Akte Asien

Akte Asien

In der Welt der Wirtschaft verlagert sich das Gewicht nach Asien. Dreht sie sich deshalb schneller und runder, diese Welt? Oder gerät sie in Unwucht?

Daimler-Laster mit Holzkabine

Die Laster der Inder sind bunt, bestückt mit Göttern, aber uralt. Nun will ausgerechnet der Luxuskonzern Daimler Tata & Co. im Billigmarkt das Fürchten lehren. Kann das gut gehen? Die Chancen stehen nicht schlecht. Denn die Schwaben erlauben sich in Indien, worüber sie bislang nur die Nase rümpften.

Die Laster der Inder sind bunt, bestückt mit Göttern, aber uralt. Nun will ausgerechnet der Luxuskonzern Daimler Platzhirsch Tata das Fürchten lehren. Kann das gut gehen? Die Chancen stehen nicht schlecht. Denn die Schwaben erlauben sich in Indien, worüber sie bislang nur die Nase rümpften.

Von Christoph Hein

Es war der erste Auftritt ganz schwerer Jungs: Auf der Bühne des Tagungszentrums im indischen Hyderabad sahen indische Nutzfahrzeughändler erstmals die gesamte Produktpalette der neuen Marke Bharat-Benz. Dahinter verbirgt sich der ehrgeizige Versuch des Daimler-Konzerns, den am schnellsten wachsenden Lastwagenmarkt der Welt aufzurollen. Ein Projekt, das auch in das Unternehmen zurückstrahlen wird, wenn es gelingt: Denn Tabus und Denkverbote gibt es bei Bharat-Benz im südindischen Chennai nicht. „Ein Lastwagen hat nur eine Lebensberechtigung: Er muss sich für seinen Besitzer rechnen”, gibt Marc Llistosella als Parole aus. Der Chef von Bharat-Benz ist auch im schwäbischen Mutterhaus umstritten: Trägt seine Revolution in Indien Früchte, warten höhere Aufgaben auf ihn. Klemmt es am Ganges, wird es ganz schwer für den Nachkommen katalanischer Einwanderer. Denn er und seine Leute haben für das Projekt in Indien viel riskiert.

„Wir brauchen unsere Produkte in Deutschland weder testen noch genehmigen zu lassen. Niemand sonst in der Daimler-Welt verfügt über dieses Recht”, sagt Llistosella. Ein Laster auf Daimler-Chassis, aber mit Holzkabine ist für sie genauso denkbar, wie ein Dachgepäckträger für die Fahrerkabinen – all dies ist in Indien ganz normal, in Untertürkheim aber schon als Idee ein Alptraum, der im besten Fall Kopfschütteln bei altgedienten Ingenieuren hervorruft. Im schlimmeren Fall wird es laut.

Der indische Markt ist bestimmt von Großserienhersteller Tata und seinen Konkurrenten Ashok-Leyland, Eicher – die zusammen mit Volvo Schwerlastwagen bauen – oder, nach vielen Anfangsschwierigkeiten, MAN. Bharat-Benz – das Bharat steht für das alte, edle Indien – will in den Massenmarkt. Und zielt direkt auf den Partner von Mercedes-Benz in den fünfziger Jahren, den Tata-Konzern. „Wir werden gegen den Marktführer wachsen, werden ihn direkt angreifen”, sagt Llistosella. „Qualität, Langlebigkeit, Betriebskosten, Treibstoffverbrauch – bei allen Werten liegen wir besser.” Allein der Dieselverbrauch der schwäbisch-indischen Laster liege im zweistelligen Prozentbereich unter demjenigen der Vergleichsfahrzeuge, der Kaufpreis werde indes nur im einstelligen Prozentbereich darüber liegen, versprechen die Deutschen.

