Berlin ABC

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Wir fahren durch die Hauptstadt

Der Asimirl-Bauer-Platz und das Brackwasser am Ostkreuz

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Das Ostkreuz war im Jahr 2001 *der* Ort, an den es mich bei meinem ersten Besuch in Berlin verschlagen hat. Damals bin ich mit meinem gepackten Rucksack und ohne Plan losgefahren und einfach mal am Ostbahnhof ausgestiegen. Aus irgendeinem Grund hat es mich nicht gereizt, den Zug bereits am Bahnhof Zoo zu verlassen – den Hauptbahnhof gab es ja damals noch gar nicht, da war nur eine kleine S-Bahn-Haltestelle namens Lehrter Bahnhof. Am Ostbahnhof prangte eine große Werbung für ein Hostel namens „A&O“, das sie an einem S-Bahnhof namens „Ostkreuz“ hingestellt hatten und ich ging in eine Telefonzelle und rief die Nummer des Hostels an, die ich mir zuvor auf einem Stück Papier notiert hatte, um zu fragen, ob noch ein Bett frei wäre und was das kosten sollte. Lange Rede kurzer Sinn: Es war absoluter Zufall, dass ich dort landete, aber ich bin gewissermaßen nie losgekommen von diesem ersten Ort. Ich lebe seit bald zwölf Jahren in dieser Gegend, zuerst in der Lenbachstraße, dann in der Neuen Bahnhofstraße, dann in der Finowstraße und jetzt hier und immer – immer, immer, immer – habe ich diesen Ort gern gehabt. Mit all seinen Verrückten, seinen Familien, seinen Hostelhorden, seinen Alkis, seinen Partyleichen und seinen Kiosken.

SymbolbildSymbolbild

Doch jetzt ist es aus. Ich hasse das Ostkreuz! Ich hasse diesen räudigen, ekelhaften und lieblosen Ort, der aus ihm geworden ist. Klar – da ist ne Baustelle und das ist nie sonderlich schön. Da gibt es Baudreck und manchmal werden Strecken gesperrt oder es gibt Pendelverkehr. Aber das ist es nicht.

Es ist das eklige Brackwasser, durch das ich neulich nach einer Nacht voller Regenschauer laufen musste. Es stank, als hätten sich in dieser Nacht nicht nur die Wolken hinein entleert, sondern ebenso alle vorbeilaufenden Menschen und Tiere – und als hätten diese auch noch Durchfall gehabt! Es tut mir leid, Ihnen vielleicht das Abend- oder Mittagessen zu verderben, aber das Ostkreuz ist ein riesiges, öffentliches Klo geworden und wenn es dunkel wird, dann setzen sich die Leute wirklich einfach in die unbeschieneneren Ecken und kacken und pissen, wie sie gerade lustig sind. So stelle ich mir das Leben in mittelalterlichen Städten vor: Kot, Pisse und dieser Gestank überall. Nur: Damals haben sich die Leute Trippen unter ihre Schuhe geschnallt, wenn sie durch den Kot und den Müll wateten – heute gibt es das nicht mehr. Weil wir ja eigentlich zivilisiert sind. Naja…

Ich finde die Zivilisation ist eine gute Idee. Nur sollte endlich mal jemand anfangen, sie auszuprobieren. (Arthur C. Clarke)

Dung

Das Brackwasser am Ostkreuz entsteht bei Regen genau auf dem Weg zum Fahrstuhl, ist also gerade für jene unausweichlich, die mit Rollstuhl, Gehbeschwerden, Kinderwagen oder anderen Dingen schon genug belastet sind. Lasst uns diese Menschen noch einmal ordentlich demütigen, indem wir sie durch eine Soße schicken, deren Geruch dann den ganzen Tag an ihnen haften wird. An ihren trippenlosen Sohlen. Der Gestank am Ostkreuz war in dieser Woche an einem Morgen so groß, dass die Insassen der S7 sich die Nasen zuhielten, als diese ihre Türen öffnete! Das ist kein Witz, das ist eine sehr sehr bittere und beschämende Tatsache.

