Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Andi (Tempelhof)

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Am Bahnhof Tempelhof kreuzt die Ringbahn die U6. Es ist einer dieser typischen, räudigen Orte mit lichtschlauchbewehrten Zigarettentelefoninternethandyläden, von denen man hauptsächlich fliehen will. Flieht man in Richtung Innenstadt und biegt an der Trattoria Toscana (die übrigens ein erstaunlich guter Stadtteil-Italiener ist) gleich links ab, findet man als nächstes einen schlecht sortierten Aldi, der leider die einzige Einkaufsquelle in dieser Ecke des sogenannten Fliegerviertels ist, in dem ich wohne.

Egal, wie früh ich Richtung S-Bahn gehe, um zur Arbeit zu fahren, sitzt Andi mit seinen beiden Hunden schon dort und wünscht mir, bei Wind und Wetter, einen guten Morgen. Es hat heute 2 Grad Celsius, Andi hat nur seinen Hund Max dabei, ich habe mich eine halbe Stunde zu den beiden gesetzt, Andi ein Mikrofon unter die Nase gehalten und erlaube mir, seine Antworten etwas umzustellen und in der ersten Person aufzuschreiben.

Andi

Ich finde es nicht gut, hier zu sitzen und bezeichne mich als „Assel“. Ich wohne drüben in Neukölln und stehe um fünf Uhr früh auf, um mich jeden zweiten Tag hierher zu setzen. Jeden Tag hier zu sitzen könnte ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren, dann hätte ich das Gefühl die Leute auszunutzen. Ich bekomme zwar Hartz IV, habe aber Schulden bei der Justiz. Am Monatsanfang zahle ich meine Schulden ab und die Hundesteuer und dann ist nichts mehr übrig. Was ich zum Leben brauche, erschnorre ich mir. Das sind so 15,- bis 20,- Euro. Ich will mich ja nicht bereichern an den Leuten. Wenn ich nicht hier sitze, mache ich, was alle anderen Menschen auch machen. Mit den Hunden spazieren gehen, die Bude aufräumen, Wäsche waschen. Ich habe keinen großen Luxus, keine Konsole, keinen Computer, erst seit kurzem habe ich wieder ein Handy. Das teuerste, das ich besitze, ist meine Brille. Die hat 220,- Euro gekostet.

Eigentlich komme ich aus Köln, lebe aber seit 1997 in Berlin. Damals war ich zur Loveparade hier, habe eine Frau kennengelernt, sie ist schwanger geworden und so bin ich hier hängengeblieben. In Köln lebt meine asoziale Familie, ich hasse meine Eltern und will nicht dorthin zurück. Zum Weiterziehen fehlt mir allerdings auch das Geld.

Ich habe fünf Jahre wegen Körperverletzung im Knast gesessen, war früher Hooligan beim 1. FC Köln. Wir haben uns mit Union-Fans getroffen, aber meistens im Wald und nicht in der Stadt. Was heutzutage abgeht, ist aber nicht mehr mein Fall. Dieses aufs Spielfeld stürmen, Messer ziehen, mit Flaschen aufeinander losgehen. Ich weiß, wie das ist, ich bin 1992 in Köln abgestochen worden und lag sieben Monate im Koma. Ich habe daran kein Interesse mehr. Früher habe ich getrunken. Das war mein Problem. Ich trinke aber seit Jahren keinen Alkohol mehr, rauche nur zwischendurch mal einen Joint, wenn ich es mir leisten kann.

Meine Hunde sind mein Familienersatz. Ich habe keine Freunde. Ich hatte letztes Jahr noch jemanden bei mir beherbergt, bin damit aber auch aufs Maul gefallen und habe jetzt keinen Bock mehr auf die Menschen. Ich habe auch Schwierigkeiten auf die Menschen zuzugehen, mit denen zu sprechen. Das liegt nicht an denen, sondern an mir, weil ich zu oft enttäuscht worden bin. Früher war ich auch auf Parties und so, aber seit drei Jahren mache ich das nicht mehr. Mit der Zeit vereinsamt man und es wird schwer, wieder Kontakt zu den Menschen zu kriegen. Die meisten anderen Schnorrer, die ich kenne, trinken und darauf habe ich keinen Bock. Die sitzen da in einem Haufen Bierflaschen, saufen wie die Blöden und dann fragen sie noch nach Hundefutter.

Ich würde gerne arbeiten gehen. Gelernt habe ich Maler und Lackierer, würde aber lieber irgendwas in der Natur arbeiten. Landschaftsgärtner oder so. Aber heutzutage wollen alle immer einen Führerschein sehen. Ich habe aber keinen, hätte aber mal lieber einen machen sollen, anstelle der Lehre. Ich habe auch schon Zettel aufgehängt, um Arbeit zu finden. Passanten, die hier vorbeikommen, rufen mir auch mal zu: „Geh arbeiten, asoziale Sau!“. Zwei von denen habe ich mal gefragt, ob sie Arbeit für mich haben. Die haben gesagt: „Sei dann und dann da und dort“, aber da war dann niemand. Es ist schon seltsam manchmal. Hier kam Einer vorbei und sagte zu mir, ich soll arbeiten gehen, er ginge schließlich auch arbeiten. Vor drei Tagen habe ich ihn dabei beobachtet, wie er auf dem Bahnsteig Zigarettenkippen aufgesammelt hat und bin zu ihm hingegangen und habe ihm gesagt, er könne sich von meinem Tabak eine drehen. „Quatsch mich nicht an!“ hat er gesagt und ist gegangen.