Nachdem der Daimler-Konzern mit seiner Nutzfahrzeugsparte in China viel Lehrgeld gezahlt hat und auch in Indien den Einstieg erst mit Tata Motors, dann mit Partner Hero verpatzte, will er auf eigene Faust nun endlich alles richtig machen. Deshalb wagten die Stuttgarter mit einer internationalen Mannschaft die Entwicklung einer eigenen Marke für die Schwellenländer aus Indien heraus. „Ab 2013 werden wir exportieren”, verspricht Indien-Vormann Llistosella. Netzwerke für Lieferanten und Händler sowie die Finanzierung stehen, am 18. April soll Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche das Werk bei Chennai eröffnen. Bis 2016 lässt Daimler sich das mindestens 700 Millionen Euro kosten.

Die Ingenieure bei Bharat-Benz haben ein Durchschnittsalter von gerade mal 30 Jahren. „Für sie ist das eine riesige Chance, in einem Weltkonzern zu reifen – in fünf Jahren, können sie überall bei uns tätig sein”, sagt der Bharat-Benz-Chef. 96 Prozent der gut 1400 Beschäftigten in seinem Unternehmen sind Inder. Mit ihnen will die junge, ehrgeizige Truppe in sechs Jahren das nachholen, wofür andere Unternehmen 30 Jahre Wachstum brauchten. Der Grad der Lokalisierung liegt bei fast 90 Prozent. „Wir haben die Kosten um rund 45 Prozent gesenkt, aber die Funktionalität zu 90 Prozent erhalten”, wirbt Bharat-Benz für die zunächst 17 Modelle. Nur dank indischer Kosten können auch indische Preise für den Bharat-Benz verlangt werden. Zugleich öffnet das Nutzfahrzeugprojekt den Stuttgartern einen neuen Kosmos der Lieferanten. „41 Prozent unserer Zulieferer haben ihren Sitz im Umkreis von 50 Kilometern vom Werk”, berichtet Llistosella. Bei der Auswahl überließen die Schwaben nichts dem Zufall: Mehr als 100 Mitarbeiter zählt die Abteilung, die die Lieferanten führt. „Von unseren heute 450 Zulieferern kannten wir 75 Prozent bis 2008 noch gar nicht.”

Zugleich prüft Daimler, wann die Fertigung von Bussen in Indien aufgenommen wird. Bislang liefern die Deutschen Bus-Chassis aus der Personenwagenfertigung in Pune an einen indischen Hersteller. Und auch der Mercedes-Actros, das Sahnestück des Mercedes-Lastwagen-Portfolios, soll bald am neuen Nutzfahrzeugstandort in Orangabad bei Chennai und nicht mehr am Standort in Pune zusammengeschraubt werden. Zunächst will Daimler in Orangabad 36000 Lastwagen pro Jahr produzieren. Das entspräche einem Anteil von ungefähr 10 Prozent am indischen Nutzfahrzeugmarkt. Bei Bedarf – und daran hegt hier niemand Zweifel – wird die Kapazität auf 70000 verdoppelt werden. Noch ist das Gelände zu weniger als seiner Hälfte bebaut.

Bei einer Umfrage der Unternehmensberatung Roland Berger rechnete die Branche mit einem Wachstum von rund 7,5 Prozent im vergangenen Jahr. Bis 2020 dürfte der Nutzfahrzeugmarkt in Indien auf knapp 500000 Einheiten zugelegt haben – von etwa 300000 Einheiten 2010. Dabei entstehen auch neue Segmente: „Mit dem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes entwickelt sich auch für Nutzfahrzeuge ein neues Nachfragesegment, eine Mittelschicht”, sagt Daimler-Nutzfahrzeugvorstand Andreas Renschler. 2010 wuchs die Nachfrage nach Lastern mit mehr als 6 Tonnen Gewicht um 48 Prozent. 2020 soll dieses Segment schon 80 Prozent des Marktes ausmachen. Schon heute gäbe es 200000 Zielkunden für den Bharat-Benz in Indien, macht sich Renschler selber Mut.

Auch wenn die ersten Verkäufe noch bevorstehen, erst der Markt entscheiden wird, ob der Bharat-Benz Erfolg hat, fällt das Zwischenzeugnis gut aus: „Heute sind wir in den Schwellenländern ziemlich genau dort angekommen, wo wir hin wollten”, sagt Zetsche. „In 25 Jahren wird jedes Kind in Indien den Namen Bharat-Benz als Synonym für Laster kennen.”