Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

So selbstverständlich wie Dosenbier: die Wikipedia und das Altertum

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Die Wikipedia ist längst Teil unserer Lebenswelt. Ob das gut oder schlecht sei, diese Frage zu stellen ist ungefähr so sinnvoll wie eine Debatte über die...

Die Wikipedia ist längst Teil unserer Lebenswelt. Ob das gut oder schlecht sei, diese Frage zu stellen ist ungefähr so sinnvoll wie eine Debatte über die Wünschbarkeit von Luxus-SUVs, Dosenbier und iPhones. In Anfängerveranstaltungen versucht man Studierenden die Unterschiede zu erklären. Ich habe dazu ein Merkblatt Nachschlagewerke verfaßt, in dem es heißt:

„Die Wikipedia zu benutzen ist inzwischen im Studium gängige Praxis; auch Lehrende tun das. Es gibt Quali­tätsvergleiche zu einzelnen Fachgebieten, in denen die Wikipedia gegenüber dem Brockhaus nicht schlecht abschneidet. Dennoch existieren Probleme, die gerade im Rahmen eines wissenschaftlichen Stu­diums sehr gewichtig sind:

1. Die Einzelartikel stellen stets ein work in progress dar, und es gibt keine Kontrolle durch einen fachlich ausgewiesenen Herausgeber oder Fachgebietsbetreuer.

2. Die Nachweispraxis ist besonders in der deutschen Wikipedia oft lax, so dass die einem Artikel zugrunde liegenden Quellen meistens nicht zu erkennen sind. Die Literaturhinweise sind generell dürftig und füh­ren meist nicht zu den grundlegenden wissenschaftlichen Publikationen. (Etwas besser: die englischspra­chige Ver­sion; vgl. auch: Wiki Classical Dictionary).

Die Wikipedia bietet gewiss zahlreiche zutreffende Informationen und diskutable Deutungen. Doch diese sind nicht zuzuordnen, werden von keiner namentlich kenntlich gemachten und als fachlich ausgewiesen bestätig­ten Person verantwortet. Wissenschaftliche Arbeit bedeutet – entgegen verbreiteten Ansichten – aber nicht, zutreffende Informationen und plausible Deutungen zu finden und zusammenzufügen, sondern ist geprägt von einem nie stille stehenden Diskussionsprozess zwischen Individuen mit zuschreibbaren Argumenten und der Fundierung durch Quellen und Literaturangaben.“

Indes, die Qualitätsfrage ist beinahe ein Nebenkriegsschauplatz. Viel wichtiger ist der Kulturwandel, den die wikipedia mit sich gebracht hat. Schlimm sind nicht einzelne schwache Artikel – zumal es auch viele sehr gute gibt -, schlimm ist, daß Studierende offenbar immer öfter Texte oder Textpassagen ohne Kennzeichnung in ihre Ausarbeitungen übernehmen; das beginnt im Essay für einen Grundkurs und endet bei Studienabschlußarbeiten. Und sehr oft ist die Quelle wikipedia. Es ist die leichte Verfügbarkeit durch copy und paste, die dazu verführt, sich nicht mehr die Mühe zu machen, Daten, Fakten und Zusammenhänge zu recherchieren und dann – darauf kommt es an – die Präsentation dem eigenen Erkenntnisziel unterzuordnen. Studierenden muß mit einigem Aufwand erklärt werden, warum eine in fast allen Bereichen des Alltags gebräuchliche Praxis tabu sein muß, wenn es darum geht, durch das Studium einen eigenen geistigen Habitus, eine intellektuelle Persönlichkeit auszubilden. Das Erstaunen bei den Adressaten ist kein Wunder, wenn bereits von Sechstkläßlern erwartet wird, elaborierte Referate mit PowerPoint-Präsentationen zu halten, obwohl ihnen dafür die Voraussetzungen fehlen und es auch gar nicht nötig ist. Hier wird wikipedia zur früh verabreichten kostenlosen Droge, wird Wissen (um von Bildung zu schweigen) auf Informationen reduziert.

Von diesem Kardinalproblem einmal abgesehen, haben Altertumsforscher schon früh die Chancen digitaler Ressourcen erkannt und genutzt. Von der Gnomon-Datenbank war hier schon die Rede. Nun zieht am 10./11. Juni eine Tagung in Göttingen Bilanz, mit nicht weniger als 26 Vorträgen und dem Anspruch, weit über die pragmatisch-technischen Fragen nach einer zweckmäßigen Gestaltung von Auskunftsmitteln hinauszugehen: Wikipedia trifft Altertum. Freies Wissen, Neue Medien, populäre Wissensvermittlung und Enzyklopädien in den Altertumswissenschaften. Vorgesehen sind Bestandsaufnahmen (Altphilologie bzw. Klassische Archäologie bzw. Ägyptologie in der Wikipedia), Beispiele für Modernisierungen von Uraltem („Das Rheinische Museum im Internet: Alte Gelehrtentradition und moderne Technologie“; „Abgestaubt und eingescannt: Papyrologie goes Internet“), grundsätzliche Reflexionen („Herakles am Scheideweg. Überlegungen zur Strukturierung von enzyklopädischem Wissen über das Altertum in Wikipedia“; „‘Wikipedia‘ und ‘historische Bildung'“), Informationen („Die Datenbank bio-bibliographischer Artikel klassischer Philologen“), Leistungsvergleiche („Wikipedia versus Buchlexikon am Beispiel des Sachgebietes ‘Antike Architektur'“) und Konfrontationen („Demokratische Wissenschaft oder Pöbelherrschaft? Die Alte Geschichte und die Wikipedia“).