Der Gang, in dem sich das Brackwasser sammelt, wenn es mal geregnet hatDer Gang, in dem sich das Brackwasser sammelt, wenn es mal geregnet hat

Die zweite beschämende Tatsache ist die Situation auf dem Annemirl-Bauer-Platz, der gleich am Ausgang des Ostkreuzes auf der Seite der Sonntagstraße liegt. Hier gibt es schon seit Jahren Tendenzen, dass das umherstreunende Partyvolk (unterwegs zwischen den Clubs in der Revaler und denen auf der anderen Seite des Ostkreuzes) und andere Alkis sich dort in der Sonntagsstraßen-Fressmeile Essen holt und da eben abhängt. Das Essen fällt dann hin und wieder aus dem Mund, manchmal kommt es auch aus dem Magen wieder hoch. Manchen fällt es zu später Stunde schwer, ihre Bierflaschen noch festzuhalten, die Glasscherben auf dem Boden machen sie kurz ratlos; andere sind nachtblind und finden die Mülltonnen leider nicht mehr und wenn sie lange genug herumgesucht haben, sehen sie plötzlich auch die Pizzapappen nicht mehr. Es ist ein Drama. Schon letzten Sommer sah der Platz nach einem Wochenende im Sommer nicht schön aus. Aber die BSR hat jeden Montag wieder für Ordnung gesorgt und die hielt irgendwie auch – bis zum nächsten Wochenende.

Die Baustelle allein kann das Ausmaß der Katastrophe nicht erklärenDie Baustelle allein kann das Ausmaß der Katastrophe nicht erklären

In diesem Jahr hat sich die Situation verschärft. Schon seit dem Frühling gibt es ein handfestes Rattenproblem. Um das in den Griff zu kriegen, zäunte man kleine Bereiche ein, in denen man Ratten(gift)köder auslegte. Diese von Bauzäunen umringten Bereiche hielten allerdings den nachtblinden Mülleimersuchern nicht lange stand, sie müssen scharenweise dagegen gelaufen sein, so dass die Zäune bald umgeworfen, bald zur Seite geschoben waren.

Der Dreck ist dort mittlerweile an jedem Morgen. Irgendwann hat sich der Bezirk mal die Mühe gemacht, den Platz menschenfreundlich zu machen: ellenlange Bänke überall; Schachbretter und Drehstühle; eine Schaukel; Grün und ein Spielplatz, der zwar mit seinen Metallgerüsten mindestens Geschmackssache ist, den aber die Kinder fast alle gern mochten, weil er vor allem die Kletterkünste herausforderte (und die Nerven der Eltern, aber das ist okay). Dieser Spielplatz sieht jetzt so aus:

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Er kann seit Wochen nicht benutzt werden. Er ist abgesperrt, weil am Asimirl-Bauer-Platz die Nachtblinden das Ruder übernommen haben. Kinder – scheiß doch auf Kinder! Andere Menschen sind eh überflüssig, wenn man nur seinen Rausch hat und seine geile Nacht und sein Ego und seine Drogen!

Die Situation ist längst mehr als aus dem Ruder. Dabei bin ich echt liberal. Ich lebe seit 12 Jahren inmitten von Menschen, die ihre Hunde auf den Gehweg scheißen lassen; die ihre Matratzen auf ebenjenem entsorgen; die auch mal rumgröhlen – nachts um drei; die gerne feiern, trinken und genau deswegen, weil sie all das als „lebenswert“ oder so empfinden hier leben. Ich bin hart im nehmen. Ich blicke über vieles hinweg, vielleicht schüttele ich manchmal den Kopf; vielleicht renne ich mal jungen Punks hinterher und ermuntere sie, ihren Hunden Windeln anzuziehen. Aber nie habe ich Menschen so verachtet, wie die, die in den vergangenen Monaten mein Ostkreuz zum unlebenswertesten Ort gemacht haben, den ich je erlebt habe. Als meine Eltern 2002 wegen der Elbflut evakuiert wurden und wir dann durch das Wasser zu ihrem Haus gewandert sind, hat dieses nicht so gestunken! Trotzdem habe ich mich gegen Hepatitis B impfen lassen. Ich frage mich, ob man den auswärtigen Ämtern anderer Länder mal stecken sollte, dass sie ihre Impfempfehlungen für Berlin-Reisende, die im A&O am Ostkreuz übernachten, anpassen sollten!

