Akte Asien

Akte Asien

In der Welt der Wirtschaft verlagert sich das Gewicht nach Asien. Dreht sie sich deshalb schneller und runder, diese Welt? Oder gerät sie in Unwucht?

Chinas Kampf gegen’s Prassen drückt das Wachstum

Da haben wir den Salat! Weil Chinas neue Führung das Prassen von Behörden und Staatsbetrieben bekämpft, ist das Wirtschaftswachstum unerwartet gesunken. So jedenfalls erklären manche Ökonomen die Abkühlung.

Eine große Hochzeit in der Nähe von Peking: Fast 900 Gäste sind gekommen, wie üblich wird mittags gefeiert, in allen Festsälen eines Luxushotels gleichzeitig. Weil die Eltern der Brautleute für staatliche Unternehmen arbeiten, fällt das Fest allerdings weniger üppig aus als erwartet. Früher konnten Leute wie sie so ausgelassen prassen, wie sie wollten. Doch die neue Führung des Landes unter Partei- und Staatschef Xi Jinping hat eine Zeit der Zurückhaltung und Bescheidenheit ausgerufen.

Hintergrund sind Berichte über die Selbstbereicherung der Kader, über Korruption und Verschwendungssucht und über die unermesslichen Vermögen mancher Privilegierter. Auch Xis eigene Familie und die des früheren Regierungschefs Wen Jiabao sind unter Feuer geraten.

Der neuen Doktrin zufolge müssen Geschenke für Geschäftsfreunde kleiner ausfallen, Spesen und Reisekosten sollen sinken. Auch aufwendige Ess- und Trinkgelage, die hier Bankette heißen, sind nicht mehr erlaubt. Deshalb stammen die geliehenen Limousinen für das junge Hochzeitspaar und für ihre wichtigsten Gäste nicht, wie früher üblich, aus dem Fuhrpark der Staatsbetriebe. Deshalb wird auf der Feier kaum Wein oder Schnaps (Baijiu) getrunken. Und deshalb dürfen die Kellner nur so viel auftragen, wie die Gäste wirklich essen. „Was übrig bleibt, müssen wir mit nach Hause nehmen“, sagt ein Mitglied der Brautfamilie.

Die Beschränkung ist mehr als eine Geste, sie hat handfeste Auswirkungen auf Chinas Wirtschaft. Die Kommunistische Partei zählt rund 80 Millionen Mitglieder, in den  Staatsbetrieben arbeiten 64 Millionen Menschen, im öffentlichen Dienst weitere 50 Millionen. Der mannstärksten Armee der Welt gehören 2,2 Millionen Soldaten an.

Den hohen Militärs ist es seit Dezember untersagt, zu dienstlichen Anlässen Baijiu zu trinken. Seitdem ist der Preis für den Vorzeigeschnaps Kweichow Moutai fast um ein Drittel auf 1300 Yuan je Flasche (160 Euro) gefallen. Ähnlich stark sank der Aktienkurs des börsennotierten Unternehmens.

Da die Staatsdiener traditionell viel mehr Geld ausgeben als andere Chinesen, sind die Einbußen erheblich. Sie verringern allen Ernstes das Wachstumstempo in dem Riesenreich! Am Montag stellte sich heraus, dass die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal überraschend auf 7,7 Prozent zurückgegangen ist. Erwartet worden waren mindestens 7,9 Prozent wie im Vorquartal, die meisten Analysten hatten 8 Prozent und mehr erwartet.

Als einen der wichtigsten Gründe für die Enttäuschung nennt Lu Ting, Chefökonom für China der Bank of America in Hongkong, „die Verlangsamung im Wachstum des Verbrauchs, ausgelöst durch das strenge Vorgehen der neuen Führung gegen den übertriebenen Luxus“.

Die Ausgabenbremse habe unter anderem zu herben Rückschlägen in der Gastronomie geführt, sagte Shen Jianguang, Chefökonom für Asien bei Mizuho in Hongkong, der Agentur Bloomberg. „Das drückt mit Sicherheit das kurzfristige Wachstum.“

Allerdings! Dem Statistikamt in Peking zufolge sind in den ersten beiden Monaten des Jahres die Umsätze in größeren Restaurants und Verköstigungsbetrieben (Catering) um mehr als 3 Prozent gefallen. Das war der erste Rückgang seit Beginn der chinesischen Öffnungspolitik vor mehr als 30 Jahren. Das Catering-Geschäft, das 2012 noch um fast 14 Prozent zunahm, ist von enormer Bedeutung: Mit 2300 Milliarden Yuan (281 Milliarden Euro) macht es gut 4,5 Prozent der Wirtschaftsleistung aus.

Das Handelsministerium teilte unterdessen mit, zu Chinesisch-Neujahr – der Hauptzeit für Urlaub, Geschenke und Feiern – sei der Verkauf von Haifischflossen und Abalone-Seeschnecken um 70 und 40 Prozent gesunken. Beides sind teure Spezialitäten.

Lokale Medien berichten, so genannte Daoyu oder Messerfische (coilia ectenes) aus dem Jangtse, die teuersten Fische des Landes, kosteten nur noch ein Fünftel so viel wie 2012 – aber immer noch 2000 Yuan (240 Euro) je Kilogramm. Chinas kostbarster Tee namens Longjing, ein beliebtes Edelpräsent, habe sich wegen des Kampfs gegen die Statussymbole im Preis halbiert, auf schlappe 4000 Yuan je Kilogramm (490 Euro).