Balance-Akt

Quote, Rente, Tralala

Kennen Sie das auch? Der Chef quengelt, die Kinder drängeln: Wo bleibt der Text, wo das Mittagessen? Ich habe jetzt ein Mittel dagegen, die ultimative Ausrede: „Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit.“ Klingt gut, klingt kompetent – und schafft erst mal Luft.

Besorgt habe ich mir die Wunderwaffe von unserer Baubehörde. Hannes, unser Kleinster, sollte im Sommer in eine blitzblankneue Schule eingeschult werde. Das Gelände haben Bagger großflächig abgetragen, Fußgängerampeln wurden montiert, nächtliche Beleuchtung installiert und neue Straßen planiert. Nur: Sie führen ins Nichts: Das Schulhaus haben die Helden vergessen, irgendwie waren sie unpässlich: Kein Geld, keine Ideen, schwieriger Baugrund, was weiß ich. Hannes jedenfalls marschiert jetzt in die alte Schule, auch schön, nur drei Hügel weiter weg. Seine Kinder aber, da sind sich die Bürokraten sicher, werden eines fernen Tages in die neuen Räume einziehen: „Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit.“

Den Spruch habe ich mir gemerkt, seither höre ich ihn ständig. Auf dem Bau gehört er zur mentalen Grundausrüstung. Ob Elbphilharmonie oder Berliner Flughafen – wenn nichts klappt, den Satz bringt jeder Hanswurst heraus: „Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit.“ Versagen, Schlamperei, Unfähigkeit? Gibt es nicht, es geht stets um die tiefere Durchdringung der komplexen Materie. Das Tolle an meinem Wunderspruch ist: Er kaschiert nicht nur eigene Trantütigkeit, sondern taugt auch zur Angriffswaffe. Herrlich lassen sich damit unliebsame Ideen aushebeln. Was sagt der CDU-Macho, wenn Röschen von der Leyen mit der nächsten Reform um die Ecke kommt? Quote, Rente, Tralala – nicht‘s da! Und warum nicht? „Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit.“ Eben. So hält es der Finanzminister mit der Bankenaufsicht, die FDP mit dem Betreuungsgeld und der Fußballpräsident mit der Einführung einer Torkamera: „Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit.“ Sag ich doch.

 

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