Balance-Akt

Volltischler und Leertischler

Die Menschheit unterteilt sich bekanntlich nach vielerlei Kriterien: faul oder fleißig? rechts oder links? Mann oder Frau? Tee oder Kaffee? Nun hat unsere Freundin, die Arbeitssoziologin, eine neue Variante aufgetischt: „Es gibt zwei Sorten Menschen: Leertischler und Volltischler.“ Nie gehört? Ich auch nicht.  

In ihrem Dax-Konzern unterteilen die Personaler die Menschen bereits danach, wie der Schreibtisch aussieht: blitzeblank leer oder mit Papierstapeln bis hoch unter die Decke. Ein „V“ in der Personalakte bedeutet Volltischler. „L“ steht für Leertischler. Daraus erklärt sich der Charakter eines Mitarbeiters. Sagt die Soziologin. Gesichert gilt unter Betriebspsychologen, dass sich die beiden Gattungen Büromensch nicht vertragen: „Voll- und Leertischler darfst Du nie in einen Raum sperren, da kannst Du die  Konfliktbewältigungstherapie gleich mitbuchen.“

Das große V oder L entscheidet angeblich sogar darüber, wer Karriere macht: Hinter dem Leertischler werden Zielstrebigkeit und klares Denken vermutet. Der Volltischler dagegen muss mit dem Vorwurf leben, mit seiner Unordnung Genialität nur vorzutäuschen. „Befördert wird im Zweifel Typ L“, sagt die Soziologin. Zur empirischen Überprüfung ihrer These haben wir während des nächsten Interviews eigens das Büro ihres Vorstandsvorsitzenden ausspioniert. Und tatsächlich: Der Mann ist Leertischler. Kein frei herumliegende Akte, nirgends. Kein Papierchen, kein Vesperbrot, nichts. Nur zwei Rahmen mit den Fotos von seinen Liebsten, ist ja klar.

Allerdings haben wir einen hässlichen Verdacht: Entsorgt der Mann den Papierwust im Schrank? Ist er in Wirklichkeit also ein Vollschränkler? So wie wir es sind? Wir haben nicht gewagt, die Türen seines Schranks zu öffnen.

Die mobile Version verlassen