Akte Asien

Akte Asien

In der Welt der Wirtschaft verlagert sich das Gewicht nach Asien. Dreht sie sich deshalb schneller und runder, diese Welt? Oder gerät sie in Unwucht?

Asiens Süden will vor allem sich selber retten

Asien soll erneut die Welt in der Wirtschaftskrise retten. Der Süden der Region wächst zwar stark. Doch muss er seine Kraft nutzen, um die Armut zu besiegen. Für die Rettung des Westens fehlt ihm die Stärke.

So sieht Selbstbewusstsein aus: Indiens Finanzminister Pranab Mukherjee sagte angesichts der Finanzkrise gerade, sein Land können von der Krise im Westen profitieren. „Wenn Indien weiterhin wächst und an wirtschaftlicher Stärke gewinnt, könnten wir eine Quelle der Stabilität für die Weltwirtschaft sein und einen sicheren Hafen für das ruhelos wandernde Geld bieten.“ Zuvor hatte die indonesische Handelsministerin Mari Pangestu westlichen Unternehmern und Politikern angeboten, ihnen bei der Bewältigung der Krise beizustehen: „Wir bieten Europa gerne Rezepte und Ideen an, wie es mit der Krise fertig werden kann. Denn wir haben schon manche erfolgreich gemeistert“, sagte sie mit Blick auf die Asienkrise 1997. Manche glauben sogar, die Krise in Europa spiele Asien in die Hände: „Sie erhöht die Aufmerksamkeit für unsere Region, denn die ist inzwischen der gut geölte Motor der Welt“, sagt Surin Pitsuwan, Generalsekretär der Vereinigung der südostasiatischen Staaten (Asean) im Gespräch mit der F.A.Z

Aber ist dieser Motor wirklich gut geölt, überholt und ein Dauerläufer? Sind die Länder des Südens Asiens wirklich so gut aufgestellt, wie ihre Regierungen und Zentralbanken suggerieren? Der Blick auf die Zahlen zumindest deutet darauf hin: Asiens drittgrößte Volkswirtschaft Indien wuchs im vergangenen Fiskaljahr (31. März) um 8,5 Prozent. Seit 2005 legte sie durchschnittlich 8,6 Prozent zu. Südostasien folgt, gemessen an der Wachstumsgeschwindigkeit, an dritter Stelle nach China und Indien mit gut 6 Prozent. Nicht nur aufgrund der Zahl seiner rund 2 Milliarden Einwohner ist der Süden Asiens zwischen Pakistan auf der einen, dem Ostzipfel Indonesiens auf der anderen Seite ein Hoffnungsträger: Hier könnte ein ähnliches Wirtschaftswunder heranwachsen, wie in China. Allerdings, so hoffe die Mensche hier: Die Fundamente könnten fester sein als im kommunistischen China mit seiner Parteidiktatur. Denn bestimmt wird der Süden von weit demokratischeren Systemen, in denen das Volk Mitsprache hat. Was auch westliche Manager oft als Nachteil Südasiens im Vergleich zu China empfinden, begreifen seine Einwohner als klaren Vorteil.

Fortgeschrieben werden darf die Vergangenheit freilich nicht. Denn auch im prosperierenden Süden Asiens lauern immense Risiken. Trotz aller Bemühungen, den Handel untereinander weiter auszubauen und auf eigenen Füßen zu stehen, bleibt Asien abhängig vom Export in den Westen und nach Nordasien. Erkannt haben dieses Risiko die Südostasiaten zumindest, denn sie streben bis 2015 eine Handelsunion an. In deren Umsetzung aber bleiben sie immer weiter hinter den selbst gesteckten Zielen zurück. Zumindest aber haben die Staaten mit der Chiang-Mai-Initiative einen Asiatischen Währungsfonds gegründet.

Zweifelhaft freilich bleibt, ob China der Region im Fall einer erneuten drastischen Abkühlung erneut mit starker Nachfrage beispringen könnte. Auch fehlt es den Länder im Falle einer Kreditklemme an ausreichenden Finanzierungssystemen für ihre Unternehmen – Bonds sind trotz aller Initiativen, den Anleihenmarkt zu stärken, in Südostasien kaum entwickelt.

Unterdessen strömt immer mehr Kapital in die Region. Neben den Investitionen ist es derzeit vor allem „heißes Geld“, das höhere Renditen sucht. Denn in Asien steigen die Aktienkurse, wenn die Wirtschaft wächst, die Zinsen ziehen an, um die grassierende Inflation zu bremsen und der Außenwert der Währungen legt zu. Das Geld aus dem Westen aber kann zum einen über Nacht auch wieder abgezogen werden, zum anderen treibt der Zustrom die Teuerungsrate noch weiter nach oben.

Das bekommen besonders die Armen Asiens zu spüren. Die Region ist der Teil der Welt, in dem inzwischen die meisten Menschen der Welt unterhalb der Armutsgrenze leben. Natürlich gibt es die leuchtenden Zentren der Region – den Finanzplatz Singapur, die entwickelten Innenstädte von Bangkok oder Kuala Lumpur, die Südspitze von Mumbai (Bombay). Doch fristen heute noch 800 Millionen oder drei Viertel der Inder ihr Leben mit weniger als 1,50 Euro täglich. In Indonesien liegt die Zahl der Bedürftigen bei 120 Millionen oder der Hälfte der Bevölkerung, in Ländern wie Laos, Kambodscha oder Bangladesch sind es praktisch alle Einwohner. Sie bleiben immer weiter hinter der neuen Mittelschicht und den Reichen zurück. Armut ist zäh: Auf den ersten Blick ist die Armut in Asien dramatisch abgebaut worden – auf den zweiten Blick hingegen haben die ärmsten Länder die geringsten Fortschritte gemacht. Die Wirtschafts- und Sozialkommission der Vereinten Nationen (Unescap) berichtet, dass der Anteil der Bevölkerung der ärmsten Länder Asien-Pazifiks an der Weltbevölkerung in den 40 Jahren seit 1970 von 3,2 auf 3,9 Prozent gestiegen sei. Der Anteil dieser Länder an der Wirtschaftsleistung der Welt aber schrumpfte von 0,43 auf 0,25 Prozent.  So ist zum Beispiel im Luxusstaat Singapur das Einkommen des obersten Zehntels der Bevölkerung seit dem Jahr 2000 um 58 Prozent gestiegen. Dasjenige des Durchschnittsbürgers legte um 49 Prozent zu, ermittelte die Staatsbank DBS. Dass Einkommen des untersten Zehntels der Singapurer aber hat in all den Jahren nur 10 Prozent zugelegt.

Retten also wird der Süden Asiens allenfalls sich selber. Dies könnte solange funktionieren, wie der heimische Konsum ausgeprägt bleibt. Dazu muss die Inflationsrate im Zaum gehalten werden, müssen Löhne und Gehälter wachsen, müssen die Menschen an ihre Zukunft glauben. Kraft, den Westen zu retten, bleibt da nicht.

Christoph Hein