Biopolitik

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Kusch kuscht – welcher Wiedergänger nutzt die Chance?

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Roger Kusch, lesen wir jetzt blattauf blogab, gibt seinen lukrativen Job als Sterbehelfer auf. Dass der ehemalige Oberstaatsanwalt, der hier auch schon als...

Roger Kusch, lesen wir jetzt blattauf blogab, gibt seinen lukrativen Job als Sterbehelfer auf. Dass der ehemalige Oberstaatsanwalt, der hier auch schon als „guilltonierender Lächler“ skizziert wurde, jetzt etwas weinerlich beklagt, wie belastend die Auseinandersetzung um Sterbehilfe für ihn und für die war, die bei ihm Hilfe, also den Tod, nachgesucht hätten, passt ins eher trostlose Bild des Mannes, der als mutiger Vorkämpfer in die Annalen der Sterbehilfebewegung eingehen wollte, der jetzt aber doch angesichts des erstinstanzlichen Eilbeschluss einer Verwaltungsgerichtskammer vom Ehrgeiz Rechtsgeschichte schreiben zu wollen, ganz plötzlich verlassen wurde (so wie ihn schon kurz nach der Gründung seiner Partei, deren Namen sich niemand merken konnte, die Wähler und andere guten Geister verlassen haben). Der schnelle Abtritt ist die andere Seite seiner starken, stets die eigene Person ins Licht rückenden Auftritte: Kusch geht es, was auch immer er macht, in erster Linie um Kusch. Und Kusch ist eben nicht der uneigennützig handelnde Gutmensch, als der er sich gerne darstellt, sondern zur Zeit jemand, gegen den ermittelt wird und der daher auch ein gewisses Interesse daran hat, die Ermittler gnädig zu stimmen um so strafrechtlich möglichst ungeschoren davon zu kommen – zumal für ihn, bei einer Verurteilung wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz, auch noch seine Anwaltszulassung auf dem Spiel steht. Grund genug also jetzt in einer Art tätiger Reue, den Rückzug anzutreten.    

Und wie geht es weiter? So wie es ausschaut versucht der ehemalige Hamburger Justizsenator auch die – vermutlich einträgliche –  Gemeinnützigkeit seines Vereins „Dr. Roger Kusch Sterbehilfe e.V.“ zu retten, der bis vor kurzem noch einen schnellen Link auf die Suizidbegleitungs-Homepage gelegt hatte, mit der Kusch sich ein lukratives Zubrot verdiente. Jetzt, nachdem sich auch das Finanzamt für die Art und Weise des Zusammenspiels von Verein „Dr. Roger Kusch Sterbehilfe e.V.“ und dem echten Sterbehelfer Dr. Roger Kusch  interessierte, ist dort zu lesen: „Der Verein bietet keine Suizidbegleitung an, stellt keine Suizid-Anleitungen zur Verfügung, vertreibt keine Suizidmittel und nennt auch keine Bezugsquellen.“ Und auch Kusch persönlich, fordert nur noch die Ärzteschaft auf, jetzt tätig zu werden: „Ärzte können die notwendigen Rezepte ausstellen, ohne die Gefahr einer Strafverfolgung befürchten zu müssen.“ (was so nur teilweise richtig ist). 

Auch wenn man hoffen möchte, dass Kusch sich jetzt von den Anstrengungen seines praktischen Tuns und den zahlreichen Medienauftritten erstmal ausdauernd erholen wird, steht zu befürchten, dass er uns als publicitybewußter Propagandist der Sterbehilfe auch weiterhin nicht erspart bleiben wird.

Das mag man, wie ich, ärgerlich finden. Problematisch ist etwas anderes, dass nämlich der mediale Erfolg, den der echte Roger Kusch erreichen konnte, sich ohne große Mühe vom nächsten wahren Kusch wiederholen lassen wird – so wie auch Kusch selbst letztenendes nur ein Wiedergänger medienbewußt auftretender Sterbehelfer wie Prof. Julius Hackethal oder Hans Henning Atrott war. Dass der als Sterbehelfer zurückgetretene Kusch im „Spiegel“ jetzt ankündigt Menschen, die sich an ihn wenden, künftig an „Dignitas“ verweisen zu wollen, zeigt das Problem: Ob Kusch anreist oder „Dignitas“ tätig wird, macht in ethischer und gesellschaftlicher Hinsicht keinen Unterschied.

