Antike und Abendland

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Tagesaktualität, wie sie sich mit einem Blog verbindet, und Antike – das scheint nicht zusammenzugehen. Dennoch soll hier der Versuch gewagt

Nochmals die Besiegten – von Livius zu Walter Benjamin

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Nochmals die Gescheiterten und Besiegten, als Supplement zum vorigen Eintrag. Für einen Vortrag im Rahmen einer Lehrerfortbildung war vor ein paar Wochen über...

Nochmals die Gescheiterten und Besiegten, als Supplement zum vorigen Eintrag. Für einen Vortrag im Rahmen einer Lehrerfortbildung war vor ein paar Wochen über Livius zu sprechen. Die ersten zehn Bücher von Ab urbe condita sind demnächst Gegenstand des Lateinabiturs in Niedersachsen. Suche nach einem Einstieg in den Vortrag. Beliebt ist die Rezeptionsgeschichte, um die Bedeutung des Gegenstandes herauszustreichen. Aber die Zeit, als aus Livius Funken für die eigene Gegenwart geschlagen wurden, liegen schon lange zurück: Machiavellis Herrschaftslehre und der Republikanismus der Französischen Revolution. Es müßte also viel erläutert und ein Kontext hergestellt werden; Demonstration durch ein Explanandum sozusagen, nicht sehr attraktiv. Oder man hebt die Superlative des livianischen Werkes hervor: ein Mammutwerk, dessen Autor jedes Jahr im Schnitt drei lange Buchrollen vollgeschrieben haben muß und das die gesamte ältere Tradition im doppelten Sinne in sich aufhob – als Synthese und als Grund, die Vorgänger zu vergessen. Aber die amplificatio wirkt auch irgendwie schal.

Ich entschließe mich zu einer Irritation der gängigen Vorstellung, anknüpfend an die auch hier schon einmal skizzierte Frage, ob Niederlage und bessere historische Erkenntnis miteinander korrelieren. Reinhart Koselleck hat Herodot, Thukydides und Polybios genannt, die der Historiographie (auch) deshalb neue Dimensionen erschließen konnten, weil ihnen als Exilierten ein Perspektivwechsel und ein audiatur et altera pars nahegelegt wurden. Auch die Römer Sallust und Tacitus lassen sich gedanklich dieser Gruppe zuordnen: Zwar gehörten beide äußerlich zu den Etablierten – Sallust nach Caesars Ermordung als schwerreicher, politisch offenbar ungefährdeter Privatier, Tacitus gar als gewesener Konsul und Mitglied der politischen Elite. Aber beide pflegten einen oppositionellen Gestus; ihre Historiographie hatte gegenüber den Zeitläuften und der Entwicklung, die Rom genommen hatte, einen anklagenden, ja denuntiatorischen Ton; sie gaben sich geistig zerfallen mit den Verhältnissen, in denen es ihnen persönlich gutging. Livius wird von Koselleck nicht erwähnt, wohl weil er vollends als Etablierter gilt. Etwas jünger als Augustus (geb. wohl 59, dem Jahr von Caesars Konsulat), aus einer wohlhabenden munizipalen Familie in Padua stammend, damit Nutznießer der Wiederherstellung der res publica seit 30 v.Chr., zuvor von der schrecklichen Triumviratszeit (43-32) – anders als etwa Vergil – offenbar nicht betroffen, unternimmt er es, noch einmal die gesamte Geschichte Roms seit den Anfängen zu erzählen und bis in die eigene Zeit zu führen. Ohne politischen Ehrgeiz und in gesicherten Verhältnissen lebend, begleitet von Wohlwollen und Bewunderung, beginnt er mit Ende zwanzig – wohl noch vor der Schlacht von Actium (31 v.Chr.) – mit dem Werk und schreibt, so hat man ausgerechnet, jedes Jahr etwa drei Bücher nieder. Livius stirbt wohl 17 n.Chr., drei Jahre nach Augustus. War Livius also ein ‘offiziöser‘ Geschichtsschreiber? Ronald Syme hat ihn in seinem berühmten Buch The Roman Revolution (1939) so gezeichnet: „Wie die andere von der Regierung geförderte Literatur war auch das Geschichtswerk des Livius patriotisch, moralisierend und erzieherisch. (…) (D)ie Historie … konnte dazu verwandt werden, um – wie die Dichtkunst – das Andenken alter Tapferkeit zu ehren, den Stolz der Nation wieder zu heben und kommende Generationen zu bürgerlicher Tugend zu erziehen. (…) Vergil, Horaz und Livius sind der dauernde Ruhm des Prinzipats. Alle drei verkehrten mit Augustus in einer Art persönlicher Freundschaft. Die Klasse, der sie angehörten, hatte von der Neuen Ordnung alles zu gewinnen.“ Doch wie immer in einer komplexen Wirklichkeit finden sich auch in einem komplexen Geschichtswerk wie dem livianischen Passagen, die den Befund zu konterkarieren scheinen. Es folgt ein solches Beispiel – der Einstieg ist gefunden, das Interesse der Zuhörer/innen (hoffentlich) geweckt.

