Akte Asien

Menschenversuche in der Diktatur

© Wiki CommonsWas nicht heißt, dass nicht auch der Süden verpestet ist: Smog in Xinhui, Kanton. 

Wer früher stirbt, ist länger tot – und lebt vermutlich in China. Dort sorgt derzeit eine Studie für Furore, die erstmals die langfristigen Gesundheitsschäden der Luftverschmutzung auf eine wissenschaftliche Grundlage stellt. Das Ergebnis: In Nordchina, wo mehr Kohle verbrannt wird, leben die Menschen im Schnitt 5 Jahre kürzer als im Süden.

Eine wirkliche Kausalität zwischen hoher Feinstaubbelastung und hoher Mortalität kann zwar auch diese Untersuchung nicht belegen. Aber die Korrelationen sind so frappierend, dass wohl etwas dran sein wird an dem schon lange vermuteten Zusammenhang (https://www.faz.net/-gqg-7b4ge).

Mindestens ebenso interessant wie das Resultat ist sein Zustandekommen. Die Wissenschaftler haben zwei repräsentative Gruppen miteinander vergleichen können, wie es sonst nur in gruseligen Menschenversuchen möglich gewesen wäre: die eine wurde jahrzehntelang dem Dreck ausgesetzt, die andere nicht. In der ersten Gruppe treten deshalb die tödlichen Herz- und Atemwegserkrankungen in allen Altersgruppen signifikant häufiger auf.

Möglich wurde die Gegenüberstellung durch willkürliche Bestimmungen aus der Mao-Zeit, die zum Teil bis heute fortwirken. Damals wurde festgesetzt, dass oberhalb des Huai-Flusses im Winter geheizt werden durfte, unterhalb hingegen nicht. Den Familien im Norden stellte die Regierung dafür unentgeltlich Kohle zur Verfügung. Bis heute gibt es im Süden, wo es tendenziell wärmer ist, kaum Kohle- oder Gasheizungen.

Die Forscher nun untersuchten die Gebiete unmittelbar dies- und jenseits der künstlich gezogenen Wetter- und Subventionsscheide. Eigentlich unterscheiden sich die Gegenden in nichts voneinander: Klima, Vegetation, Wirtschaft, Verwaltung, Bevölkerung, soziale Schichtung, Einkommen, Ernährung, Grundwasser – so gut wie alles ist identisch. Auch die gasförmigen Luftbelastungen, etwa durch Schwefeldioxyd und Stickstoffoxyd, treten gleich häufig auf, weil sie hin- und hergeblasen werden. Das gilt aber nicht für die schwerer beweglichen Feinstäube aus der Kohleverbrennung. Deshalb müssen wohl sie den Ausschlag geben über die Krankheitshäufigkeit.

Noch eine weitere Besonderheit aus der Mao-Epoche half den Wissenschaftlern enorm. Damals wurde das Hukou-System eingeführt, eine Zwangsregistrierung der Haushalte, die bis heute gilt. Sie legt fest, dass ein Wechsel des Wohnorts – der meist auch Geburtsort ist – nur sehr schwer möglich ist. Damit wollte der Staat die Landflucht aufhalten, die Bauern an ihre Schollen binden und der Slumbildung in den Städten vorbeugen. Für die Studie bedeutete das, dass die Mobilität der Untersuchten recht gering war: Wer nördlich des Huai lebte, blieb dort auch, atmete die schlechte Luft ein – und erkrankte eben.

So makaber es klingt: Für die Forschung erwiesen sich diese bis in die Gegenwart andauernden Auswüchse von Autoritarismus und Willkür als Glücksfall. Die Autoren nennen die Gegebenheiten „einen ansprechenden quasi-experimentellen Ansatz“. Natürlich habe die Regierung die Menschen nicht bewusst den Schadstoffen aussetzen wollen, sagt Studienleiter Michael Greenstone vom federführenden Massachusetts Institute of Technology (MIT). „Das war die unbeabsichtigte Folge einer Politik, die (damals) recht vernünftig ausgesehen haben muss.“

Unter anderen Umständen aber, das gibt Greenstone zu, wäre man nie an derlei aussagekräftige Daten gekommen. „Wir werden, Gott sein Dank, niemals eine randomisierte kontrollierte Untersuchung haben, wo wir einige Leute über ihr ganzes Leben hinweg einer größeren  Umweltverschmutzung aussetzen und andere einer geringeren.“

Aber genau das ist bis 1980 und vermutlich auch darüber hinaus an beiden Ufern des Huai-Flusses passiert. Wenn Wissenschaft und Politik aus den so gewonnenen Ergebnissen jetzt die richtigen Lehren ziehen und die unerträgliche Luftbelastung in China verringern helfen – dann war der vorzeitige Tod vieler tausend Menschen immerhin nicht ganz vergeblich.

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