Akte Asien

Avatar in China. Im Land der Wawayu, das Hollywood inspirierte

Von CHRISTIAN GEINITZ

Jahrzehntelang war die chinesische Binnenprovinz Hunan vor allem für rote Revolutionäre bekannt. Seit einiger Zeit aber sind blaufarbene Aufständische dort fast ähnlich berühmt. Denn die Region ist angeblich die Heimat der Na’vi, jener langschwänzigen Plattnasen, die James Cameron in seinem Film „Avatar” in Szene gesetzt hat.

Traditionell pilgern jedes Jahr Tausende Touristen in die Heimat von Staatsgründer Mao Tse-tung, vor allem in seinen Geburtsort Shaoshan. Ähnlich groß ist neuerdings die Attraktivität des Nationalparks Zhangjiajie nordwestlich der Hauptstadt Changsha. Dort ragen Hunderte Felsnadeln in die Höhe, teilweise 1000 Meter hoch. Das ist an sich schon spektakulär und eine Reise wert. Doch seit bekannt ist, dass die Landschaft ein Vorbild war für die fliegenden Halleluja-Berge auf dem Avatar-Planeten Pandora, kennt der Besucheransturm keine Grenzen mehr.

Endlose Reisegruppen schieben sich über die gepflasterten Pisten durch den Wald. Die Teilnehmer tragen identische Mützen, die Führer quäkende Lautsprechergeräte. Um möglichst wenig zu Fuß gehen zu müssen, gibt es Shuttlebusse und Elektrokarren, die zwischen den Sehenswürdigkeiten verkehren. Auf einen der Aussichtspunkte schnurrt der angeblich schnellste und längste Außenfahrstuhl der Welt hinauf, 326 Meter in kaum drei Minuten.

Der Höhepunkt ist die Karstformation von Yuanjiajie. An den Geländern der schwindelerregenden Steilklippen bringen die Gäste Glücksschlösser an, die ein geschäftstüchtiger Graveur gleich am Ort verkauft und mit ihren Namen verziert. Hier nun liegt sie, die Qian Kun Zhu, die „Himmel-Erd-Säule”. Seit Jahrhunderten heißt sie so, eine ebenso poetische wie bodenständige Namensgebung, die typisch ist für chinesische Landschaften und die im Einklang des Kräftefeldes von Yin und Yang stehen soll.

Zwischenzeitlich war dieser schöne Name einfach verschwunden. Fremdenverkehrsbüro und örtliche Verwaltung hatten den Felsen kurzerhand unbenannt, in Halleluja-Hügel. Sie fühlten sich dazu ermutigt, weil das Hollywood-Team rund um Regisseur Cameron hatte verlauten lassen, dass die Formation eines von mehreren Vorbildern für die Flugwälder auf Pandora gewesen sei.

Nach der Neutaufe schlug die Empörung bei chinesischen Traditionalisten, Spiritualisten und Nationalisten hoch. Vom Ausverkauf der chinesischen Kultur war die Rede, und das ausgerechnet an die Traum- und Geldfabrik der Amerikaner. Der Protest war so stark, dass die Verantwortlichen den Schritt rückgängig machen mussten, nun ja, zumindest teilweise. Jetzt heißt der Karstzahn wieder Qian Kun Zhu und zugleich „Vorbild für den Halleluja-Berg”.

Mannshohe Plakatwände auf den Zuwegen erläutern die Namensgebung und stellen Original und Filmkopie in Fotos nebeneinander. Tatsächlich ist die Ähnlichkeit frappierend. Das zu kapitalisieren ist clever, denn „Avatar” war auch in China der erfolgreichste Spielfilm aller Zeiten. Das habe, sagen Fachleute, nicht nur an der Technikfreude und Verspieltheit des Publikums gelegen, sondern auch an versteckten politischen Botschaften. Das Eindringen skrupelloser Geschäftemacher in das Paradies der Na’vi erinnere viele chinesische Zuschauer an die Vertreibung von ihrem Grund und Boden.

Das mag etwas weit hergeholt sein, Tatsache aber ist, dass sich mit dem Avatar-Thema auch in China Geld verdienen lässt. Im Park – der auch Wulingyuan heißt -werden Film-T-Shirts verkauft, der Eintritt kostet stolze 248 Yuan (31 Euro). Das Billet ist drei Tage gültig und zwar nur in Verbindung mit dem Fingerabdruck. Dafür steht an jedem Eingang ein Scanner, der den Besucher wiedererkennt. China ist in manchem wirklich ein Hochtechnikland!

Neben dem Hype um die echten und die ausgedachten Berge geht eine andere Skurrilität der Natur ein wenig unter. In der Region lebt der größte Riesensalamander der Welt, der Andrias Davidianus. Das Urvieh, das auf Chinesisch Wawayu (Babyschreifisch) heißt, soll bis zu zwei Meter lang und 60 Kilogramm schwer werden. Ihm widmet sich ein Museum mit Zuchtstation in Wulingyuan.

In dem gepflegten Außengehege mit Bonsaibäumchen und Plätscherkanälen lebten 200 dieser Kreaturen, sagt einer der Wärter. Er und sein Kollege sind gerade dabei, die scheuen Tiere zu füttern. Mit einem Stock bugsieren sie Nahrung vor die Wasserhöhlen, doch die breiten Schädel lassen sich nur unwillig sehen und nibbeln dann ziemlich appetitlos an den Happen herum. So ist es richtig, denken wir: Ruhe bewahren und nur nicht hetzen lassen in dieser prachtvollen Weltgegend.

Die Reisegruppen sehen das leider nicht ganz so entspannt wie die Schwanzlurche. Schilder und Steintafeln ermahnen sie deshalb, sich zu benehmen. „Reden Sie nicht zu laut!” heißt es da, „Spucken Sie nicht aus!”, „Niesen Sie nicht anderen ins Gesicht!” und vor allem: „Versuchen Sie nicht, ungefragt Schnappschüsse von unseren ausländischen Freunden zu machen”. Als ich diese überaus sinnvollen Regeln fotografiere, sehe ich aus dem Augenwinkel, wie ein junges Paar die Kameras auf mich richtet. Irgendwie kann man es ja verstehen, denn was ist schon ein Wawayu gegen eine echte Langnase?

Fotos itz.

Weiterlesen zu China:

Chinesische Medizin. Ein krankes System rappelt sich auf

Entwicklungsland? Chinas Reiche gieren nach dem Super-Porsche – für 1,6 Millionen Euro

Ingenieurmangel? Stellen Sie doch Chinesen ein!

Von Vielweiberei und Glücksspiel. Macao hat Las Vegas längst abgezockt

Merkel und die Langen Kerls. China will die EU nun doch retten

Size does matter, auch unter den Europäern in China. Ein Mastenvergleich.

E-Bikes und Autos statt Fahrräder in China. Vom Sterben einer Spezies

Klimakiller und grüner Vorreiter. Was China in Durban wirklich will

Der Marathonmann. VW-China-Chef Neumann läuft sich für die Winterkorn-Nachfolge warm

Jetzt kopieren die Chinesen sogar unsere Quadriga! Empörung beim Joggen durch Peking

Die mobile Version verlassen