Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Augustus, zotig, in Übersetzung

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Das bei Martial (11,20) bewahrte zotige Epigramm, mit dem der junge Oktavian gegenüber den Soldaten seines Lagers seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen...

Das bei Martial (11,20) bewahrte zotige Epigramm, mit dem der junge Oktavian gegenüber den Soldaten seines Lagers seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen suchte, ist selbstverständlich in allen Gesamtausgaben des Dichters übersetzt worden. Ein Vergleich der Versionen zeigt, daß die gegenüber ‘früher‘ größere Unbefangenheit hier eher einen Gewinn darstellt. (Zur Erklärung: Fulvia war die Ehefrau des Marcus Antonius; den Hintergrund bildet der sog. Perusinische Krieg 41-40 v.Chr. zwischen Oktavian und Antonius‘ Bruder Lucius, der von seiner Schwägerin Fulvia unterstützt wurde.)

Bei Alexander Berg (1865, 3. Auflage 1914) buhlt es aus allen Löchern:

Lies des Kaisers August sechs schlüpfrige Verse, Vergrimmter,

    Der du ehrlich Latein liesest mit finsterer Stirn:

»Weil Antonius buhlt mit Glaphyra, hat mir als Strafe

    Fulvia auferlegt, daß ich auch buhle mit ihr.

Daß ich mit Fulvia buhl‘? Ei, wenn mich Manius bäte,

    Ihn zu umarmen, geschäh’s? Hab‘ ich Verstand doch wohl nicht.

‘Buhle,‘ sagt sie, ‘es gibt sonst Krieg.‘ Wie, wenn mir das Leben

    Minder als Keuschheit gilt? Töne die Tuba zum Kampf!«

Du, Augustus, gewiß sprichst frei die launigen Büchlein,

    Der du ehrlich Latein selber zu sprechen verstehst.

 

Ein seltsames Gemisch, hart an der Grenze zur unfreiwilligen Komik, bietet die „Deutsche Nachdichtung“ von Hermann Sternbach (Berlin 1926).

 

Der du so sehr dich ereiferst, liesest ein ehrlich Latein du,

   lies nur einmal die sechs schlüpfrigen Verse Augusts:

WEIL Anton die Glaphyra betut, hat Fulvia zur Strafe

   auferlegt mir, daß ich gleicherweis sie betu.

Fulvien soll ich betun? Und wenn dann Mannius heischte,

   daß ich ihm Freude gewähr? – Bin von Sinnen noch nicht.

„Ficke oder’s gibt Krieg!“ Wie aber, wenn mir das Leben

   lieber ist als der Schwanz? – Auf denn! blase zum

KAMPF.

Also bis Du, Augustus, meiner Dichtungen Anwalt,

   der du ein ehrlich Latein ohne Umschweife sprichst.

 

Die einst weit verbreitete Übersetzung von Rudolf Helm in der „Bibliothek der Alten Welt“ bei Artemis (1957) ist mir im Moment nicht greifbar; vielleicht kann ein Leser aushelfen.

 

Walter Hofmann legte 1997 im Insel-Verlag eine Übersetzung vor, die den lateinischen Text nicht enthält und daher stärker ‘auf eigenen Füßen stehen‘ muß als die Versionen in zweisprachigen Ausgaben. Entstanden ist so eher einen Nachdichtung, eigenständig vor allem durch den Reim:

Literarisches Alibi (Augustus-Aufschrift auf einem Schleuderblei)

Du Mißgünstling, der du stets trist

            beim Lesen von lateinischen Worten bist,

lies die sechs frechen Verse, sei so lieb,

            die der Augustus einmal schrieb:

 

Als sich Antonius hat die Glaphyra mal vorgenommen,

hab‘ ich den gleichen Auftrag von der Fulvia bekommen,

            um ihn zu strafen, solle ich ihr’s machen.

Ich Fulvia es machen?

            Wenn Manius nun von mir verlangt,

daß er von mir von hinten wird beglückt?

            Soll ich das tun? Ich bin doch nicht verrückt!

Doch Fulvia spricht: »Nun mach schon, mach,

            wenn nicht, gibt’s Schläge und gibt’s Krach.«

Liegt mir am Schwanz nicht eben

            viel mehr noch als am Leben?

            Die Sache wird gemacht.

            Drum blase man zur Schlacht.

 

Das Beispiel zeigt, du sprichst

            ein lockres Buch von Schuld, Augustus, frei,

der du verstehst, wie doch

            mit Römer-Schlichtheit klar zu reden sei.

 

Trotz größerer Freiheit im Ausdruck – der deutsche Text rumpelt doch merklich. Aktuell ‘maßgeblich‘ ist der Tusculum-Martial von Paul Barié und Winfried Schindler (2. Auf. 2002) – insgesamt ein sehr gelungenes Werk, mit Qualitätsschwankungen, wie sie bei der Übersetzung von weit über 1000 Gedichten unvermeidlich sind:

Von Caesar Augustus sechs unanständige Verse

lies, du Neidling, der du mit finsterer Miene echt lateinische Worte liest:

»Weil Antonius Glaphyra vögelte, hat mir zur Strafe

Fulvia bestimmt, daß ich auch sie vögeln solle.

Fulvia soll ich vögeln? Was, wenn mich Manius bäte,

es mit ihm zu treiben, sollt‘ ich’s dann tun? Ich glaube nicht, wenn ich

            noch bei Verstand bin.