Die Koselleck’sche Frage nach Siegern, Besiegten und Historikern ist auch Gegenstand eines Aufsatzes von Marian Nebelin, erschienen in einem Sammelband, der epochenübergreifend Eliten nach dem Machtverlust oder nach anderen einschneidenden Umwälzungen behandelt. Es gibt Studien zu Thersites in der Ilias, zu Macht und Legitimation im frühen Hellenismus und zur (Ohn-)Macht spätantiker Hofeliten, außerdem eine Reihe von Studien zu sehr speziellen, meist randständigen Fällen in der Moderne und der Gegenwart, darunter zu Carl Schmitt.

Der Autor geht in dem genannten Aufsatz von dem Bericht aus, den Livius von der Eroberung Roms durch Gallier Anfang des 4. Jahrhunderts v.Chr. gibt. Aus diesem Zusammenhang stammt das bekannte Vae victis / „Wehe den Besiegten!“ – ein frühes Zeugnis des Nachdenkens über das Verhältnis von Siegern und Unterlegenen. Die römische Pointe: Aus den victi wurden victuri, und von Anfang an (denn die Kelten hatten keine Geschichtsschreibung) bestimmte eine Seite allein die Erinnerung an das römisch-gallische Verhältnis. Der Sieger schreibt die Geschichte – das war auch die Überzeugung Walter Benjamins, dem Nebelin schon ein ganzes Buch gewidmet hat. Es ist dies aber auch das verdruckste Credo von ‘rechten‘ Geschichtsrevisionisten, die ihr Bild etwa von der Auslösung des 2. Weltkriegs in der Historiographie der Sieger und der angepaßten Besiegten nicht wiederfinden und sich als Opfer eines Macht- und Gedächtnisdiktatkartells stilisieren. Man sieht: Das Gefechtsfeld birgt Fallen.

Nebelin ist umsichtig und fragt zunächst nach den Begriffen. Was bedeutet eigentlich ‘Besiegtsein‘ und ‘Gescheitertsein‘? Sofern der Zustand nicht absolut gemeint, der Unterlegene also nicht tot ist, gibt es viele Optionen: Revanche, erfolgreiches Einrichten in neuen Verhältnissen, Kampf um die Deutungsmacht. Die Rede von Siegern und Besiegten ist überdies gar nicht selbstverständlich; in auf Konsens und Kompromiß angelegten Institutionen und Konstellationen kann man sie semantisch ganz zum Verschwinden bringen, wie jetzt gerade wieder in den Verhandlungen der diversen europäischen Gremien zu sehen ist. Ja, eine Konzeptualisierung der Welt, wie sie von Herodots Hellenen-Barbaren-Dichotomie bis hin zu Carl Schmitts Freund-Feind-Unterscheidung ganz selbstverständlich erschien (und das Denken von Marx wie von Nietzsche prägte), ist grundsätzlich stark unter Verdacht gekommen, Konflikte erst auszulösen oder mindestens zu verlängern.

Doch Benjamin würde den Kompromiß, ins Gedächtnis umgeprägt, wahrscheinlich als ein Instrument des Stärkeren, den es doch immer gebe, ablehnen. Er schreibt dem Historiker vielmehr die Aufgabe zu, den toten Besiegten eine Stimme zu verleihen. Man kann das auch aus der Konfliktsituation, in der es formuliert wurde – die drohende Überwältigung ganz Europas durch den Nationalsozialismus -, herauslösen und anthropologisch universalisieren: Alle Toten, alle vergangenen Generationen gehören zu den Besiegten, denn was sie taten und schufen, mußte notwendig in der einen oder anderen Weise überwunden, abgetan, reformiert, überholt und vor allem: einer Deutung unterworfen werden, die nicht die ihre, sondern die der Nachgeborenen (also auch: unsere) ist und gegen die sie selbst sich nicht wehren können. Hierin liegt eine tiefe Weisheit von Rankes Wort, jede Epoche sei unmittelbar zu Gott – in ihm ist sie besser aufgehoben als in der Relation zu ‘uns‘.

