Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Lateinabitur gestern, heute – und morgen?

| 17 Lesermeinungen

Die Sommerferien haben fast überall begonnen, die Abiturprüfungen sind längst absolviert. Wieder haben einige Vorkommnisse es in die kleinen Meldungen der...

Die Sommerferien haben fast überall begonnen, die Abiturprüfungen sind längst absolviert. Wieder haben einige Vorkommnisse es in die kleinen Meldungen der Zeitungen geschafft: Aufgaben wurden verloren oder erwiesen sich als fehlerhaft, Noten mußten pauschal angehoben werden, um breite Kenntnisdefizite zu verdecken. Meist beziehen sich solche Nachrichten auf Deutsch oder Mathematik; Latein kommt nur sehr selten vor. Dabei legen die hier im Abitur erbrachten Leistungen eine Frage nahe, die sich bei anderen Fächern in dieser Schroffheit nicht stellt – obwohl auch die dort am Ende von zwölf oder dreizehn Jahren aufgewiesenen Kompetenzen oft nicht geeignet sind zu ermutigen: Welches Niveau an Textverständnis muß erreicht werden, damit nicht die Sinnhaftigkeit des ganzen Unterrichts infragesteht. Anders gewendet: Unterhalb welcher Kenntnisse und Fertigkeiten lohnt sich der Lateinunterricht gar nicht mehr?

Es bietet sich an, das Problem zu historisieren. Rainer Bölling hat dies 2009 in einem Aufsatz getan, der als Vor- und Begleitstudie zu seiner Geschichte des Abiturs gelten kann. Er zitiert den bekannten Münchener Latinisten und Lateintrunkenen Wilfried Stroh, der nach Lektüre von Karl Marx‘ lateinischem Abituraufsatz von 1835 feststellte, kaum einer der heutigen Studenten, die ihr Staatsexamen ablegen, um als Lateinlehrer ans Gymnasium zu gehen, hätte die Chance, auf der Schulbank zusammen mit Karl Marx auch nur das Abitur zu bestehen. Stroh ist ehrlich genug anzuerkennen, welch extremes Übergewicht Latein (und Griechisch) im damaligen Gymnasialcurriculum hatten. Englisch und die Naturwissenschaften spielten kaum eine Rolle. Doch den verschobenen Fächerkanon einmal beiseitegelassen: Was Marx leisten mußte, ist heute kaum mehr vorstellbar: „In einer Augustwoche des Jahres 1835 musste der Siebzehnjährige sieben schriftliche Arbeiten unter Aufsicht abliefern. Jeweils fünf Vormittagsstunden standen für einen deutschen und einen lateinischen Aufsatz sowie eine mathematische Arbeit zur Verfügung. Das Thema des ersten Aufsatzes lautete ‘Betrachtung eines Jünglings bei der Wahl eines Berufes‘; im zweiten behandelte der Abiturient die Frage, ‚an principatus Augusti merito inter feliciores reipublicae Romanae aetates numeretur‘ (815 Wörter). Je zwei bis drei Stunden dauerte die Übersetzung kürzerer deutscher Texte ins Lateinische und Französische und eines griechischen Textes (37 Verse Sophokles) ins Deutsche. Auf Grund einer Sonderregelung für die Rheinprovinz musste Marx auch noch einen fünfstündigen Religionsaufsatz schreiben. Die mündliche Prüfung fand einen Monat später an drei aufeinanderfolgenden Tagen in einer Gruppe von 14 Schülern statt. Marx wurde in Lateinisch und Griechisch (über je einen Dichter und einen Prosaschriftsteller), in Französisch, Mathematik, Physik, Geschichte und Religion geprüft. Aus verschiedenen Gründen konnten die eigentlich vorgeschriebenen Prüfungen in Deutsch, philosophischer Propädeutik und Naturbeschreibung nicht stattfinden.“ Für knapp drei Generationen, von 1837 bis 1924, nahmen die Lateinstunden zwischen einem knappen Drittel und einem Viertel der Gesamtstundenzahl am Gymnasium ein.

