Bagdad Briefing

Langer Marsch nach Mossul

Der Besuch des irakischen Ministerpräsidenten Haidar al Abadi in Tikrit am Mittwoch ist ein Wendepunkt. Zum ersten Mal seit dem Vormarsch des „Islamischen Staats“ (IS) ist es Einheiten der vor einem Jahr von den Dschihadisten gedemütigten Armee gelungen, eine Großstadt zurückzuerobern. Doch der Kampf war lang und verlustreich; ob er als Exempel für die Befreiung Mossuls taugt, wie von Strategen gewünscht, bleibt offen: Die Millionenstadt am Tigris ist die von IS-Führer Abu Bakr al Bagdadi ausgerufene irakische Hauptstadt seines Kalifats.

Denn noch am Mittwoch hielten die Kämpfe in Vierteln im Süden und Westen Tikrits an. Sprengfallen und Scharfschützen behinderten, wie in den Wochen zuvor, die vollständige Einnahme der Geburtsstadt Saddam Husseins. Noch am Dienstagabend, als Abadi bereits die Befreiung der Provinzhauptstadt Salaheddins verkündet hatte, dämpften amerikanische Militärs die Erwartungen: „Es muss noch Arbeit erledigt werden“, warnte ein Sprecher der Militärallianz. Sicherheitskräfte und vom Iran unterstützte schiitische Milizen hatten am Vortag die IS-Kämpfer aus der strategisch wichtigen, mehrheitlich von Sunniten besiedelten Stadt 130 Kilometer nördlich von Bagdad weitgehend vertrieben.

Zwar dürften die Luftangriffe amerikanischer und anderer Kampfflieger der Anti-IS-Allianz bei der Befreiung der Stadt eine entscheidende Rolle gespielt haben. Doch die sunnitischen Dschihadisten zermürbt hatten in den ersten Wochen der Tikrit-Offensive schiitische Milizionäre. Die von Iran ausgebildete Volksmobilisierungs-Allianz (Hashid Shaabi) hatte Anfang März begonnen, IS-Stellungen anzugreifen. Zehn Monate nach dem Massaker an Hunderten schiitischen Rekruten war ihr Vorgehen auch von Rache für das gnadenlose Vorgehen der Bagdadi-Einheiten geprägt.

Ministerpräsident Abadi dankte den Freiwilligenverbänden am Dienstag in einer Fernsehansprache für ihre Rolle beim Vormarsch auf Tikrit. Anders als die Militärführung der Vereinigten Staaten, die den Rückzug der schiitischen Milizen zur Bedingung für ein Eingreifen aus der Luft gemacht hatte, hält der schiitische Regierungschef den Zeitpunkt für verfrüht, allein auf die schwachen staatlichen Einheiten zu setzen. Die waren im Juni vergangenen Jahres aus Mossul, Tikrit und anderen Städten entlang des Tigris geflohen, ohne dem IS ernsthaften Widerstand entgegenzusetzen.

Doch sunnitische Führer, die Mossul im vergangenen Jahr verließen und eine Allianz zur Rückeroberung der Stadt schmieden, haben bereits deutlich gemacht, dass sie eine Beteiligung schiitischer Milizen nicht zulassen werden. Kurdische Peschmerga-Kämpfer kommen deshalb nur als Verbündete infrage. Inwieweit diese bereit und in der Lage sind, sich für ihre nicht immer geliebten sunnitischen Landsleute in die Bresche zu schmeißen, werden die nächsten Wochen zeigen. Schließlich stand der IS vor gut einem Jahr kurz vor der irakischen Kurdenhauptstadt Arbil – und griff erst im Januar das „kurdische Jerusalem“, Kirkuk, an.

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