Akte Asien

Akte Asien

In der Welt der Wirtschaft verlagert sich das Gewicht nach Asien. Dreht sie sich deshalb schneller und runder, diese Welt? Oder gerät sie in Unwucht?

Ein Thriller wie von John Grisham, Drehbuch Michael Woodford

  Er sei doch nur ein Geschäftsmann, ein Mann aus der Wirtschaft, sagt Michael Woodford. Dann hebt er die Arme. „Und jetzt fühle ich mich, als...

 

Er sei doch nur ein Geschäftsmann, ein Mann aus der Wirtschaft, sagt Michael Woodford. Dann hebt er die Arme. „Und jetzt fühle ich mich, als fände ich mich in einem Roman von John Grisham wieder.“ Der amerikanische Thrillerautor ist einer, der Bestseller schreibt. Bei Grisham ist es zumeist ganz einfach: Es gibt die Guten (die am Ende gewinnen), und es gibt die Bösen, die Schurken. In welcher Rolle der von seinen japanischen Kollegen Mitte Oktober aus dem Amt gejagte Ex-Olympus-Chef Michael Woodford sich sieht, daraus macht er keinen Hehl. Seht her, ich bin der Gute. Mit jeder Bewegung seines Körpers zeigt Michael Woodford, dass er der Held in der Korruptions- und Bilanzfälschungsgerschichte bei Olymbus ist.

Der 51 Jahre alte Brite, gerade erst von seinen Kollegen in Tokio nach nur sechs Monaten als Vorstandschef des Medizintechnik-Konzerns gestürzt, hat in Tokio seine Rache ausgekostet und einen fulminaten Sieg errungen. Die drei grauen Eminenzen, die ihn einst davonjagten, gehen nun selbst. Sogar der skandalumwitterte Vorstand von Olympus, der den Sturz mittrug und sich noch an seine Sessel klammert, weiß nicht, wie lange er sich halten kann. Woodford steht da als strahlender Held. Er ist der Mann, der ans Licht gezerrt hat, dass das Unternehmen in Tokio über zwei Jahrzehnte Bilanzen frisierte, Verluste verschleierte, möglicherweise sogar eng mit der Yakuza, wie die japanische Mafia genannt wird, verbandelt war. „Es ist Aufgabe der Polizei, jetzt die Geldflüsse zu untersuchen“, sagt Woodford. Immerhin sechs Milliarden Yen fehlen, und niemand weiß, in welche Kanäle das Geld geflossen ist. „Es werden spannende Tage in Tokio“, sagte Woodford als er am Mittwoch zum ersten Mal seit seinem Sturz wieder nach Japan kam, um bei der Polizei auszusagen.

Und spannend waren die Tage. Freitag früh besuchte Woodford die Verwaltungsratssitzung seiner Kollegen in Tokio. Angespannte Stimmung, berichtet er, selbstzufrieden grinsend. Niemand gab dem Briten die Hand. Kein Wunder, am frühen Morgen waren die Rücktritte der Woodford-Gegner bei Olympus bekannt geworden, Kurssprünge an der Börse folgten und der Brite war der Superstar. Dutzende ausländischer Journalisten klatschen begeistert Beifall, als er am Freitag mittag den Saal des Clubs der Auslandsjournalisten in Tokio betritt. Auch die Japaner an den Tischen lächeln. „Ich habe gewonnen“, so muss sich der Mann im Blitzlichtgewitter fühlen. Er, der von sich selber sagt, politisch eher links eingestellt zu sein, in Liverpool die Gewerkschaften unterstützte, wollte als Chef bei Olympus den kalten Wind des Wettbewerbs einführen, das Unternehmen wieder auf Profit trimmen. Konnte er mit den japanischen Harmoniestreben nichts anfangen? „Nein“, sagt er, „ich liebe Japan“. Er lächelt wieder. Der Vorwurf seiner Gegner, er habe Japan nie gemocht und verstanden, entbehre jeder Grundlage. Er, der Junge aus Liverpool, sei keineswegs der kalte Kapitalist, der sich gegen das japanische Modell sozialen Ausgleichs wendet, sagt er. Dass er im nächsten Satz schon wieder Kostensenkung, kreative Zerstörung und mehr Wettbewerb fordert, geht in der Begeisterung schnell unter.

1981 begann Woodfords Karriere bei Olympus. Dass der selbsternannte Linke aus Liverpool 20 Jahre später zum Vorstandschef ernannt werden würde, hat er sich wohl selbst damals in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können. „Es ist eine bizarre Situation“, sagt Woodford. Hat der Brite, der bei Olympus einen der größten Betrugsskandale in der japanischen Unternehmensgeschichte aufdecken wollte, wirklich nur aus Sorge um das Unternehmen gehandelt, oder hat er nur einen Machtkampf mit seinem früheren Mentor Tsuyoshi Kikukawa gesucht, der ihn im April persönlich zum Chef von Olympus gemacht hatte? Ist es vielleicht doch weniger ein Grisham-Roman als ein Thriller von Ross Thomas, in dem Gut und Böse nicht ganz so einfach zu unterscheiden sind? Woodfords Gegner, Kikukawa, Vorstandsvize Hisashi Mori und Rechnungsprüfer Hideo Yamada, zerfleischen sich jetzt in Tokio nach ihrer Niederlage gegen Woodford gegenseitig. Mori und Yamada schieben die Verantwortung an den von Woodford ans Licht gebrachten Bilanzfälschungen, überhöhten Beraterhonoraren und überteuerten Einkäufen auf Kikukawa, der Vorgänger von Woodford an der Spitze des Unternehmens war und den Briten nach Tokio holte. Kikukawa behauptet dagegen, in diesen Wochen selbst von den Enthüllungen überrascht worden zu sein.