Gegen den lateinischen Aufsatz, den Bölling breit behandelt, erhoben sich schon früh gewichtige Einwände von Pädagogen. Wilhelm II. drang 1890 darauf, ihn abzuschaffen, mit ideologischen Argumenten (‘junge Deutsche erziehen, keine jungen Römer!‘), aber auch eigenen Erfahrungen: In seiner Schulzeit seien die meisten lateinischen Aufsätze nicht mit regulären Mitteln zustande gekommen. Ersetzt wurde der lateinische Aufsatz sogleich durch die Übersetzung eines deutschen Textes ins Lateinische, das sog. scriptum. Die Texte sollten sich an im Unterricht Gelesenes anlehnen und waren in der Praxis vereinfachte Rückübersetzungen lateinischer Texte. Die formale Durchdringung und Beherrschung der lateinischen Sprache ließ sich auf diesem Weg einüben, und mit Recht sind die dt.-lat. Übersetzungen noch heute Teil des Lateinstudiums. Das Problem war nur, daß dafür viel Zeit aufgewendet wurde, die der interpretierenden Auseinandersetzung mit der sprachlichen Gestalt und den Inhalten der originalen lateinischen Werke abging. Die Vorlagen waren meist auf die Übersetzung hin gefertigt, boten ‘lateinisches Deutsch‘ und waren daher auch nicht geeignet, das Sprachgefühl in der Muttersprache zu schärfen, anders als etwa die Übersetzung einer Horaz-Ode ins Deutsche – zumal wenn parallel im Deutschunterricht muttersprachliche Lyrik behandelt wurde. Mit dem allmählichen Rückgang der Wochenstundenzahl würden auch die scripta kürzer, und es stellte sich mutatis mutandis bereits die gleiche Frage wie heute: Bis zu welchem Minimalumfang und welcher Minimalqualität der Ergebnisse sind Unterricht und Prüfungsumfang noch sinnvoll?

Der Schnitt erfolgte 1926. Nunmehr wurde den Abiturienten ein inhaltlich geschlossener lateinischer Originaltext zur Übersetzung vorgelegt, wobei „eine dem Stilcharakter des Schriftstellers möglichst nahekommende Wiedergabe in guter deutscher Sprache“ erwartet wurde. Die Breite der Lektüre im Unterricht konnte sich jetzt zumindest prinzipiell auch in der Abiturprüfung abbilden, insofern auch poetische Texte von Ovid oder Vergil zur Aufgabe gestellt wurden. Der Umfang des Textes wurde erst 1963 festgelegt (etwa 250 Wörter); seit 1981 galten im Leistungskurs der reformierten Oberstufe 200 Wörter (+/- 10 %) als Norm; hinzu kam eine Interpretationsaufgabe.

Warum seitdem die Noten so viel besser sind als zuvor (2,1 gegenüber 2,9 bis 3,8 in der Zeit von 1927 bis 1980, ermittelt für das von Bölling untersuchte Fallbeispiel des Friedrichs-Gymnasiums in Detmold), wäre sicher eine eigene Untersuchung wert. Vielfach wirkte und wirkt die Interpretationsaufgabe kompensierend: Um sie bearbeiten zu können, erhalten die Prüflinge nach Abgabe ihrer eigenen Übersetzung eine korrekte „Arbeitsübersetzung“. Das mag als fair gelten, weil sonst eine verfehlte eigene Übersetzung den Weg zu einer einsichtsvollen Interpretation verstellt. Andererseits gehören im Fremdsprachenunterricht sprachliches Textverständnis und Interpretation – die ja doch von sprachlichen Beobachtungen ausgehen muß und nicht lediglich Wissen über Realien oder bloßes Meinen aufsatteln sollte – eng zusammen. Passagen aus Caesar, Sallust, Catull oder Ovid nach einer vorgelegten Übersetzung zu interpretieren ist strenggenommen eine Leistung, die zum Deutschunterricht gehört, Kategorie: Kernkompetenz Textverständnis. Mit einem solchen Aufgabendesign haben kürzlich Neuntklässer die Aufgaben des aktuellen Biologieabiturs ordentlich bis gut bewältigt – weil den Aufgabenstellungen alles zu entnehmen war, was ausgeführt werden sollte, und also fachspezifisches Wissen und fachspezifische Kompetenzen gar nicht erforderlich waren.

