Balance-Akt

Ignorante Inkompetenz

Hannes ist der kleinste hier zu Hause und er hat es nicht leicht. Wenn die Großen mit ihm um die Wette rennen, knallt er hin und heult. Wenn sie Carrera-Bahn fahren, scheitert er am Looping. Jedes Mal. Immer wieder. Aber er gibt nicht auf, brüllt jedes Mal: „Ich fahr toller als die Nina.“ Er läuft auch schneller, kann besser lesen (mit vier Jahren) und Fußball spielen sowieso. Davon ist er überzeugt. Felsenfest.

Wir lassen ihn meist in dem Glauben. „Er ist doch so klein“, sagen wir immer, wenn die Mädchen motzen, dass „der Hannes lügt“. Wir dachten, das baut sein Selbstvertrauen auf, sein Durchhaltevermögen. Das zahlt sich aus später.

Jetzt habe ich allerdings erfahren, dass das Phänomen auch unter Erwachsenen weit verbreitet ist: Ignoranz gegenüber der eigenen Inkompetenz oder auch Dunning-Kruger-Syndrom genannt, kurz DKS. Entdecker David Dunning, ein Sozialpsychologe an der Cornell University in New York, umschreibt das Problem dieser Wahrnehmungsstörung so: Die Leute sind so inkompetent, dass sie nicht mal merken, dass sie inkompetent sind. Und nicht nur das: Sie halten sich auch noch für kompetenter als die anderen. Da fallen mir sofort ein paar Artgenossen ein…

Die Konsequenzen sind durchaus ernster Natur. Denn diese Menschen nerven nicht nur die Kollegen, weil sie nicht registrieren, wie dumm sie daher reden. Nein, sie treiben ganze Unternehmen in den Ruin, weil sie eine Fehlentscheidung nach der anderen treffen. Sie schaden der Volkswirtschaft. Der Gesellschaft. Dem Fortschritt.

So soll Hannes nicht werden! Also widersprechen wir seiner anmaßenden Kompetenz jetzt. Meist bekommt er dann einen Wutanfall, der mit den Worten endet: „Kann ich wohl. Ich will nur gerade nicht.“ Nach wie vor ist er der beste Spaghetti-Koch der Familie, der schnellste Treppenhochstürmer, der höchste Baumkletterer und Mamas Liebling.

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