Berlin ABC

Berlin ABC

Wir fahren durch die Hauptstadt

17. Okt. 2015
von Holger Klein
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Nikolassee

Nikolassee ist einer der Bahnhöfe auf meinem Arbeitsweg. Ich fahre in der Regel mit der S7 bis Griebnitzsee und hatte bisher keinen wirklichen Grund, in Nikolassee auszusteigen. Vor einem Jahre war ich zwar mal in der Ecke, um jemandem eine Federgabel für mein Mountainbike abzukaufen, aber damals habe ich mich vom Navi leiten lassen, was ein Garant dafür ist, dass man von der Gegend fast nichts mitbekommt.

nikolassee_bahnsteig

Also aussteigen am letzten noch unbesuchten Bahnhof auf dem Weg zum Sender und nachsehen, was es dort zu erzählen gibt. Es ist nicht viel, denn Nikolassee ist ein reines Wohngebiet, in dem sich Villa an Villa reiht. Die Häuser, die hier entlang der Alleen stehen, verdienen genauso das Attribut „üppig“ wie die Vegetation um die Häuser herum. Selbst diejenigen Villen, in denen mehr als eine Familie wohnt, sehen aus, als lebte man darin üppig vor sich hin.

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17. Okt. 2015
von Holger Klein
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13. Okt. 2015
von Katrin Rönicke
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2005
   

Lebensraum Berlin (Bornholmer Straße)

Als ich im Jahr 2003 nach Berlin zog um hier zu bleiben, war meine erste Wohnung im Bezirk Prenzlauer Berg, in der Malmöer Straße. Der nächste S-Bahnhof war der Bahnhof Bornholmer Straße. Ich zog zu zwei Männern, die eher hausten, als wohnten. Das Waschbecken im Bad war mit einer ominösen Schicht aus Staub, Zahnpasta, Haaren und Kalk überzogen. In der Küche stand eine Armada aus Mateflaschen. Fruchtfliegen schwirrten in Scharen über den Mülleimern. Es wurde überall geraucht. Zum Frühstück, zum Mittagessen und für zwischendurch gab es Cornflakes. Dazwischen auch mal ne Tüte. Dann wieder Mate. Cornflakes, Mate und Tüte – abends Tiefkühlpizza.

Bornholmer

Klingt jetzt nicht so schön. Aber immerhin habe ich so eine echt lustige Anekdote, die ich immer wieder erzählen kann. Die beiden Männer und ich, wir wohnten in einer Erdgeschosswohnung. Unsaniert natürlich. Ich erinnere mich noch gut, dass der Vermieter, als wir auszogen, eine Wohnung bei der Übergabe abnahm, wie ich sie im Traum nicht abgenommen hätte! Die Wände waren bunt, teils fleckig gestrichen. „Besenrein“ muss auch eine Auslegungssache sein – gibt ja gute und schlechte Besen, was? Aber ich will mich nicht beschweren. Ich hatte, als ich nach Berlin kam, so wenig Geld, dass es mir nur mehr als recht war, nichts – aber auch gar nichts – in die Renovierung einer Wohnung zu stecken, in der man eh nur gehaust hatte.

Malmoeer

Der S-Bahnhof Bornholmer Straße hat einen wohlbekannten Namen. Zumindest wenn man nicht so ein geschichtsvergessenes Abitur in der Tasche hat, wie ich. Ich hatte davon noch nie gehört. Und so wusste ich zu jener Zeit überhaupt nicht, was hier einmal gewesen war. Stellen Sie sich das einmal vor! Ich schlappte wirklich so ziemlich jeden Tag zu dieser Haltestelle und musste dafür ja über die Brücke gehen, die der berühmte Grenzübergang von Ost- nach Westberlin war und ich habe es wirklich nicht im Geringsten gewusst. ICH – die ich Jahre später anfangen würde über Ost und West zu schwadronieren! Von nix ne Ahnung! Na gut, man muss meinem Geschichtslehrer zugute halten, dass er vielleicht auch nichts dafür kann, dass wir in Geschichte nie wirklich bei der Wiedervereinigung angekommen sind. Hat sicher was mit dem Lehrplan zu tun gehabt. Alles viel zu eng und zu voll und viel zu lange vertrödelt man seine wertvolle Zeit damit, dass man die Herrscherdaten von irgendwelchen Typen auswendig lernt (oder eben nicht, wenn man so jemand ist, wie ich. Auswendiglernen war bei mir irgendwie nie eine erfolgreiche Lernmethode, weil sich in mir alles sträubt, weil ich Zusammenhänge und Kontext haben will, wenn ich Dinge verinnerliche, aber so war zumindest mein Geschichtsunterricht in 90 Prozent der Fälle nicht angelegt. Nur in einer sehr kurzen Phase von vielleicht einem Schulhalbjahr machte eine unserer Lehrerinnen mit uns ein Experiment: Freiarbeit. Wir erschlossen uns alles rund um die Industrialisierung selbst, hatten verschiedene Materialien und Themenbereiche, in die wir uns selbstständig einarbeiten konnten. Das ist der einzige Teil aus der Schulgeschichte, der mir bis heute hängen geblieben ist. Alles weitere habe ich erst nach der Schule hier und da gelernt und verinnerlicht, am meisten während meines Studiums der Politischen Theorie und Ideengeschichte am Lehrstuhl Herfried Münklers). Was erschwerend zu meinem Nichtwissen hinzu kam war, dass ich immer auf der linken Straßenseite zur Bahn gelatscht bin – rechts stehen noch Mauerreste. Vielleicht hätte ich was kapiert, wenn ich mal da lang gemusst hätte – musste ich aber nie. Weiterlesen →

13. Okt. 2015
von Katrin Rönicke
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2005

   

09. Okt. 2015
von Katrin Rönicke
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Eine Menge Papierkram

Auf einmal gibt es einem Knall. Ich blicke von meiner Brigitte auf und im Gang, nur einen Meter vor mir, liegt ein Mensch. Liegt ein Mensch und bewegt sich erst gar nicht. Graue Haare lassen auf ein fortgeschrittenes Alter schließen. Den Rollator nehme ich zuerst gar nicht wahr. Menschen, deren Gehirn schneller reagiert als meines, rennen von hinten zu diesem Menschen, sie kommen auch von vorne. Vier Besorgte sind schon dort, als ich mich erst im Aufstehen befinde. Ich tue alles sehr langsam. Ich bin die mieseste Ersthelferin der Welt.

