Antike und Abendland

Antike und Abendland

Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Wen stört christliche Chronosemantik? Notizen aus der globalen Provinz der BBC

| 13 Lesermeinungen

In letzter Zeit wurde Mary Beards TLS-Blog hier ein wenig vernachlässigt. Einer ihrer jüngsten Einträge bietet - neben dem neuen Webdesign - Grund, das zu...

In letzter Zeit wurde Mary Beards TLS-Blog hier ein wenig vernachlässigt. Einer ihrer jüngsten Einträge bietet – neben dem neuen Webdesign – Grund, das zu ändern. MB berichtet vor Vorwürfen an die ehrwürdige BBC, eine kleine chronosemantische Kulturrevolution vollzogen zu haben: Statt der alten Bezeichnung BC (Before Christ) und AD (Anno Domini = the year of Our Lord) werde nunmehr BCE (Before Common Era) bzw. CE (Common Era) verwendet.

Ältere Leser deutscher Zunge werden sich erinnern: Bücher über frühe Epochen aus der DDR waren auf den ersten Blick an einem „v. u. Z.“ zu erkennen. Im Lexikon der Antike (letzte Auflage Leipzig 1990) ist unter dem Stichwort „Zeitrechnung“ zu lesen: Während die Mohammedaner vom Jahre 622 u. Z. (Jahr der Hedschra) an datieren, ist für uns die Z. der röm. Christen von Bedeutung geworden, die auf Anregung des Abtes Dionysius Exiguus »Christi Geburt« zum Ausgangspunkt der Jahreszählung nahmen. Diese Form bürgerte sich langsam ein, bis sie sich seit etwa 800 (die Inschrift auf dem Grabmal Karls d. Gr. besagt, er sei im Jahre 814 nach Christus gestorben) durchsetzen konnte, endgültig aber erst seit dem 10. Jh. – Der Gebrauch der christl. Z. für die Zeit vor Christi Geburt stammt von dem französ. Chronologen, Philologen und kathol. Theologen D. Petavius (1583-1652). Mit der Anerkennung dieser Zählung seit dem 18. Jh. war eine einheitl. Z. für die gesamte Weltgeschichte gewonnen. Heute wird die christl. Jahreszählung von den meisten Völkern und Staaten unabhängig von ihrem religiösen Glauben angewandt. Deshalb setzt sich die Bezeichnung »unsere Zeitrechnung« (u. Z.) immer mehr durch.“

Da der Staatssozialismus Länder beherrschte, die zuvor jahrhundertelang die christliche Ära benutzt hatten, kam es nicht in Frage, hier einen ganz neuen Anfang zu setzen. Das Desaster mit der französischen Revolutionsära konnte nur abschrecken. Eher fand das Gegenteil statt, insofern Sowjetrußland 1918 nachholend des Gregorianischen Kalender einführte. In der vernetzten Moderne werden besondere Kalender und Jahreszählungen – etwa in Israel und der islamischen Welt – nur noch neben der globalen Norm verwendet, in den Räumen, in die sie gehören.

Hierzulande ist v. u. Z. Schnee von gestern, nicht hingegen die Unsicherheit mit der Nomenklatur, die sich durchgesetzt hat. Gelegentlich gibt es Leserbriefe, die sich erregen, wenn irgendwo als Auflösung „vor Christi“ zu lesen ist, obwohl es doch eine Überlegung wert wäre, ob damit nicht elliptisch „vor Christi <Geburt>“ gemeint ist, was zudem den Vorteil hätte, exakter zu sein als das sachlich diffuse „vor Christus“. Nicht hinreichend klar scheint auch gelegentlich zu sein, daß es chronologisch kein Jahr Null geben kann. Auf jeder Zeitachse ist die Null ein Punkt ohne Ausdehnung, und auf das Jahr Eins v.Chr. folgt unmittelbar Eins n.Chr.

Zurück zur BBC und in den englischen Sprachraum. Wie meistens ist die Sache etwas komplizierter, als Zeitungsschlagzeilen sie sich machen. Offenbar gab es beim Sender keine generelle Anweisung; lediglich einige Abteilungen im Haus verwenden BCE/CE „to be more appropriate for a multi-cultural/multi-faith audience“.

In der akademischen Welt galt lange: Das linke Cambridge meidet die religiös infizierte Terminologie, das traditionelle Oxford verwendet sie umso überzeugter. MB überträgt diese Opposition ins Statistische: Gut 50 % aller wissenschaftlichen Aufsätze verwende mittlerweile die neutrale Terminologie, in den USA noch mehr – „And it hasn’t brought the Christian church down, and certainly not in America.“ Erstaunlich findet sie vielmehr, warum solche Abkürzungen noch eine derartige Erregung verursachen, wo man doch gut argumentieren könnte, daß ihre Aufladung nur zum Ausdruck kommt, wenn man sie ausschreibt. Zudem gilt in diesem Fall das gleiche wie bei v. u. Z.: Der längst getroffenen und eingewurzelten Grundentscheidung kann auch (B)CE nicht entkommen, ‘logisch‘ ist es nun einmal eine christliche Zeitrechnung. Nur Geologen praktizieren es anders, indem sie von „before present“ sprechen – in den Zeithorizonten, mit denen es diese Disziplin zu tun hat, erscheinen 2000 Jahre in der Tat wie ein Wimpernschlag, sind Christi Geburt und 2011 identisch.

