Hier spricht Berlin

Nachbarn

Früher waren Nachbarn für mich eher ein abstraktes Konzept. Es gab welche, aber ich hatte nichts mit Ihnen zu tun, außer vielleicht mit der schwerhörigen Frau G., die mit mir, wie man das in jener Stadt nannte, auf einer Stiege wohnte. An ihrer mangelhaften Fähigkeit, zuzuhören scheiterte dann auch jede Kontaktaufnahme, selbst mit den üblichen Mitteln nachbarschaftlichen Dialogs: Auch nach den lautesten Festen wunderte sie sich mit fast vorwurfsvollem Unterton, dass sie so einen ruhigen Nachbarn hatte.
In Berlin aber wohnen die Menschen in Umgebungen, die sie „Kieze“ nennen, was, nur zum Beispiel, zur Folge hat, dass es an einem beliebigen Dienstagabend oder Sonntagnachmittag an der Wohnungstür klingeln kann, weil jemand dringend noch ein Ei braucht. Als ich vor Jahren schon einmal kurz in Berlin wohnte, in einem anderen Kiez, stand auf einmal Blixa Bargeld vor der Tür und bat um ein bißchen Zucker. Meine anfängliche Erklärung für diesen wie ich glaubte völlig unurbanen Brauch war, dass es kaum Tankstellen in der Innenstadt gibt, die in anderen Städten in solchen Notsituationen helfen, wobei ich Ursache und Wirkung noch nicht eindeutig festgelegt hatte: Möglicherweise gab es ja genau aufgrund jenes bemerkenswerten Kiez-Verhaltens keine Geschäftsgrundlage für Tankstellen. Aber dann erfuhr ich, dass zumindest die Menschen im sogenannten Osten sehr stolz auf eine Institution namens „Spätkauf“ waren, und die ganze Theorie war futsch. Ich habe noch keine neue, aber ich bin sicher, dass diese provinziellen Atavismen vor allem auratische Gründe haben, schließlich wohnen in unserem Haus längst mehrheitlich Menschen, die aus kiezlosen Städten eingewandert sind, und auch die hat der Klingel-Kult schnell ergriffen. Mittlerweile habe mich daran gewöhnt, und wenn ich mich gelegentlich so richtig angekommen fühle, frage ich den Eventmanager, der über mir wohnt, nach einer Tasse Senf.
Leider werde ich meinen Kiez bald verlassen müssen. Die Wohnung wird zu klein, und obwohl ich längst jeden in meiner Straße duze, funktioniert der Klingeltrick mit ganzen Wohnungen irgendwie nicht. Die Gentrifizierung, zu der ich einst beigetragen habe, so gut ich konnte, ist leider noch im vollen Ganze. Neulich habe ich mir zum Spaß eine viel zu billige Wohnungs angeschaut, ich hatte meine Kinder vergessen, aber es waren auch so genug da. Nur der berühmte Schriftsteller, der damals zeitgleich mit mir nach Berlin gezogen war, war schlau genug, schon am Ende der Schlage, also fast noch auf der Straße, wieder umzudrehen.
Jetzt habe ich in der „Bild“-Zeitung gelesen, dass Christian Klar bald mein Nachbar sein könnte. Ich weiß nicht genau, was man als Bühnentechniker beim Berliner Ensemble verdient, aber ehrlich gesagt: Ich halte das für unwahrscheinlich.

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