Der Konflikt zwischen Kikukawa und Woodford begann lange vor dem Rauswurf des Briten am 14.Oktober. Woodford erfuhr im Sommer von den Vorwürfen, Olympus habe überhöhte Beraterhonorare gezahlt und für die Übernahme wertloser Unternehmen zu viel gezahlt, eher zufällig aus einem japanischen Magazin. Er habe dem nachgehen müssen, sagt Woodford. 687 Millionen Dollar Beraterhonorar an eine Firma auf den Cayman-Inseln für die Übernahme eines britischen Medizintechnikunternehmens bei einem Kaufpreis von zwei Milliarden Dollar? Dazu überteuerte Übernahmen japanischer Unternehmen, die Gesichtscreme oder Plastikgeschirr herstellen? „Micky Maus“-Firmen“, nennt Woordford die heute. 800 Millionen Dollar. „Warum zahlen wir so viel dafür?“, wollte er von Kikukawa wissen. In diesem Moment begann der Konflikt zwischen dem Briten und seinem Förderer, den Woodford lange für einen „netten Kerl“ gehalten hatte.

Woodford schrieb Briefe, berief Sitzungen ein – Antworten bekam er nicht. „Ich war immerhin Präsident von Olympus“, sagt er, „und ich wollte wissen, was da passiert ist.“. Bei der entscheidenden Vorstandssitzung aßen seine japanischen Kollegen Sushi, Woodford bekam ein großes Brötchen mit Thunfisch hingestellt. „Ich konnte sehen, dass sie angespannt waren“, erinnert er sich heute. Die Botschaft seiner japanischen Kollegen war klar: Du magst Chef sein, signalisierten sie ihm, aber wir haben das Sagen. Woodford ist nicht der Mann, der sich so etwas sagen lässt. Er gab Wirtschaftsprüfern von PWC den Auftrag, die überzogenen Beraterhonorare zu prüfen. „Ich wollte das in einer Woche haben“, berichtet er, streckt sich und genießt wieder einmal seinen Triumph. 30 Seiten lieferte PWC, mit ihnen wollte Woodford seinen Gönner Kikukawa und den ehrgeizigen Mori zum Rücktritt zwingen. Er berief eine Sitzung ein, der PCW-Bericht lag für alle in einer schwarzen Klarsichthülle bereit.

Für neun Uhr morgens war die Sitzung am 14. Oktober angesetzt. In Japan ist Unpünktlichkeit verpönt. Kikikawa kam dennoch erst um sieben Minuten nach 9. Um viertel nach neun am 15.Oktober hatte Woodford seinen Job verloren. Der Finanzvorstand habe ihn dann lächelnd aufgefordert, Mobiltelefone und Autoschlüssel abzugeben. „Zum Flughafen können Sie mit dem Bus fahren.“ Selbst für japanische Unternehmen ist solch rüdes Vorgehen unüblich. Woodfords Verdacht: Die Yakuza, wie die japanische Mafia genannt wird, habe ihre Finger im Spiel. Er fürchtete um sein Leben, aber schon am Abend traf er sich in einem Park mit einem Journalisten der „Financial Times“, übergab die schwarze Klarsichthülle mit den Dokumenten und machte seine Sicht der Dinge und die Korruptionsvorwürfe öffentlich. Er fand sich nicht plötzlich wieder in diesem Thriller, Woodford hat weite Teile des Drehbuchs selber geschrieben.

Und jetzt? Woodford räumt sein, dass es ein von ihm unterstelltes Netzwerk von Olympus und Yakuza wohl doch nicht gebe. Die Polizei müsse prüfen, wohin die 5 bis 6 Milliarden Yen geflossen seien. „Es ist wahrscheinlicher, dass es einfach kriminell war als organisierte Kriminalität“, räumt er ein. „Für eine Verwicklung der Yakuza gibt es keine Beweise.“ Er selber strebe nicht mit Macht zurück an die Spitze von Olympus, sagt Woodford. Doch Blicke und Körperbewegungen sagen das Gegenteil. „Wenn die Anteilseigner das wünschen, sage ich ja“, fügt er dann doch noch schnell hinzu.

Deswegen gebärdet er sich auch als möglicher Retter. Olympus sei im Kerngeschäft gesund, sagt er. Er wäre fatal, wenn die Börse in Tokio das Unternehmen jetzt wegen der Handlungen des früheren Managements aus dem Handel nehme. Ob das geschieht, das entscheidet sich am 17. Dezember. Dann muss Olympus seine Bilanzzahlen vorlegen. Dann werden wohl auch die restlichen Vorstandsmitglieder das Feld räumen, deutete Olympus-Chef Shuichi Takayama. Die Polizei ermittelt derweil weiter. „Ich bin sehr zufrieden damit, wie sich die Dinge entwickelt haben“, sagt Woodford. Er hat es geschafft, sein Drehbuch ist genauso ein Bestseller wie die Thriller von Grisham. Wenn da nicht das eine oder andere Fragezeichen bliebe…