Akte Asien

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In der Welt der Wirtschaft verlagert sich das Gewicht nach Asien. Dreht sie sich deshalb schneller und runder, diese Welt? Oder gerät sie in Unwucht?

Yue Yue ist überall: Viele Chinesen gehen an Schwerverletzten einfach vorbei. Erfahrungsbericht von einer Schlägerei

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Der Fall der kleinen Yue Yue aus Kanton erschüttert China. Die Zweijährige starb im Krankenhaus, nachdem sie von zwei Lastern überfahren worden war. Überwachungskameras zeigen, dass 18 Fußgänger den Unfallort passierten, ohne zu helfen. Etwas Ähnliches haben wir in Peking erlebt, als dort ein Mann an einer Einkaufsstraße blutig geprügelt wurde.

Es sieht nur so aus wie ein Unfall. Ein Bus steht auf einer vielbefahrenen Straße in Peking, davor kauert ein Mann und schreit. Die Fußgängerampel wechselt auf grün, ein Strom geschäftiger Menschen flutet über die sechsspurige Fahrbahn. Direkt vor der Person am Boden, interessiert, aber ohne sich zu kümmern. Sie verfolgen, was wir aus der Ferne noch nicht sehen. Vier Männer umringen den Hockenden, treten und schlagen auf ihn ein. Einer schwingt eine Holzstange. Kein Unfall, eine Schlägerei!

Der Mann am Boden schützt seinen Kopf mit einem Arm, mit dem anderen fuchtelt er in der Luft herum. Der Busfahrer und einige Insassen drücken sich an die Frontscheibe, um das Spektakel direkt vor sich besser verfolgen zu können. Niemand steigt aus, niemand hilft. Die Ampel springt um, die Autos neben dem Bus fahren an. Die Männer schlagen, ihr Opfer brüllt.

Wir rufen vom Straßenrand: Aufhören! Haut ab! In allen möglichen Sprachen. Die Antwort ist eine drohende Faust. Der Verkehr ist dicht, trotzdem gelingt es, sich durch die hupenden Autos hindurchzuarbeiten. Der Bus blockiert weiter eine Spur, der Fahrer hat nicht einmal das Warnblinklicht angeschaltet.

Die Schläger lassen ab. Nicht, weil der herannahende Ausländer sie einschüchtert, sondern weil sich der Mann unter ihren Stiefeln nicht mehr rührt. Einer spuckt auf den Boden, die Meute zieht ab. Der Bus hupt die reglose Gestalt an.

Der Ohnmächtige ist schwer. Er blutet aus dem Kopf. Eine Hand umgreift ihn vor der Brust, die andere versucht den Verkehr anzuhalten, um den Verletzten bis zum Bürgersteig zu schleifen. Unsere Begleitung am Straßenrand hat versucht, Unterstützung zu mobilisieren, Passanten, Parkwächter, Angestellte und Kunden in den vollen Geschäften und Straßencafés. Alle winken ab. Auch Polizei und Krankenwagen wollen sie nicht rufen. Viele haben plötzlich kein Mobiltelefon – in einem Land mit mehr als 900 Millionen Anschlüssen.

Am Gehsteig angekommen, eilen endlich zwei junge Frauen zur Hilfe, amerikanische Studentinnen. Dann ein chinesisches Paar auf Reisen, aus Hongkong. Sie wählen den Notruf. Der Malträtierte kommt zu sich. Er riecht nach Alkohol, redet wirr, ist aber ansprechbar. Nach kurzer Zeit rappelt er sich auf, nimmt ein Taschentuch an und drückt es auf die Platzwunde. Er will keinen Arzt sehen und auch die Polizei nicht. Wer ihn verprügelt hat und warum, lässt sich ihm nicht entlocken. „Lasst mich in Ruhe!“ murmelt er und humpelt davon. Wer ihn aufhalten oder stützen will, wird weggestoßen.

Der geschilderte Vorfall spielte sich um halb acht Uhr abends ab, an einem Wochentag mitten im Sanlitun-Viertel, einem der beliebtesten Quartiere zum Einkaufen und Ausgehen in Peking. Die Deutsche Botschaft liegt nicht weit entfernt. Zivilcourage ist auch in der Heimat nicht weit verbreitet, wie die ungestörten Pöbeleien und Angriffe in deutschen öffentlichen Verkehrsmitteln zeigen. Aber würden im Westen die Menschen auch dann noch abseits stehen und den Verletzten allein zurücklassen, wenn die Täter sich verzogen haben? Möglicherweise schon.