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Eine Frau ist klar wie ein Sonnenstrahl. Den einen schickt sie zum Fahrer – „jemand muss vorne bescheid sagen, der muss anhalten.“ Die anderen bittet sie um Taschentücher. Der gestürzten Frau wird langsam aufgeholfen. Ihr Gesicht tropft – Blut ist auf dem Boden. Taschentücher kommen, auch von mir. Das werde ich wohl schaffen. Das schaffe ich. Halte ihr ein weißes Zellstofftuch unter die Nase, sehe wie es volltropft, wie mein Finger leicht rot wird. Ich kann kein Blut sehen. Eigentlich. Es geht bei meinen Kindern. Und hier geht es gerade auch. Noch.

Die Tram hält, der Fahrer kommt nach hinten. „Sie bescheren mir jetzt eine Menge Papierkram“ sagt er zu der Frau und dass überall stünde, man müsse sich festhalten. und dass er bitte ihren Ausweis bräuchte. und dass er einen Notarzt rufe.

Im Wagen macht sich Empörung breit. Eine fast 90-Jährige ist gestürzt, blutet, hat sich bestimmt was gebrochen und der faselt von Papierkram! „Typisch“, raunt eine hinter mir. Neulich sei in der Bahn ein Alter in Ohnmacht gefallen – der Fahrer habe gemotzt, dass nun sein Feierabend hin sei. „Typisch“, raunt sie wieder. Hört gar nicht zu, sieht nicht, will das einmal gemalte Bild nicht mehr ändern müssen. Stimmt doch. Ist doch so.

Ich sitze da, geschockt, und glaube, dass es der Schock ist. Also beim Fahrer. Der ist ja schuld – denkt er bestimmt selber. Weil er so ruckigheftigkrachend angefahren ist, ist eine alte Frau mit Rollator ungestützt auf ihre Nase geknallt. Mich würde das überfordern. Wer weiß, was ich dann sagen würde – die menschliche Psyche sucht einen anderen Schuldigen als sich, sie will das nicht gewesen sein, jemand anderes muss her, wer? wer? na sie – warum hält sie sich nicht fest??? Und genauso wie manche, die sich grade den Arm gebrochen haben oder in einem Unfall verletzt wurden, als erstes fragen, wer jetzt denn ihre Steuerunterlagen zum Finanzamt bringt, denkt er an das Papier – dann muss er nicht an das Blut denken. Schwarz auf weiß, statt rot auf grauem Tramboden. Weiterlesen →

09. Okt. 2015
von Katrin Rönicke
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06. Okt. 2015
von Holger Klein
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Alt-Tempelhof

Ich hatte neulich ja mal noch das eine oder andere gute Restaurant und dergleichen, nur eine U-Bahnstation von Tempelhof entfernt, angekündigt.

alt_tempelhof_ubahnschild

Praktischerweise heißt die Station Alt-Tempelhof, so dass man sich nicht gleich einen komplett neuen Namen merken muss. Sie wird bedient von der U6 und liegt auf dem Tempelhofer Damm, einer der beliebten Rennstrecken dieser Stadt, bei der ich mich regelmäßig wundere, dass sie – südlich Alt-Tempelhof – nicht von Holzkreuzen gesäumt ist, wie eine brandenburgische Allee zwischen Kleinstadt und Großraumdisco.

alt_tempelhof_wegweiser

Alt Tempelhof ist auch der Name der ehemaligen Dorfstraße. In deren Mitte, gleich hinter einer Dönerbude, ein kleiner Parkstreifen beginnt, darin ein Springbrunnen. Ein Wegweiser an der Bude, der bestimmt anders gemeint ist, deutet an, was einen auf der Grünfläche erwartet: Wie es sich für Siffhausen an der Spree gehört, funktioniert der Springbrunnen nicht und der kleine, eigentlich hübsche, Park ist vollgemüllt, so dass man sich dort selbst dann nicht gerne aufhalten wollen würde, wenn nicht ständig Halbstarke in 15 Jahre alten BMWs mit Vollgas daran vorbeibrettern und versuchen würden, die letzten Radler umzunieten, die keine eigene Spur haben, obwohl die Straße mehr als breit genug wäre, und von den Taxi- und Busfahrern übrig gelassen wurden. Ich bin sicher: Der Bezirk hasst Fahrradfahrer nochmal wesentlich stärker, als der Senat dieser Stadt. Aber darum geht’s hier ja gar nicht.

alt_tempelhof_grünstreifen Weiterlesen →

06. Okt. 2015
von Holger Klein
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03. Okt. 2015
von Holger Klein
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Einen hab ich noch!

Eigentlich wollte ich mit den Geschichten vom Bahnhof Tempelhof ja Schluss gemacht haben, aber es gibt da doch noch ein paar Kleinigkeiten…

tempelhof_taxistand

Das hier zum Beispiel ist die vermutlich einsamste Taxirufsäule diesseits der Oortschen Wolke. Sie steht auf der Manfred-von-Richthofen-Straße an der Ecke zum Tempelhofer Damm. Ich wohne hier seit sechs Jahren und die bisher einzigen Gelegenheiten, zu denen ich dort überhaupt mal ein Taxi gesehen habe, waren jene, die man als „Feierabend“ bezeichnen könnte. Und zwar Feierabend des Taxifahrers. In meiner Siedlung wohnen bemerkenswert viele Taxifahrer und manche von denen stellen ihre Fahrzeuge an dieser Säule ab, wenn sie nachhause gehen.