Jeder an Schulen Latein Unterrichtende weiß, was Bölling lapidar festhält: Daß „die Lateinkenntnisse der Abiturienten heute weit geringer sind als noch vor einem halben Jahrhundert, steht auch nach dieser Untersuchung außer Frage“.

 

Zu einem noch deutlicheren Urteil kommt Diethard Aschoff in einem höchst lesenswerten Aufsatz im Forum Classicum, der Vierteljahreszeitschrift des Deutschen Altphilologenverbandes. Er vergleicht lateinische Abituraufgaben von 1905, 1957 und 2009, wobei nur die beiden letzteren – aus den oben skizzierten Gründen – wirklich vergleichbar erscheinen. 1957 mußte der Abiturient mit dem Text zurechtkommen, der ihm vorge­setzt wurde, ohne lateinisch-deutsches Wörterbuch, 2009 konnte er unter drei Texten den wählen, der ihm am leichtesten vorkam, dazu aus drei ihm bekannten Autoren, für die eigens auf Grund eines umfangreichen Vorbereitungsbuches geübt wurde, und in der Prüfung konnte selbstverständlich ein Wörterbuch benutzt werden. Die beispielhaft vorgestellte Abiturklasse 1957 hatte den in der Prüfung präsentierten Seneca nie gelesen. 2009 wurde ein gegenüber 1957 um weit mehr als ein Drittel (182 gegenüber 288 Wörter) kürzerer Lateintext zur Übersetzung gestellt, daneben aber eine vierteilige Interpretation. Das Lateinabitur 1957 wurde von allen Schülern mit Latein übersetzt, 2009 wurde die verglichene Aufgabe nur vom Leistungskurs Latein bearbeitet. Auch zur Interpretationsaufgabe (s.o.) hat der Autor Erhellendes zu sagen: „Im übrigen wird in dem genannten Vorbe­reitungsbuch S. VII – XIX alles für die Klausur Wesentliche für die drei Abiturautoren Cicero, Seneca und Vergil so aufbereitet, dass mit der Wiederholung der hier aufbereiteten, am besten auswendig zu lernenden Inhalte die Interpreta­tionsaufgaben leicht gelöst werden können. Eine gute Note ist kaum zu verfehlen. (…) Übersetzung und Interpretation werden heute für die Notenfindung im Verhältnis 2/3 zu 1/3 gewertet. Dies hat eine fast absurde Konsequenz: Rein theoretisch brauchte man 2009 fast kein Latein mehr, um das Abitur zu bestehen. Gesetzt den Fall, man brächte im Übersetzungsteil kein Wort zu Papier, musste also hier nach der früheren Benotung zweimal mit ‘Ungenügend‘ (6) bewer­tet werden. Holte man aber dafür mit Hilfe des Arbeitstextes jedoch das Optimum aus den Inter­pretationsaufgaben heraus, würde hier also mit ‘sehr gut‘ (1) abschneiden, käme man auf 13 (aus 2×6 für Übersetzung, 1×1 für Interpretation) dividiert durch 3, was ein ‘Ausreichend minus‘ ergäbe.“

Die Folgerung mit Blick auf die eingangs gestellte Frage ergibt sich beinahe zwangsläufig: „Der tatsächliche Nutzeffekt der in Hessen und anderswo in Deutschland erworbenen Lateinkenntnisse ist in der heutigen reduzierten Form so gering, dass sich die Frage nach dem Sinn eines solchen Spracherwerbs stellt. Mit Kenntnis­sen, wie sie ein Leistungskurs im Fach Latein in Hessen (und wohl auch in den meisten anderen Ländern der Bundesrepublik) voraussetzt, ist weder Staat zu machen noch viel Nutzen verbun­den. Die geringen philosophisch-historischen Kenntnisse, die bei der Interpretation gefordert werden, sind, wenn man überhaupt auf diese Wert legt, besser in deutscher Sprache darzulegen, (…).

