Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Die Angewurzelten in Baumschulenweg

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Eigentlich wollte ich woanders hin. Aber kennen Sie das: Sie sitzen unbescholten in der S-Bahn und auf einmal blitzt in ihnen eine Erinnerung an vergangene Zeiten auf und Sie spüren, dass Sie die Chance nutzen müssen und springen aus der Bahn, weil die Durchsage „Baumschulenweg“ kommt und Sie noch genau wissen, wo Sie jetzt hinmüssen, einfach auch, weil jetzt Frühling ist?!?

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Nein. Das kennen Sie sicher nicht. Für mich allerdings verkörpert die Station Baumschulenweg eine sonnige Seite eines eher schattigen Kapitels meines Lebenslaufes. Es ist nämlich so, dass ich 2003 nach Berlin kam, um hier Biologie an der Humboldt-Universität zu studieren. Im Wintersemester ging es los und ich war voller Begeisterung: 14, 13, 14 und 14 Punkte – das waren meine Noten in Biologie in den letzten vier Schulhalbjahren auf dem Gymnasium. Sehr gut heißt das. Ich LIEBTE die Biologie und ich begriff leider viel zu spät, dass dies vor allem an meinem unglaublich tollen Biologie-Lehrer Herr Lippert lag.

Meine Mutter hatte mich eigentlich gewarnt: Willst du wirklich Biologie studieren? Das ist doch vor allem Auswendiglernen! Und auch eine befreundete Diplombiologin räumte ein, dass man im Studium einen nicht unerheblichen Teil seiner Zeit damit verbrachte, lateinische Termini auswendig zu lernen. Ich aber hielt mich für ein Natur(höhö)-Talent und hatte doch so unglaublichen Spaß dabei, was sollte also schiefgehen?

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Ich mache es kurz: Das Studium war in vielerlei Hinsicht nicht das, was ich erwartet hatte. Der Teil mit dem Auswendiglernen war zu groß, der Teil mit der Physikalischen und der Biochemie war ebenso zu groß, so wie der mit den lateinischen Ausdrücken. Als ich das erste Mal durch eine Prüfung fiel, war dies ein Schlag in die Magengrube. Mehr und mehr verging mir die Lust, denn alles was ich an der Biologie so liebte – Neurologie, Ökologie und Verhaltensforschung – machte nur einen winzigen Teil aus. Der Rest war eher so, wie ich die letzten vier Schulhalbjahre Chemie erlebt hatte (10, 11, 08 und 05 Punkte): Dröge, unmotiviert vorgetragen, auf Auswendiglernen statt auf Verstehen und Entdecken hin konzipiert und damit für mich leider kaum erträglich (in Chemie hatte ich in der Schule zuletzt einfach immer Zeitung gelesen).

Was aber absolut überraschend für mich war, das waren die Seminare und Vorlesungen, an denen ich unerwarteter Weise plötzlich sauviel Spaß hatte. Das eine war Physik (hatte ich auf dem Gymnasium nach der Elften abgewählt) und das andere waren die botanischen Bestimmungsübungen. Ich hatte immer eine zwei in Physik und in botanischen Bestimmungsübungen war ich sogar die Beste! Da macht man übrigens folgendes: Man bekommt von der Seminarleiterin eine Pflanze vorgelegt und dann hat man das Standardwerk zur Hand: wie ein Detektiv erkundet man nun die Pflanze, ihre Blätter, ihre Blüten, ihre Stempel und ihre Wuchsform und zwar so sehr bis ins letzte Detail, dass man im Standardwerk eine kleine Indizienstraße entlangfahren kann, die mal hierhin, mal dorthin abzweigt, bis man irgendwann am Ziel ist und das betreffende Kraut identifiziert hat. Nie zuvor habe ich mir aus Pflanzen etwas gemacht. Gärtnern fand ich voll oll und den Teil der Biologie, der angewurzelt in der Gegend rumsteht und oberflächlich betrachtet nichts macht, ziemlich langweilig.