Weil bei mir so viele Taxifahrer wohnen, ist es einem, auch nur halbwegs kontaktfreudigen, Menschen kaum möglich, gelegentlich mit denen auch in jenem Alltag zu interagieren, in dem man sich nicht chauffieren lässt – was ich in Berlin ohnehin nicht gerne mache, denn mein Pech mit dem hiesigen Droschkengewerbe ist sprichwörtlich. Fahrer, die meine Sprache so schlecht sprechen, dass ich ihnen aufschreiben (und dann auch zeigen) muss, wohin ich will, Fahrer, die mit 80km/h durch die Stadt brettern und dabei pausenlos irgendwelche krummen Geschäfte am Telefon zu erledigen haben, Verschwörungstheoretiker, Rassisten… Alles, was es an Taxifahrerklischees gibt, scheine ich schon am eigenen Leib erlebt zu haben. Der absurdeste Fahrer war damit überfordert, mich vom Olympiastadion zum Flughafen Tegel zu bringen, ohne die ganze Zeit in eine Karte zu gucken. Diese lag auf dem Beifahrersitz, zu dem er immer wieder hinüber geschielt hat. Dummerweise war er derart kurzsichtig, dass er nur dann etwas erkennen konnte, wenn er sich weit runtergebeugt hat. Dadurch kam jedes Mal der Wagen leicht ins Schlingern, so dass der Fahrer jeweils vom Gas ging. Ich bin also per Taxi zum Flughafen gefahren und es muss von außen ausgesehen haben, als hätte ich mich nach einem halben Kasten Bier selbst noch ans Steuer gesetzt. Schreib sowas in ein Drehbuch und jemand anderes bekommt den Job.

Meine seit zwei Jahrzehnten schlechten Taxi-Erfahrungen (früher war es wenigstens noch billig) führen dazu, dass ich Taxifahrer zu den verachtenswertesten Berufen zähle, die etwas mit dem Befördern von Personen oder Gütern zu tun haben. Oder vielmehr zählen würde. Denn weil ich in meinem taxifahrtlosen Alltag so häufig mit Taxifahrern zu tun habe, bekomme ich jeweils einen Gratis-Realitätsabgleich, aus dem ich mit der Erkenntnis herauskomme, dass Taxifahrer auch bloß genauso Pfeifen sind, wie Du und ich, und ganz sicher nicht einer Sonderverachtung bedürfen.

Es ist mit in den letzten sechs Jahren schon mehrfach passiert, dass ich einem Taxifahrer erklären musste, wo ich wohne. Die Dialoge dazu liefen meist dergestalt ab:

Ich so: „Hoeppnerstraße. Ist die bekannt?“
Fahrer so: „Nein“ *nestelt an Navi rum*
Ich so: „Ich sag an. T-Damm stadtauswärts bis kurz vor S-Bahn Tempelhof. Da ist so ’ne Pizzeria. Da rechts rein.“
Fahrer so: „Ach, die Straße, wo die Taxihalte ist, wo nie einer steht?!“
Ich so: „Nein, genau eine Ecke weiter“

Ich bilde mir das alles also nicht bloß ein! Was ich aber eigentlich fragen wollte: Weiß hier jemand, wie die Säulen gemeint sind? Ich habe so ein Ding noch nie selbst benutzt, noch nie gesehen, wie eine benutzt wird, traue mich irgendwie nicht, an dem Ding mal herumzumanipulieren und war auch jeweils zu trunken, um den Fahrer zu fragen (wenn ich nüchtern bin, fahre ich S- oder U-Bahn). Wer weiß nämlich, was dann passiert… Bei Taxifahrern soll man ja lieber vorsichtig sein.

Hab ich gehört.

03. Okt. 2015
von Holger Klein
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29. Sep. 2015
von Katrin Rönicke
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Spaziergang am Oranienburger Tor

OT_U_Bahn
Ich hatte eine Veranstaltung, saß auf einem Podium und das in der wunderbaren Heinrich-Böll-Stiftung (Schumannstraße 8), wo ich seit Jahren immer wieder rumhänge, weil ich verschiedene Sachen mit denen zu tun habe. Ich bin also befangen, wenn ich hier so schwärme, denn eine dieser Sachen war enormer finanzieller Rückenwind für mein Studium, den ich in Form eines Stipendiums von der Stiftung bekam und ohne den ich heute nicht wäre, wo ich bin. Bitte also Befangenheit unterstellen, wenn ich sage: Was diese Stiftung alles an Konferenzen, Veranstaltungen und Bildung auf die Beine stellt, ist meistens super. Vieles habe ich dort gelernt, vertieft und verstanden und ich bin froh, dass es dieses Haus gibt!

Was es übrigens auch noch zu geben scheint, das ist die FDP. Also zumindest dem Schilde nach. Ich habe nicht nachgeguckt.
FDP

Und es gibt das Phänomen „Friedrichstadtpalast“. Der Broadway des Berliners. Hier gibt es Revuen und andere Shows. Ich war selbst schon einmal auf der Bühne dort, aber ohne Tutu und ohne Verkleidung, sondern weil früher die Netzkonferenz re:publica in der Kalkscheune stattfand, nicht weit von dort, und die großen Vorträge und Diskussionen waren eben im Friedrichstadtpalast. Der mir ansonsten völlig fremd ist. Geht man als Berlinerin überhaupt da rein – oder ist der eh nur für Touristen? – ich weiß es nicht und ich werde es vermutlich nie herausfinden, denn die einzige Revue, die ich je sah, war noch im Kindesalter eine Aufführung von „Holiday on Ice“, irgendwo in Baden-Württemberg – und mein Bedarf wurde hier vollends für den Rest meines Lebens gedeckt. Danke!
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29. Sep. 2015
von Katrin Rönicke
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24. Sep. 2015
von Holger Klein
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Tempelhof nochmal links raus (und Schluss)

Wenn man also links rausgeht aus dem Bahnhof Tempelhof, kommt man an Imbissbuden, einem Blumenladen, einer Dreckschleuder und einem Frisör vorbei, bevor man – immer noch linkerhand in der räudigen Ladenzeile – auf ein Eiscafé trifft, in dem ich erst ein einziges Mal ein Eis gekauft habe. Bedient wurde ich von einem sehr unfreundlichen Mann.

