Akte Asien

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In der Welt der Wirtschaft verlagert sich das Gewicht nach Asien. Dreht sie sich deshalb schneller und runder, diese Welt? Oder gerät sie in Unwucht?

Franz Müntefering, Konfuzius und der Aufstieg Südkoreas

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  „Wir können nur um so viel teurer sein als andere, wie wir besser sind." Das sagte Franz Müntefering, damals Arbeitsminister der Großen...

 

„Wir können nur um so viel teurer sein als andere, wie wir besser sind.“ Das sagte Franz Müntefering, damals Arbeitsminister der Großen Koalition, auf einem Kongress 2007 in Berlin. In Deutschland verhallte sein Ruf so gut wie ungehört. Doch auf der anderen Seite des Erdballs demonstrieren die Südkoreaner, wie richtig dieser Satz des früheren SPD-Vorsitzenden ist. Ökonomen wissen es schon lange: Gut ausgebildete Menschen treiben Innovationen und technischen Fortschritt voran. Bildungstests zeigen eindeutig, dass es einen Zusammenhang zwischen Bildung und den Wachstumsraten des Bruttosozialprodukts gibt. Bildung, Bildung. Bildung; wer mit Eltern in Südkorea spricht, weiß wie wichtig in dem ostasiatischen Land auch arme Familien eine gute Ausbildung ihrer Kinder nehmen. Moon Jung Hyun aus der Hauptstadt Seoul zum Beispiel. „Hat sich der ganze Aufwand gelohnt?“ fragt sie sich manchmal. Privatunterricht in Mathematik, Englisch, aber auch in Kunst und Musik seit der Grundschulzeit. Vom ersten Schultag an hat die heute 23 Jahre alte Studentin nach der Schule privaten Unterricht gehabt. „Aber es hat sich gelohnt“, sagt die selbstbewusste junge Frau. Sie hat einen interessanten Arbeitsplatz und verdient gut. Wie früher Moon gehen die Kinder und Jugendlichen aus vielen Familien fast täglich in eine der Hagwons, wie die privaten Bildungseinrichtungen genannt werden. Die Eltern wollen ihren Kindern auf diesem Weg bessere Chancen geben. Laut Schulbehörden gibt es allein in der Hauptstadt Seoul 29977 dieser Hagwons. Und das sind nur die offiziell registrierten Nachhilfeschulen dieser Art.

 

Wissenschaftler sprechen schon vom südkoreanischen „Bildungsfieber“. Franz Müntefering würde sich bei einem Besuch in dem ostasiatischen Land sicher ein bisschen mehr von diesem Bildungsfieber in Deutschland wünschen. Die Zeiten sind vorbei, in denen zum Beispiel Automobilunternehmen wie Hyundai einem Konzern wie Volkswagen nur über den Preis Konkurrenz machten. Der technische Vorsprung der Europäer schmilzt. Deutlicher als in der Bildungspolitik lässt sich der Unterschied zwischen dem satten Deutschland, in dem der überwiegende Teil der Eltern, die von Sozialhilfe leben, sogar Bildungsgutscheine des Staates für ihre Kinder schlicht ignoriert, und dem aufstrebenden Südkorea nicht zeigen. Die Erfolge des asiatischen Weges sind dabei nicht zu übersehen: In den Pisa-Tests belegen Südkoreaner stets die vorderen Plätze. Die Wirtschaft meldet Wachstumsraten, von denen europäischen Länder nur träumen können. Bildung, auch private Bildung, ist in Südkorea – anders als in Deutschland – nicht nur das Privileg der Ober- und der akademischen Mittelschicht, sondern ein Phänomen, das die gesamte Gesellschaft erfasst. „Wenn wir im Wettbewerb bestehen wollen, müssen wir besser sein als andere“, selbst ein alter Taxifahrer in Seoul hat diese Münteferingsche Wahrheit in Südkorea so tief in sich aufgenommen, dass er sie dem Fahrgast im Gespräch ungefragt mitteilt.