›Entweder vögle mich, oder es gibt Krieg zwischen uns beiden‹, sagt sie.

            Was aber, wenn mir

mein Schwanz lieber als selbst mein Leben ist? Man blase die Trompeten

            zum Kampf!«

Gewiß sprichst du, Augustus, die witzigen Büchlein frei,

verstehst du es doch, in römischer Direktheit zu reden.

 

Barié/Schindler behalten den Vers, aber nicht das Versamß. Hier und da schimmert noch altertümliches Übersetzungsdeutsch durch: Wer sagt heute noch „Neidling“? Doch zugegeben: „Giftzahn“ oder „Neidhammel“ ist auch nicht viel besser.

 

Alle Übersetzer bemühen sich mehr oder minder gelungen, futuere (Hetero-Sex) und pedicare (♂♂, mit einem gewissen Manius) zu unterscheiden. Begrifflich am präzisesten ist hier D.R. Shackleton Bailey in seiner vorzüglichen Loeb-Ausgabe (Prosa, daher sehr nah an der oft gradlinigen Sprache Martials):

Malignant one, you who read Latin words with a sour face, read six wanton verses of Caesar Augustus: „Because Antony fucks Glaphyra, Fulvia determined to punish me by making me fuck her in turn. I fuck Fulvia? What if Manius begged me to sodomize him, would I do it? I think not, if I were in my right mind. ‚Either fuck me or let us fight,‘ says she. Ah, but my cock is dearer to me than life itself. Let the trumpets sound.“ Augustus, you surely absolve my witty little books, knowing how to speak with Roman candor.

Ich sehe übrigens keinen Grund, Oktavian die Verse abzusprechen, sie also zu einer interessegeleiteten Erfindung Martials zu erklären.


4 Lesermeinungen

  1. Ach ja, die Freuden deutscher...
    Ach ja, die Freuden deutscher Übersetzungen. Viel witziger finde ich aber die Versuche, Werke von Aristophanes zu übersetzen. Dort werden teilweise ganze Halbsätze durch […] ersetzt (beispielsweise bei älteren Übersetzungen der Ekklesiazusen). Und dort, wo nicht zensiert wird, sind sie teilweise unfreiwillig komisch. Besonders schön finde ich die Übersetzung: „Dann mache ich mir was Gelbes“. Warum hier nicht einfach mit „Dann mach ich mir in die Hosen“ übersetzt wurde, ist mir ein Rätsel. Auch hier sind die englischen Übersetzungen die direktesten und besten.
    Schöne Grüße aus Bamberg,
    Andreas

  2. "Speak with Roman candor"...
    „Speak with Roman candor“ sollte die Maxime aller Übersetzer sein. Auch Luthers Übersetzungsanweisung lautete „wie die Mutter spricht.“ Gegen Bayleys sinnliche englische Fassung verblassen die lahmen deutschen Versionen. Mit ihren matten Synonymen ruinieren sie den markigen Witz des Kaisers.

  3. Ein aufmerksamer Leser läßt...
    Ein aufmerksamer Leser läßt mir freundlicherweise aus Innsbruck die hier nicht greifbare Übersetzung von Rudolf Helm zukommen:
    Lies von Caesar Augustus sechs lockere Verse, du Nörgler,
    der du so mürrisch bist, lies du ein offnes Latein:
    „Weil Mark Anton sich an Glaphyra macht, bestimmte zur Rache
    Fulvia, daß dafür ich nun an sie selber mich mach!
    Mach ich an Fulvia mich? Wenn mich nun Manius bittet,
    daß ich ihn … -, tu ich es drum? Denk doch: nein! ich bin klug.
    ‚Nimm mich‘, sagt sie, ’sonst kommt es zum Kampf!‘ Doch wenn nun mein Dingel
    mehr als das Leben mir wert? Blase man ruhig zum Kampf!“
    Also verhilfst du, Augustus, den heiteren Büchern zum Freispruch,
    der du offen und schlicht römisch zu reden verstehst.
    Ja, an „mein Dingel“ kann ich mich erinnern. Und das pedicare wird mit … ‚übersetzt‘ – des späteren Kaisers „römisch reden‘ war diesem Übersetzer also zu „offen und schlicht“.

  4. Ein freundlicher Leser macht...
    Ein freundlicher Leser macht mich auf eine weitere, neue (Auswahl-)Übersetzung bei Reclam aufmerksam (https://www.reclam.de/detail/978-3-15-018544-5/Martial/Epigramme). Niklas Holzberg geht es forsch und direkt an, aber auch hier sind tote Wörter wie Neidling, verdrießlich und gewisslich (!) nicht vermieden.
    Von Caesar Augustus lies, du Neidling, sechs obszöne
    Verse, der du verdrießlich gut-lateinische Worte liest:
    „Weil die Glaphyra der Antonius fickt, hat für mich diese Strafe
    festgesetzt die Fulvia: dass auch ich sie ficken soll.
    Die Fulvia soll ich ficken? Was, wenn mich Manius bäte,
    ich soll ihn in den Arsch ficken, soll ich’s tun? Ich glaub nicht, wenn ich gescheit bin.
    ‚ Entweder fick mich oder es gibt Krieg,‘ sagt sie. Was, wenn mir mein
    Schwanz teurer als selbst mein Leben ist? Auf in den Kampf!“
    Du sprichtst gewisslich die witzigen Büchlein frei, Augustus,
    der du mit römischer Aufrichtigkeit zu sprechen weißt.

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