Doch ich schweife ab. Nebelin rekonstruiert Benjamins Argument in diesem Punkt: Markant sei dessen „Betonung der Bedeutung des ‘Augenblickes‘, in dem in der ‘Jetztzeit‘ das ‘Kontinuum der Geschichte‘ aufgesprengt werden soll. Dahin­ter verbirgt sich zunächst ein Impuls der Kritik: Benjamin wandte sich gleichzeitig gegen eine auf einem technizistischen Fortschrittsdenken beruhende Vorstellung von geschichtlicher Kontinuität und gegen den Konformismus, den er ja mit dem historistischen Konzept einer identifikatorischen ‘Einfühlung in die Sieger‘ ver­bunden hatte. Zum anderen versuchte Benjamin, Perspektive und methodische Zugriffsweise der Historiographie der Besiegten zu umreißen. Auch diese soll an eine sich in einem besonderen Augenblick eröffnende ‘Chance‘ gebunden sein; der benjaminsche Historiker muss ‘das Zeichen einer messianischen Stillstellung des Geschehens‘ erkennen. (…) In der sog. These B aus den The­sen Über den Begriff der Geschichte gebrauchte er dafür das dem Judentum ent­lehnte Bild, jede Gegenwart sei ‘die kleine Pforte, durch die der Messias eintreten konnte‘, um seine Ansicht zu unterstreichen, dass in jedem Augenblick ein grund­legender Wandel der Verhältnisse eintreten könne.“

Koselleck verweist dagegen auf die Dimension der Kontingenz: Während die ‘Sieger‘ zu teleologisch ausgerichteten Meistererzählungen neigten („Es kam am Ende notwendig so, wie es im Entwicklungsprozeß angelegt war.“), haben Besiegte die authentische und „nicht austauschbare Urerfahrung aller Geschichten gemacht, daß sie anders zu verlaufen pflegen als von den Betroffenen intendiert“. Das schärft den Sinn für komplexe Ursachenanalysen.

Bleibt der Historiker selbst. Er kann unter günstigen Umständen eine dritte, unabhängige Position einnehmen. Etwa wie Thukydides Niederlage und Verdrängung zu erleben, aber doch materielle und politische Unabhängigkeit zu besitzen – und dazu die Kraft der überzeugenden Rede, der zugehört wird. Oder wie Tacitus sozial zu den Siegern gehören, ohne sich und anderen jedoch über die Voraussetzungen und Kosten der neuen Verhältnisse Sand in die Augen zu streuen. Nebelin schließt (ziemlich optimistisch): „Letztlich ist Tacitus‘ Werk durchzogen von einer Kritik der zeitgenössischen Machtverhältnisse, an denen er selbst teilhatte, denen in bestimmten Punkten zu widersprechen jedoch die eigene Teilhabe zu gefährden bedeuten konnte. Tacitus‘ Lavieren belegt ebenso wie seine klaren Stellungnahmen in Bereichen fern der Tagespolitik, dass es Historikern offensichtlich nicht in erster Linie um Macht, sondern um Wahrheit und um Ästhetik geht. Erst über lange Sicht mögen diese beiden Eigenschaften einer historischen Erzählung wiederum jene Kraft zu ver­leihen, der auch die vormals Mächtigen nichts entgegenzusetzen haben; erst dann kann vielleicht sogar ein Thukydides-Faktor gegenüber einem Brennus-Faktor nachhaltig Wirkung entfalten. In dem Versuch, historiographisch zwischen diesen beiden perspektivischen wie erzählerischen Einflusspolen zu vermitteln, besteht die kritische Funktion der Geschichtswissenschaft, ihre gesellschaftliche Aufga­be, die sie nicht preisgeben darf, deren Einforderung aber gerade eine moderne demokratische Gesellschaft ihrerseits ebenso wenig aufgegeben darf wie die Er­möglichung ihrer Einlösung.“

 

Michael Meißner, Katarina Nebelin, Marian Nebelin (Hgg.), Eliten nach dem Machtverlust? Fallstudien zu Transformationen von Eliten in Krisenzeiten (= Impulse. Studien zu Geschichte, Politik und Gesellschaft, Bd. 3). Wissenschaftlicher Verlag, Berlin 2012, 323 S., kart., € 39,-

Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte (= Werke und Nachlaß. Kritische Gesamtausgabe, Bd. 19). Herausgegeben von Gérard Raulet. Berlin 2010.


