Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Nicht nur Augustus hat er bewältigt. Zum Tode des Althistorikers Dietmar Kienast

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Die briefliche Anzeige enthielt den Satz: Er hat seine Wissenschaft gelebt. Der Althistoriker Dietmar Kienast ist letzten Montag in Olching bei München...

Die briefliche Anzeige enthielt den Satz: Er hat seine Wissenschaft gelebt. Der Althistoriker Dietmar Kienast ist letzten Montag in Olching bei München gestorben, 86 Jahre alt.

Seine Dissertation über den älteren Cato entstand unter der Aufsicht von Hans Schäfer in Heidelberg. Schäfer, der einige Jahre später zusammen mit einem großen Teil der damaligen Heidelberger Althistoriker bei einem Flugzeugabsturz in der Türkei ums Leben kam, hatte selbst nicht viel publiziert, muß aber ein ungemein anregender und eindringlicher akademischer Lehrer gewesen sein, wie nicht nur sein etwas späterer Schüler Christian Meier bezeugt. Kienasts Cato-Studie erschien 1954 als Buch, mit 130 Seiten Text eher schmal, doch hoch konzentriert, als wollte er das Dictum des Censorius bestätigen: rem tene, verba sequentur. Die Studie bietet noch heute die beste Einführung in Leben und Werk des faszinierenden Mannes aus Tusculum, der, wie Kienast zeigt, weder aus dem Bauerntum stammte noch ein in der Aristokratie isolierter Aufsteiger oder ein Griechenhasser war.

1963 habilitierte sich Kienast bei Konrad Kraft in Frankfurt – auch er ein viel zu früh Verstorbener – mit Untersuchungen zu den Kriegsflotten der römischen Kaiserzeit. 1965 wurde er auf den neu eingerichteten zweiten althistorischen Lehrstuhl an der Universität Marburg berufen; später wechselte er an die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, wo er 1990 emeritiert wurde.

Blickt man nur auf seine Bücher, könnte Kienast als ‘Römer‘ gelten. Den beiden Qualifikationsschriften folgte 1982 eine höchst kenntnisreiche und ausgewogene Summe der Augustusforschung: Augustus. Prinzeps und Monarch. Dieses Buch war viele Jahre lang die einzige breit angelegte Darstellung des Augustus auf dem Stand der Forschung; zugleich hat es auch Wege gewiesen, indem etwa die Baupolitik oder die Entstehung einer Hofgesellschaft ausführlich erörtert werden. In überarbeiteter und aktualisierter Fassung (1999) konnte sich das nüchtern geschriebene und gut lesbare Werk als eigenständige und im Detail durch Quellen- und Literaturangaben untermauerte Interpretation des ersten Prinzeps in Rom auch gegen starke Konkurrenz behaupten. Kienast wollte ausdrücklich keine Biographie schreiben, sondern konzentriert sich auf das Wirken des Politikers und Gründers einer neuen Monarchie. Das Buch bietet zunächst einen chronologischen Durchgang in zwei Kapiteln, die Oktavians Weg zur Alleinherrschaft und die innenpolitische Entwicklung von Actium bis zum Tode des Augustus behandeln. Es folgen systematisch angelegte Abschnitte, in denen aber selbstverständlich der – keineswegs rasch und geradlinig zurückgelegte – Prozeß hin zur Etablierung der Monarchie als Prinzipat immer wieder thematisiert wird; das Kapitel „Prinzeps und Monarch“ nimmt mit fast 120 Seiten dann auch den größten Raum ein. Gesondert vorgestellt werden Augustus‘ Verhältnis zu den Ständen und Gruppen der Gesellschaft sowie die Wirtschafts- und die Baupolitik. Militärwesen und Außenpolitik sowie die Reichpolitik des Augustus sind auf zwei Kapitel verteilt. Unter der schlichten Überschrift „Augustus“ sieht der Autor die historische Leistung des Prinzeps mit Blick auf die Zukunft darin, dem Kaisertum in Rom ein belastbares, auch Versagen aushaltendes Fundament gebaut zu haben. – 2009 erschien eine preiswerte Sonderausgabe mit einem eindringlichen Vorwort aus der Feder von Kienasts Schüler Frank Bernstein.

Die früh erworbene Fähigkeit, die literarische Überlieferung, die Inschriften und die Münzen, aber auch archäologische Befunde gleichermaßen als Quellen heranzuziehen, macht fast jede von Kienasts Studien über die Erträge in der Sache hinaus zu einem methodischen Exerzitium. Sie prägt auch seine höchst nützliche Römische Kaisertabelle (1990, erweitert 1996), in der die Grundlagen und Daten der Kaiserchronologie dargeboten werden.

Kienast war indes nicht nur ‘Römer‘, sondern hat stets auch die griechische Geschichte beackert. Sein überhaupt erster Aufsatz, im Jahr der Promotion publiziert, trug den Titel Der innenpolitische Kampf in Athen von der Rückkehr des Thukydides bis zu Perikles‘ Tod; die letzten Abhandlungen aus seiner Feder galten Problemen der Perserkriegszeit, und auch hier, wie stets, nicht Detailproblemen, sondern größeren Zusammenhängen, die freilich nicht ‘aus dem großen Geist‘, sondern mit eindringlicher Quellenkritik und -interpretation behandelt sind. So galt das Kolloquium zu seinem 80. Geburtstag auch Herodot und der Epoche der Perserkriege. „Realitäten und Fiktionen“ (so der Untertitel) scheiden zu können und zu müssen gehört zu den festen Überzeugungen der meisten Historiker dieser Generation. Eine Passage aus seinem Schlußwort kann in diesem Sinne als Vermächtnis gelesen werden:

„Aufgabe des Historikers ist es, sich unter Berücksichtigung aller Zeugnisse, der Schriftquellen ebenso wie der Münzen und der monumentalen Überlieferung, kritisch mit dieser Tradition (scil.: des historischen Erbes Europas) auseinanderzusetzen und dadurch das große Ge­schehen in allen seinen Aspekten noch deutlicher herauszuarbeiten. Er wird also versuchen, Fiktion und Realität zu trennen und durch Entfernung späterer Über­malungen zur historischen Wirklichkeit vorzustoßen oder ihr zumindest näher zu kommen. Durch die Analyse der Tradition kann der Historiker auch die sie be­stimmenden Mentalitäten und ihren Wandel genauer erkennen. Schließlich kann er – vielleicht – durch seine Arbeit auch einer Instrumentalisierung des Gesche­hens für ideologische Zwecke, welcher Art auch immer, wehren.“


2 Lesermeinungen

  1. Bei Wikipedia hat man den Tod...
    Bei Wikipedia hat man den Tod von Dietmar Kienast noch nicht registriert – eine seltene Gelegenheit, einen Artikel ungestört von Aufsehern verbessern zu können. Stoff dazu liefert dieser Blog-Beitrag genug. Nur Mut!

  2. So schnell kann's gehen: Wie...
    So schnell kann’s gehen: Wie ich gerade gesehen habe, haben gleich mehrere hurtige Heinzelmänner die günstige Gelegenheit ergriffen, den Wikipedia-Artikel mithilfe des Blogs von Uwe Walter aufzubessern. Der Blog ist dort jetzt unter Literatur verlinkt.

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