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Das Leben am Ostkreuz war nie sauber und rein; es war immer schon schmuddelig hier und das war nicht so schlimm. Aber jetzt ist es schlimm und es gibt niemanden, der dagegen etwas tut – das ist fast das Schlimmste, dass die Politik zusieht, wie das letzte bisschen Lebensqualität der Menschen hier mit Füßen getreten wird.


87 Lesermeinungen

  1. Berliner10999 sagt:

    Schön beschrieben
    Danke für die treffende Darstellung…
    einerseits sind es die Rollkofferhorden aus der ganzen Welt, die so richtig die Sau raus lassen in der deutschen Hauptstadt..es gibt keinen Ort in der Welt, wo das so ungeniert möglich ist…
    es gibt ja keine Kontrollinstanz ist zu scheiß bürgerlich…und öffentliche Toiletten sind eh abgeschafft…Versuchen sie mal an diesem grossem Platz (das gesamte Ostkreuz meine ich) ihre Notdurft zu verrichten.
    das Terrain ist aufgegeben…wie ganz Kreuzberg….

  2. Gast sagt:

    Berlin, Halleluja Berlin! Arm aber Sexy! Ganz unprätentiös! Voll'in'ey!
    Mehr muss man eigentlich dazu nicht sagen. Ein Stadtstaat der mit seiner Mentalität und gerne nach seiner eigenen Fasson selig werden soll.
    Aber bitte ohne Finanzausgleich aus Ländern, die eine etwas andere Vorstellung vom Leben haben. Dann darf dieses linke Loch gerne tun und lassen was es will.

  3. meiertheo sagt:

    Wegziehen ist die Lösung!
    Der Beitrag beschreibt einen Zustand, der für Berlin eher normal ist, jedenfalls für den, der wie ich schon immer in Berlin (West) gelebt hat. Berlin und Hundescheiße sind immer schon eine gedankliche Einheit gewesen. Mir scheint, daß der Kulturschock eben die eingeholt hat, die in Scharen nach Berlin gezogen sind, weil es hier so hip, so schön schmuddelig, so anders als in den sauberen Städten ist. Und eben die regen sich jetzt auf. Sie ähneln den Menschen, die in ihr schickes Häuschen neben dem Flugplatz ziehen und dann gegen Fluglärm klagen. Berlin muß man aushalten können. Wenn es Ihnen nicht gefällt sollten man an einen Umzug denken.

  4. Dr_Dolittle sagt:

    New York
    War gerade eine Woche in N.Y. – dort KEIN Müll, selten mal ein Penner, sicher keine Exkremente in dem hier beschriebenen Ausmaß. Aber die haben eben auch Zero Tolerance statt “schön bunt hier”. Besonders gefallen haben mir die gepflegten Gartenanlagen und Staudenbeete nicht nur auf der High Line.

  5. Anonymous sagt:

    Tourismus in Berlin
    Wie überall zerstört der Tourismus zum Schluss genau das, was er sucht. Und genau an der beschriebenen Stelle der Stadt hat der Tourismus – eine ganz bestimmte Art davon, die durch die Lokalpolitik gefördert wird – bereits alle Grenzen überschritten, schon seit vielen Jahren.

    “Zivilisation”: Ja, bitte mehr davon. Aber der Begriff soll dann auch beinhalten, dass Touristen lernen müssen, sich nicht nur als Verbraucher, Konsumenten zu verstehen, in diesem Falle von städtischen Ressourcen.

    Davon abgesehen gibt es auch hier im “feinen” Charlottenburg genug Hundefäkalien in stuckverzierten Hauseingängen, verursacht von den “bürgerlichen” Bewohnern höchstselbst.

    Und generell sind in Berlin auch die “besseren” Gegenden nicht mehr das, was sie mal waren, Savignyplatz ist ein Beispiel. Die Stadt hat kein Geld mehr.

    Bauskandale und Wahnsinnsprojekte haben unser Geld längst die Spree runterjespühlt. Das ist unser inneres Griechenland.

    Alexis, übernehmen Sie.

