Bagdad Briefing

Assads Todeslager

Am Donnerstagabend pfiff die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) in Ramallah einen ihrer eigenen Angehörigen zurück: Sie lehne es „vollständig“ ab, zur bewaffneten Konfliktpartei in Yarmuk zu werden, teilte sie in einer Pressemitteilung mit. Die Beteiligung an einer bewaffneten Operation, wie sie Ahmad Maschdalani nach Gesprächen mit Regierungsvertretern in Damaskus begrüßt hatte, käme für die PLO nicht infrage.

Zu groß war offenbar der Druck, am Ende als Komplizen eines Massakers dazustehen, vor dem auch der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ban Ki-moon, in der Nacht auf Freitag warnte: Zu Kriegsverbrechen könnte es kommen, sollte ein militärischer Angriff stattfinden, der die Vorherrschaft der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ beenden solle, sagte Ban. Für diese müssten die „Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Bereits heute gleich Yarmuk einem „Todeslager“, in dem sich Tausende Zivilisten eingekesselt zwischen IS-Einheiten und Soldaten des Regimes Machthaber Baschar al Assads befänden.

Menschenrechtsorganisationen, die mit Bewohnern Yarmuks in Kontakt sind, sprechen von schrecklichen Umständen, die die Lage zur Hölle machten. Im Norden kontrollierten am Freitag Regierungseinheiten die Zugänge nach Yarmuk, aus dem Süden rückten IS-Kämpfer vor. „Der Beschuss mit Mörsergranaten und Fassbomben erfolgt in Yarmuk nur dort, wo bewaffnete palästinensische Gruppierungen den ISIS-Terrormilizen noch Widerstand leisten“, berichtet Elias Parabo von der Organisation Adopt a Revolution.

Hilfsorganisationen forderten am Freitag den sofortigen Zugang zu dem seit Tagen von palästinensischen und IS-Milizionären umkämpften Viertels in Damaskus. Martin Glasenapp von der Hilfsorganisation Medico International sagt: „So wichtig es ist, dass jetzt über Yarmuk gesprochen wird, so wichtig ist auch der Hinweis, dass die Katastrophe von Yarmuk vor zwei Jahren begonnen hat. Und die Verantwortung liegt ganz klar in den Händen des Regimes, das diese Blockade aufrechterhalten hat, diese Hungerblockade mit über 160 Toten.“

Bewohner berichteten, dass Hubschrauber des Regimes am Freitag abermals Fassbomben über Yarmuk abwarfen, das vergangene Woche unter Kontrolle des IS geraten war. Seitdem ist rund 2500 Familien die Flucht gelungen. Mehr als 16000 Menschen sollen sich noch in dem Palästinenserviertel befinden, darunter 3500 Kinder, die Ban zufolge als „menschliche Schutzschilde“ gehalten würden.

Den Kampf gegen den IS in Yarmuk führt die Gruppe Aknaf Beit al Maqdis an, der sich auch Freiwillige angeschlossen haben, die sowohl gegen den IS wie das Regime kämpfen. Sie fürchten, dass Assads Armee mit einem militärischen Eingreifen ihrem Widerstand ein Ende bereiten will – und den Aufbau selbst organisierter Strukturen, der in den Jahren der Blockade Tausenden das Überleben sicherte, für immer zerstört werden soll.

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