 

Während in Deutschland immer lauter nach dem Staat gerufen wird, nehmen südkoreanischen Familien, auch der Unterschichten, den Bildungserfolg ihrer Kinder selbst in die Hand. Die öffentlichen Bildungsausgaben des Landes liegen deutlich unter den 4,1 Prozent, die im OECD-Durchschnitt aufgewendet werden. Es ist das Engagement der Eltern, dass den Kindern ihre Bildung, ihren sozialen Aufstieg und damit auch der Wirtschaft ihren Erfolg sichert. Das private Engagement mitgerechnet gibt Südkorea 6,8 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus, mehr als jedes andere OECD-Mitgliedsland. Bildung sei in dem rohstoffarmen Land unabdingbar, wenn die Kinder einen sozialen Status in der Gesellschaft bekommen sollen, meinen die meisten südkoreanischen Eltern.

 

Das hat natürlich weniger mit dem Deutschen Franz Müntefering zu tun, auch wenn dessen These in Seoul oft zu hören ist, als mit Konfuzius. Bildung ist im Konfuzianismus ein hoher Wert. Diese konfuzianische Ideologie mit ihrer Betonung der Bildung und der Familie habe dazu geführt, dass viele Eltern ihr ganzes Leben dem Erfolg ihrer Eltern verschrieben, berichtet Sook Jung Hong. Sook unterrichtet selbst an privaten Schulen Englisch. 34000 Won verdient sie in der Stunde. Das sind etwa 22 Euro, für eine Berufsanfängerin ist das kein schlechter Stundenlohn. Viele Eltern investierten das Geld in privaten Unterricht – im Schnitt sind es 280000 Won im Monat -, damit die Kinder eine Ausbildung an einer der angesehenen Bildungseinrichtungen des Landes schaffen, die für ihre Zukunft ein gutes Einkommen und soziales Prestige versprechen, sagt Sook.

 

Der Druck, der dabei auf den Kindern und Jugendlichen lastet, ist groß. Selbst Grundschüler müssen oft bis spät in den Abend hinein an privaten Schulen weiterbüffeln. Manchmal sieht man die Kinder um zehn Uhr abends an der Bushaltestelle stehen, endlich auf dem Weg nach Hause. Kinder hätten eben zu gehorchen, weil es in der konfuzianischen Tradition schwer sei, den Eltern zu widersprechen, sagt Moon. Und doch, meint sie, habe sich der Druck der Eltern für sie gelohnt. Die Erfolgsgeschichte der Bildung in Südkorea hat aber auch ihren Preis. Junge koreanische Familien bekommen wegen der hohen Ausbildungskosten immer weniger Kinder. Fragt man junge Menschen in Seoul, dann wünschen sie sich zwar oft ein zweites Kind, scheuen aber die Bildungsausgaben, zu denen sie sich verpflichtet fühlen. Und noch eine Schattenseite hat das südkoreanische System. Konfuzius misst der Autorität des Lehrers hohe Bedeutung bei. Drill und Auswendiglernen ist die Devise. Jugendliche mit neuen Ideen haben es oft schwer.


1 Lesermeinung

  1. Ich wäre vorsichtig damit,...
    Ich wäre vorsichtig damit, den beschriebenen Unterschied in den Mentalitäten allein aus dem Konfuzianismus heraus erklären zu wollen.
    (Den früheren Fleiß der Deutschen hat man auch aus der protestantischen Ethik heraus erklären wollen… und trotz protestantischer Ethik, die doch sehr bildungsfreundlich ist, haben wir die beschriebenen Probleme.)
    Ich vermute, dass es sehr viel mannigfaltigere Ursachen für diese Unterschiede gibt. Das auf den Konfuzianismus reduzieren zu wollen erscheint mir kulturalistisch.
    Im übrigens besteht Südkoreas Bevölkerung zwar zu einem großen Teil aus Seoulern, aber mindestens die Hälfte der Menschen lebt außerhalb dieses Ballungsraumes. Wer über „die Südkoreaner“ schreiben möchte, sollte seine Recherchen nicht nur auf Seoul beschränken.
    (Niemand wird bestreiten können, dass es kulturelle Unterschiede und Mentalitäts-Unterschiede zwischen Metropole und Provinz, Hauptstadt und Kleinstadt gibt, die mitunter gravierend sein können. Zumindest die Unterschiede zwischen meiner Thüringischen Heimat und meinem Wohnort Berlin spüre ich beinahe täglich.)

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