Ein Besuch in Göttingen lohnt immer, an dem genannten Wochenende aber vielleicht besonders.


3 Lesermeinungen

  1. Schön zu erfahren, dass der...
    Schön zu erfahren, dass der Beißreflex der akademischen Welt gegen Wikipedia langsam nachlässt! Mir gefällt sehr gut, was der Blogger seinen Studenten mitteilt, ich würde alles unterschreiben, sehe die Anonymität der Beiträge auf Wikipedia allerdings nicht so negativ.
    Über die Wünschbarkeit von Luxus-SUVs, Dosenbier und iPhones zu diskutieren, ist sogar äußerst sinnvoll, bei dieser Debatte handelt es sich um ein skandalös vernachlässigtes Desideratum! Mein Beitrag zur Meinungsbildung: Luxus-SUVs und iPhones überflüssig und schädlich, Dosenbier mitunter sehr praktisch!

  2. Wikipedia ist herrlich, wenn...
    Wikipedia ist herrlich, wenn man es zu benutzen weiß!
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    Man kann natürlich keine wissenschaftlichen Aussagen darauf stützen. Dazu ist es einfach zu variabel, einfach fließend, und anonym. Das Fließende und das Anonyme werden für alle Zeiten dafür sorgen, dass Wikipedia nicht den Stellenwert eines namentlich gekennzeichneten und abgedruckten Lexikoneintrages haben wird. Selbst wenn die Zuverlässigkeit sich dramatisch steigern sollte. Wissenschaft ist nur das, was sich an jemandem festmachen lässt. Die Betonung liegt sowohl auf
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    a) „jemand“ als auch auf
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    b) „festmachen“.
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    Aber was wunderbar funktioniert ist die Nutzung von Wikipedia zur Recherche! Wer Informationen zu einem Thema sucht, wird hier schneller fündig als anderswo. Natürlich endet eine wissenschaftliche Recherche nicht in Wikipedia. Aber sie kann hier ihren Ausgangspunkt nehmen. Und natürlich sollte man sich darüber im Klaren sein, dass Wikipedia den ein oder anderen politischen u.a. bias hat. Den muss man selbst extrapolieren. Dann klappt’s auch mit der Recherche.
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    Selbst an Wikipedia mitarbeiten sollte man als Wissenschaftler besser nicht. Man ärgert sich dann nur darüber, wie die eigenen guten Ideen von weniger gebildeten Besserwissern zerpflückt werden. Und man wird mit der Unterstellung konfrontiert, man wolle seine eigenen wissenschaftlichen Ergebnisse „durchsetzen“. Habe ich schon tausendmal erlebt. Das hat keinen Wert. Für gebildete Menschen ist Wikipedia nur zum Lesen da. Schreiben tut das halbgebildete Fußvolk. Irgendwelche sendungsbewusste Studenten und heise-online-Leser. Wikipedia hat ja ohnehin als eines seiner Prinzipien, dass es keine Wissenschaft „machen“ will, sondern lediglich vorhandene Wissenschaft wiederkäuen will.
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    Das einzige, was man machen kann, ist, seine eigene bescheidene Meinung in die Diskussionsseite schreiben, um es dann dem schreibenden Mob zu überlassen, etwas daraus zu machen. Bei vielen Artikeln sind die Diskussionsseiten interessanter und informativer als die Artikel selbst.
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    Zum Rheinischen Museum im Internet: Ich habe hier schon viele interessante Artikel gefunden und konnte die Redaktion sogar auf einige technische Fehler im Internetauftritt aufmerksam machen: Sehr angenehmes Angebot!
    https://www.rhm.uni-koeln.de/
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    Gnomon: Dieselbe Erfahrung, nützliches Tool. Meine Bücher sind auch darin zu finden 🙂
    https://www.gnomon-online.de/
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    Aigyptos: Man sollte Aigyptos nicht vergessen!
    https://www.aigyptos.uni-muenchen.de/

  3. Hier eine aktuelle Diskussion...
    Hier eine aktuelle Diskussion auf der Wikipedia zum Thema Altertumswissenschaften, bei der der Linksdrall der Wikipedia wieder einmal wunderbar zum Vorschein kommt:
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    https://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Reimar_Müller
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    Nur ein ganz kleiner Splitter eines riesigen Gesamtbildes …

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