Balance-Akt

Tempo runter

Innere Balance sieht für mich aus wie meine Freundin Karina. Das schreibe ich nicht ohne Neid. Karina ist 40, wirkt aber fünf Jahre jünger. Mindestens. Sie hat keine Augenringe und springt morgens um acht aus ihrem Audi Q7, frisch, pünktlich und perfekt geschminkt. Hinter ihr die Kinder, goldig und gutgelaunt. Stress? Nicht bei Karina. Ihr Geheimnis hat sie mir verraten. „Entschleunigung, sag ich dir.“ Gang runter, Schlacke raus, Energie rein, so in der Art. Das Tolle daran: Das Phänomen beinhaltet Elemente der Faulheit und des Müßiggangs, ohne negativ besetzt zu sein (schreibt Wikipedia). Das will ich jetzt auch. „Landlust“ lesen gehört dazu, von Workout auf Walken umstellen, von Aerobics auf Pilates. Dazu ein Reitkurs, das beruhigt die Nerven, auch mit wilden Kindern. Statt Vollzeitjob eine Fortbildung an einer Business School, was finanziell zwar riskant ist, gesellschaftlich dagegen jede Menge Pluspunkte bringt. Slowfood, Gartenarbeit und Urlaub in Lappland, fertig ist der neue Lebensstil – zumindest in seiner weiblichen Spielart. Männer haben es da schwerer.

Vorige Woche rief ich einen Manager an, der gerade geschasst wurde. Plötzlich ist er job- und, viel schlimmer, bedeutungslos. Er ist der einzig mir bekannte Mann auf Entschleunigung. „Funktioniert am besten mit Weißwein“, behauptet er. Er sitzt auf einer Terrasse mit Blick auf die bayrischen Alpen und trinkt das dritte Glas Riesling. „Das entzerrt alles.“ Ob ich mir Sorgen machen muss, frage ich. Es ist nachmittags um drei. „Verkehrt wäre das nicht“, antwortet er und legt auf. Da starte ich lieber mit Pilates, ist definitiv gesünder.

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