Balance-Akt

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Spielt sich die Wirtschaft nur in den Chefetagen ab? Nein, nein!

Das bisschen Abitur

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Bisher dachte ich, Burnout ist was für Manager. Für gemobbte Überflieger, kaltgestellte Karrieristen oder Frauen, die allzu gerne mal einen Bestseller...

Bisher dachte ich, Burnout ist was für Manager. Für gemobbte Überflieger, kaltgestellte Karrieristen oder Frauen, die allzu gerne mal einen Bestseller darüber schreiben würden. Mittlerweile aber sollen 15 Prozent der Kinder psychisch auffällig sein, behauptet meine Freundin, die Psychotherapeutin. Zu ihr kommen sie mit Depressionen, Stress und Frust. Es gibt wohl tatsächlich viele sensible Naturen, die – aus welchen Gründen auch immer – an den Anforderungen des Alltags scheitern.

Dabei machen die meisten doch auch nur Abitur, wie wir früher, und spielen nebenher Handball und Klavier. Von Überbelastung kann da nicht wirklich die Rede sein. Irgendetwas ist trotzdem anders: Wir hatten früher Flötenunterricht bei Herrn Kasper, zu fünft, mussten nie vorspielen und einmal im Monat hat ihm jeder fünf Mark dafür überreicht. Heute gibt’s schon für die Kleinsten Knebelverträge, halbjährige Kündigungsfristen und viele peinliche Auftritte. Und alle sind Pianisten oder sonstige Solisten in spe. Früher haben alle Jungs am Ort gekickt. Gelegentlich stach ein Spieler hervor, ein kleiner Rummenigge, einfach so. Heute spielen lauter Mini-Stars, ab der E-Jugend wird abgeworben und wer von den Scouts partout nicht entdeckt wird als Jahrhunderttalent, bekommt Privat-Training.

Früher gab kein Nintendo, kein ADHS, nur Zappelphilippe. Nicht jedes Kind schien hochbegabt, aber die meisten Eltern waren sicher, dass ihr Kind das Abitur schafft. Wir durften Dreien schreiben, ohne zur Nachhilfe angemeldet zu werden. Zum Sport mussten wir radeln oder laufen. Wir hatten gelegentlich Fieber und Husten, nicht aber Streptokokken, Lungenentzündung oder schwere Grippe. Kindergeburtstage waren nervend für die Eltern, aber kein Event im Kino oder Kletterpark. Niemand von uns musste Chinesisch lernen, wir konnten Skat. Wir wollen Lehrerin werden, Chemiker, Rechtsanwältin – nicht Topmodel, Superstar oder Millionär. Wir hatten Träume, mussten aber vorher noch dringend ins Freibad. Für Burnout hatten wir vermutlich einfach keine Zeit.


1 Lesermeinung

  1. <p>Ja, so war's: Die...
    Ja, so war’s: Die Sommerferien waren endlos lang, kein Mensch wußte, wo Mallorca überhaupt liegt, gebadet haben wir in der aufgegebenen Tonkuhle und Englisch bei BFBS gelernt statt in der Nachhilfe. Studiert haben wir dann Fächer, die Mathematik oder Germanistik hießen, und wir brauchten keine gender studies, um festzustellen, daß es in manchen Fachrichtungen mehr Mädels gab als an anderen. Und neben der Uni gab es noch eine PH, toll, das alles, eine geile Zeit.
    Danke für die Erinnerung K

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