Bagdad Briefing

Mekka statt Kobane

Der Kampf um Kobane könnte bald zu Ende sein. Vier Monate nach Beginn der Belagerung der syrisch-kurdischen Enklave an der Grenze zur Türkei meldeten die Volksverteidigungseinheiten diese Woche entscheidende Erfolge: Nur noch zwanzig Prozent der Stadt seien unter Kontrolle des „Islamischen Staats“ (IS), teilte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte in der Nacht auf Dienstag mit.

Wie bereits im Dezember, als es Einheiten der irakisch-kurdischen Peschmerga gelang, einen Korridor zur Yeziden-Hochburg Sindschar freizukämpfen, müssen die Dschihadisten in ihrem Kerngebiet im Norden Syriens und Iraks eine Niederlage hinnehmen. Nach der Eroberung großer Städte mit arabischer Bevölkerungsmehrheit wie Raqqa und Mossul hatten die IS-Einheiten im vergangenen Sommer begonnen, die kurdischen Gebiete anzugreifen. Doch der Einsatz der Volksverteidigungseinheiten (YPG) hat einen Fall derer Gebiete vorerst verhindert. Gegen den syrischen Verbündeten der türkischen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) kamen die Männer Abu Bakr al Bagdadis nicht an.

Ohne die Luftschläge der von Amerika und den sunnitischen Golf-Staaten geführten Allianz gegen die Terrorgruppe wäre dieser Erfolg freilich nicht möglich gewesen. Acht Angriffswellen flogen amerikanische Kampfflieger am Wochenende, teilte das Oberkommando der Streitkräfte in Florida am Montag mit.

Lange hatte das Anti-IS-Bündnis noch im Herbst gezögert, den YPG-Kämpfern in Kobane militärisch beizustehen. Sowohl der Widerstand der Türkei gegen Hilfe für die mit PKK-Führer Abdullah Öcalan verbündete Organisation wie arabische Vorbehalte gegen die säkularen Kurden sorgten für Zurückhaltung.

Viel mehr als symbolische Bedeutung jedoch haben die jüngsten Erfolge in Kobane nicht. Der Angriff auf saudi-arabische Grenzpolizisten am Montag zeigt, dass die militanten Sunniten und ihre Verbündeten weiter in der Lage sind, ihre Ziele auszuweiten. Drei Grenzer kamen nahe der Stadt Judayyidat Arar ums Leben, als mehrere Angreifer versuchten, von irakischem auf saudi-arabisches Territorium zu gelangen. Das Innenministerium in Riad gab an, dass vier Kämpfer getötet worden seien.

Der vereitelte Selbstmordanschlag macht deutlich, wie anfällig das wahabitische Königreich für Operationen des „Islamischen Staats“ ist. Seit dem Siegeszug der Dschihadisten im Nordirak hatte es immer wieder Übergriffe entlang der mehr als 1200 Kilometer langen Grenze mit dem Irak gegeben, der am Montag war der heftigste. Entlang der zu großen Teilen von IS-Kämpfern kontrollierten westirakischen Provinz Anbar haben die saudischen Behörden deshalb begonnen, eine zwanzig Kilometer tiefe Pufferzone zu errichten. Es ist der letzte Schutzwall gegen die selbst ernannten Gotteskrieger, deren Anspruch auf das Königreich eindeutig ist: Die heiligen Stätten Mekka und Medina wollen sie erobern.

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