Bagdad Blue

Bagdad Blue

Die Gewalt hat nachgelassen in Bagdad und im ganzen Irak. Aber Sicherheit herrscht noch lange nicht. Die Amerikaner sind weiter verschanzt in der

Helo oder Rhino

| 1 Lesermeinung

Der Flug von Amman nach Bagdad so komfortabel wie nie. Fast ein Jahr ist seit dem letzen „Embedding“, der Berichterstattung aus dem Irak im Schutz der amerikanischen Truppen, vergangen. Das irakische Parlament will den Rückzug der Amerikaner bis Ende 2011. Was will der neue amerikanische Präsident Barack Obama? Und wie geht es vom Flughafen in die Stadt?

So bequem war es noch nie. Das vierstrahlige Transportflugzeug der amerikanischen Luftwaffe, das um de Mittagszeit vom Stadtflughafen „Marka“ in Amman abhebt, ist dieses Mal allenfalls halb voll. Jeder zweite Sitz ist frei. Dazu wird keine Fracht transportiert, nur das Gepäck der vielleicht achtzig Passagiere. Und das findet locker auf zwei Paletten Platz, die ganz am Ende des Laderaums verankert sind, gleich an der riesigen Ladeluke. Das bedeutet, dass die Sitzpritschen nicht beiderseits des hoch aufragenden Frachtgutes in den Boden montiert sind, sondern gut zwei Meter voneinander entfernt jeweils an den Außenwänden und in der Mitte des Flugzeugrumpfes. Also dieses Mal nicht das übliche Gekeile mit den Knien in drangvoller Enge, auch drücken keine Ellbogen von den Nachbarn auf der Sitzpritsche herüber. Vielmehr kann man sich selber breit machen, sogar die Beine ausstrecken während des etwa anderthalbstündigen Fluges von Amman in Jordanien nach Bagdad.

Bild zu: Helo oder Rhino

Die amerikanischen Militärflüge zwischen der jordanischen und der irakischen Hauptstadt heißen im Jargon der internationalen Bagdad-Reisenden „Embassy Flights“ (Botschaftsflüge), weil sie bald schon nach dem Beginn des Krieges vom März 2003 vor allem für die Mitarbeiter der amerikanischen Botschaft in Bagdad eingerichtet wurden. Die Botschaft im Irak ist mit etwa 5500 Mitarbeitern die derzeit größte amerikanische Auslandsvertretung in der ganzen Welt. Die Botschaftsmitarbeiter haben viel großzügigere Heimflug- und Urlaubsregelungen als die im Irak stationierten rund 150000 amerikanischen Soldaten, die während ihres bis zu 18 Monate langen Einsatzes nur einziges Mal für 15 Tage nach Hause dürfen. Weil die Diplomaten dagegen spätestens jeweils nach acht Wochen zum Heimaturlaub oder zur Erholung heraus dürfen aus dem Irak, braucht es die Botschaftsflüge. Die amerikanischen Soldaten werden in vollgestopften Transportmaschinen fast ausnahmslos über Kuwait in den Irak und wieder herausgeflogen. Das amerikanische Botschaftspersonal fliegt mit Knie- und Ellbogenfreiheit über Amman. In Kuwait sitzt man manchmal tagelang auf dem amerikanischen Air-Force-Stützpunkt nördlich von Kuwait-Stadt fest, weil das Luftkreuz-Nadelöhr verstopft ist. Von und nach Amman fliegt man spätestens tags darauf bequem mit zivilen Fluglinien weiter.
Es sind aber nicht nur amerikanische Diplomaten, die man im Botschafts-Pendelverkehr mit den riesigen C-130 „Globemaster“-Frachtflugzeugen der amerikanischen Luftwaffe antrifft. Auch Mitarbeiter von internationalen Hilfsorganisationen, der UN, des Roten Kreuzes sowie privater Unternehmen mit Aufträgen der amerikanischen Regierung oder der Streitkräfte im Zweistromland sind an Bord. Und der eine oder andere Journalist, der sich zur Berichterstattung aus dem Irak zu einem „Embedding“ mit den amerikanischen Besatzungstruppn nach Bagdad begibt.
Ob der komode Flug ein gutes Omen ist? Vielleicht gibt es vom „Baghdad International Airport“ (Jargonabkürzung BIAP) zur „International Zone“ (Jargonabkürzung IZ) sogar einen Helikopterflug?  Denn wer in Bagdad angekommen ist, ist noch lange nicht angekommen in Bagdad. BIAP im Westen der irakischen Hauptstadt ist die eine riesige Enklave von Bagdad, die IZ in der Stadt unmitelbar am Westufer des Tigris die andere, deutlich kleinere. Früher hieß die IZ, die etwa zehn Quadratkilometer umfasst, „Green Zone“, weil für die amerikanischen Soldaten dort die niedrigste Warn- und Schutzstufe „Grün“ galt. Draußen in der „Red Zone“ dagegen war stets höchste Alarmbereitschaft  erfordert.

