Bagdad Briefing

Kein Sieg in Sicht

In arabischen Zeitungen wird bereits gespottet: Die Verantwortlichen für den Fall Ramadis würden erst nach der Einnahme Bagdads durch den „Islamischen Staat“ (IS) zur Rechenschaft gezogen, schreibt „Al Jarida“ aus Kuweit. Schließlich suche man auch ein Jahr nach dem Verlust Mossuls noch nach den Schuldigen für die Niederlage am Tigris – ohne Ergebnis.

Eine Woche nach der Besetzung der Hauptstadt der größten irakischen Provinz, Anbar, durch die sunnitische Terrorgruppe hat sich der Schock über den Fall Ramadis noch nicht gelegt. Nicht in Bagdad, aber auch nicht bei den internationalen Unterstützern Ministerpräsident Haider al Abadis: Teheran und Washington weisen sich weiter gegenseitig die Schuld für das Desaster zu.

Der schiitische Regierungschef hatte bis zuletzt versucht, es beiden Seiten recht zu machen: Um ein zweites „Camp-Speicher“-Massaker wie im vergangenen Juni in Tikrit zu verhindern, wandte er sich zunächst auf amerikanischen Wunsch hin gegen eine Beteiligung schiitischer Milizen an der Rückeroberung Ramadis. Und seinen schiitischen Sponsoren in Teheran zuliebe verzichtete er das vergangene Jahr über auf die Bewaffnung sunnitischer Milizen in Anbar.

Das Ergebnis ist angesichts des ungleichen Kräfteverhältnisses zwischen Iran und Amerika im Irak nicht überraschend: Wie schon im März in Tikrit haben die berüchtigten, von den iranischen Revolutionsgarden ausgebildeten und finanzierten Volksmobilisierungsmilizen (Hashed al Shaabi) die Führungsrolle beim Kampf um die Hauptstadt Anbars übernommen. Der Titel, den ihre Kommandeure der Operation am Dienstag gaben, spricht Bände: „Labayak, ya Hussein“ heißt so viel wie „Wir sind dir zu Diensten, Hussein“ – einem der zwei wichtigsten Imame im schiitischen Islam. Aus dem Pentagon kam unverhohlene Kritik: „Nicht hilfreich“ sei das, sagte Sprecher Steven Warren am Mittwoch. Der Schlüssel, um den „Islamischen Staat“ aus dem Irak zu vertreiben, sei ein vereinigtes Land.

Davon aber ist das Zweistromland ein Jahr nach dem Fall Mossuls weiter entfernt als noch im Sommer 2014. Die Hauptstadt Ninives ist weiter fest in den Händen der Kämpfer IS-Führers Abu Bakr al Bagdadi; vergangene Woche gelang es ihnen zudem, einen weiteren Grenzübergang nach Syrien zu erobern. Über zwei Ost-West-Verbindungen verfügen die transnational agierenden Dschihadisten nun – und können Waffen und Verpflegung ungestört von den staatlichen Einheiten der Machthaber Abadi und Baschar al Assad zwischen Syrien und Irak hin- und her bewegen.

Nur im Nordirak, wo die die autonome Region Kurdenpräsident Massud Barzanis auf die von den syrischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) kontrollierten Kurdengebiete trifft, hat der IS noch nicht das Sagen. Dass amerikanische Kampfflieger südlich davon in den vergangenen Tagen vermehrt Stellungen der Dschihadisten angriffen, könnte ein Indiz dafür sein, dass Washington doch eine militärische Strategie verfolgt: Die Schaffung eines Korridors entlang der Südostflanke der Türkei, die von Dohuk im Nordirak über Qamischli, Ras al Ain bis Kobane reichte, würde kurdischen und arabischen IS-Gegnern einen Rückzugsraum schaffen, von dem aus sie eine größere Operation gegen die Dschihadisten starten könnten.

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