Biopolitik

Auf dem Schnäppchenmarkt: Das menschliche Genom

Der  allgemeine Preisverfall hat endlich auch das komplette menschliche Genom erreicht. Kostete die vollständige Erfassung 2007, als sich der Ko-Entdecker der Doppelhelix James Watson sequenzieren ließ, noch knapp eine Million Dollar, gibt es heute das komplette Wissen über die eigene genetische Ausstattung schon für knapp 100.000 Dollar. Das Angebot kommt von Knome, die mit dem Beijing Genomics Institute kooperieren. Für diesen immer noch stolzen Preis bietet Knome dann aber auch noch einiges an Zusatzleistungen, beispielsweise ein Round-Table-Gespräch im Hauptquartier der kleinen, aber feinen Firma:

„Wir wollen, dass unsere Klienten nicht nur von der allerneueste Forschung profitieren, sie sollen auch die führenden Wissenschaftler persönlich kennenlernen, die den Forschritt im Bereich persönlicher Genomics vorantreiben. Ist die Analyse Ihres Genoms erst einmal fertiggestellt, werden Sie und Ihr Arzt zu uns eingeladen, um an einem ganztägigen Round-Table-Gespräch teilzunehmen, bei dem das Team unseres Unternehmens die Ergebnisse unserer Analyse mit Ihnen besprechen, sich über die Rolle genetischer Variation bei der Entstehung von Krankheiten mit Ihnen unterhalten und die neuesten Forschungsergebnisse erläutern.“

James Watson hatte nach der Sequenzierung seines Genoms Vergleiche zu Autokäufen gezogen: „Ich bin vor kurzem mit jemandem in seinem Bentley gefahren. Was würde ich mir eher leisten? Einen Bentley – oder eine Sequenzierung meines Genoms. Eine harte Entscheidung, aber vermutlich würde ich dem Genom den Zuschlag geben.“ Aber eigentlich bräuchten wir ein „Chevrolet Genom“, ein Genom, das zum Preis eines Mittelklassewagens erschlossen werden könne. Ein in vielerlei Hinsicht ergiebiger Gedanke. Die Genindustrie als die Autoindustrie des 21. Jahrhundert…. und in 60 Jahren gibt es in der Wirtschaftskrise Abwrackprämien damit die Menschen ihr Genom erneuern lassen. Aber bis dahin ist ein weiter Weg. Gerade mal sind erst ein paar Multimillionäre, die gerade keine Lust haben, ihr Geld für Weltraumflüge einzusetzen, auf diesem Weg unterwegs.

Allerdings hat vor wenigen Tagen CompleteGenomics angekündigt, ab Juni 2009 das komplette menschliche Genom für nicht mehr als 5000 Dollar zu analysieren. Dafür bekommt mann allenfalls einen gebrauchten Chevrolet. Und der individuelle Service wird vermutlich darunter leiden. Das Round-Table-Gespräch mit den weltweit führenden Experten, dürfte zuverlässig durch einen Call-Center-Anruf bei der genetischen Beratung ersetzt werden. Längst stehen auch Unternehmen wie Navigenics auf dem Sprung, die heute noch kleinere Testpakete anbieten, mit denen Dispositionen für einen bunten Strauß von Krankheiten – vom Aneurysma über Alzheimer, Lungenkrebs bis zum Restless Leg Syndrom – für 2500 Dollar pro Testpaket (inklusive telefonischem Beratungsgespräch).

Ein Preis für den Erfolg in der Disziplin „menschliches Genom immer schneller und billiger analysieren“ ist übrigens auch schon ausgeschrieben: der Archon X Prize for Genomics, den derjenige bekommt, der mit seinem Team 100 menschliche Genome in weniger als 10 Tagen für weniger als 10.000 Dollar pro Genom analysiert. Die letzten Geheimnisse sind eben auch nicht mehr das, was sie mal waren. Wie dem auch sei. ICh möchte derzeit weder einen neuen Wagen kaufen, noch mein Genom sequenzieren lassen. Interessant wäre für mich allenfalls ein schönes Fahrrad. Aber das interessiert auf diesem Markt ja niemanden… 

 

Die mobile Version verlassen