Akte Asien

Akte Asien

In der Welt der Wirtschaft verlagert sich das Gewicht nach Asien. Dreht sie sich deshalb schneller und runder, diese Welt? Oder gerät sie in Unwucht?

Demokratie ist toll. Aber in Indien nervt sie. Denn sie verhindert die Versorgung der Menschen.

| 2 Lesermeinungen

Nach jahrelangem Ringen wollte die Regierung den Einzelhandel mit seinem Volumen von 450 Milliarden Dollar im einst sozialistisch geprägten Subkontinent öffnen. Nun heißt es, sie traue sich doch nicht. Dabei wäre nichts notwendiger, um Indien ein Stück weit lebenswerter zu machen, die Inflation zu dämpfen und Krankheiten zu verringern.

Von Christoph Hein

1,2 Milliarden Inder wollen versorgt werden. Mit Linsen und Zwiebeln, mit Fisch und Eiern, mit Milch und Weizen. Das aber klappt nicht, obwohl die Regierung Lebensmittel in riesigen Vorratsspeichern hortet. Denn dort verrotten sie tonnenweise genauso wie auf dem Weg vom Bauern zum Kunden. Der Bauer kann sie nicht richtig lagern, der Transportweg dauert zu lang, die Kühlkette ist unterbrochen, der Händler weiß nicht, wann er was an wen verkauft. Lagerhaltung? Fehlanzeige. Mindesthaltbarkeit? Fehlanzeige. Kühlschrank? Fehlanzeige. So kommt es, dass rund ein Drittel der Lebensmittel auf dem Weg vom Hof zum Herd verdirbt. Dass Menschen sich an verdorbenen Lebensmitteln infizieren. Und dass die Inflationsrate bei Lebensmitteln zweistellig bleibt – worunter besonders die Ärmsten der Armen leiden. Einen weiteren Beitrag zu den hohen Preisen leistet die wachsende Mittelschicht, die sich mehr und hochwertigere Nahrung leisten kann – aber sie in Indien in viel zu geringem Maße bekommt.

Abhilfe könnten Profis schaffen. Lebensmittelkonzerne wie Metro oder Carrefour, Tesco oder Walmart. Sicher haben auch die ihre Schattenseiten. Doch beherrschen sie, was Indien derzeit ganz besonders dringend braucht: Anbau, Logistik und Verkauf von Nahrungsmitteln. Seit Jahren kämpfen die Großen der Branche um einen Eintritt in den Markt. Immerhin steht der Einzelhandel in Indien schon jetzt für ein Volumen von 450 Milliarden Dollar jährlich und soll bis auf 800 Milliarden Dollar 2015 ansteigen. Doch blieb diese Goldader den Ausländern bislang verschlossen, weil sie zu effizient wären: In Indien kursiert die Angst, dass Millionen von Menschen aus dem Sektor arbeitslos würden, strömten die ausländischen Handelsketten erst auf den Subkontinent. Bauern, Lastwagenfahrer, Arbeiter auf den Großmärkten, Betreiber von Tante-Emma-Läden – sie alle halten sich in dem schlecht organisierten Sektor über Wasser. Und sie alle bangen um ihre Jobs.

Dennoch gibt es keine Alternative. Das weiß auch die indische Regierung. Sie handelt aber nur unter größtem Zögern, weil sie Angst vor dem Liebensentzug der Wähler, vor Protesten, vor Anschlägen auf Supermärkte hat. Das ist Unsinn, denn die Wähler dankten es jeder Regierung, wenn die Inflationsrate durch ein besseres Angebot sinken würde. Und die Kosten könnten dramatisch zurückgehen, die Qualität würde steigen, wenn die Lebensmittelversorgung für jene geöffnet würde, die sie beherrschen. Dazu zählen im Übrigen auch indische Konzerne wie etwa die Tata-Gruppe, die mit der britischen Tesco die Bazaar-Kette betreibt.

Vor wenigen Tagen hatte Indiens Regierung nun groß angekündigt, nach jahrelangem Kampf den Versorgungssektor für Ausländer zu öffnen. Immerhin 51 Prozent dürften Ausländer künftig an Einzelhandelsmärkten halten. Geschäfte nur einer Marke – wie Adidas, Boss oder Ikea – dürften gar einhundert Prozent halten.

