Antike und Abendland

Der Lateinunterricht und seine Resultate – eine Nachlese

Der Eintrag zu den Resultaten des Lateinunterrichts Ende Juli hat einen Leser zu einer – persönlich mitgeteilten – Kritik veranlaßt. Bei der Vergabe des Latinum würden sicher vielfach alle Augen zugedrückt; was aber den Leistungskurs angehe, seien die Leistungen sehr beachtlich, und das bei hohem Schwierigkeitsgrad. Der Kollege unterrichtet seit Jahrzehnten höchst engagiert und erfolgreich Latein und Griechisch an einem Humanistischen Gymnasium; er bildet Referendare aus und weiß, wovon er spricht. Ich habe lediglich zwei kritische Aufsätze in bekannten Fachdidaktikorganen referiert und nehme seine Einwände aus der Praxis daher sehr ernst. Sicher muß viel stärker differenziert werden, als ich das getan habe, nach Schularten, nach Anspruch (schulintern geprüftes Latinum oder Zentralabitur), auch nach einzelnen Schulen.

Zum Beleg übersendet mir der Kollege einige Klausuren aus jüngerer Zeit. Sie genauer anzusehen lohnt sich. 2009 hatte ein O I-Leistungskurs (Oberprima oder, wie man heute sagt, Jahrgang 13) ein Stück aus Ciceros De finibus bonorum et malorum zu übersetzen (1,59-61). Der Ausschnitt aus dem Referat der epikureischen Position ist für die Schülerinnen und Schüler durch eine kurze Einleitung kontextualisiert. Es folgt der zu übersetzende Text; die Hauptaufgabe lautet: „Übersetzen Sie den Text in klares Deutsch, fügen Sie ggf. eine Erklärung oder wörtliche Übersetzung hinzu!“

Quodsi corporis gravioribus morbis vitae iucunditas impeditur – quanto magis animi morbis impediri necesse est! Animi autem morbi sunt cupiditates immensae et inanes divitiarum, gloriae, dominationis, libidinosarum etiam voluptatum. Accedunt aegritudines, molestiae, maerores, qui exedunt animos hominum. Nec vero quisquam stultus non horum morborum aliquo laborat, nemo  igitur est non miser.  Accedit etiam mors, quae quasi saxum Tantalo semper impendet, tum superstitio, quā <is>, qui <eā> est imbutus, quietus esse numquam potest. Praeterea <stulti> bona praeterita non meminerunt, praesentibus non fruuntur, <sed> futura modo exspectant; quae quia certa esse non possunt, conficiuntur et angore et metu; maximeque cruciantur, cum sero sentiunt frustra se aut pecuniae studuisse aut imperiis aut opibus aut gloriae. Nullas enim consequuntur voluptates, quarum potiendi spe inflammati multos labores magnosque susceperant. Quas ob causas in eorum vita nulla est intercapedo molestiae. Igitur neque stultorum quisquam beatus <est> neque sapientium <quisquam> non beatus. (141)

Kursiv gesetzt sind im Prüfungstext Wörter oder Junkturen, zu denen es Hilfen gibt, meist Vokabelangaben, einmal auch die aus alten und neuen Schulausgaben bekannte Wendung: übersetze „auf deren Erwerb sie ihre brennende Hoffnung setzen und deshalb …“.

Wenn die Schülerinnen und Schüler ein Lexikon benutzen durften (was mir nicht sicher ist), überraschen Angaben zu quodsi, immensus, superstitio, sero oder imperium. Daß memini hier einmal mit Akkusativ konstruiert ist, ergibt sich zwar aus dem Satz, wird aber angegeben, um die Übersetzenden nicht zu verunsichern. Das höchst seltene Wort intercapedo – ich mußte es selbst nachschlagen: Unterbrechung – hingegen ist nicht angegeben.

Außer diesen Hilfen zur Lexik und Konstruktion – sie betreffen knapp 10% des Textumfangs – gibt es aber noch Eingriffe in den Text, indem Wörter hinzugesetzt werden, die Cicero nicht geschrieben hat. Der originale Text wird dadurch verändert, auch wenn diese Eingriffen kenntlich gemacht werden – freilich durch spitze Klammern, die in kritischen Ausgaben notwendigen Einfügungen in einen verderbt überlieferten Text vorbehalten sind. Hier bin ich sehr skeptisch. Den einfachen relativischen Anschluß superstitio qua qui est imbutus hätte man auch durch eine Erklärung in den Hilfen erleichtern können; auch die Einfügung von stulti in der gleichen Zeile finde ich problematisch. Die Zusätze am Ende des Textes schaffen einen spannungslosen Parallelismus.