tempelhof_eingang

Was der Eisladen hier taugt, kann ich also nicht beurteilen. Es werden dort auch Waffeln feilgeboten. Ich habe eine Schwäche für Waffeln, aber selbst die hat es noch nicht geschafft, mich nochmal in den Laden zu führen, denn dessen Personal sieht immer so schlecht gelaunt aus, wie der Mann gewesen zu sein scheint, der mir pampig das Eis verkauft hatte. Das ist irgendwie schade, aber erstens habe ich selbst vier Waffeleisen daheim und zweitens lieber laufe ich dann ein paar Minuten weiter in die andere Richtung, zu einem anderen Eisladen, in dem die Menschen nett zu mir sind. Aber was braucht der auch mich als Kunden?! Gegenüber ist der Eingang zum Tempelhofer Feld und von dort kommt vermutlich schon genug Kundschaft rübergelaufen. Vor ein paar Jahren hätte ich beinahe mal einen Eisladen eröffnet und eine meiner Begründungen, einen solchen Schritt zu wagen, lautete: „Niemand hasst den Eismann“. Ich bin nicht sicher, ob das auf den am Bahnhof Tempelhof auch so zutrifft. Aber immerhin hat er die Zeichen erkannt und lädt auch die Veganer ein, sich mal schlecht behandeln zu lassen.

tempelhof_parkeingang

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24. Sep. 2015
von Holger Klein
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20. Sep. 2015
von Holger Klein
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Turbolift Rummelsburg

Wir hatten den Kindern den Tag in einem so unfassbaren Maße versaut, dass mindestens der Weltuntergang unmittelbar bevorstand – jedenfalls wenn man deren Reaktionen auf den erzwungenen Aufbruch aus der Wuhlheide als einzigen Maßstab nimmt.


Als Zugeständnis mussten wir ihnen versprechen, auf der Heimfahrt nochmal am Betriebsbahnhof Rummelsburg  auszusteigen, um „den verrückten Aufzug“ anzusehen.

Kinder neigen dazu, die Realität mittels Kurzschlüssen zu beschreiben, so dass ein alter Mann mit Bart gerne mal mit größerer Wahrscheinlichkeit der Weihnachtsmann anstelle eines schnöden alten Mannes mit Bart ist. Ich war also gespannt, was uns dort tatsächlich erwarten würde.


Kaum zu fassen: Es war ein Turbolift! Jahrelang war ich sehr fasziniert davon, dass es an Bord des Raumschiffs Enterprise einen Lift gibt, der sich nicht nur auf und ab sondern auch nach rechts und links bewegen zu können schien. „Sowas in echt wär cool“, muss ich einige hundert Male gedacht und auch gesagt haben. Gleichzeitig habe ich aber auch immer gedacht und gesagt: „Aber nee, sowas gibt’s ja gar nicht in echt“.


Stellt sich raus: Gibt es doch. Der Aufzug fährt erst hoch, macht dann eine Seitwärtsbewegung, um die Gleise zu überqueren, und fährt dann wieder runter. Dabei schüttelt er sich lustig. Ich war so fasziniert, dass ich ein gutes dutzend Mal mit dem Ding hin- und hergefahren bin, und verspreche hiermit, Kinder in Zukunft ernster zu nehmen.

Außer vielleicht, wenn’s mal wieder um Einhörner geht.

20. Sep. 2015
von Holger Klein
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15. Sep. 2015
von Katrin Rönicke
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Ich höre Tierstimmen! (Ostkreuz)

Es gibt in Berlin dieser Tage einen neuen „Trend“: Leute machen es sich gemütlich. Das wäre im Grunde eine feine Sache und wenig besorgnisserregend oder auch nur bemerkenswert. Aber sie machen es sich an öffentlichen Orten gemütlich. Da wäre zum Beispiel der Boxhagener Platz. Vor einigen Wochen stand da plötzlich ein Sofa. Dann noch ein Sessel. Matratzen liegen dort herum und wenn man an einem schönen sonnigen Tag den Platz betrat, hatte man das Gefühl, in jemandes Wohnzimmer zu kommen. Die Leute saßen mit ihren alkoholischen Getränken in der Hand auf ihren Möbeln, rauchten, tranken, quatschten, lachten. Drum herum sprangen Hunde, die natürlich auf dem Platz ohne Leine gar nicht erlaubt sind, aber wir sind ja in Friedrichshain. Der Boxi ist schon seit Jahren keine wirkliche Grünfläche mehr. Das Gras, das einmal in seiner Mitte wuchs, ist eingegangen, manche braunen Hälmchen recken sich zwar noch in die Höhe, aber überlebt haben hier vor allem strunkige Büschelpflanzen, deren taxonomisch korrekte Bezeichnung mir nicht geläufig ist. Sie sind dorrig und hart, aber das müssen sie auch sein, denn zartes grünes Gras wird seit Jahren plattgetrampelt. Auf diesem Boden zu sitzen ist daher eher unangenehm und folgerichtig haben Menschen eben ihre Sofen hergetragen und nun ist es wieder schön. Für sie.