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Bis zu jenen Tagen, als wir ein Mal in der Woche zum Baumschulenweg fuhren, den Bus zur Haltestelle „Baumschulenstraße/Königsheideweg“ nahmen und am Späth-Arboretum ausstiegen. Dort hatten wir dann eine Übung “Funktionelle Morphologie der Blüten, Früchte und Samen“ und eben die Botanischen Bestimmungsübungen. Ein Arboretum ist übrigens ein Ort, an dem die verschiedensten Gehölze wachsen. Aber das las ich erst heute in der Wikipedia. Das war nämlich auch immer so eine Sache: Man bekam diese lateinischen Vokabeln immer einfach vorgesetzt und hatte sie zu schlucken. Es gab keine Erklärung und schon gar keine Eselsbrücke dazu.

Es war ein Sommersemester, also wie jetzt und es war so unglaublich schön dort! Überall Bäume und Pflanzen, solche die man kennt und solche, die in unseren Breiten normalerweise nicht zu finden sind. Und überall kleine Schildchen, die einer erzählen, worum es sich hier handelt. Das Herrenhaus ist ein Bau aus dem 19. Jahrhundert, es ist überwuchert mit Wisteria sinensis (ich lasse das mal so stehen) und da drin fanden sie statt: meine Übungen. Immer wieder machten wir Spaziergänge durch das Arboretum und von Woche zu Woche öffnete sich mein Herz für diese Angewurzelten, die ich bald so gar nicht mehr langweilig fand. Ich bestimmte sie, ich zeichnete ihre Stempel und Kelchblätter und ihnen zuliebe begann ich sogar, mir lateinische Fachbegriffe zu merken.

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Als also gestern in der S-Bahn die Durchsage kam: „Baumschulenweg“ – da musste ich aufspringen. Es sind die letzten Tage im Mai! Bestimmt blüht es dort wie irre! Also raus und in den Bus und hinein ins Grüne!

Als ich ankam, traute ich mich sogar in das Herrenhaus. Aufgrund der bescheidenen Lichtverhältnisse (und meiner Angst, von jemandem für eine Diebin gehalten zu werden, weswegen ich etwas zitterte), sind die Bilder von drinnen leider eher kläglich geworden. In Räumen, deren Türen offenstanden, saßen Menschen über Glasgefäßen, Pflanzenteilen und Büchern, ein anderer saß am Rechner. Der Übungsraum stand ebenfalls offen und ich warf einen verstohlenen Blick hinein und wünschte mir, ich hätte mich doch durchgebissen und doch nicht hingeschmissen und wäre Biologin geworden. So eine, die den ganzen Tag mit den Angewurzelten zu tun hat und dadurch im Grünen ihre Ruhe. Stattdessen schreibe ich heute in das Internet mit all seinem Krach und seinen Abgehobenheiten. Aber ich will nicht jammern, es hat ja auch sein Gutes.

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Und so bringe ich einen Strauß voller Bilder aus dem Späth-Arboretum mit und sollten Sie Gelegenheit haben, dann machen Sie am Wochenende doch mal einen Ausflug dort hin, denn noch blühen einige der Gehölze, einige schon nicht mehr und bald ist es auch endgültig vorbei. Geöffnet ist von 10 bis 18 Uhr. Und in der Galerie (siehe unten, einfach auf ein Bild klicken, dann geht es los) finden Sie außerdem einen Hinweis auf die vergangenen und kommenden Veranstaltungen, wie etwa das Konzert mit dem Blasorchester des Jungen Ensembles Berlin an 20.09.


20 Lesermeinungen

  1. unwichtig sagt:

    Bildungskritik
    Eine sehr nachvollziehbare Kritik an der Vermittlung von Bildung … daran scheitern, glaube ich, die meisten: Den Zugang erstmal von tausend seltsamen Schildern versperrt zu finden, bevor man sich im schönen Garten der eigentlichen Sache erfreuen darf. Oder ist gerade das die Herausforderung? Sich davon nicht entmutigen zu lassen? Wenn die ganzen Streber nicht wären – die kurioser Weise mehr für die Schilder als für den Garten dahinter interessieren – man könnte es auch so betrachten.

  2. SGruner2 sagt:

    Seit wann darf man ohne Latinum Biologie studieren?
    Seit wann darf man ohne Latinum Biologie studieren? — Aber wie dem auch sei; der Blog-Artikel hat mir jedenfalls gut gefallen. Danke.

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