Bild zu: Helo oder Rhino

Man kann die vielleicht 20 Kilometer von BIAP zur IZ entweder per Hubschrauber in ein paar Minuten zurücklegen; da muss man aber Glück haben mit dem Wetter und mit der Platzvergabe. Denn bei Dunst und Nebel und Staubsturm wird nicht geflogen, und die begehrten Plätze im Helikopter  (Jargonabkürzung Helo) sind meist lange im Voraus vergeben. Oder man nimmt eben den berühmt-berüchtigten „Rhino Runner“, (Jargonabkürzung Rhino), einen gepanzerten Bus, der im Schutz der Nacht im Konvoi und von Panzerfahrzeugen der amerikanischen Armee eskortiert, den Nahverkehr zwischen Bagdad und Bagdad übernimmt. Die Fahrt dauert eine gute Stunde. Die beide „internationalen“ Enklaven sind bis heute von Betonmauern und Stacheldrahtwäldern umgeben. Es gibt rund um die Uhr bewachte und nachts grell erleuchtete Kontrollstellen, an denen amerikanische Soldaten, aber auch Angestellte privater Sicherheitsfirmen aus aller Welt Dienst tun, jedes Fahrzeug und jede Person kontrollieren. Von Wachtürmen spähen Wachen herab. Die Augen der Überwachungskameras beobachten zusätzlich die Peripherie. Dazu schweben kleine unbemannte „Zeppeline“, mit Heliumgas gefüllt und an langen Drahtseilen befestigt, hoch oben in der Luft: Auch sie verfügen über Kameras.
Seit dem letzten Besuch als „eingebetteter Reporter“ vor knapp einem Jahr hat sich die Sicherheitslage in Bagdad deutlich verbessert. Die Zahl der Toten und Verletzten bei den amerikanischen Soldaten sowie unter den irakischen Sicherheitskräften und der Zivilbevölkerung hat sich deutlich verringert. Es ist so ruhig und sicher wie seit den Wochen kurz nach dem Sturz Saddam Husseins im April 2003 nicht, heißt es. Die irakische Regierung will den Rückzug der amerikanischen Truppen aus den Städten bis Mitte 2009 und den vollständigen Abzug bis Ende 2011. Ist das zu früh? Oder zu spät? Was kommt nach der amerikanischen Besatzung, die so oder so in absehbarer Zeit zu Ende geht: der unausweichliche Krieg oder der unwahrscheinliche Frieden? Doch das sind Zukunftsfragen. Ganz gegenwärtig geht es darum: Kriege ich von BIAP in die IZ den Helo-Flug am frühen Nachmittag oder wird es doch wieder die Rhino-Fahrt mitten in der Nacht?

(Fotohinweis: Fotos Matthias Rüb; Wikipedia)


1 Lesermeinung

  1. Im S c h u t z amerikanischer...
    Im S c h u t z amerikanischer Truppen? Diese bizarre Formuierung allein erhellt schlagartig das journalistische Vorverstaendnis des Verfassers, naemlich den Irak durch deren Brille wahrnehmend. Kurz: Besatzungsreporter Rueb. Aehnliches sind wir Leser bereits von eingefaerbten Berichten der F. A. Z. aus Afghanistan gewoehnt.
    Die Grundlinie ist stets dieselbe – die Frankfurter Allgemeine verkauft sich als willige Magd der jeweils Herrschenden.

Kommentare sind deaktiviert.