Das Ostkreuz (Friedrichshain)Das Ostkreuz (Friedrichshain)

An der Warschauer Brücke ein ähnliches Szenario. Ein Matratzenlager und mehrere Menschen, die hier leben. Läuft man vorbei, sieht man sie essen, trinken, rauchen, Leute anquatschen. Sie wollen gerne ein bisschen Gras, oder ein paar Kippen, etwas Alkohol und natürlich auch gerne Essen. Sie wohnen hier. Sie sind immer hier. Tag und Nacht. Ich weiß nicht wo sie pinkeln (und will es auch nicht wissen), ich weiß nicht, wo sie herkommen (deutsch sprechen sie nicht; rein äußerlich verkleiden sie sich als Punks). Ich weiß nicht, was sie tun werden, wenn es dann bald wirklich kälter wird. Ich weiß nicht, welche Bedürfnisse sie dann haben. Sie sind ein Rätsel. Denn: Sie betteln eigentlich nicht. Sie sehen nicht traurig aus – eher wirken sie wie eine nette kleine Familie, nur dass ihr Wohn-, Ess- und Schlafzimmer eben auf dem Asphalt steht. Ohne Dach. Sie lachen viel. Sie kuscheln manchmal. Aber im Grunde strahlen sie nichts aus, was darauf hinweisen würde, dass sie leiden. Vielleicht ist das so eine Art Lifestyle-Experiment? Vielleicht aber wird es bald sehr ernst und vielleicht erlöschen bald die lächelnden Gesichter. So oder so kann es nicht schaden, genau jetzt die Berliner Andockstellen für Obdachlose im Winter zu unterstützen. Es wird viel werden, was sie diesen Winter schultern müssen. Es sind sehr viele Menschen in der Stadt. In jedem Bezirk gibt es Initiativen, es gibt die Kältehilfe und es gibt Schlafplätze… Also einfach mal gucken, was man unterstützen möchte.

Jedenfalls: Auch am Ostkreuz wurde gebaut. Diesmal aber mit Dach und sehr viel weniger öffentlich, als die anderen beiden Freiluftwohnzimmer:

(Aufgrund des Dämmerlichts ist es ein etwas unscharfes Foto geworden. Als ich heute morgen noch einmal vorbeischauen wollte, um bessere Fotos zu machen, war die Behausung leider weg. Dafür stand ein junger Mann mit einer Tigermütze herum, der Leute um Weed bat)(Aufgrund des Dämmerlichts ist es ein etwas unscharfes Foto geworden. Als ich heute morgen noch einmal vorbeischauen wollte, um bessere Fotos zu machen, war die Behausung leider weg. Dafür stand ein junger Mann mit einer Tigermütze herum, der Leute um Weed bat)

Auch hier leben Menschen und sie haben tagsüber nicht wenig Spaß, manchmal machen sie Musik, manchmal trinken und lachen sie, rauchen tun sie eh alle. Und wenn es dunkel wird, dann läuft man an diesem unscheinbaren Stapel von Kisten und Brettern vorbei, denkt sich irgendwie wenig und hört plötzlich Tierstimmen. „MIAAUUU“ kommt es aus den Kisten und „MUUUUHHH“. Wie kleine Kinder scheinen da welche drin zu sitzen. Wie damals, als wir auf Bäume geklettert sind oder uns hinter der Balkonbrüstung versteckten und wirklich glaubten, dass uns keiner sehen könne und es für sehr kreativ hielten (auch wenn wir das Wort „kreativ“ noch nicht in unserem Wortschatz hatten), den vorbeigehenden komische Geräusche mitzugeben. Die grinsten natürlich meistens nur doof, weil es alles so offensichtlich war (nur nicht für uns) und manche waren so freundlich mitzuspielen und ganz überrascht zu tun und sich umzudrehen und die Stirn zu runzeln (so mache ich das heute auch, wenn Kinder denken, man könne sie nicht sehen). Jedenfalls: Am Ostkreuz steht ein Haus, darin leben große Kinder, sie sammeln Pfandflaschen und in der Nacht, wenn keiner sie sehen kann, dann hören die Leute Tierstimmen. Mich machte das Schmunzeln. Was allerdings so mancher Druffi dazu sagt, der vielleicht mit Psychedelischem im Blut von einem Club in den nächsten torkelt – das weiß ich nicht.

Pfandsammlung am OstkreuzPfandsammlung am Ostkreuz

Ich hoffe, dass diese Wohngelegenheiten nur temporär sind und dass alle Bewohnerinnen und Bewohner für den Winter ein echtes Heim haben, das auf sie wartet.

15. Sep. 2015
von Katrin Rönicke
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10. Sep. 2015
von Katrin Rönicke
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Schönefeld – abhauen und ankommen

Um in Berlin fliegend anzukommen hat man derzeit zwei Möglichkeiten. Einerseits Tegel und andererseits Schönefeld. SFX ist die Abkürzung im Flugverkehrssprech. Ich bin dieses Mal von Schönefeld nach London geflogen. Das ist praktisch, weil da eine S-Bahn direkt vom Ostkreuz durchfährt.

BFHS

Der Flughafen ist glaube ich vergleichsweise klein, weswegen es ja auch den BER geben sollte – auch in Schönefeld. Aber das ist hier in Berlin ein eigenes Thema. Was so alles passiert nimmt Herr Klein immer wieder mal in seinem Podcast mit Martin Delius auf, der für die Piratenpartei im Abgeordnetenhaus und auch in demjeningen Ausschuss sitzt, der sich mit den ganzen unfassbaren Fehler beschäftigt die da gemacht wurden. Zur Erinnerung: Der große, tolle und repräsentative Hauptstadtflughafen sollte 2007 an den Start gehen, daraus wurde erst 2011, dann 2012 und dann 2013 – und ob er 2017 schaffen wird steht immer noch in den Sternen. Derweil versickern Milliarden in einem schwarzen Loch.

Welcome

Als in der Zeitung neulich stand, dass die Flüchtlinge, die nach Berlin kommen, nun im Flughafengebäude untergebracht werden, da dachte ich kurz, dass man endlich zur Vernunft gekommen sei und die fertigen Gebäude, die dort in Schönefeld rumstehen und die sogar regelmäßig benutzt werden – es gibt zum Beispiel einen Mann, dessen Aufgabe ist nur, regelmäßig die vielen Rolltreppen einmal anzuschalten und laufen zu lassen, damit dort nicht alles verrottet! – endlich sinnvoll zu nutzen! Aber da lag ich falsch. Man quartierte die Flüchtlinge im alten Flughafengebäude in Tempelhof ein. Das ist nicht schlecht, aber somit fühlt sich das ganze BER-Areal natürlich immer noch völlig nutzlos und könnten Gemäuer eine Depression bekommen, vermutlich dächte BER an Selbstmord.

