Akte Asien

Elton John unterstützt Ai Weiwei mitten in Peking. Warum trauen sich die Deutschen so etwas nicht?

Von CHRISTIAN GEINITZ, Peking

Elton John hat sein Konzert in Peking dem Regimekritiker Ai Weiwei gewidmet. Die Sängerin Björk unterstützte einst mitten in Schanghai den tibetischen Freiheitskampf. Später handelte sich der Batman-Schauspieler Christian Bale in China Ärger ein, weil er einen blinden Menschenrechtsaktivisten besuchen wollte. Unterdessen zitiert Deutschlands Kulturelite in China lieber Mao. Auch Wirtschaft und Politik gehen jedem Konflikt aus dem Weg. Muss das sein? Darf das sein?

Briten lieben die Freiheit, da können sie noch so extravagant sein. Vermutlich sind es sogar die extravagantesten, die sie am meisten lieben. Elton John jedenfalls, der immer mopsiger, aber irgendwie auch immer zeitloser wird, scheut nicht davor zurück, den verfolgten chinesischen Künstler Ai Weiwei öffentlich zu unterstützen – und das mitten in Peking, mitten in der Höhle des Drachen sozusagen. Dort gab der englische Schmusesänger am Sonntag ein Konzert im ehemaligen olympischen Basketballstadion von Wukesong. Dabei rief Sir Elton (65) nach Angaben verschiedener Medien dem Publikum zu, er widme die Aufführung Ai Weiwei. Diesen, der zehn Jahre jünger ist, hatte er vor seinem Auftritt getroffen, allerdings nicht einmal zehn Minuten lang, wie Ai später twitterte (https://twitter.com/aiww; https://www.scmp.com/news/china/article/1091040/elton-john-dedicates-beijing-concert-ai-weiwei; https://www.thetimes.co.uk/tto/news/world/asia/article3611290.ece;  https://www.independent.co.uk/arts-entertainment/music/news/elton-john-dedicates-beijing-gig-to-ai-weiwei-8351994.html).

Der Regimekritiker Ai war im vergangenen Jahr von Sicherheitskräften verschleppt und mehr als 80 Tage lang ohne Rechtsgrundlage festgehalten worden. Bis heute darf er das Land nicht verlassen. Er möge Elton John sehr, zwitscherte Ai, der nach Medienangaben von der Zueignung des Konzerts ehrlich überrascht schien. Elton John sei „aufrichtig, großzügig”. Ai  garnierte seine Einträge mit Schnappschüssen, die die beiden Männer zusammen zeigen sowie Elton Johns Sohn (das Foto der Künstler ist insofern drollig, als Elton John neben Ai Weiwei fast grazil wirkt; https://mobile.twitter.com/aiww/status/272663611829284865?p=v).

Bisher ist keine Reaktion der chinesischen Sicherheitsbehörden auf Elton Johns Bekenntnis zu dem Verfemten bekannt geworden. Interessant ist die Frage, ob der Brite am Nikolaustag wie geplant ein weiteres Konzert im südchinesischen Kanton (Guangzhou) geben darf, oder ob es die Behörden unterbinden werden. Englischsprachige Internetmedien spekulieren schon: “Chinese Elton John fans who missed his sold-out show in Beijing last night may never get another chance to see the superstar…” (https://www.newser.com/story/158205/elton-john-praises-dissident-at-beijing-concert.html).

Ob die Anhänger in Peking wirklich so überrascht waren, wie die Presse berichtet, und ob tatsächlich ein “Raunen” durch die Reihen ging, als Elton John das Konzert „dem Geist und Talent” Ai Weiweis widmete, ist nicht ganz klar. Es gibt Konzertbesucher, die weder die Zueignung selbst noch die angebliche Aufregung mitbekommen haben. Auch sei die Veranstaltung mitnichten ausverkauft, sondern halb leer gewesen (andere Quellen sprechen von 10.000 bis 12.000 Zuschauern). Ein Großteil des Publikums, so wurde mir außerdem gesagt, waren Ausländer.

Doch unabhängig davon zeigt Elton Johns Engagement ein gewisses Maß an Zivilcourage. Denn selbst Musiker von Weltrang müssen – das weiß kaum jemand im Westen – mit den chinesischen Zensur- und Propagandabehörden zusammenarbeiten. Wie die Deutsche Presse-Agentur berichtet, sind sie gezwungen, sich ihre Liedtexte vor den Auftritten genehmigen zu lassen. Elton Johns Kalter-Krieg-Heuler „Nikita” von 1985 passierte diese Hürde unbeanstandet, obwohl man ihn mit etwas Mühe vom Ostblock der achtziger Jahre aufs heutige China übertragen kann: “And if you’re free to make a choice / Just look towards the West and find a friend.”

Der Engländer ist nicht der erste und hoffentlich nicht der letzte Künstler aus der freien Welt, der sich vom chinesischen Sicherheitsapparat nicht abschrecken lässt. Bekannt wurde in diesem Zusammenhang die isländische Sängerin Björk. Sie sorgte bei einem Konzert 2008 in Schanghai für Wirbel. Am Ende ihres Protest-Lieds „Declare Independence” rief sie „Tibet! Tibet!” und forderte dazu auf: „Raise your flag”. Daraufhin beschuldigte sie das Kulturministerium in Peking, die „Gefühle des chinesischen Volkes” verletzt zu haben.

