltung des Mythos en detail zu verfolgen und das Verhältnis der euripideischen Bearbeitung zu einer wohl früheren Dramatisierung durch einen gewissen Neophron zu erörtern; bisweilen meint man, einen Aufsatz im Hermes. Zeitschrift für Klassische Philologie zu lesen. Das Ergebnis: Das Stück kann „fast als Zeugnis für die älteste Form des Argonautenmythos gelten“. Schöngeistige Interpretationen der Medea-Figur oder Ausflüge in die schier unerschöpfliche Rezeptionsgeschichte überläßt Dräger anderen; allerdings gibt es hierzu genug neuere Auskunftsmittel (s.u.). Ihm geht es darum zu erklären, warum das so wirkmächtige und eindrucksvolle Drama um die kolchische Zauberin und Mörderin ihrer Kinder beim Athener Publikum durchfiel (s. besond. S. 106).

Doch im Mittelpunkt steht immer die Übersetzung. Dräger übersetzt die Sprechverse in Iamben, die Chorpassagen in Anapästen, und bemüht sich um eine „möglichste Beachtung der Wortstellung des Originals, der Semantik und der Stilistik“. Das ergibt einen sperrigen Text, der sich als Vorlage für eine Aufführung wohl weniger eignet als zur aufmerksamen Lektüre. Als Probe hier der berühmte Monolog Medeas (hier die wunderschöne Jolene Blalok [„Star Trek: Enterprise“] in „Jason und der Kampf um das Goldene Vlies“, einer durchwachsenen TV-Verfilmung, die das grausige Ende ausspart), in der der Entschluß reift, als Rache an Iason, der sie verlassen hat, ihre Kinder zu töten:

 

MEDEA

Tun werd ich dies. Doch schreite in das Haus hinein

und richte für die Knaben her, was täglich nötig ist.                   1020

O Kinder, Kinder! Beide habt ihr also Burg

und Haus, in dem – wobei in Mühsal ihr zurück mich lasst –

ihr wohnen werdet stets, nachdem der Mutter ihr beraubt.

Doch ich werd gehn in andres Land als Flüchtige,

bevor ich Freude habe an euch beiden und beglückt euch seh,   1025

bevor ich Beilager und Frau und Ehebett

euch herrlich schmücke und die Hochzeitsfackeln halte hoch.

O ich ganz Elende in meiner Selbstgefälligkeit!

Umsonst hab also euch, o Kinder, ich ernährt,

umsonst gemüht und abgeschunden mich in Qual,                     1030

indem ich harten Schmerz ertrug bei der Geburt.

Fürwahr, einst hatte ich, die Unglückliche, Hoffnungen

auf euch in Menge, dass sowohl als Greisin pflegen werdet ihr mich

als auch, wenn ich gestorben bin, mit Händen gut umhüllen werdet,

Beneidenswertes unter Menschen. Aber nun zugrund gegangen ist 1035

das süße Sorgen. Euer beider ja beraubt,

werd führen ich ein trübes Leben und ein schmerzvolles für mich.

Ihr aber werdet eure Mutter nicht mit lieben Augen mehr,

beäugen, wenn zu einer andren Form des Lebens ihr hinweggetreten seid.

Nein, nein! Was schaut ihr an mich mit den Augen, Kinder?            1040

Was lacht ihr an mich mit dem allerletzten Lächeln?

Ach, ach, was werd ich tun? Beherztheit nämlich ist dahin,

ihr Frauen, wie ich sah das heitre Äug der Kinder.

Wohl nicht vermocht ich’s. Fahrt dahin, ihr Planungen             

von früher! Führen werd ich meine Söhne aus dem Land.               1045

Was muss ich, nur um ihren Vater durch ihr Übel zu

betrüben, selbst zweimal so große Übel mir erwerben?

Ich ganz bestimmt nicht! Fahrt dahin, ihr Planungen!

Indessen, was ist los mit mir? Will ich Gelächter zuziehn mir,

indem ich meine Feinde lasse ungestraft?                                     1050

Gewagt muss dieses werden! Aber über meine Feigheit Schmach,

auch nur heranzulassen weiche Worte an den Sinn!

Geht, Söhne, in das Haus! Wem’s aber nicht

gestattet ist, bei meinen Sühnopfern dabei zu sein,

der wird sich selbst drum kümmern; kraftlos machen

werde ich nicht meine Hand.                                                         1055

Ah, ah! Nicht doch, du Trieb, nicht setz ins Werk du alles dies!

Lass sie davon, o elender, verschon die Kinder!

Wenn dort mit uns sie leben, werden sie erfreuen dich.

Nein, bei den untren Rachegottheiten im Hades,

mitnichten wird dies jemals sein, dass meinen Feinden ich                1060

werd überlassen meine Söhne, um an ihnen Frevel zu begehn.