geschaeftlich

Wie auch immer. Ich landete in Schönefeld und ich war einfach froh, wieder in Berlin zu sein! Das ist doch einmal schön – denn hier gibt es ja Grund genug zu meckern. Es ist eine alte Weisheit: Manchmal muss man etwas verlieren – und sei es nur für sehr kurze Zeit – um es zu schätzen. Ich schätze Berlin wieder, seit ich in London war, denn Berlin ist doch eine nette, freundliche und vor allem ruhige Stadt. Es mag sein, dass die Leute hier motzig wirken – aber das ist oft nur Fassade. Die meisten realen Menschen, mit denen man in seinem Alltag zu tun hat, sind es nicht, man merkt sich das nur nicht, sondern nimmt es so hin. Was man sich merkt, dass sind die Unverschämten, die Ekelhaften, die Gehwegpisser und die, die einen nicht aus der S-Bahn lassen, sondern einfach einsteigen, als wäre man gar nicht da. Die bleiben hängen – ausgerechnet.

Gangland

Aber London ist heilsam gewesen. Ich hatte nur zwei Tage. Für diese zwei Tage hatte ich 100 Pfund dabei und dachte, das sei viel, da würde ich noch was wieder mit nach Hause bringen. Pustekuchen! In London zu leben ist schweineteuer. Zwar gibt es richtig geiles Essen und grandioses Bier an allen möglichen Ecken, aber das kostet. Weil ich das wusste und weil ich mir vor allem den Freitag fürs rummarodieren und fressen freigehalten hatte, lebte ich am ersten Tag nur von Sandwiches von M&S und Lidl und anderen Cafés und Supermärkten. Einen neuen Pullover, den ich brauchte, weil sich die 18 Grad doch kälter anfühlten, als ich vermutet hatte, kaufte ich auch bei Lidl, alles andere hätte mein Budget komplett gesprengt. Am ersten Tag lebte ich vor allem rund um den Finsbury Park und in Stamford Hill. Da fällt schon einmal auf: London teilt sich in total verschiedene Gegenden.

Ausgang

Um den Finsbury Park lebt offenbar eine ökonomisch eher schwächere Klientel. Teure Läden gibt es keine. Dafür aber viele Menschen, die ihre alltäglichen Dinge verrichten, mit Kinderwagen einkaufen gehen, andere Leute treffen sich auf einen Kaffee, aber auch nicht mehr, in das Café setzen und plaudern, vor dessen Tür eine rauchen und Zeitung lesen. Es sind viele Schwarze unterwegs und irgendwie fühle ich mich dort eigentlich ganz wohl. Aber laut ist es. Überall in London ist es schrecklich laut. In einem kleinen Kiosk an einer der großen Straßen, erkundige ich mich nach dem System mit den Bustickets, denn der Busfahrer hatte mich wieder auf die Straße geschickt, bei ihm konnte ich nicht bezahlen. Ein sehr freundlicher Mensch, dem ich eine indische Herkunft unterstelle, erklärte mir das mit der Oyster Card, fragte genau nach, wo und wie oft ich so rumfahren würde und dachte lange nach, bis er mir riet, zwölf Pfund auf die Karte zu laden.

In Stamford Hill, wo mein Hotel lag, wohnten sehr viele Juden. Sie liefen in Scharen auf der Straße rum und zwar in ihrer Kleidung deutlich kodiert. Ich wünschte, so eine große Präsenz jüdischer Mitbürger gäbe es auch in Berlin irgendwo – so war es für mich eine sehr neue Erfahrung. Die Hotelchefin war auch Jüdin, das Hotel jüdisch, alles war in Englisch und Hebräisch beschildert. Am Freitagabend sang im Zimmer neben mir ein alter Mann sehr lange spirituelle Lieder und das war irre schön. Diese Gegenden waren das London, in dem ich mich am wohlsten gefühlt habe. Es war so ein eingespieltes, alltägliches London, wo alle das taten, was sie eben immer taten: Leben organisieren.

Currywurst

Am Freitag war ich dann mit dem Bus zur London Bridge gefahren. Mein Freund hatte mir ein Ticket für The Shard gesponsert und ich sah mir London vom höchsten Punkt aus an. Hier ging es los, dass ich mich von der Stadt etwas entfremdete und fremd fühlte, falsch fühlte. Ich hätte mir einerseits diese Aussicht nie geleistet, sie kostet irre viel Geld. Und wenn man keinen wirklichen Bezug zu der Stadt hat, ist der Blick zwar beeindruckend, aber so ganz umgehauen hat er mich nicht. Spektakulärer fand ich die Belfast, ein Kriegsschiff, das dort in der Themse liegt und das man bestaunen kann. Es kostet 16 Pfund oder so, das Schiff anzuschauen, aber das lohnt sich. Es ist erstaunlich, wie Menschen es geschafft haben, ein so hochkomplexes Schiff zu beherrschen! Es ist beeindruckend, wie sie dort gehaust haben! Es ist erschreckend, wie viel Vernichtungskraft in einem Schiff stecken kann!

gang

Danach war ich erschöpft. Sehr ausgelaugt und eigentlich auch fertig mit der Welt. Der Input war bereits am frühen Nachmittag so hoch gewesen, dass ich nur noch ausruhen wollte. Am Liebsten bei einem netten kleinen Inder, denn man hört, dass das indische Essen in London total toll sein soll. Das aber war dann genau mein Problem: Erschöpft sein ist kein guter Zustand in dieser hektischen, vollen und teuren Stadt. Entspannung ist schwer zu finden. Alle Inder, die man mir empfahl, waren 40 oder mehr Minuten weit weg. Ich lief erst etwas orientierungslos herum, besorgte mir dann einen Stadtplan – den fürs kleinere Geld, weil… naja. Und auf dem fand ich dann nur touristische Orte, nicht einmal die wichtigsten Straßennamen rund um die Tower Bridge waren darauf. Ich fühlte mich betrogen, denn ich suchte die Tanner Street, von der ging eine kleine Straße ab, in der ich ein ganz bestimmtes Geschenk besorgen wollte. Ich hätte google Maps nutzen können, aber das angeblich „Freie Wifi“ der Cafés funktionierte nie, man hätte nur das natürlich völlig überteuerte W-Lan nutzen können, das von irgendeinem Halsaufschneider überall in der Stadt angeboten wird.

fahrrad

Am Ende war ich nur hinüber, sehr viel Geld los und genau deswegen so froh, wieder zurück in Berlin zu sein, weil mir durch London bewusst geworden ist, dass diese meine Stadt sehr viel mehr für kleine Geldbeutel bietet, sehr viel weniger Stress verbreitet, dass sie einen für vergleichweise wenig Geld von A nach B bringt und überall Ecken bietet, an denen man sich erholen kann. Überall. Das ist auch Berlin.