Man darf annehmen, dass die Künstlerin den Appell damals aus Überzeugung und nicht aus PR-Gründen formulierte. Denn unter ihren chinesischen Anhängern sind mit solchen Freiheitsforderungen kaum Blumentöpfe zu gewinnen. Die Mehrheit der (Han)-Chinesen sieht Tibet als integralen Bestandteil Chinas an. Umso mehr Achtung verdient der Schritt der Sängerin.

Ähnliches gilt auch für den britischen Schauspieler Christian Bale („Batman”). Im Dezember vor genau einem Jahr versuchte er, den blinden chinesischen Bürgerrechtler Chen Guangcheng in seinem – auch nach chinesischen Maßstäben illegalen –  Hausarrest aufzusuchen. Bale und das ihn begleitende amerikanische Kamerateam wurden von Sicherheitskräften daran gehindert, offenbar auch unter Einsatz von Gewalt. Der Schauspieler sagte später, er habe Chen seiner Unterstützung versichern wollen, er sei für ihn “eine Inspiration” (CNN-Video und Bericht: https://edition.cnn.com/2011/12/15/world/asia/china-bale-activist/index.html?hpt=hp_c2.)

Wo bleiben eigentlich mutige Deutsche, die solche Schritte wagen? Eine einfache Erklärung dafür, dass es sie nicht gibt, könnte sein, dass wir nicht genügend Künstler von Weltruhm aufbringen. Sogar Island hat offenbar mehr… Aber an deutschen Unternehmensführern, Politikern und Diplomaten, die sich in China die Klinke in die Hand geben, fehlt es nicht. Die Angelsachsen pochen viel mehr auf die Freiheitsrechte als unsere Vertreter, nicht nur die Künstler: So versuchte noch vor Bale der republikanische Kongressabgeordnete Chris Smith Chen zu besuchen, ebenfalls erfolglos. Später nahm die US-Botschaft den geflüchteten Aktivisten auf und konnte ihn nach langen Verhandlungen mit den chinesischen Behörden in die Vereinigten Staaten ausfliegen.

Den deutschen Repräsentanten von Kultur, Kommerz und Politik fällt es viel schwerer, eine kritische Haltung zu China einzunehmen. Im Gegenteil, oft biedern sie sich geradezu an. Unvergessen ist die Eröffnungsveranstaltung der deutschen Ausstellung „Kunst der Aufklärung” im neuen chinesischen Nationalmuseum am Platz des Himmlischen Friedens Anfang April 2011. In einer der Reden bemühte ein deutscher Museumsvertreter damals sogar Mao Tse-Tung, um den Gastgebern zu gefallen – jenen großen Freund des aufgeklärten Denkens, dem Millionen seiner Landsleute zum Opfer fielen (und der deshalb sogar in China umstritten ist).

Was die chinesischen Machthaber vom unverstellten Gedanken- und Kulturaustausch, von der Freiheit in der Debatte und von individueller Mündigkeit hielten, zeigten sie anlässlich der Ausstellung gleich auf doppelte Weise: Zuerst verweigerten sie dem Sinologen Tilman Spengler die Einreise, da er einst eine Laudatio auf Liu Xiaobo gehalten hatte, den inhaftierten Dissidenten und spätere Friedensnobelpreisträger. Spengler reiste nicht etwa individuell an, sondern war Teil der offiziellen Ausstellungs-Delegation von Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP). Dennoch dachte der vermeintliche Freiheitspolitiker nicht im Traum daran, wegen des Eklats mit einer Absage der Reise zu drohen.

Kaum war Westerwelle aus Peking wieder abgeflogen, folgte der nächste Schlag gegen alles, wofür die Aufklärer (und eigentlich auch liberale Parteien) stehen: Ai Weiwei wurde am Flughafen festgenommen und, wie oben erwähnt, ohne Haftgrund weggesperrt.

Nicht nur Westerwelle zeigt sich Peking gegenüber derart weichgespült, auch die christlich-demokratische Bundeskanzlerin wird immer zahmer, je abhängiger Deutschland und Europa von dem Riesen in wirtschaftlicher und politischer Hinsicht werden. Längst vergangen sind die Zeiten, als Angela Merkel (CDU) 2007 den Dalai Lama traf und daraufhin deutsche Politiker und Unternehmer in China geschnitten wurden. Heikle Fragen spricht sie zwar an. Als aber bei ihrem ersten China-Besuch in diesem Jahr der Menschenrechtsanwalt Mo Shaoping daran gehindert wurde, sie zu treffen, schwieg die Kanzlerin, bis die Presse davon Wind bekam. Bei der zweiten Visite im August hätte man Mo wieder einladen können, um ein Zeichen zu setzen, das aber unterblieb. Auch Ai Weiwei erhielt – natürlich – keine Einladung.

Dieses Einknicken wird von Menschenrechtsorganisationen durchaus wahrgenommen. So empört sich die Organisation Free Tibet in London darüber, dass die internationale Gemeinschaft zu der zunehmenden Zahl von Selbstverbrennungen in den tibetischen Gebieten schweige. Mönche und Laien steckten sich dort selbst in Brand, um gegen die chinesische Besatzung zu protestieren, doch der Westen halte still. Illustriert wird der Beitrag im Internet mit einer Fotomontage. Sie zeigt den russischen Präsidenten Wladimir Putin sowie Angela Merkel, geknebelt mit einer rotchinesischen Flagge.

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Fotos: Ai Weiwei, Freetibet

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