Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Amerikanische Antike – in einem Mammutskelett

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Die Ankündigung eines kunsthistorischen Vortrags deutete auf Vertrautes: Amerika und die Antike. Zu erwarten waren Verweise auf den klassizistischen Geschmack...

Die Ankündigung eines kunsthistorischen Vortrags deutete auf Vertrautes: Amerika und die Antike. Zu erwarten waren Verweise auf den klassizistischen Geschmack der Gründerväter, Säulenarchitekturen und antike Symbole oder auf das Staatshaus von Virginia, das der Maison Carrée in Nimes nachgebildet ist.

Sigrid Ruby, Privatdozentin in Gießen, begann dann auch tatsächlich mit einigen Bemerkungen in dieser Richtung und verharrte einen Moment bei Thomas Jefferson, der das republikanische Pathos des amerikanischen Klassizismus besonders markant verkörperte. Doch im Zentrum stand ein Bildwerk, das den Gedanken in eine ganz andere Richtung lenkte. Charles Willson Peale (1741-1827), bekannt durch eine lange Reihe von Porträts amerikanischer Revolutionshelden, präsentierte 1806 ein höchst ungewöhnliches Gemälde. The Exhumation of the Mastodon zeigte in einer Mischung aus Historien- und Genrebild eine archäologische Ausgrabung, die Knochen dreier Mammuts zutage förderte. Daraus wurde sogleich – wie bei einem Pasticcio aus antiken Skulpturfragmenten – ein vollständiges Skelett rekonstruiert und in Peales kommerziellem Museum in Philadelphia ausgestellt, zusammen mit den Porträts, präparierten Tieren in Dioramenkästen und allerlei illusionistischen Installationen.

Das 127×153 cm große Gemälde bringt, so Rubys Interpretation, eine besondere amerikanische Auffassung zum Ausdruck: Die eigene ‘Antike‘ ist Teil der Natur und damit der göttlichen Ordnung, aber sie ist nur zu heben, wenn technischer Erfindergeist aktiv wird – hier präsent in dem Wasserschöpfrad, das eine Ausgrabung bei hohem Grundwasserstand überhaupt erst möglich macht. ‘Antike‘ und Moderne gehen hier also in einer sehr viel harmonischeren Weise Hand in Hand als im alten Europa, wo die Bildchiffre der Ruine das Gefühl des Verlustes ausdrückte. Mit dem Mammut war das anders, denn zu dieser Zeit herrschte noch die Auffassung vor, daß Gott kein Lebewesen umsonst geschaffen haben könne, weswegen ein Aussterben einzelner Spezies unmöglich sei. Lebende Mammuts müßten also noch zu finden sein, und zwar in der räumlichen Dimension des amerikanischen Imaginären: im unerforschten Westen. Das Mammut galt in diesem Sinne als „the great American Incognitum“; solange es dafür einen freigehaltenen Platz gab, war die amerikanische ‘Antike‘ im Wortsinn gegenwärtig. Damit war zugleich implizit eine Gegenposition zur europäischen Klassik bezogen: Da diese ihren Fluchtpunkt in einer idealen Ästhetik hatte, spielte Zeit kein besondere Rolle. Eine Verzeitlichung lag allenfalls im Prozeß des Verlierens, der durch Erkenntnis und Nachahmung allenfalls teilweise rückgängig gemacht werden konnte. Der Weg Amerikas hingegen erscheint hier von Dynamik und Expansion geprägt: technischer Fortschritt, Erschließung des Raumes, Erkenntnis des göttlichen Plans in seinen Schöpfungen.

Auch die amerikanische Erde barg also sinnträchtige Wunder, ja, noch mehr: Während der Spaten in Europa – zumal in den Vesuvstädten und in etruskischen Gräbern – Artefakte ans Licht brachte, die erst in einem ästhetischen Interpretationsprozeß zum Ausdruck (auch) von Natur werden konnten, war diese und mit ihr Gott als Schöpfer umweglos im Mammut präsent. Das Erhabene – zentrale Kategorie der antiken Ästhetik – war in der Natur zu finden.

Möglicherweise überbürdet Rubys Deutung Peale, der seine vier Söhne in kuriosem Epigonentum Raphaelle, Rembrandt, Rubens und Titian nannte, ein wenig. Aber schon Platon wußte, daß die Künstler selbst oft am wenigsten über die leitenden Ideen ihrer Schöpfungen Auskunft geben können. Und die Interpretation des Bildes würde ja nicht falsch, wenn ein wenig zu viel der Entwicklung der amerikanischen Nation im 19. Jahrhundert in dieses zurückprojiziert sein sollte. In Kindlers Malereilexikon findet sich jedenfalls eine einleuchtende Beobachtung; demnach „ist die Verbindung von künstlerischem Talent mit naturwissenschaftlichen Neigungen und experimentierender Erfindergabe ein spezifisch amerikanisches Phänomen, das aus den sozialen Bedingungen eines auf Selbsthilfe angewiesenen Koloniallandes hervorging“.

Eine eigene, vielleicht weiterführende Überlegung: Der konventionelle amerikanische Klassizismus mit seinen Bild- und Architekturchiffren konnte sich vielleicht nicht nur deshalb bis ins 20. Jahrhundert halten, weil er durch die Gründerväter gleichsam heiliggesprochen worden und später zur Konvention erstarrt war, sondern auch deshalb, weil er ‘bloß‘ für die republikanische Tugend der amerikanischen Nation und ihrer Eliten zu stehen hatte, während sich für die großen Konstanten des amerikanischen Imaginären, nämlich Natur, Gott und Fortschritt, andere Ausdrucksformen fanden, von denen die klassizistischen Fixierungen nicht berührt waren.


2 Lesermeinungen

  1. Die Erwartung, im...
    Die Erwartung, im unerforschten Westen Dinge wie Mammuts und andere nicht ausgestorben sein könnende Arten zu finden, bestand auch im Vorfeld der Lewis and Clark Expedition, https://books.google.com/books/about/Arts_of_diplomacy.html?id=PfbFQgAACAAJ.

  2. Es fehlt natürlich völlig...
    Es fehlt natürlich völlig jeder Hinweis darauf, dass Amerika sich auch über das Thema Atlantis an die Antike andockte, z.B.:
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    Francis Bacon schreibt in „Nova Atlantis“ 1627, dass Amerika das „alte“ Atlantis sei. Ab 1675 argumentiert Olof Rudbeck, dass es ein Irrtum sei, Amerika für Atlantis zu halten (weil er selbst es woanders gefunden haben wollte). Auf Karten wurde der neue Kontinent hin und wieder Atlantis genannt. Die Sache war allerdings von Anfang an etwas fraglich, da Atlantis ja eine untergegangene Insel gewesen sein soll, und für einen Verbleib der Insel über Wasser keine Argumente vorhanden waren.
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    Immerhin ließ sich Kolumbus durch Angaben des Aristoteles auf seine Reise locken. Von Aristoteles wissen wir inzwischen, dass er dazu neigte, die Geschichte von der Insel Atlantis für real zu halten (vgl. „Aristoteles und Atlantis“, 2010). Allerdings musste auch davon ausgehen, dass sie untergegangen war.

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