13 Lesermeinungen

  1. Die Antwort eines...
    Die Antwort eines Marxisten
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    Da hier gegen Marxisten polemisiert, dabei sich auf keinen einzigen eingelassen wird – Koselleck war ganz sicher kein Marxist, trotz gewisser Titel in seiner Themenauswahl – und dabei behauptet wird, dass Marxisten sich nicht als „Verlierer fühlten“, hier ein Statement, seitens e i n e s „Marxisten“:
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    Ich persönlich fühle den Verlust in gleich vielerlei Hinsicht, ohne mich allerdings mit den diversen marxistischen Strömungen zu sehr zu identifizieren. Geschichte wird von Menschen gemacht, und diese Geschichte ist es dann, welche die Menschen macht, welche die weitere Geschichte wiederum machen. Auch der Marxismus ist in Theorie und Praxis Teil hiervon. Das heißt: So sehr er auch die Geschichte zu prägen suchte und weiterhin sucht, letztlich bleibt dieser der Sieg. In diesem Sinne gehört der Marxismus – wie eben jede Theorie – immer zu den Verlierern.
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    Doch das ist dem Marxisten, als dialektischen und historischen Materialisten, kein wahrer Verlust, sondern erhoffte Bestätigung. Lautet doch dessen Hauptthese gegen jede Form idealistischen Denkens: Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein.
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    Verloren haben all diejenigen, die glaubten, den Marxismus selber über diese These erhaben zu machen. Also deren gesellschaftliches Bewusstsein sich nicht auf der Höhe eben jenes marxistischen Diktums befand. Und es glaubten dies nicht wenige. Der Niedergang der kommunistischen Weltbewegung ist somit ein notwendiger gewesen.
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    Da der Marxismus aber eine Wissenschaft ist, bleibt es – den Marxisten – unbenommen, solche Irrtümer zu überwinden und den Marxismus entsprechend weiter zu entwickeln, die notwendigen Lehren daraus zu ziehen und verbesserte Antworten zu geben. Dabei wäre zunächst danach zu fragen, wie es zukünftig zu vermeiden geht, dass der Marxismus selber zu einer idealistischen Doktrin verkommt?
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    Doch solange es Klassen und Klassenkampf gibt, ist eine revolutionäre Theorie – revolutionär ist nur die Theorie, die sich selber ständig zu erneuern versteht – nicht tot zu kriegen. Der Kapitalismus selber, schafft nämlich täglich neu die Voraussetzungen dafür.
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    In diesem Sinne ist der Marxismus also nicht besiegt, nicht zu besiegen. Es sei denn, die herrschende Klasse träte freiwillig ab. Wovon wir einstweilen aber nicht überzeugt sein sollten.
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    Mein ganz persönliches Wirken, hier und anderswo, legt diesbezüglich hoffentlich nicht nur ein beredtes sondern belegtes Zeugnis ab.

  2. @DerMersch:
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    Manchmal muss...

    @DerMersch:
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    Manchmal muss man aber schon fragen, ob ein Werk nicht ein Machwerk ist. Wenn es nur Kompilation ohne Originalität ist, wenn es verschraubte Ideen noch ein wenig höher schraubt, wenn es eine Erwartungshaltung bedient statt eigene Standpunkte zu entwickeln, wenn es nicht ins Offene denkt usw. usf., dann ist es eben ein Machwerk. Zugegeben: Wenn man den Maßstab zu eng fasst, dann gibt es viel mehr Machwerke als Werke. Auf allen Seiten.
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    Die Enttäuschung über Bush sen. teile ich nicht. Er war ja bereits am Ende seiner Amtszeit und wurde durch Bill Clinton ersetzt. Bush hat immerhin noch versucht, Deutschland in eine neue Weltverantwortung einzubinden („partners in leadership“), worin die Deutschen (noch unter Kohl übrigens) prompt versagt und die USA maßlos enttäuscht haben. Der eigentliche Versager ist nicht Bush sen. sondern natürlich Bill Clinton. Der hat den Veränderungsschub durch den Zusammenbruch des Sowjetkommunismus nicht genutzt und ganze zwei Amtszeiten lang alles laufen lassen wie es läuft, ohne gestalterisches Eingreifen, und wenn doch, dann viel zu spät oder viel zu zaghaft. Obama macht gerade dieselben Fehler. Bill Clinton war kein erfolgreicher Präsident, sondern nur der Präsident der „goldenen 90er“.
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    @Devin08:
    q.e.d.

  3. @ thorwald franke:
    Die...

    @ thorwald franke:
    Die Siegermächte USA, Britannien und Frankreich halten sich bis heute für allein verantwortlich für die Sicherheit Europas; vgl. die bei uns zu wenig bekannte Londoner Grundsatzrede Obamas (noch im Internet: einfach „Obama Westminster Hall“ googeln).

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