80% der Passanten reagieren normal, 10% wären gerne was Besseres und 10% sind tatsächlich was Besseres und gucken mich gar nicht erst an. Die besseren Leute wollen mit mir am wenigsten zu tun haben. Wenn man jeden anpissen würde, dann legt man es drauf an, eine aufs Maul zu kriegen, aber ich bin freundlich zu den Menschen und erwarte von den Menschen, dass sie freundlich zu mir sind. Wie es in den Wald reinschallt, so schallt es auch wieder heraus. In Fußgängerzonen wie der Wilmersdorfer Straße ist alles besetzt und die Leute aus Osteuropa machen alles kaputt. Das ist keine Konkurrenz. Die stehen an der Ecke rum und sagen zu den Passanten, sie sollten einem nichts geben, man würde trinken und so Scheiß. Wenn die sich was zu essen holen, setzen die sich da drüben hin, essen und lassen ihren Müll einfach liegen. Das fällt dann auf uns alle zurück.

Ich wünsche mir, endlich ein Bett zu haben. Ich kämpfe seit zwei Jahren auf dem Jobcenter um ein Bett. Ich habe ein Gerichtsurteil zuhause, da steht drin, dass mir ein Bett zusteht, aber es gibt nix. 2010 habe ich € 653,- Einrichtungsgeld bekommen, aber was kriege ich dafür schon?! Ich habe einen Schrank bekommen, eine Matratze, ich hatte auch mal eine Schlafcouch – bis ich Welpen hatte, die haben dann die Couch auseinandergenommen, und letztes Jahr Silvester haben sie Knaller in unseren Hausflur geworfen und Max hat auf die Couch gepinkelt, seitdem ist da gar nix. Ich verstehe nicht, warum die auf dem Jobcenter alles immer weiter rausschieben. Früher hatte ich eine gute Bearbeiterin, die war top in Ordnung. Aber wahrscheinlich hat die ein Teil zu viel erlaubt, seitdem sitzt da jemand anderes und die geht mich richtig an. Beim Arbeitsamt habe ich noch Hausverbot. Die hatten mein Geld aufs falsche Konto überwiesen und als ich gefragt habe, was ich denn essen soll, haben sie gesagt, ich soll meine Hunde verkaufen oder essen. Da habe ich einen Tisch umgeschmissen und ein Schild von der Wand gerissen. Am 11. Mai habe ich dort wieder einen Termin.

Es ist ein Glücksspiel. Die Leute sind ja nicht verpflichtet, mir irgendwas in den Becher zu werfen. Wer das macht, ist okay, wer nicht, ist auch okay.

Eine fröhliche, ältere Dame kommt vorbei, reicht Andi ein Päckchen Katzenfutter, in der Hoffnung, der Hund habe dadurch „ein Leckerli“. Sie fragt, ob Max friere und stellt dann fest, dass sie Andi gar nicht gefragt hat, ob er denn friere. Nein, er habe einen dicken Pullover an. Ich habe keinen dicken Pullover an und trolle mich, bevor mir die Hand abfriert.

Auf der Webseite zu meinem privaten Podcast ist ein Mitschnitt unseres Gesprächs zu finden. Darin noch weitere Antworten von Andi.


18 Lesermeinungen

  1. Was Besseres
    Mich beeindruckt die genaue Differenzierung zwischen denjenigen, die gerne was Besseres wären, und denjenigen die es tatsächlich sind.

    Große Teile des Interviews lassen sich als Beweisführung lesen, dass Andi einer der besseren Schnorrer ist.

    Besser als die, die jeden Tag sitzen, die sich auf Kosten der Anderen bereichern, die schnorren um Luxusgegenstände zu finanzieren.

    Besser als die Alkoholiker. Besser als die, die ihren Müll liegen lassen.

    Besser als die unehrlichen Schnorrer, die gegenüber anderen Schnorrern nur so tun, als gingen sie arbeiten.

    Besser als die „Leute aus Osteuropa“, die Schnorrer-Kollegen bei Passanten verleumden. (BTW: Hatte es einen bestimmtem Grund, dass Sie den O-Ton „Bulgarien“ als „Osteuropa“ verschriftlichten?)

    Ich möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, mir wäre diese Haltung unsympathisch. Ich glaube, es ist ein tief sitzender Wunsch insbesondere derjenigen Menschen, die vermuten müssen, dass viele auf sie herabschauen.

    T

    • Jeder tritt so gut nach unten wie er kann. In meinem Block schimpfen die Biodeutschen auf die Türken und die Türken auf die Rumänen. Dabei sind sie alle genauso gut oder schlecht wie alle Anderen auch.

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