Balance-Akt

Herdentrieb im Büro

Wäre es nicht schön, sich vom Büro zu verabschieden? Vielleicht nicht für immer. Gelegentlich könnte man ja vorbeischauen, damit der Chef seine Schäfchen zählen kann. Arbeiten aber sollte jeder für sich allein. Am besten daheim, im Café oder an der frischen Luft, wo immer die Gedanken frei fließen. Das sagt die Wissenschaft. Ich widerspreche nicht.

Die kreativen Schübe überfallen mich am Esstisch mit Blick auf die bösen Nachbarn oder im Keller zwischen Tischkicker und Bügelbrett. Aber da entwickelt sicher jeder so seine eigenen Vorlieben. Für die work-life-balance ist der Arbeitsstil fernab des Büros jedenfalls der Hammer. Sagt die Wissenschaft. Die texanischen Forscher Nicholas Kohn und Steven Smith haben heraus gefunden, dass die Kollegen die Kreativität nicht steigern, sondern ganz im Gegenteil hemmen. Brainstorming ist demnach Quatsch, genau wie jede andere Form der Gruppenarbeit. Ob round table, brown bag- oder team building-Treffen – alles abschaffen!

Unser Gehirn brilliert, wenn Ruhe herrscht – kein Kollege reinquatscht, keine Kinder sabbeln, kein Chef doziert. Nur so konnte Karl May seinen Winnetou, Thomas Alva Edison die Glühbirne und Bill Gates Microsoft erfinden. In den meisten Meetings dagegen plappern alle dem Platzhirsch nach und deutet er nur den Hauch einer Vorliebe für eine Idee an, wagt kaum noch jemand, diese zu zerpflücken und eine bessere vorzubringen. Die Ruhigen sagen eh nichts, die Schwätzer toben sich aus. 20 bis 50 Prozent der Leistung, so die Wissenschaft, gehen im Vergleich zur Stillarbeit verloren, weil alle auf die vom Chef favorisierte Idee aufspringen, vielleicht lässt sie sich ja noch als die eigene verkaufen: „Gruppen-Fixiertheit“ nennt man diesen tumben Herdentrieb. Ich gehe jetzt erst mal in den Wald.

Die mobile Version verlassen