Hier spricht Berlin

Workout

Im Gegensatz zur handelsüblichen Kritik an jener Art von Körperkultur, die auf den Einsatz von allerlei Apparaten setzt, habe ich den Besuch von Fitnessstudios nie wegen einer übertriebenen Frischluftaffinität verachtet. Mal abgesehen davon, dass ich nicht verstehe, warum man jene Grüngebiete, die eine moderne Stadtplanung dem Wildwuchs der Urbanität abtrotzt, so gerne mit Natur verwechselt, hält sich die Versuchung, öffentliche Parks als Parcours zu missbrauchen, bei mir in Grenzen. Das liegt vor allem daran, dass ich die Idee des Jogging nie verstanden habe, und zwar weder drinnen noch draußen. Ich laufe nicht gerne ohne Grund, ohne Motiv, ohne Ziel, ein Ball würde ja reichen, aber: das Knie.
Insofern war ich natürlich sofort begeistert, dass man sich die sinnlose Lauferei mit Fernsehen vertreiben konnte, in jenem Lifestyle Club, in den mich nun mein schlechtes Gewissen getrieben hat, weil eben auch ich eher später als früher aussehen möchte wie der junge Benjamin Button. Selbst die für einen Medienkritiker wenig angenehme Vorstellung, die sich dabei unvermeidlich einstellt, nämlich das Gefühl, mit seinen eigenen Bewegungen das Fernsehprogramm anzutreiben, war bei einem Puls von 130 dann irgendwann vergessen. Und vielleicht wäre es mir sogar irgendwann gelungen, den Eindruck auszuschwitzen, dass all das elitäre Wellness-Gewese, mit dem sich der sogenannten Holmes Place von anderen Fitnesscentern abheben will, schon alleine deshalb für die Katz ist, weil der ästhetische Horror schon allein in der unreduzierbaren Maschinenraumatmosphäre begründet liegt, hier wie dort. Das Geschwurbel, das man dort um eine Mitgliedschaft macht, soll offenbar dazu dienen, den Beitritt in den Club wie eine Art Aufnahmeritual in bessere Kreise der Gesellschaft erscheinen zu lassen. Schon beim Probetraining weiß man nicht genau, wer hier nun eigentlich auf die Probe gestellt wird, der Club oder der Kandidat. Und wenn man sich am Ende nach den Konditionen erkundigt, entschuldigt sich der diensthabende Manager erst einmal dafür, dass er, weil er gerade den Tresen nicht verlassen dürfe, sich mit dem Kandidaten nicht ins Büro zurückziehen könne. Mit leiser Stimme fragt er dann, bei welcher Firma man denn arbeite, nein, mit der F.A.Z. arbeiten wir leider nicht zusammen, ob man denn wisse, was Xing sein, ein kleiner Tip, da könne man ja auch umsonst Mitglied werden, um sich für die Sonderkonditionen zu qualifizieren. Am Ende schreibt er dann, statt einfach einen Flyer mit den Preisen auszuhändigen, verschwörerisch eine zweispaltige Tabelle auf ein weißes Blatt, als handle es sich um die Weltformel: ein Jahr, zwei Jahre, 99 oder 86 Euro, mit Xing 86 bzw. 76. Ich bin mir noch nicht sicher, aber ich glaube: irgendwie ist mir das zu erbärmlich.

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