10. Sep. 2015
von Katrin Rönicke
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05. Sep. 2015
von Holger Klein
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Tempelhof (links raus)

Wie ich neulich schon angekündigt hatte, kann man den Bahnhof Tempelhof in zwei Richtungen verlassen. Rechts raus waren wir schon, also gehen wir heute mal links raus (Richtung Hoeppnerstraße).

tempelhof_schild

Vorher muss ich mich aber mal ausgiebig beklagen. Eine der größten Katastrophen in Bahnhofsgebäuden in Deutschland im Allgemeinen und in Berlin im Besonderen, ist der Umstand, dass es praktisch nichts ordentliches zu essen gibt. Überall findet man die gleichen, wenn nicht sogar dieselben, Buden, in denen Kohlehydrate in Teigform mit irgendwelchen Fleischfetzen fragwürdigen Ursprungs oder gelblich-weißen Fettscheiben belegt werden. Das wird dann gerne „Wurst“ oder „Käse“ genannt. Manche Buden überbacken die Wurst mit Käse und bezeichnen das fiese Ergebnis als „Pizza“ oder eine Ableitung davon (-schnitte, -zunge, -batzen, -wasweißich…). Kurz: In allen Bahnhöfen findet man die gleichen, langweilig-fiesen Teigbatzenläden und es riecht auch immer irgendwie gleich unangenehm. Wenn man nicht schon in den Gebäuden von Döner- und/oder Frittengeruch belämmert wird, findet sich, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, eine oder gleich mehrere solcher Buden unmittelbar vor dem Bahnhof, auf dass überall auch immer irgendwelche Speise- und/oder Verpackungsreste rumfliegen und vor sich hin gammeln. So auch in Tempelhof.

Besonders ärgerlich ist, dass es vor wenigen Jahren noch einen großen Obststand im Bahnhof gab, also eine Möglichkeit, sich unterwegs etwas ordentliches, ja gesundes zum Essen zu kaufen. Einen bekannten Donut-Laden gab es auch mal. Aber der war eh nicht jedermanns Sache. Der Donutladen ist weg, dafür hat eine weitere Teigbatzenbude aufgemacht, so dass es hier jetzt drei davon gibt. Der Obststand ist einfach nur verschwunden und wurde durch Plakathalterungen ersetzt, die benutzt werden, um Veranstaltungen, Überflüssiges und überflüssige Veranstaltungen anzupreisen. Darüber ärgere ich mich stärker, als über die gesamte Deutsche Bahn und deren Unvermögen, den S-Bahn-Verkehr wenigstens halbwegs verlässlich zu organisieren.

tempelhof_bahnhof_innen

Der Bahnhof Tempelhof ist übrigens auch ein Paradebeispiel für die Versiffung, die überall in Berlin so anstandslos hingenommen wird. Dafür verantwortlich mache ich einerseits die geistige Versiffung von zu vielen Bewohnern dieser Stadt, andererseits aber auch die Art der Geschäfte, die sich um diesen Bahnhof herum angesiedelt haben, letztlich also die Standortpolitik. Weiterlesen →

05. Sep. 2015
von Holger Klein
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01. Sep. 2015
von Katrin Rönicke
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Lieper Bucht – Lindwerder

Unser Leser und Kommentator Martin hat mir die Lieper Bucht an der Bushaltestelle Lindwerder ans Herz gelegt. Also nahm ich die Badehose, das Kind und sein kleines Schwesterlein und dann nüscht wie raus zum fast am Wannsee. Es war ein schöner sonniger, aber nicht zu heißer Samstag und was soll ich sagen? – Es war wirklich ganz reizend.

Lindwerder

Fangen wir aber bei den Missverständnissen an. Sträflicher Weise bin ich nicht mit den Öffentlichen dort hin gefahren, sondern ich wurde von meinen Eltern nach Hause gebracht, die Ferien sind ja in Berlin vorbei und da mussten Kind und Kegel zurück in die Hauptstadt, die sie ganze sechs Wochen ausgesetzt haben (was ihnen übrigens ungemein gut getan hat). Auf dem Weg zurück lag Lindwerder quasi auf der Strecke, es war nur ein sehr kleiner Umweg, den wir für einen letzten Tag an einem Strand – bevor der Ernst des Lebens wieder hart zuschlägt – sehr gerne in Kauf nahmen. Jedenfalls sagt die Seite berlin.de, dass die Lieper Bucht folgende Adresse habe: „Lindwerder, 14193 Berlin“. Das gaben wir in die Navi ein und dann landeten wir auf der Insel Lindwerder, statt in der Lieper Buch. Das wiederum war ein sehr glückliches Missverständnis, denn wir alle hatten einen Bärenhunger und auf der Insel Lindwerder gibt es ein gleichnamiges Restaurant, das mit einem schönen Garten direkt an der Havel liegt.

