Antike und Abendland

Noch ein Römerlager gefunden! Notizen aus einem freudlosen Land

Ein Vorgang wie aus dem kultur- und kommunikationswissenschaftlichen Lehrbuch. 2009 gab es die der Varusschlacht vor zweitausend Jahren gewidmete große Dreifachausstellung in Haltern, Kalkriese und Detmold. Danach sind Römer und Aufständische gleichermaßen in die Schulstuben und Wiederholung-Endlosschleifen der zwei-, drei- oder vierteiligen Dokufictions auf VOX und ZDF-info zurückgekehrt. Die Landesarchäologen und Beschäftigten der einschlägigen Stellen, vor allem des „Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe“ widmen sich wieder ihrer alltäglichen Arbeit. Doch regelhafter Fortschritt im Unauffälligen bietet in Zeiten knapper Aufmerksamkeitsspannen und konkurrierender Ansprüche keine Gewähr für die Sicherung kontinuierlicher wissenschaftlicher Forschung.

Hilfreich ist es da, hin und wieder einen „Sensationsfund“ präsentieren zu können. So geschah es letzte Woche, als die ersten Ergebnisse von Untersuchungen eines neugefundenen Römerlagers aus der Zeit der militärischen Eroberung der rechtsrheinischen Gebiete in Münster der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Bei Olfen an der Lippe, ca. dreißig Kilometer nördlich von Dortmund, fanden im Frühjahr 2009 der Hobby-Archäologe André Eibisch und seine Eltern auf einem Feld einige Kupfermünzen, die das Bildnis des Augustus tragen. Der Fund kam zu den Archäologen vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe; Luftaufnahmen zeigten auffällige Veränderungen am Boden. Sondengänger suchten – wie einst Tony Clunn in Kalkriese – das Feld nach Metallfunden ab. Dann begannen gezielte Sondagen. Im August 2011 grub ein Bagger ein zweieinhalb Meter tiefes und dreizehn Meter langes Loch in den Lehmboden. Die Forscher entdeckten Umrisse eines Spitzgrabens und Spuren einer Holzmauer. Gefunden wurden ferner Artefakte, wie sie in einem römischen Feldlager oft anzutreffen waren: Scherben von Keramik aus italischer Produktion, etwa 100 Münzen, Mantelspangen, ferner Stücke von Wildschwein-Gebissen und einer Amphore für Würz- und Konservierungsmarinade, das berühmt-berüchtigte garum.

Die Ausgräber halten die immerhin sieben Fußballfelder große Anlage für eine über die Lippe mit flachkieligen Kähnen versorgte Nachschubstation mit ca. 1000 Mann Besatzung, ohne die militärische Operationen tief im Land der germanischen Stämme nicht möglich gewesen wären. Vorläufig wird die Anlage in die Zeit der von Drusus († 9 v.Chr.) und Tiberius geführten Feldzüge ab 12 v.Chr. datiert. Ob das Lager in der Varuszeit, zwanzig Jahre später, noch besetzt war, ist bislang unklar.

Nun stellt ein solcher Fund, gar ein „jungfräuliches Primärdenkmal“, eine wissenschaftliche Aufgabe dar; vieles ist noch zu ergraben, zu sichern, zu datieren und zu erklären. Gleichwohl überrascht er nicht besonders. Das Lager liegt ungefähr in der Mitte zwischen den seit langem bekannten Anlagen von Haltern im Westen und Beckinghausen im Ostern. Berücksichtigt man die Länge der Tagesmärsche eines römischen Heeres, so wäre es in der Region geradezu zu fordern gewesen. Olfen gehörte auch vor dem Fund schion zur touristisch vermarkteten „Römerroute„. Hier wie auch sonst oft fallen Wissenschaft und Laienansichten auseinander. Für die Archäologen ist jeder Neufund ein Steinchen in einem unvollständigen Mosaik, wichtig auch dann, wenn er zum Gesamtbild nichts Neues beiträgt und ganz unspektakulär ist – der gut erhaltene Helm, der jetzt mit dem Lager in Verbindung gebracht wird, tauchte schon 1890 als Einzelfund auf. Kein Vergleich mit den Resten der vergoldeten Reiterstatue aus Waldgirmes!

Die Präsentation der Funde in Münster hat im Internet einige Reaktionen ausgelöst. Diese ergeben zusammen ein Panoptikum von Reflexen und Ansichten, wie sie – machen wir uns nichts vor – wahrscheinlich weitverbreitet sind. Nichts davon überrascht wirklich, aber der halb verächtliche, halb verdruckst-neiderfüllte Ton gegen „die da oben“ zeigt, wie prekär das Ausgeben von öffentlichen Geldern für ‘Kultur‘ in einem Land ist, dem es zwar (noch) leidlich gutgeht, das aber offenbar jede Sicherheit, jedes Vertrauen und jede Großzügigkeit verloren hat. Denn meistens geht es ums Geld.