[Im Ganzen gibt’s den Zwang, dass sterben sie. Jedoch, da’s nötig ist:

Sie töten werden wir, die wir ja haben sie gezeugt.]

Im Ganzen ist vollbracht dies, und entrinnen wird sie nicht.

Und schon ist auf dem Kopf der Kranz, und in dem Kleid                   1065

die königliche Braut zugrunde geht, weiß ich genau.

Wohlan – beschreiten nämlich werde ich den leidigsten Weg doch,

und werde diese senden einen noch leidigeren –

die Söhne will ich ansprechen: Gebt ihr, o Kinder,

gebt ihr, auf dass sie sie liebkost, der Mutter eure rechte Hand!         1070

O liebste Hand, mir aber liebster Mund

sowie Gestalt und edles Angesicht der Kinder,

glückselig möget sein ihr beiden, aber dort! Das hier jedoch

nahm euer Vater weg. O süßes Anfassen

o weiche Haut und angenehmster Hauch der Kinder!                         1075

Geht, gehet! Nicht mehr bin ich hinzublicken auf

sie fähig, vielmehr werde ich besiegt von Üblem.

Und ich erkenne, was zu tun ich im Begriff bin: Übles,

der Trieb ist stärker doch als meine Einsichten,

der ja die Ursache der größten Übel ist für Sterbliche.                        1080

 

Hier zum Vergleich ein Stück (vv. 1024ff.) aus der Übersetzung Hans von Arnims (zuerst 1931):

 

Ich aber geh‘ landflüchtig in die Fremde,

Eh‘ ich euch glücklich sah und mich belohnt,

Eh‘ ich euch Ehe, Gattin, bräutlich Bett

Gerüstet und die Fackeln hochgehalten.

Das ist die Strafe meines Eigensinns.

Umsonst hab‘ ich euch aufgezogen, Kinder,

Umsonst mit euch Mühsal gehabt und Nöte

Und herbe Schmerzen, als ich Mutter ward.

Ich Arme hatte Hoffnungen auf euch

Gesetzt, ihr würdet mich im Alter pflegen

Und, wenn ich tot, mich schmücken und bestatten

Wie man sich’s wünscht. Nun kam ich um die Frucht

Der süßen Sorge. Denn von euch getrennt

Führ‘ ich ein Leben öd‘ und freudenlos.

Und eure lieben Augen werden Mutter

Nicht wiedersehn. Euch winkt ein neues Leben.

Was schaut ihr so auf mich mit großen Augen?

Und lacht mich an, zum allerletzten Mal?

 

Ebenfalls gut lesbar: Dietrich Ebener in der „Bibliothek der Antike“ des Aufbau-Verlags (2. Aufl. 1979):

 

Doch ich, verbannt, muß in ein andres Land nun ziehen,

bevor ich euch genießen kann, euch glücklich sehe,

bevor ich Hochzeit, Weib und Ehelager festlich

für euch gerüstet und die Fackeln hochgehalten.

Ich Unglückliche, wehe über meinen Trotz!

Ich habe euch umsonst, ihr Kinder, aufgezogen,

umsonst gemüht mich, aufgerieben mich in Nöten,

als ich bei der Geburt die wilden Schmerzen litt!

Ja, einstmals hatte große Hoffnungen ich Arme

in euch gesetzt, ihr würdet mich im Alter pflegen,

als Tote mich mit eurer Hand geziemend betten,

beneidenswert den Menschen. Doch dahin ist jetzt

die süße Sorge. Denn ich werde ohne euch

mein Leben führen, bitter, voller Schmerz für mich.

Ihr sollt nicht mehr die Mutter schaun mit lieben Augen.

Denn ferngerückt seid ihr, zu neuer Lebensweise.

Ach! Was blickt ihr mich an mit euren Augen, Kinder?

Was lachet ihr mich an, mit eurem letzten Lachen?

 

 

Euripides, Medea. Übersetzt und herausgegeben von Paul Dräger. Reclam-Universalbibliothek Nr. 18768, 111 S., € 3,40.

 

– Eric M. Moormann, Wilfried Uitterhoeve, Lexikon der antiken Gestalten. Von Alexander bis Zeus, Stuttgart 2010, 434-438.

– Maria Moog-Grünewald (Hg.), Mythenrezeption. Die antike Mythologie in Literatur, Mu­sik und Kunst von den Anfängen bis zur Gegenwart (Der Neue Pauly, Suppl. 5). Stuttgart/Weimar 2008, 418-428.


1 Lesermeinung

  1. Die Blalok kann mich nicht...
    Die Blalok kann mich nicht überzeugen, dafür umso mehr Nancy Kovack in dem 60er Jahre Schinken „Jason und die Argonauten“. Man kann ihn vollständig auf youtube ansehen, in mehrere Teile zerhackt.
    .
    Mir will die Fassung von Dräger auch rhetorisch stärker scheinen. Die Sätze kommen z.B. mehr auf den Punkt ihrer Aussage.

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