    • meiertheo sagt:

      Titel eingeben
      Der Savignyplatz ist heute nicht anders als vor zwanzig oder dreissig Jahren, der Dreck ist der gleiche und damit sind die eingesessenen Berliner immer zurecht gekommen. Und Kein Berliner wäre auf die Idee gekommen, den Savignyplatz oder gar Charlottenburg insgesamt als “bessere” Gegend zu bezeichnen. Die Wilmersdorfer war bis zu Ihrer Aufhübschung etwas, wo man kleine Kinder zur Strafe zum Spielen geschickt hat, wenn sie ungezogen waren. Das Problem sind nicht die Alteingesessenen, sie haben von Kindesbeinen an gelernt, mit dem Schmuddel zu leben und sie haben sich nicht schlecht dabei gefühlt. Ein Problem kann das nur für die Zugezogenen sein, deren Erwartungen nicht erfüllt werden. Also Leute, redet unsere Stadt nicht schlecht oder zieht dahin, wo Ihr eure Ideale erfüllt seht. Dort könnt ihr meckern bis zum Abwinken. Wir bleiben hier, versprochen!

  6. Reinhard K. sagt:

    Das nennt man Gentrifizierung
    Bei ihrem Artikel musste ich lachen. Ich bin also nicht der Einzige der diese Entwicklung gesehen hat.
    Seit Anfang der 90er habe ich mit meiner Freundin (heute: Frau) dort in der Gegend gewohnt (Knorrpromenade). Es war wunderschön. “Szene” bedeutete damals: Alle packen an, alle machen was los. Ab etwa 2005 bedeutete “Szene”: Papi zahlt die Miete damit Sohn vor seinen Freunden mit der Wohnung in der “richtigen” Gegend prahlen kann. Wer nichts selbst erschafft weiss auch nichts zu schätzen.
    Wir sind dann weggezogen in eine wohnlichere Gegend. Wir haben es nie bereut weg gezogen zu sein. Seitdem nutze ich das Ostkreuz nur noch als Umsteigebahnhof.
    Mein Rat: Tun Sie sich das nicht an. Ziehen Sie weg. Ok, Sie haben dann keinen Stoff mehr über den Sie schreiben können. Aber das ist ihre Entscheidung.

    • ich habe vor allem kein Geld um wegzuziehen. wir sind ja auf der Suche – aber wir brauchen 5 Zimmer in bezahlbar und nicht ZU weit weg (wegen Familie) – wenn Sie da was sehen: immer her damit! aber es sieht sehr schlecht aus, etwas zu finden, das nicht völlig außerhalb des von uns leistbaren liegt 🙁

  7. Sebastian sagt:

    Bagatelldelikte
    Von alleine wird die Berliner Politik/Polizei auf so etwas nicht aufmerksam. Rufen Sie am besten immer an, wenn jemand in die Ecke …

    Auf die einfache Lösung mit den steigenden Mieten sind Sie ja schon selber gekommen. Das ist aber nicht mehr so leicht möglich. Ich denke, es müssen die Steuern erhöht werden.

    Ich wünsche allen am Ostkreuz ein ruhiges Wochenende.

  8. Kuddel sagt:

    Hamburg
    Ich habe das gemacht, was ihr wahrscheinlich demnächst auch machen werdet – Wegziehen. Hat mich sehr wütend gemacht, denn auch ich liebte meinen Hafenkiez. Hier in HH kommt zum Wildpissen und Wildkotzen noch eine Menge Gewalt hinzu .Du hältst das auf Dauer nicht aus, wenn du nach Hause kommst und schon wieder hauen sich ein paar Besoffene in die Fresse. Kind zu sein in dieser ( lassen wir die unseligen Elbvororte -fast- aus, dort wo die Sklaventreiber wohnen ) einst so geheimnisvollen Stadt am Phantasiemeer ist nicht mehr möglich. Schon mal in Kinderaugen gekuckt, die zusehen müssen wenn die Faust aufs Maul trifft ?

  9. leotanu sagt:

    Wieso Politik?
    WER sind diese Leute,
    WARUM machen sie das,
    WO kommen sie her,
    WIE gehen sie wieder dahin, wo sie hergekommen sind?
    Die Bewohner selbst müssen sich organisieren, zB Nachbarschaftswache. Es ist Unsinn auf die “Politik” zu warten. Da ist kein Gott, der es richtet. Die Bewohner müssen sich verteidigen.

  10. molinero sagt:

    Titel eingeben
    Es wäre schön, wenn alle Probleme sich so einfach lösen ließen.

    Summe x in Reinigung und Toiletten investiert und gut ist.

    Die Touristen wern wa nich ändern können.

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