Ein paar Auszüge aus den Kommentaren:

1. Muster: Verschwendung – falsche Allokation – kein Pipifax in harten Zeiten!

„Dafür hat der LWL Geld? Auch für einen teueren Film extra für diesen ‘Sensationsfund‘? Den kann man im Internet anschauen! Gestern stand in der Zeitung, dass der LWL kein Geld mehr für seine sozialen Aufgaben hat. Er will jetzt die ebenfalls klammen Städte noch mehr melken. Schaut man in den Kulturbereich des LWL, kann man sich vor lauter Personal, ausgeschrieben werden auch ständig neue Stellen von Volontären, Referenten usw., kaum noch durch die Angebote schlagen. Allein die Kulturabteilung unter der Frau *** (im Original steht hier ein Name) hat so viel Personal, da kann ein Großstadtsamt nur von träumen. Da sollte endlich einmal gespart werden! Wenn man dann noch von den Freilichtplänen für das neue Römerlager liest, dann versteht man die Welt nicht mehr. Der LWL ist wohl völlig abgehoben, vielleicht kommuniziert Herr *** über seinen Helm mit Aliens, aber sparen sieht anders aus.“

„Die sollten sich auf die Pflichtaufgaben konzentrieren und nicht ständig neue Museen eröffnen, neue Stellen schaffen und noch mehr anbieten, sondern endlich Stellen streichen und einsparen sowie die laufenden Kosten deckeln.“ (Sage noch mal einer, daß nur die Griechen solche Ratschläge bekommen!)

2. Muster: mit Römern übersättigt

„ein wenig spät …. das Jahr 09 mit den Feiern zur Varusschlacht ist lange vorbei; oh sorry die TV AÖRs (gemeint: die Öffentlich-Rechtlichen Sender) spielen immer noch Wiederholungen ihrer Halbwahrheiten und Propaganda zwecks cash-in der Tantiemen ihrer Seilschaften, ohne wirklich zu verstehen was da los war.“ – Sehr viel bedachter und differenzierter:

„Man sollte sich wohl weniger Gedanken darüber machen, wofür der LWL sein Geld ausgibt, als darüber, wie er es einnimmt. Und damit meine ich nicht die Museumseintrittsgelder, sondern die Millionen, die von den Kommunen jährlich gezahlt werden müssen, wenn sie dem LWL beitreten. Angesichts der Haushaltslage der Kommunen sollte man lieber an dieser Stelle den Rotstift ansetzen. Nichtsdestotrotz bin ich mit dem, was mit dem Geld an Kulturgut erhalten und angeschafft wird, sehr zufrieden. Wenngleich es nicht unbedingt ein weiteres Römerlager-Museum sein muss. Immerhin gab es, soweit ich weiss, einige hundert Haupt und Feldlager. Man stelle sich vor, es würde auf jedem Standort gleich ein Freilichtmuseum gebaut. Wäre mir etwas zu viel Rom in Germanien!“

Aber auch Gegenpositionen werden mit wenig Achtung für das netzanonyme Gegenüber vertreten:

3. Muster: das akademische Proletariat

„Haben Sie auch mal darauf geschaut, um was für Gehälter es beispielsweise bei den Volontariaten geht? Dort werden rund 1200 € brutto (!) bezahlt. Die Stellen sind ausgeschrieben für Master-Absolventen und Promovierte. Immer schön und vor allem bei der Kultur streichen, die ist ja auch nicht wichtig. Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen Zwerge lange Schatten, oder wie war das noch gleich?“

4. Muster: ungebildet, Klappe halten!

„schauen sie mal weiter ihr Unterschichtenfernsehen, das wir schließlich über die in den Produktpreisen enthaltene Werbung mitfinanzieren müssen und unterlassen sie es über Kultur und Geschichte, von deren Bedeutung sie offensichtlich nichts verstehen, zu schwadronieren.“

Gewiß, wer die Dinge nicht mit Neid, Wut und Mißgunst ansieht, nimmt sich wahrscheinlich seltener die Zeit, abgewogene Urteile abzugeben und auch einmal zu loben, wie dies oben der zweite Kommentar in der zweiten Rubrik tut – sein Alias-Name lautet übrigens „kulturliebende“. Das ergibt eine Verzerrung des Gesamteindrucks. Gleichwohl haben mich die Ein- und Auslassungen erschreckt – wie übrigens auch immer wieder die Kommentare zu Artikeln in einer großen Tageszeitung, die ich gelegentlich im Netz ansehe und die offenbar nur oberflächlich kontrolliert und selten Texte entfernt. Und sage mir keiner, die dort mit schwarzer Galle dahingeworfene Wirklichkeit sei wirklicher als die meine, eher mit Melancholie angesehene.

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