MB bringt als letzten Gedanken das Problem eines englischen native speaker ein: Was auch immer gegen BC und AD spreche, im mündlichen Vortrag haben sie den Vorteil, unverwechselbar zu sein. BCE/CE müssen man hingegen immer besonders betonen, um Hörfehler zu vermeiden. „And even then, many a hapless undergraduate fails to register, and gets Nero before Julius Caesar.“

Wie immer erhellend bei MB sind einige Kommentare. Ein Leser schlägt vor, dort, wo die Unterscheidung überhaupt erforderlich ist – das sind faktisch je nur wenige Kontexte im Bereich Schule, Universität und Bildung im weiteren Sinn – die Jahreszahlen mit plus oder minus zu versehen: Sokrates starb -399, Augustus +14. „Jackie“ führt einen gesunden Pragmatismus ins Feld, mit einem angedeuteten Seitenhieb gegen übersteigerte ‘westliche‘ Selbstkritik: „This subject really exasperates me. There are several methods of dating, the Jewish calendar springs to mind but there are several others, but at some time someone decided on counting from the birth of a historical character called Jesus. He existed, whether or not you believe he is the son of a God who may or may not exist. It’s the old Roman attitude ‘if it ain’t broke don’t fix it‘! All this messing around does nothing but confuse things. I haven’t heard many calls from other religions for a change – perhaps they are more tolerant than people give them credit for. Please leave BC/AD alone!“ Ein anderer Leser sekundiert: „I should like to know who are the people that are offended by AD and BC. I have lots of Jewish friends and some Muslim friends and they have never mentioned it to me. On other matters, both groups say that they are fed up with groups who pretend to speak for them and claim they do not like the word „Christmas“ or other such.“ Ein anderer weist auf die Beliebigkeit hin, einen Sprachgebrauch an einer Stelle zu ändern, Anderes aber beizubehalten: „Shouldn´t we also consider getting rid of the references to Nordic Gods on the days of the week and Roman on the months?“

Zum Ende ein Vorschlag zur Güte, erwachsen aus Unkenntnis: Ich habe bisher immer geglaubt (Schande über mich?!), BCE sei „Before Christian Era“ aufzulösen. Darin läge eine gewisse Neutralisierung, im Sinne von: Ich erkenne an, daß die weltweit gängige Zeitrechung kontingent und durch Tradition gefestigt christlichen Ursprungs ist, aber ich muß deshalb nicht an Christus (BC), den Herren (AD) glauben und ich verrate auch nicht meine eigene religiöse Stellung als Agnostiker, Muslim, Buddhist, Hindu oder Jude. Und mit dieser Lesart wäre wenigstens klar, warum zu einem bestimmten Zeitpunkt BCE zu CE umspringt.

 


13 Lesermeinungen

  1. franket sagt:

    @Kolma_Puschi:
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    1. Auch die...

    @Kolma_Puschi:
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    1. Auch die Paulus-Briefe gelten als vom Heiligen Geist inspiriert. Sie haben deshalb kein Recht, diese gegen die Evangelien auszuspielen. Es sei denn, Sie verabschieden sich vom Konsens der großen Kirchen.
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    2. Schön, dass Sie die historisch-kritische Methode in Ihren Glauben mit hinein nehmen. Ich begrüße das.
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    3. Ihre Einschätzung, dass zu wenige Muslime modern denken, ist korrekt. Doch es gibt sie, und eine historisch-kritische Sicht ist möglich. Ergo ist eine Pauschalverurteilung des Islam sachlich nicht korrekt. Glaubwürdige Islamkritik macht sich am Traditionalismus fest, nicht am Islam selbst. Wer diese Unterscheidung nicht trifft, dem fehlt es offenbar an denkerischer Selbstdisziplin.
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    4. Die Mohammed-Biographie von Ibn Ishaq ist historisch-kritisch gesehen eine Legendensammlung und eben nicht „nahe dran“. Es besteht also auch von hier aus kein Grund, „den Islam“ an sich und pauschal zu verurteilen, nur weil irgend etwas in Ibn Ishaq steht und viel zu viele Muslime daran glauben. Das wäre unsachlich, siehe Punkt 3.
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    5. Ersetzen Sie doch einfach in allen Ihren Aussagen das Wort „Islam“ durch „islamischen Traditionalismus“ und weisen Sie darauf hin, dass viel zu viele Muslime so ticken, und schon sind alle Ihre Aussagen und Kritiken korrekt und treffsicher.

