Akte Asien

Akte Asien

In der Welt der Wirtschaft verlagert sich das Gewicht nach Asien. Dreht sie sich deshalb schneller und runder, diese Welt? Oder gerät sie in Unwucht?

König ohne Kleider

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Er ist Bierkönig, Feierbiest und Milliardär. Der Ruhm von Vijay Mallya allerdings bröckelt. Denn die Fluggesellschaft Kingfisher Airlines des flamboyanten Inders gerät immer schneller ins Trudeln. Nun sollen die Banken noch einmal Geld nachschießen – rund 10 Milliarden Rupien wird das Unternehmen brauchen. Dabei galt die Fluglinie noch vor Jahr und Tag als Aushängeschild einer neuen privaten Wirtschaft auf dem Subkontinent.

Von Christoph Hein

Die einen lachen über ihn, seine zur Schau gestellte Eitelkeit, seine Brillianten. Die anderen ärgern sich über ihn, weil seine Unternehmen überall in der Kreide stehen, Rechnungen ungern bezahlen. Dann gibt es die Speichellecker, die sich auf ihn einlassen, in seinem Windschatten groß und mächtig werden wollen. Und jene, für die er ein Idol ist, ein Vorbild an Lebensfreude, Bauernschläue und Durchsetzungskraft. Vijay Mallya, indischer Milliardär, charmanter Playboy, knallharter Konzernchef, Besitzer der Brauereikette United Breweries, der Fluglinie Kingfisher Airlines, eines Rennpferdegestüts, einer Kunstsammlung und eines halben Formel-1-Teams, der selbsternannte „king of goodtimes”, lässt keinen kalt. Nun steht der König ohne Kleider da.

Denn für Mallyas Kingfisher Airlines, die zweitgrößte indische Fluggesellschaft, und über Jahre der Platzhirsch unter den neuen privaten Linien Indiens, wird die Luft dünn. Kingfisher gehen erneut die Mittel aus. Tausende Passagiere blieben in der vergangenen Woche sitzen, weil Kingfisher Dutzende Flüge strich. Am Freitag berichtete die indische Tageszeitung Economic Times, Leasing-Firmen verlangten ihre an Kingfisher vermieteten Maschinen zurück. Mehr als einhundert Piloten haben das Unternehmen in den vergangenen Monaten verlassen. Die Aktie verlor im Handel an der Börse in Bombay (Mumbai) zum Wochenende zeitweise 19 Prozent ihres Wertes. Seit Jahresbeginn hat sie schon 72 Prozent nachgegeben. In der Hoffnung auf deinen Deal mit den Banken gewann das Papier am Montag dann wieder 7 Prozent. Derzeit notiert die Aktie dennoch um den tiefsten Stand seit dem Börsengang der Fluggesellschaft 2006.

Kapil Kaul, Analyst beim Centre for Asia Pacific Aviation in Delhi, geht davon aus, das Kingfisher überleben werde. Aber: „Die Lage ist sehr ernst. Wir haben gerade den Höhepunkt der Reisesaison in Indien. Und sie haben bis zu 40 Prozent ihrer Flüge streichen müssen.” So erklärte Vayalar Ravi der indische Minister für die zivile Luftfahrt inzwischen, er wolle beim allmächtigen Finanzminister anklopfen und mit ihm über Hilfe für die angeschlagene Fluglinie sprechen. Er tut dies öfter in letzter Zeit.

Denn helfen muss der Finanzminister auch der staatlichen Air India. Auch sie ist grandios verschuldet, und seit dem Rauswurf aus dem Aufnahmeprogramm für die Star Alliance um Lufthansa ist auch noch der Ruf ruiniert – was die Inder den Lufthanseaten nicht verzeihen. Während die indische Mittelschicht wächst und wächst und die chaotische Infrastruktur in ihrem Land durch Flüge zu überbrücken versucht, zeigen sich die indischen Fluggesellschaften – genauso wie die meisten Flughäfen – hoffnungslos überfordert vom Ansturm. Die indischen Fluggesellschaften schaffen es nicht, einen Anstieg im Passagieraufkommen von 19 Prozent in Gewinne zu verwandeln. Denn sie leiden unter ihrem selbst inszenierten Preiskrieg, Missmanagement und Infrastrukturproblemen, hohe Steuern auf Flugbenzin und dem Wertverlust der Rupie von 11 Prozent allein in diesem Jahr gegenüber dem Dollar.