Die nächste Stufe der Entwicklung, wenn es überhaupt noch eine gibt, sind ohne Zweifel latei­nisch-deutsche Texte, die nur noch interpretiert werden. Sollte sich dies fortsetzen, dürfte es nach weiteren 50 Jahren kein lateinisches Abitur mehr geben, vom griechischen ganz zu schweigen.“

Doch auch Aschoff macht nach der Prognose weiterer Dekadenz Verbesserungsvorschläge, über deren Zweckmäßigkeit und Wirklichkeitshaltigkeit Fachleute streiten mögen. Hier und da, zumal an den Altsprachlichen Gymnasien, sind die Ergebnisse auch gewiß besser, wie die jährlichen Fremdsprachenwettbewerbe und die Arbeit mit manchen Studierenden zeigt. Auch gibt es zwischen den Ländern Unterschiede, dem Bildungsföderalismus geschuldet, ohne den alles noch viel schlimmer wäre. Allerdings entspricht es auch meinem Eindruck, daß in Deutschland noch nie so viele Schülerinnen und Schüler mit in der Breite so enttäuschenden Ergebnissen Latein gelernt haben. Vielleicht sollte es hingenommen werden, daß die Zahlen etwas kleiner werden, aber die Voraussetzungen besser. Dazu gehört sicher eine vermehrte Stundenzahl im Sinne einer Profilbildung. In der Tat, darin ist Aschoff zuzustimmen, müssen die Bedingungen so gestaltet sein, daß eine Schülerin, ein Schüler die angestrebte Übersetzungsfähigkeit im Abitur erreichen kann, ohne Interpretationsklimbim zum Kaschieren mangelnden Textverständnisses. „Bei einer weiteren Reduzierung der Stunden kann nicht einmal der nach unten hin erreichte, ja wohl schon unterschrittene Mindeststandard gehalten werden. Jenseits dieses Maßes hat das Lateinlernen keinen Sinn mehr.“


17 Lesermeinungen

  1. HansMeier555 sagt:

    Denn wenn wir mehr Geld haben,...
    Denn wenn wir mehr Geld haben, können wir öfter shoppen gehen, uns mehr glänzenden Plastik- und Elektronikmüll kaufen, einen größeren Flachbildschirm anschaffen, der uns dann auch über die Idiotie des TV-Programms schnell hinwegtröstet.

  2. HansMeier555 sagt:

    pax insulam et villam pax....
    pax insulam et villam pax.

  3. HansMeier555 sagt:

    Hilfe, muss wohl eher villis...
    Hilfe, muss wohl eher villis et insulis heissen.

  4. Lewii sagt:

    Rätselhaft, warum Latein...
    Rätselhaft, warum Latein schon ab der 6 (manchmal bereits ab der 5) Klasse unterrichtet wird, während eine weitaus nützlichere Auswahl wie z.B. Spanisch erst in der Oberstufe möglich erscheint. Es ist zum Haareraufen.

  5. franket sagt:

    @Lewii:
    Rätselhaft, warum...

    @Lewii:
    Rätselhaft, warum Englisch schon ab der 5 (manchmal bereits ab der 3) Klasse unterrichtet wird, während eine weitaus nützlichere Auswahl wie z.B. Latein erst in der Mittelstufe möglich erscheint. Es ist zum Haareraufen.
    .
    🙂

  6. HansMeier555 sagt:

    An wirklich nützliche...
    An wirklich nützliche Sprachen wie Türkisch, Chinesisch oder Gebrauchsanweisung wird ja eh nicht gedacht.
    .
    Aber Spanisch? Spanisch braucht nun wirklich kein Mensch ausser Spanischlehrerinnen und Romanistikprofessoren.

  7. r_markner sagt:

    Lateinunterricht, der die...
    Lateinunterricht, der die Schüler nur dazu anhält, Texte in die eigene Sprache zu übersetzen, wird nie funktionieren können. Um eine Sprache zu verstehen, muß man sie auch sprechen und schreiben lernen.

Hinterlasse eine Lesermeinung