Reinheitsgebot

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Das Blog zum Bier

Wie schädlich ist Glyphosat im Bier?

| 28 Lesermeinungen

Es wird kein leichtes Jahr für all jene, die 2016 das bayerische, das deutsche oder das Reinheitsgebot an sich feiern wollen. Das Umweltinstitut München e. V. will jedenfalls nicht mitfeiern, sondern präsentiert eine Untersuchung, derzufolge die vierzehn verkaufsstärksten deutschen Biere einen Rückstandswert des Herbizids Glyphosat aufweisen, der bis zu 300 Mal über dem gesetzlichen Grenzwert für Trinkwasser liegt. Das Institut gibt zu bedenken, dass die Weltgesundheitsorganisation das Mittel als erbgutschädigend und wahrscheinlich krebserregend einstuft. Im deutschen Bier, das mit seiner Reinheit wirbt, habe der Stoff jedenfalls nichts zu suchen.

###Krebsvorsorge oder Panikmache? Die Untersuchung des Umweltinstituts München e. V.

Wie schätzt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) die Untersuchungsergebnisse ein und wie kommt Glyphosat ins Bier? Wir haben beim BfR und dem Bayerischen Brauerbund nachgefragt.

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Interview mit Dr. Roland Solecki, Leiter der Abteilung Sicherheit von Pestiziden im Bundesinstitut für Risikobewertung

F.A.Z.: Herr Solecki, wie beurteilen Sie die vom Umweltinstitut München e. V. gemessenen Glyphosat-Werte in 14 deutschen Bieren?

Roland Solecki: Ich beurteile die Untersuchung und ihre Schlussfolgerungen als Panikmache. Das ist ähnlich wie vor einem halben Jahr, als es hieß, Glyphosat befinde sich in der Muttermilch. Wir konnten anschließend mit sehr guter Analytik nachweisen: Glyphosat befindet sich nicht in der Muttermilch. Und beim Bier verhielte es sich, nimmt man die Werte des Umweltinstituts als Grundlage, unseren Berechnungen zufolge so, dass  man täglich 1000 Liter Bier trinken müsste, um einen gesundheitsschädlichen Grenzwert zu erreichen.

Bier muss wegen der gemessenen Werte also nicht als krebserregend gelten?

Wegen der gemessenen Werte von Glyphosat nicht. Der Alkoholgehalt ist das Kritische am Bier. Das wird bei dieser Diskussion gerade komplett vergessen: Alkohol wurde von der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) in die Kategorie 1A eingestuft, als krebserregend also, und Alkohol ist auch reproduktionstoxisch. Darüber spricht jetzt niemand.

Glyphosat wird von der IARC aber in die Kategorie 2A, also “wahrscheinlich krebserregend” gestuft.

Dieser Beurteilung, die auch von der IARC in einer Präambel lediglich als erstes Screening bezeichnet wird, stimmen aber weder wir im BfR noch die anderen europäischen Staaten zu, auch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) stimmt dem nicht zu, und die Einschätzung ist auch innerhalb der Weltgesundheitsorganisation (WHO) heftig umstritten. Das Joint Meeting on Pesticide Residues (JMPR), das sich in der WHO eigentlich mit Pflanzenschutzmittelrückständen befasst, hat 2004 gesagt, Glyphosat ist nicht krebserregend. Die Institution schaut sich die neuesten Untersuchungen im Mai noch einmal an und wird dann ihre Schlussfolgerungen ziehen. Anschließend wird sich auch die WHO dazu äußern. Wir gehen nach wie vor nicht davon aus, dass Glyphosat krebserregend ist – bei Anwendung in der Landwirtschaft.

Welcher Glyphosat-Grenzwert liegt Ihrer Beurteilung zugrunde, woher stammt er?

Wir haben vom Jahr 2011 an eine Neubewertung von Glyphosat vorgenommen, für die wir 900 Literaturquellen und Industriestudien ausgewertet haben. Der Grenzwert den wir für die Langzeitaufnahme von Glyphosat abgeleitet haben, beträgt 0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag. Und wir haben zusätzlich auch eine akute Referenzdosis festgelegt, die wir auch bei 0,5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht festgesetzt haben.

Warum gilt für Trinkwasser ein viel niedrigerer Glyphosat-Wert als für Bier?

Hierbei handelt es sich um einen Grenzwert, der in der Trinkwasserverordnung von 2001 für alle Pflanzenschutzmittelwirkstoffe gesetzt worden ist, um die EU-Richtlinie zur Qualität von Wasser für den menschlichen Gebrauch in nationales Recht umzusetzen. Es ist ein Vorsorgewert, der die Qualität des Trinkwassers sicherstellen soll und unabhängig von der Toxizität besteht. Diesen Wert hat man auf eine Grenze gesetzt, der so niedrig wie möglich ist, er hat nichts mit gesundheitlicher Bedenklichkeit zu tun.