Indien aber wäre nicht Indien, bliebe nicht dennoch eine lange Liste von Einschränkungen: So haben die Bundesstaaten das letzte Wort, wenn es um die Ansiedlung von Mehr-Marken-Märkten geht. Grundsätzlich dürfen die Großmärkte nur in einer der 55 indischen Städte mit mehr als einer Million Einwohnern betrieben werden. Auch dürfen in Mehrmarkengeschäften keine frischen Lebensmittel angeboten werden und 30 Prozent des Angebots müssen bei Kleinherstellern eingekauft werden. Die neuen Supermarktketten müssen eine Investition von mehr als 100 Millionen Dollar leisten. Die Hälfte davon muss in Logistik und Infrastruktur investiert werden – etwa Kühlketten. Die Einschränkungen wogen sehr schwer, dass Ikea die für Ende November angekündigte Erklärung zum nun erlaubten Markteintritt gleich wieder zurückzog.

So reguliert sie auch daherkäme, eine Öffnung wäre es zumindest gewesen. Zu früh gefreut: Am Sonntag aber klang all dies schon wieder ganz anders: Da verkündete eine der Koalitionsparteien, Finanzminister Pranab Mukherjee haben einen Aufschub der Öffnung veranlasst. Solange, bis innerhalb der Regierungskoalition Einigkeit bestünde. Noch hat Mukherjee dies nicht bestätigt. Doch klingt es – leider – glaubhaft. Und hieße, dass erneut wertvolle Zeit beim Aufbau einer besseren Versorgung verloren ginge. Und dass die Regierung, gestartet als Bund der Reformer, noch mehr Kredit verspielte.

Die Lösung wäre eine ganz andere: Den Indern sollte endlich diejenige Versorgung gewährt werden, die auch andere Menschen in anderen Ländern bekommen. Denjenigen, die beim Eintritt der Supermärkte, der allein schon aufgrund der Regularien und Hürden nicht über Nacht geschehen wird, ihren Arbeitsplatz verlieren, muss geholfen werden. Dies ist schwer in einem Land, das praktisch über keinerlei soziales Netz verfügt. Auch die Hoffnung, die heutigen Beschäftigten in ihrer breiten Masse zu qualifizieren, klingt da weltfremd. Doch wenn am Ende die politische Entscheidung zu treffen ist, ob man die breite Masse weiter unter zweistelligen Inflationsraten und einer miserablen Versorgung leiden lässt, oder ob man buckelt vor dem Zorn einiger Wähler, zeigt sich, welcher Politiker Rückgrat besitzt. Es steht zu befürchten, dass Indiens Regierung das Buckeln wählt. Das erklärt sich von selbst: Ihre Mitglieder dürften über prall gefüllte Eisschränke verfügen.


2 Lesermeinungen

  1. Auch hier zeigt sich wieder,...
    Auch hier zeigt sich wieder, das ein guter Staat (ein Staat, der erst einmal seine Kern-Aufgaben erfüllt, Sicherheit und ein konsistentes Rechtssystem und Rechtsprechung zu liefern) nichts mit Demokratie oder generell dem Kernsystem zu tun hat, sondern mit den Personen, die dann entscheiden. Und das Marktwirtschaft und „böse“ Grossfirmen und Finanzhaie vieles besser können als Gewerkschaften, Volkserzieher und sonstige Politiker. Indien erinnert da etwas an Griechenland … und die alten Griechen hatten bereits Nachteile einer Demokratie genannt (was seit über 40 Jahren gerne im Geschichtsunterricht hier selten erwähnt wird – da ist ja bei aller Vergangenheitsbewältigung keine Zeit für alte griechische Philosophen)

  2. Die einzige echte Demokratie...
    Die einzige echte Demokratie die Welt!
    Dezentrale Organisation mit Plebisziten!
    Aus der Schweiz
    https://www.zeit-fragen.ch

Kommentare sind deaktiviert.