„Die ganze Branche leidet unter hohen Kosten und geringeren Margen. Wir sind keine Ausnahme”, fasst Kingfisher-Vorstandschef Sanjay Aggarwal die Lage trocken zusammen. „In Indien werden Fluggesellschaften zu hoch besteuert und ausgenommen”, textet Milliardär Mallya auf Twitter derweil. Einmal mehr sind nun die Banken gefragt, die Kingfisher einst hochjubelten und aufpumpten, bis hin zu Bestellungen des A 380 und einem angedachten weltweiten Netzwerk. Dies ist wohl auch Kingfishers einzige Chance – too big to fail. Denn von den Geldhäusern rund um die Erde über Leasing-Firmen und den indischen Staat bis hin zu Airbus besteht ein gewaltiges Interesse, die Linie in der Luft zu halten.

Mallya wollte alles besser machen. Seine Stewardessen waren angeblich handverlesen. Er bittet seine Fluggäste, ihn persönlich per email anzusprechen, sollten sie unzufrieden sein. Sein Email-Eingangsfach dürfte derzeit überquellen. Gleichwohl hält das den Milliardär mit seinem als Brilliant-Schmuck zur Schau gestellten Reichtum nicht davon ab, seinen Hobbys zu frönen. Erst vor zwei Wochen war er der gefeierte Star mit dem Rennstall Force India auf der neuen Formel-1-Strecke vor den Toren Delhis. Doch auch die Hälfte an seinem Team hat er inzwischen verkaufen müssen.Der 55jährige erhöhte seine persönlichen Zusagen für Kingfisher Airlines inzwischen auf 61,7 Milliarden Rupien (900 Millionen Euro). Sein Kerngeschäft, der Alkoholkonzern United Breweries, verdoppelte sie auf 168,5 Milliarden Rupien. UB hält 40 Prozent an Kingfisher Airlines, die nach der führenden Biermarke von UB benannt ist. So sollten die Flieger von Kingfisher Werbung machen für UB – denn echte Alkoholwerbung ist in weiten Teilen Indiens verboten.

Bei der Gründung 2005 sah es noch so aus, als ließe sich nirgends so schnell Geld verdienen in Indien wie im Geschäft mit privaten Fluggesellschaften. Missmanagement auf der einen Seite, der bürokratische Staat auf der anderen, lässt die Linien nun scheitern. Erst die Krise von Air India, nun das Trudeln von Indiens Lieblingsmilliardär Mallya, könnte zum Weckruf werden. Offen ist nur, ob der Staat ihn vernimmt. Oder ihn nur Investoren und Banken hören, die dann vorsichtiger werden.

 

 


1 Lesermeinung

  1. hummelw sagt:

    Kingfisher muß überleben....
    Kingfisher muß überleben. Nicht weil das Unternehmen seiner Größe wegen gerettet werden sollte, sondern weil hinter Kingfisher die Idee steht, Verkrustungen aufzubrechen, Schwerfälligkeit Flexibilität entgegenzusetzen und trotz der scheinbaren Übermächtigkeit staatlicher Bürokratie in Indien an den Erfolg privater Initiative zu glauben.
    Mein letzter Flug von Delhi anch Bangalore fing alles wie in einem Brennglas ein: Das 5-Sterne-Hotel kennt angeblich nur die Abflugdaten der Air India-Maschinen und bietet auch nur in dieser Zeit einen Shuttle-Servie an. Engagiertes Kingfisher-Bodenpersonal versuchte die von der umständlichen Flughafenverwaltung verursachte Verspätung zu kompensieren, eine geduldige Kabinen-Crew ließ nichts unversucht um 4 Stunden Wartezeit wegen Startverbot aufgrund von Smog – Tausenden von Kohlefeuern und schwelenden Müllkippen geschuldet – zu überbrücken.
    Die e-mail an den Konzern-Chef sollte nur ein Lob für die Mitarbeiter sein, ohne Erwartung einer Reaktion.
    Die Antwort kam prompt und es war kein Standardschreiben. Danke. Man brauche noch mehr Hinweise, um noch besser zu werden. Ihr Vijay Mallya
    Unternehmer solchen Schlages bringen Indien voran. Nur sie können der indischen Bürokratie die Stirn bieten.
    Wolfgang Hummel, Berlin
    Wolfgang Hummel, Berlin

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