Tisch

Abgesehen von den Wespen ein ganz fantastischer Ort, wenn man Hunger hat. Die Preise sind für Friedrichshainer Prekariat eher happich, ich traue mich dann immer nicht so, auf Kosten anderer ein teures Gericht zu nehmen. Aber was man hier für sein Geld auf dem Teller hat, das ist wirklich köstlich und von daher ist das alles komplett legitim und lohnenswert. Ich nahm nur eine Suppe, eine Lindwerderer Fischsuppe oder auch Fischsuppe Lindwerder für 6,90 €. Und das ist, was ich bekam: Weiterlesen →

01. Sep. 2015
von Katrin Rönicke
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28. Aug. 2015
von Holger Klein
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Tempelhof (rechts raus)

Da schreibst Du ein Blog über Bahnhöfe und ignorierst monatelang die Station direkt vor deiner Haustür. Aber man will halt nicht direkt zu Anfang schon als eher fußfaul identifiziert werden.

tempelhof_ubahnsteig

Der Bahnhof Tempelhof liegt auf einem Abschnitt der Ringbahn, den eine Freundin schon vor über einem Jahrzehnt als „Mutantenschaukel“ bezeichnet hatte. Ich kann es ihr auch heute noch nicht verübeln. Das Publikum in den Zügen zwischen Ost– und Südkreuz ist regelmäßig das bemerkenswerteste, das ich bisher im öffentlichen Verkehr dieser Stadt erlebt habe.

Hier kreuzt die Ringbahn die U6 und gleich hinter dem Bahnhofsgebäude, auf der stadtauswärtigen Seite, ist eine Auffahrt auf die unsägliche Stadtautobahn A100, die in all den Jahren, in denen ich mit dem Auto in Berlin unterwegs war, stets die schlechtere Alternative zum Vorwärtskommen war. Demnächst wird die A100 für absurd viel Geld verlängert und wird vermutlich auch dann immer noch die schlechtere Alternative sein. Vor allem für all diejenigen, die das Geld besser hätten gebrauchen können, zuvorderst die Schüler, die Radler und die Kunden des hiesigen ÖPNV. Man kann also durchaus sagen, dass man hier verkehrsgünstig wohnt, und wer ein wenig Schadenfreude erleben möchte, kann sich an die Ampel der Auffahrt stellen und an Autofahrergesichtern ablesen, was „Freude am Fahren“ bedeuten kann.*

tempelhof_currybomber

Wenn man die Treppen runterkommt und den Bahnhof nach rechts verlässt, steht, zwischen Ringbahn- und Autobahntrasse eine, weiß-rot gestrichene Frittenbude, gleich hinter einer öffentlichen, kostenpflichtigen Bedürfnisanstalt.

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28. Aug. 2015
von Holger Klein
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25. Aug. 2015
von Katrin Rönicke
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Erfinderbahnhof Weberwiese

Sehen wir einmal von seinen maroden Schulen ab, so überkommt Berlin manchmal ein kleiner Rappel, seinen Bildungsauftrag an der Bevölkerung doch nicht ganz zu vernachlässigen. Und dann entsteht so etwas, wie der Erfinderbahnhof Weberwiese, wo derzeit auf großen Tafeln den Wartenden Informationen über jene gegeben werden, die einmal Großes geleistet haben für die Stadt: Sie haben knorke Erfindungen geboren. Eine Handvoll möchte ich kurz vorstellen.

Weberwiese

Als Erster fällt mir der Erfinder der Berliner Weisse ins Auge: „Cord Broihan, 16. Jahrhundert“ steht da. Die Wikipedia meint jedoch, dass er „Broyhan“ hieß und auch sonst ist nicht viel Verbindung zu Berlin für mich zu entdecken. Der Kerl ist jedenfalls eher eine Hannoveraner Legende und dort die Berliner Weisse zu erfinden erscheint zumindest mir eher abwegig. Aber vielleicht sind ja Bier-Historiker unter der geschätzten Leserschaft und können aufklären.

Cord_Broihan

Der zweite ist Max Skladanowsky, der angeblich „zu den Pionieren des Kinos“ gehören soll, wie das Plakat behauptet. Er hat zusammen mit seinem Bruder Emil das „Bioskop“ erfunden. Zusammen mit ihm – aber auf dem Plakat ist Emil nicht. Das ist der aber schon gewohnt, denn er wird eigentlich immer nur so miterwähnt, in vielen Artikeln und Ehrungen taucht er gar nicht erst auf oder wird fälschlicherweise als „Eugen“ betitelt. Das kennt man: Wir sind es gewohnt, dass bei Gemeinschaftswerken immer EINER all den Ruhm absahnen darf. Nur wenn was schief geht, dann sind wir ziemlich unfähig, Verantwortliche zu benennen – gerade in Berlin. Weiterlesen →

25. Aug. 2015
von Katrin Rönicke
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22. Aug. 2015
von Katrin Rönicke
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Prinzenstraße

Ich musste zur Prinzenstraße. Das ist ein Bahnhof an der U-Bahnlinie 1. Wenn man ihn verlässt und dann die Gitschiner Straße hinunterläuft, dann hat man ernsthaft das Gefühl an einer Stelle ausgestiegen zu sein, die mit dem Wort „Prinz“ nur so viel zu tun hat, als dass hier jemand darauf wartet, wach und schön geküsst zu werden. Denn die Gitschiner Straße ist hässlich und laut. Hier rasen viele Leute durch die Stadt, die diese gerne verlassen wollen. Schnell auf die A100 – aber die ist noch ein Stück hin.

Prinzenstrasse

Was an der Prinzenstraße beeindruckt ist das Bahnhofsgebäude. Will man nämlich wieder in Richtung Warschauer Straße fahren, so muss man durch ein kleines Labyrinth aus Treppen und Rolltreppen, das von rosa Geländern gesäumt ist – ganz oben stehen Puppen und ich glaube, das ist schon Kunst.

Bahnhof

In der Gitschiner Straße gibt es einen Laden, der riesige Kronleuchter und Lüster verkauft – wobei Kronleuchter und Lüster glaube ich Synonyme sind, aber „Lüster“ klingt so witzig. Der Laden beleuchtet die unschöne Straße Tag und Nacht, wodurch sie ein bisschen besser wird. Schon erstaunlich, was so ein Lüster für einen unmittelbaren Verschönerungseffekt auf seine Umgebung hat. Weiterlesen →

22. Aug. 2015
von Katrin Rönicke
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