  2. hhrr sagt:

    Ich hätte nicht gedacht, daß...
    Ich hätte nicht gedacht, daß diese abgestandene Debatte aus der v.u.Z.-Epoche jemals wiederauferstehen würde. Aber die Gehirnwäsche in der Ära der political correctness macht’s möglich. Und sie, die political correctness, bedient sich genau der gleichen Unterdrückungsmechanismen des Denkens wie vormals der real existierende Sozialismus. Heraus kommt eine geclonte Intellektuellen-Herde mit eingeübten Pawlowschen Reflexmustern.

  3. Kolma_Puschi sagt:

    @franket

    Als „inspiriert“...
    @franket
    Als „inspiriert“ gelten die Paulus-Briefe selbstverständlich – und es ist ja nun auch in der Tat sehr viel Gutes, Schönes und Wahres in ihnen zu finden.
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    Allerdings liegt dem Begriff „Inspiration“ die Vorstellung von „Gottes Wort in Menschenmund“ zugrunde. Daß die Bibel (welcher Teil auch immer) wortwörtlich diktiert wäre, ist – im Gegensatz zur Überzeugung im Islam bezüglich des Koran – nicht Teil der christlichen Theologie. Die Botschaft, die Wahrheit des Evangeliums wird über Geschichten, Gleichnisse und in bildhafter Sprache vermittelt. Man muß sich ihr über die Interpretation annähern – was eine gewisse Bandbreite an Sichtweisen zur Selbstverständlichkeit macht.
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    Da Sie den „Konsens“ der großen christlichen Kirchen erwähnen, ist Ihnen vielleicht auch derjenige der „Umma“, der muslimischen Gemeinschaft, nicht unbekannt. Es geht selbstverständlich nicht um demokratische Mehrheiten, sondern um den „unanimous consent“, um das, was über 14 Jahrhunderte hinweg nicht von „viel zu vielen“, sondern von über 90% der Muslime geglaubt wurde.
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    Und laut diesem Konsens ist nunmal die „Sira“, die Mohammed-Biographie von Ibn Ishaq KEINE Legendensammlung (da die historisch-kritische Exegese in der islamischen Theologie von der Umma nicht akzeptiert ist, kann die Privatmeinung von sofort zu Häretikern und Apostaten erklärten einigen Wenigen hier nicht als Gegenargument gewichtet werden – so erfreulich sie auch in unseren Ohren klingen mag).
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    Die auf mehrere Originalquellen zurückgehenden – und deshalb als „gesund“, also als verläßlich bewiesen angesehenen – Hadithen, die in „al-Buchari“ oder „Muslim“ gesammelt sind, stimmen mit der „Sira“ überein. Ob Sie und ich sie für historisch oder nicht halten, ist den Anhängern des Islam, Religionsgelehrten wie einfachen Muslimen, herzlich egal und auch für die Beurteilung des Islam bedeutungslos. Solange fast alle Muslime es tun, haben wir dies als „den Islam“ anzusehen und damit zu leben. (Es wäre übrigens interessant zu erfahren, wie Sie den „wahren“, den „eigentlichen“ Islam – offenbar irgendwie unabhängig von Koran und Sunna – definieren würden.)
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    Den „Traditionalismus“ vom Islam abtrennen zu wollen, obwohl Allah und Mohammed jegliche Veränderung für verboten erklärt haben, entspricht dem Versuch, die „patriarchalische Kultur“ für Frauenunterdrückung und Ehrenmord verantwortlich zu machen und dabei zu verschweigen, daß der Islam ebendiese patriarchalische Kultur durch die Zurücksetzung der Frau in mehreren Suren und Hadithen fordert und fördert.
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    Der Islam ist ja gerade deshalb so schwer zu reformieren, d.h. mit den Allgemeinen Menschenrechten kompatibel zu machen, weil die Gewalttätigkeit, mit der Veränderungen unterdrückt werden, sich durch Allahs Befehle und Verbote im Koran (und durch Mohammeds Vorbild in der Sunna) begründen lassen. Die für „alle Zeiten“ gelten, als „göttliches Recht“ über weltlichen Gesetzen stehen und keinesfalls historisch-kritischer Exegese unterworfen werden dürfen…
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    Da beißt sich die Katze in den Schwanz.
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    Ich weiß nicht, wie man es anstellen könnte, den Islam aus dieser Zwickmühle zu befreien und einen rein spirituellen und entsprechend toleranten und friedlichen „Islam fürs stille Kämmerlein“ zu definieren, gegen den niemand etwas hätte. Ich würde mich aber sehr freuen, wenn es einem klugen Muslim gelingen würde. Und wenn diesem das Schicksal Ibn Rushds (Erfolglosigkeit und damnatio memori) erspart bliebe.

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