Balance-Akt

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Spielt sich die Wirtschaft nur in den Chefetagen ab? Nein, nein!

Salat-Typ oder Genießer?

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Bis vor kurzem hätte ich mich ohne Bedenken als Genuss-Menschen bezeichnet. Ein Genießer, so dachte ich, ist ein Mensch, der den Moment auskostet, locker...

Bis vor kurzem hätte ich mich ohne Bedenken als Genuss-Menschen bezeichnet. Ein Genießer, so dachte ich, ist ein Mensch, der den Moment auskostet, locker und heiter ist, empfindsam und einen Sinn für Kultur und Ästhetik hat. Wie ich halt.

Nur: Der Genuss wird arg ranzig, als Begriff, meine ich. Früher tauchte er im Schlepptau von Luxus und Stil auf, heute greifen Werbemenschen zum Genuss, wenn ihnen gar nichts mehr einfällt zu einem Produkt, das vielleicht angenehm-solide, aber für ihre Werberhirne so gar nicht hip, cool oder spritzig ist. Das nimmt ein übles Ende, fürchte ich. Neulich hörte ich eine Boutiquen-Besitzerin die Damenwelt in zwei Kategorien einteilen: Salat-Typ oder Genießerin. Früher sagte man zu letzterer einfach Mollige oder Pummelchen.

Wenn unser Winzer sich jetzt „Genuss-Winzer“ nennt, heißt das dann, er schämt sich für die übermäßigen Trinkgewohnheiten seiner Klientel? Kann ich dort noch guten Gewissens einkaufen? Und müssen wir auch die Destination für unseren Winterurlaub überdenken? Bisher sind wir gerne in das Tiroler Olympia-Städtchen gefahren; sonniges Hochplateau, sanfte Hänge, alpiner Flair, der sich bis nach Italien und ins hinterste Russland herumgesprochen hat. Wohl wahr, die Hügel entsprechen unserem Niveau: Den wahren Sportskanonen fehlt hier der Kick, die verwirklichen sich anderswo. Athletischeren Freunden gegenüber haben wir uns mit den Kindern entschuldigt: Die brauchen keine schwarze Piste. Jetzt aber fallen uns die Tiroler PR-Schranzen in den Rücken: Zum „Genießer-Skigebiet“ haben sie sich ausgerufen. Fehlt nur noch, dass sie auf die Plakate pinseln: Hier rutschen Dickbäuche über die Piste.

 


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