Wer Chinesen davon berichtet, erntet jedenfalls Erstaunen – darüber, dass man eingegriffen hat. Die Rowdys könnten doch gedungene Schergen gewesen sein, heißt es, der Mafia oder noch mächtigerer Gruppen. Die zu verprellen, sei gefährlich. Andere warnen vor dem Risiko, sich am Blut des Opfers anzustecken, wieder andere machen auf die Scherereien mit Sicherheits- und Rettungskräften aufmerksam. Wer einen Unbekannten ins Krankenhaus bringe, müsse im Zweifelsfall die Behandlungskosten bezahlen.

Solche Bedenken erklären vielleicht auch die Zurückhaltung im schrecklichen Falle der kleinen Yue Yue aus Foshan in der südchinesischen Provinz Guangdong (Kanton). Das zweijährige Mädchen ist jetzt im Krankenhaus gestorben, nachdem es von einem Kleinlaster und einem Transporter überfahren worden war. Überwachungskameras zeigen, dass 18 Fußgänger an dem schwer verletzten Kind vorbeigingen, ohne sich zu kümmern. Erst eine Müllsammlerin habe das Mädchen von der Straße geholt, berichten chinesische Medien.

In China hat der Vorfall eine Debatte darüber ausgelöst, dass die Menschen in ihrem Streben nach Wohlstand im Wirtschaftswunderland China abgestumpft und egoistisch geworden seien und alte Werte wie Mitleid und Hilfsbereitschaft ignorieren. Aber vielleicht haben sie einfach nur Angst. Wie in so vielen anderen Ländern auch.


4 Lesermeinungen

  1. Den Ausdruck „Schlägerei“...
    Den Ausdruck „Schlägerei“ finde ich in diesem Zusammenhang sehr unpassend. Eine Schlägerei ist doch wohl was anderes, als wenn jemand Wehrloses (und dann auch noch von mehreren Angreifern!) unter Zuhilfenahme von einem Knüppel (!) zusammengeschlagen und –getreten wird. Da spricht man üblicherweise von tätlichem Angriff oder versuchtem Totschlag oder ähnlichem.
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    Vor kurzem hatte die FAZ auch über eine „Schießerei“ berichtet – wobei der Ausdruck ebenso skandalös falsch gewählt war: Ein abgewiesener Verehrer oder Ex-Ehemann hatte in ein Auto geschossen, in dem seine ehemalige Frau/Freundin sowie deren Schwester und Mutter saßen. Zwei Frauen starben, eine war schwer verletzt.
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    Eine „Schießerei“ findet üblicherweise unter Cowboys im Wilden Westen oder unter Mafiosi statt, eine „Schlägerei“ wohl am ehesten in einer Kneipe oder einem – wo wir einmal dabei sind – Saloon.
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  2. Leider musste ich in Malaysia...
    Leider musste ich in Malaysia in einem chinesischen Strassenlokal die gleiche Erfahrung machen. Eine chinesische Gang verfolgte mit Baseballschlägern einen flüchtenden Mann. Dieser stürzte zwischen den Tischen des Lokals und wurde mit voller Wucht zusammengeschlagen. Niemand machte Anstalten zu helfen oder Hilfe zu holen. Erst als wir Europäer einschritten, liessen die Schläger vom Opfer ab. Kein chinesischer Gast schien empört oder eingeschüchtert. Völlig gleichgültig wurde weitergegessen. Diese Teilnahmslosigkeit hat uns sehr überrascht.

  3. Ich habe selbst in China...
    Ich habe selbst in China studiert und genau das erlebt. Ist bedingt durch die Kultur: der Einzelne zählt nichts, das Kollektiv ist alles. Außerdem gibt es in CN genau das, was wir hier nicht haben: Menschen in unglaublicher Zahl. Kein Wunder, dass man sich wegen einem kleinen Mädchen oder einem Betrunkenen nicht bemüht – gibt ja genug davon. Da sieht man mal, was die sozialistische Gesellschaft aus den Menschen macht – schlimmere Tiere als im „bösen“ Kapitalismus.
    *hb

  4. Sonst haben Ihre...
    Sonst haben Ihre Korrespondenten recht wenig aus dem Alltag Chinas zu berichten. Ihr sicher gut beobachteter, aber wohl gezielter Bericht sorgt hier für das China-Bild, das wir wohl lernen sollen, chinesische Studenten mir so nicht schildern. Steigerungen liefert in Abständen Ihr Till Fähnders (siehe FAZ 19.10.11, S. 7), der studierte Sinologe und Mitglied Ihrer Redaktion. Der Arme muß als Berufs-Unke in Beijing aushalten. Er ärgert mich immer mehr.

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