Akte Asien

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In der Welt der Wirtschaft verlagert sich das Gewicht nach Asien. Dreht sie sich deshalb schneller und runder, diese Welt? Oder gerät sie in Unwucht?

Männersport und Mädchenleid – die Lügen der Formel-1 in Indien

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Das erste Rennen der Formel-1 in Indien war ein Erfolg - eine Mischung aus Bunga-Bunga-Kapitalismus an der Boxengasse, gutem Sport und überschäumendem indischem Selbstbewusstsein einer kleinen Elite. Die Lebenswirklichkeit der ganz überwiegenden Mehrheit der Inder hatte im Buddh Race Circuit keinen Platz. Sie ist besonders für Mädchen und Frauen hart. Nicht Minirock und Designersonnenbrille, sondern Hacke, Schaufel und für manche ein Vorname, der „Unerwünscht“ heißt, kennzeichnen sie. Von Indienbild, dass die Formel-1 verbreitete, führte in die Irre.

Von Christoph Hein

Sie schleppen Steine. Sie arbeiten in Fabriken. Sie sind von ihren Eltern ungeliebt, sie werden missbraucht – Mädchen und Frauen haben in Indien einen schweren Stand. Denn sie kosten Geld, etwa für die Mitgift, ohne die sie nicht verheiratet werden. Das Formel-1-Rennen, die Vorfilme über ein buntes Indien mit Elefanten und Schlangenbeschwörern, sahen vergangenen Sonntag Millionen Zuschauer im Fernsehen. Das für Indien wichtigere Fest dieser Tage wurde von der westlichen Öffentlichkeit dagegen unbemerkt gefeiert, obwohl nicht weit von der Rennstrecke entfernt: 222 Mädchen wurden öffentlich umgetauft. Bislang lautete der Name, den ihre Eltern ihnen mit auf den Weg gaben, Nakusa oder Nakoshi – „die Unerwünschte”, „die Ungewollte”. Denn ein Mädchen will in Indien kaum eine Familie, da es nur Geld kostet und wenig bringt. Nun aber hatte sich der Bezirk entschieden, die Mädchen auf einen Namen ihres Wunsches umtaufen zu lassen, und diesen dann in der Zeitung bekannt zu machen. „An ihrer Vergangenheit können wir nichts mehr ändern. Wir wollen ihnen aber die Scham nehmen, Nakusa oder Nakoshi getauft worden zu sein, und ihnen so Wege in die Zukunft öffnen”, sagte Bhagwan Pawar, der zuständige Vertreter der Gesundheitsbehörde, der den Einfall zur Neutaufe hatte.

Doch auch wenn der Name stimmt, haben Indiens Mädchen unendliche Hürden zu nehmen. Zwar gibt es in der größten Demokratie der Erde mächtige Frauen in Politik und Wirtschaft, wie Parteichefin Sonia Gandhi, die Aktivistin Arundhati Roy oder Chanda Kochhar, die Spitzenbankerin von ICICI. Doch werden auf der anderen Seite weibliche Embryos abgetrieben, Ehefrauen angezündet, Frauen als Freiwild betrachtet, Mädchen von weiten Teilen der Gesellschaft, der Bildung und des Gesundheitswesens ausgegrenzt. Talente, die in einem weiblichen Körper daherkommen, werden in Indien zum ganz überwiegenden Teil nicht entwickelt. Der erschreckende Umgang mit Mädchen und Frauen, der allzu oft auf Sensationsmeldungen wie Witwenverbrennung, Prostitution oder Säureanschläge reduziert wird, betrifft ganz Südasien. Die niederländischen Politikerin Varina Tjon A. Ten hat in einer großen Studie auf die Gefährdung der „Millenium Goals” durch Tabuisierung der Menstruation in armen Gesellschaften hingewiesen. Die Diskriminierung von Frauen kostet allein die drittgrößte Wirtschaftsnation Asiens Milliarden.

Die Ausgrenzung ist nicht nur böser Wille, sondern eine brisante Mischung aus Machterhalt der Männer, Tradition, Religion, Unwissenheit und Armut. Mädchen, die nicht aufgeklärt sind und kein Geld haben, für ihre Monatshygiene zu sorgen, trauen sich mit dem Einsetzen ihrer Periode nicht mehr in die Schule. Sie bleiben für immer zu hause, arbeiten auf den Feldern. Schulen und Betriebe, die keine Toiletten besitzen, schrecken Mädchen stärker ab als Jungen – die meisten Schulen Indiens haben aber keine sanitären Einrichtungen. Eltern im „anderen Indien” betrachten Mädchen als „Problemkinder”, da sie für deren Keuschheit bis zur Ehe zu sorgen haben. Auch das „eve-teasing”, wie die sexuelle Belästigung von Mädchen beschönigend genannt wird, ist in ganz Südasien weit verbreitet. Richter in Bangladesch haben es Anfang des Jahres als Euphemismus enttarnt und zur harten Bestrafung aufgefordert. In der indischen Wirtschaftshauptstadt Mumbai (Bombay) haben Studentinnen des St. Andrew’s College eine Facebook-Seite „Freeze the tease” eröffnet, um sich gegen Belästigung zu wehren. Daraus wurde eine breite Bewegung.

Nicht zufällig kommt die indische Vodafone-Stiftung (in Zusammenarbeit mit der Stiftung der Vereinten Nationen) nun mit einem Vorschlag, gegenzusteuern: Das Mobiltelefon könnte Frauen helfen. Denn es ermöglicht ihnen, unbelauscht miteinander zu sprechen. Das nimmt nicht nur Hemmschwellen, sondern hilft schon deshalb, weil die Mehrheit der Analphabeten Indiens weiblich ist – was kein Wunder ist, wenn sie die Schule abbrechen müssen. Das Telefon aber schafft Zugang zu Informationsquellen. Und es kann von Regierungen und nicht Regierungs-Organisationen genutzt werden, um die Frauen anzusprechen.

„Frauen leiden unter tiefgreifender Ungleichheit und haben ganz eigene Bedürfnisse in Fragen der Gesundheit, der Bildung und der Wirtschaft. Sie werden derzeit nicht beachtet. Mobiltelefone bieten die größte Möglichkeit, diese Bedürfnisse zu adressieren”, heißt es in dem Bericht. Rund 300 Millionen Inderinnen besitzen schon ein Handy, bei Preisen um die 35 Dollar durchaus auch jene, die – nach westlichen Maßstäben – wenig Geld haben. Der Studie zufolge haben 40 Prozent der Handy-Nutzerinnen über ihr Telefon schon Jobangebote bekommen. 90 Prozent fühlen sich dank des Mobiltelefons sicherer.

Allerdings hat die Vodafone-Perspektive zwei Schwächen: Die ganz unten auf der Leiter, die „Nakoshis”, werden sich auf absehbarer Zeit auch die 35 Dollar für ein Handy nicht leisten können. Und: Handyrechnungen sorgen immer öfter für die Überschuldung der Armen. Langfristig wird Indien deshalb nicht umhin kommen, nach der wirtschaftlichen Öffnung auch eine gesellschaftliche zu vollziehen. Dass die Formel-1 als Schritt auf diesem Weg zur Öffnung betrachtet wird, ist angesichts der Herausforderungen des Subkontinents nichts als ein großes Missverständnis.


1 Lesermeinung

  1. "Doch werden auf der anderen...
    “Doch werden auf der anderen Seite weibliche Embryos abgetrieben”. Stimmt, das ist rückständig. Bei uns werden wenigstens auch die männlichen abgetrieben.

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