Doch es gibt noch größere, zudem unsichtbare Eingriffe in den Text: An zwei Stellen sind 17 bzw. 36 Wörter ganz weggelassen. Der Satz Accedunt … animos hominum erscheint für ciceronische Kunstprosa (außerhalb der Briefe) ungewöhnlich kurz, ist es aber nicht, denn er geht im Originaltext nach … animos hominum weiter: conficiuntque curis hominum non intellegentium nihil dolendum esse animo, quod sit a dolore corporis praesenti futurove seiunctum. Ich würde vermuten, daß die Kürzung vorgenommen wurde, um den Umfang des zu übersetzenden Textes zu reduzieren und in 141 Wörtern einen geschlossenen Gedanken zu präsentieren. Die Konstruktion ist nicht ohne Schwierigkeiten (von einem Partizip abhängige indirekte Rede mit AcI und konjunktivischem Relativsatz), aber nach acht Jahren Latein doch keine Klippe. Weiter unten ist hinter susceperant gleich ein ganzes Satzgefüge ausgelassen: ecce autem alii minuti et angusti aut omnia semper desperantes aut malivoli, invidi, difficiles, lucifugi, maledici, monstruosi, alii autem etiam amatoriis levitatibus dediti, alii petulantes, alii audaces, protervi, idem intemperantes et ignavi, numquam in sententia permanentes. Hier skizziert Cicero mit einem Attributstakkato Charaktere, die dem folgenden „Aus diesem Grund gibt es in ihrem Leben keine Unterbrechung der Beschwernis“ erst Anschauung und Gewicht geben. Der weggelassene Satz ist syntaktisch ganz simpel, verursachte aber lexikalisch wohl einige Mühen.

Mein Fazit: eine anspruchsvolle Übersetzungsaufgabe, zumal der Text sachlich weder Handlung noch Anschauung enthält. Aber Kritiker wie Rainer Bölling und Diethard Aschoff werden nicht ganz überzeugt sein.

Was die Zusatzaufgaben angeht, so sind die von Aschoff monierten Ausweichwege hier nicht erkennbar. Der Text ist zu gliedern, unter Angabe der für den Gedankengang wichtigen inhaltlichen Stichwörter. Auch die stilistische Analyse kann ohne ein gründliches Verständnis des lateinischen Textes kaum geleistet werden. Nur die letzte Frage (zu Ciceros Darstellung der epikureischen Philosophie) könnte theoretisch auch ohne Textverständnis beantwortet werden, aber die inhaltliche und autorbezogene Kontextualisierung der übersetzten Passage erscheint als eine sehr sinnvolle Aufgabe.

Eine andere Klausur verbindet Abschnitte aus Thomas Morus‘ Utopia; das letzte Stück daraus sei des Inhaltes wegen hier mitgeteilt:

„Wenn ich also alle Staaten, die bis heute in Blüte stehen, anschaue und über sie nachdenke, so begegnet mir nichts – so wahr mir Gott helfe – als eine Art Verschwörung der Reichen, die sich im Namen und unter dem schönen Titel des Gemeinwesens lediglich um ihre eigenen Vorteile bemühen. Mit Bedacht ersinnen sie alle möglichen Wege und Tricks, um auf diese Weise das mit üblen Machinationen Zusammengeraffte zu behalten, ohne fürchten zu müssen, es (wieder) einzubüßen, und um sich anschließend den Fleiß und die Arbeitskraft aller Armen möglicht billig anzueignen und sie auszubeuten.“

Itaque omnes has, quae hodie usquam florent, res publicas animo intuenti ac versanti mihi, nihil – sic me amet deus – occurrit aliud quam quaedam conspiratio divitum de suis commodis rei publicae nomine tituloque tractantium. Comminiscuntur et excogitant omnes modos atque artes, ut hoc modo, quae malis artibus ipsi congesserunt, ea primum absque perdendi metu retineant, post hoc pauperum omnium opera ac labores quam minimo sibi redimant eisque abutantur.

Beeindruckend sind die zu diesem Text unter Klausurbedingungen gelieferten Interpretationen.

 

 

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