Akte Asien

Akte Asien

In der Welt der Wirtschaft verlagert sich das Gewicht nach Asien. Dreht sie sich deshalb schneller und runder, diese Welt? Oder gerät sie in Unwucht?

Mondfest im Hochsteuerland China

In China wird jetzt wieder das Mittherbstfest gefeiert. Dazu beschenkt man sich traditionell mit Mondkuchen aus Lotussamenpaste und Enteneidotter. Wer das süße Gebäck vom Arbeitgeber bekommt, dem könnten es sauer aufstoßen: Als geldwerter Vorteil muss es versteuert werden. China gilt zwar als günstiger Standort, ist aber ein Hochsteuerland.

In China wird jetzt wieder das Mittherbstfest gefeiert, das „Zhongqiujie“. Dann dreht sich alles um den Mond, der den traditionellen Kalender bestimmt. Früher brachte der Kaiser im Herbst dem Mond Opfer dar, im Frühling der Sonne. Heute, wo es schon lange keinen Kaiser mehr gibt, ist das Mondfest ein willkommener Feiertag am 15. Tag des 8. Mondmonats.

In dieser Zeit beschenkt man sich mit Mondküchlein, einem hochkalorischen, zumeist bösartig süßen Fettgebäck. In seiner angestammten Form enthält der dicke runde Keks eine Füllung aus Lotussamenpaste sowie ein Eidotter – im Original von der Ente -, das den Mond symbolisieren soll.

Wie teure Schnäpse oder Zigarettenstangen sind viele Mondkuchen gar nicht zum Konsumieren gedacht, sondern dienen dem Ausdruck von Wertschätzung. Als eine Art Beliebtheitswährung werden sie Geschäftspartnern, Kunden oder verdienten Mitarbeitern überreicht – die sie gern an den nächsten in der sprichwörtlichen Nahrungskette weitergeben.

Das schadet nicht, solange die Steuer davon keinen Wind bekommt. In Peking aber trüben derzeit Zeitungsmeldungen die Feierlaune, wonach Mondkuchen wie jede andere Zuwendung versteuert werden müssen, als geldwerter Vorteil gewissermaßen. Zitiert wird etwa der Mitarbeiter eines IT-Unternehmens, dessen Arbeitgeber ihm einen Präsentkarton im Wert von 300 Yuan (etwa 34 Euro) zudachte. Da der Betrieb diese Ausgaben dem Fiskus meldete – wohl, um sie abzusetzen -, flatterte dem Beschenkten eine Zahlungsaufforderung des Finanzamts über 60 Yuan ins Haus.

Die Sache hat, anders als die süßen Mondkuchen, einen bitteren Kern, weil sie zeigt, dass China eigentlich ein Hochsteuerland ist. Wer ehrlich ist, egal ob als Einkommen- oder Körperschaftsteuerpflichtiger, sieht sich Belastungen gegenüber, die das Niveau mancher Industrieländer längst erreicht, wenn nicht überstiegen haben.

Das gilt auch für die Sozialabgaben. Eine bessere Sekretärin in Peking, die 6500 Yuan (740 Euro) ausgezahlt bekommt, kostet den Arbeitgeber für die Renten- und Krankenversicherung weitere 3000 Yuan. Natürlich sind die Arbeitskosten in China im Vergleich zu den entwickelten Ländern noch immer gering. Aber sie liegen – produktivitätsbereinigt – deutlich über denen in anderen Schwellenländern. Außerdem steigen sie stark: Jährliche Lohnerhöhungen um nominal 20 Prozent sind in der Industrie keine Seltenheit, jedenfalls für ausländische Arbeitgeber.

Trotzdem steigt der Konsum in den Augen der Regierung zu zaghaft. Das wird mit der hohen Inflation von mehr als 6 Prozent in Verbindung gebracht, aber auch mit der hohen Steuer- und Abgabenlast. Hinzu kommt: Obgleich die Städter in so manche Kasse einzahlen, trauen sie dem Frieden nicht und sorgen selbst für die Zukunft vor. Die private Sparquote gilt als eine der höchsten der Welt.

Diese Vorsicht hintertreibt die Absicht der Herrschenden, dem Land in den kommenden fünf Jahren einen grundlegenden Strukturwandel zu bescheren. Das Wirtschaftswachstum soll sich nicht länger auf Anlageinvestitionen und den Massenexport billiger Güter stützen, sondern auf den Binnenkonsum, auf Dienstleistungen und höherwertige Industrien.

Es ist bemerkenswert für einen autoritären Staat, der weder Demokratie noch Rechtsstaatlichkeit kennt, dass es das Volk vor kurzem aus eigener Kraft fertiggebracht hat, seine Kaufkraft zu steigern. Jedenfalls in begrenztem Rahmen: Zum 1. September ist der Freibetrag im monatlichen Einkommen, für den keine Steuern anfallen, von 2000 auf 3500 Yuan (400 Euro) gestiegen. Ursprünglich hatte der Gesetzgeber nur eine Anhebung auf 3000 Yuan vorgesehen. Doch der Widerstand der Niedrigverdienenden fiel so stark aus, dass die Schwelle erhöht werden musste.

Unserem Freund, dem IT-Spezialisten, dürfte dennoch sein Mondkuchen im Hals steckenbleiben. Denn für Personen mit mittleren und höheren Einkommen haben sich die Belastungen eher verschärft. In seiner Steuerklasse, so erfuhr er jetzt, muss er künftig für den gleichen Geschenkkarton 75 statt 60 Yuan Steuern entrichten.