Wie kommt Glyphosat ins Bier? Das Wasser scheidet aus. Der Brauerbund sagt, Glyphosat mindere die Keimfähigkeit von Gerste und seine Verwendung sei schon aus herstellungstechnischen Gründen ausgeschlossen? Ist der Hopfen verantwortlich?

Der Hopfen ist ausgeschlossen, der verträgt Glyphosat nicht. Für uns stammen die Rückstände wahrscheinlich aus der Braugerste. Wenn man bei der Gerste die zulässigen Höchstwerte von 20 Milligramm pro Kilogramm heranzieht und nimmt die Verarbeitungsfaktoren hinzu, dann sind die Werte aus unserer Sicht plausibel.

 

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Interview mit Walter König, Geschäftsführer Braugersten-Gemeinschaft e.V. beim Bayerischen Brauerbund

F.A.Z.: Herr König, wie beurteilen Sie die vom Umweltinstitut München e. V. gemessenen Glyphosat-Werte in 14 deutschen Bieren, darunter vier bayerische?

Walter König: Aus unserer Sicht soll im Jahr des Reinheitsgebots auf dem Rücken der Bierbrauer eine Kampagne gegen Glyphosat ausgetragen werden, in der es darum geht, die Politik bei einer Entscheidung unter Druck zu setzen, die nächste Woche gefällt wird: Wie soll künftig europaweit mit Glyphosat umgegangen werden.

Wie kommt Glyphosat nun ins Bier?

Glyphosat ist bei der Sikkation, das heißt beim Spritzen vor der Ernte an der Gerste verboten. Aber das Mittel wird seit 50 Jahren in der Landwirtschaft verwendet, zur Stoppelbehandlung und auch vor der Aussaat zur Bereinigung der Flächen von Unkraut. Glyphosat findet man bei der heutigen Analytik in allen Lebensmitteln, da muss ich auch “Bio” und Gemüse einschließen.

Sind die gemessenen Glyphosat-Werte im Bier bei den Ansprüchen, die bayerische Brauer an ihr Produkt stellen, nicht unbefriedigend?

Nein, sind sie nicht. Sie überraschen uns auch nicht. Beim Getreide ist ein Wert von 20 Milligramm pro Kilogramm erlaubt. Wenn ich das für die Braugerste ansetze, sind wir weit weg von diesem Grenzwert, unser höchster Wert in den letzten drei Jahren waren 1,1 Milligramm. Die Brauwirtschaft hat ihre Hausaufgaben gemacht. Wenn man jetzt noch miteinbezieht, dass nach unseren Erkenntnissen nur zwei Prozent des auf dem Rohstoff befindlichen Glyphosat analytisch gesehen im Bier wiederzufinden ist, weil der Brauprozess ein reiner Reinigungs- und Klärungsprozess ist, kommen in etwa die vom Umweltinstitut gemessenen Werte heraus. Deren Interpretation aber ist populistisch und unseriös.

Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

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Nachträge:


28 Lesermeinungen

  1. Igis Knilrab sagt:

    Einer noch: Umweltgefährdender Stoff
    Anderer Gedanke: Wenn jetzt eine Flasche Bier auf der Terrasse umkippt, muss ich die Feuerwehr verständigen, oder eine Anzeige bei der Unteren Wasserbehörde machen?

  2. Igis Knilrab sagt:

    Entsorgung
    Hallo, liebe Freunde
    ich biete allen Freunden und Freundes-Freunden und allen anderen folgendes an:
    Jeder von euch kann VÖLLIG KOSTENLOS die gefährlichen, verseuchten und… Produkte der Firmen Becks, Krombacher etc. bei mir vorbeibringen.Ich kümmere mich um fachgerechte Entsorgung. IHR SEID EINE SORGE los. Alkoholfreie Produkte sind leider von der Aktion ausgeschlossen.
    Selbstverständlich sind auch Produkte aus anderen Teilen der Welt willkommen, ich denke da an Wodka, Tequila und Rum.

  3. astroklaus sagt:

    Balance
    Mal abgesehen von dem Hinweis, daß der Alkohol sowieso mit Abstand die größere Gefahr darstellt, sollte man nicht so tun als gebe es nur auf der “Industrieseite” spezielle Interessen. Auch die diversen Umweltämter scheinen öfter mehr von Ideologie angetrieben zu sein als von wissenschaftlicher Neutralität.
    Nachweisen kann man mit der heutigen Analysetechnik fast alles überall, aber es fehlt dann oft die angemessene Einordnung. Dabei hat man schon gelegentlich den Eindruck, daß das absichtlich unterlassen wird. Beispiele dazu finden sich regelmäßig in der “Unstatistik des Monats”.

  4. elcid3 sagt:

    Ich hoffe das es genügt...
    einfach auf Massenbiere zu verzichten. Statt dessen suche ich gezielt Bio-Biere oder kleine Brauereien die sich lokal mit Rohstoffen beliefern lassen.

    Ganz nebenbei schmecken solche Biere auch besser und sind bekömmlicher (sei es nur wegen des milderen Katers am nächsten Morgen). Überdies unterstütze ich die lokalen Landwirte und Brauereien.

    Wer jedoch glaubt, man könne für fünf Euro (z.B.Oettinger) pro Kasten ein gutes und gesundes Produkt kaufen liegt absolut falsch. Um das zu erkennen braucht man wohl keinen Glyposat-Skandal.

  5. Jo sagt:

    Habe im Selbstversuch
    in den Sommermonaten Juni bis September 2015 täglich 3 Liter Bier zu mir genommen. Konnte keinerlei Auswirkungen von Glyphosat auf meinen Körper feststellen. Aber als ich einmal, versehentlich, eine einzige Flasche der Marke 29,74µg auf meinen gepflegten Rasen schüttete, war diese Stelle am nächsten Tag verdorrt. Da Glyphosat teuer ist, verwende ich seitdem nur noch Bier, wenn ich irgendwo auf meinem Grundstück gründlich aufräumen will. Durch diesen praktischen Beweis der hohen Wirksamkeit von Glyphosat wurde mir auch klar, warum Bier so hilfreich im Abwehrkampf gegen Schnecken ist.

  6. BlauesLeuchten sagt:

    Immer das Gleiche
    Nichts als unsinnige Panikmache. Nachweisen kann man viel, die Einschätzung des Risikos ist das Entscheidende. Und da wurde mit dem Hinweis auf den Alkohol schon alles gesagt. Ich frage mich manchmal, was für naive Vorstellung die Leute haben. Wir sind ständig Umweltgefahren ausgesetzt, mit jedem Atemzug verkürzen wir unser Leben, einfach dadurch das wir Sauerstoff einatmen! Just my 2 cents.

  7. […] aufgeht, wird sich zeigen. Der Deutsche Brauer Bund fährt jedenfalls harte Geschütze auf: Die Studie sei unseriös und die unseriös gefundenen Rückstände […]

  8. Shimone sagt:

    Warum nicht direkt Monsanto um ihre Meinung gefragt ?
    Zu bedenken ist bei dem geführten Interview, dass es bei Mitgliedern des BfR extreme Interessenkonflikte gibt. So gibt es bei vielen Mitgliedern der Expertenkommission eine derartige Nähe zur Industrie, dass man an ihrer Objektivität zweifeln muss.
    Darüber hinaus wurden in einem vom BfR verfassten Bericht zur Wiederzulassung von Glyphosat 2015 u.a. Leserbriefe von Monsantomitarbeitern als Grundlage genommen. Diese Bezeichneten BfR-Mitarbeiter in ihrem Bericht als Studien und behandelten sie auch dementsprechend.
    Dies ist auch der Grund warum etwa 100 Wissenschaftler in einem offenen Brief an den EU-Gesundheitskommissar die Arbeit und die Ergebnisse des BfR scharf kritisieren.
    ***
    https://www.br.de/radio/bayern2/gesellschaft/notizbuch/glyphosat-hintergrund-100.html
    https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/streit-um-unkrautvernichtungsmittel-wissenschaftler-protestieren-gegen-glyphosat-bewertung-1.2759599
    (Die Links wurden von der Redaktion eingefügt.)

  9. Ingrid Wagner sagt:

    Diplom-Volkswirtin
    Bevor über Glyphosphat im Bier gestritten wird, sollte erst einmal die Bewertung von Glyphoshat im Allgemeinen abgewartet werden: ob und und in welcher Menge Glyphoshat krebserregend ist, welche neuen Forschungergebnisse zu der Erkenntnis vorliegen, dass Glyphosphat krebserregend ist, ob durch weniger Düngung eine Besserung erzielt werden kann. Sollte Glyphospat negativ beurteilt werden, wird man auch den Bierbereich nicht ausnehmen können.

  10. Namigashira sagt:

    Titel eingeben
    “Wir haben vom Jahr 2011 an eine Neubewertung von Glyphosat vorgenommen, für die wir 900 Literaturquellen und Industriestudien ausgewertet haben. ”
    Genau denn es existieren keine ethisch vertretbaren Versuchsaufbauten um Kanzerogenität einer chemischen Verbindung beim Menschen eindeutig festzustellen. Wie kommt Herr Solecki also darauf bei unbekannter Sachlage eine Aussage über einen Prozess machen zu wollen der teilweise mehrere Jahrzehnte in Anspruch nimmt. Wundern sollte einen das nicht, zumal man hier auch auf Industriestudien zurückgegriffen hat. Da die Industrie ein Interesse am milderen Umgang mit Glyphosat haben könnte, sollte jedem aufrichtigem Wissenschaftler klar sein mit welcher Vorsicht solche Studien der Industrie zu genießen sind.

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