Längst hat sich in (zu) vielen Köpfen die Vorstellung festgesetzt, dass schwerkranken oder auch nur das Pflegeheim fürchtenden Menschen den Tod zu bringen ein Akt der Befreiung wäre. Solange das Weiterleben  mit schweren Behinderungen und Krankheiten wie selbstverständlich als Fehler gesehen wird, den es tunlichst zu vermeiden gilt („dann lieber tot“),  braucht sich einer wie Kusch nicht um den Spendenfluss zu sorgen. Auch dass angesichts des Todes von Eluana Englaro vielerorts schnell, ohne großes Nachdenken und mit Selbstverständlichkeit die Schlagzeile getextet wurde „Sie durfte endlich sterben“ signalisiert, dass Kuschs Abtritt nur eine kurze Episode am Rande bleiben wird. Die Ideen, die er auch nur aufgegriffen und in ein geschicktes PR-Konzept umgesetzt hat, prägen weiterhin die Vorstellung zu vieler Menschen über ein Leben im Zustand von Pflegebedürftigkeit und mit schwerer Behinderung. Wer wünscht, dass wir dauerhaft von Akteuren wie Roger Kusch verschont bleiben, muss versuchen, andere Bilder vom Leben mit Behinderungen und im Alter in den Köpfen zu beleben und zu erzeugen. Das wird aber ohne eine nachhaltige tatsächliche Veränderung der durch veraltetet Konzepte, zu schlechte Bezahlung und zu geringe Personalschlüssel geprägten Situation in der Pflege, insbesondere in stationären Einrichtungen, nicht gelingen.  Ideologiekritik alleine ist viel zu wenig….    

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18 Lesermeinungen

  1. Ich durfte in den letzten...
    Ich durfte in den letzten fünf Jahren das Sterben zweier Verwanden miterleben. Leider hat sich das für die Betroffenen und Angehörigen über mehrere Jahre hingezogen. Zuletzt war eine Versorgung zu Hause nicht mehr möglich. Die durchschnittlichen Heime sind dermaßen katastrophal schlecht, dass ich für mich den einzigsten Weg im Suizid sehe.
    Das ist für unsere Gesellschaft ein Armutszeugnis!

  2. <p>Hoffnung, bei dem...
    Hoffnung, bei dem optimistischen Namen sollte außer Suizid noch anderes drin sein. Es taucht ja schon die Frage auf, warum eine Versorgung zu Hause nicht mehr möglich war: die ambulanten Versorgungsstrukturen werden besser, zum Beispiel auch durch den Anspruch auf spezialisierte ambulante Palliativversorgung. Es gibt auch stationäre Hospize, die durchaus sehr gute Versorgungsmöglichkeiten bieten. Und last but not least: Es wird ja dafür gestritten, die Versorgung in Heimen zu verbessern….

  3. Damit wäre wieder einer zum...
    Damit wäre wieder einer zum schweigen gebracht der gegen das Kartell der Kassierer stichelt. Die Gewinner ( Pfegeheimbetreiber, Pharmaindustrie, Gesundheitsfunktionäre u.a.).
    Gewinne mit den Bedürnissen der Menschen von der Geburt bis zum Tod.

  4. Offensichlich wird von...
    Offensichlich wird von Legislative und Executive der Wunsch von Menschen mit Füssen getreten.

  5. Kluge Sprüche und Verweise...
    Kluge Sprüche und Verweise auf eine vielleicht einmal bessere Zukunft, Herr Tolmein, sind wenig hilfreich. Der Feind liegt am Boden, unsere Elite kann sich zufrieden zurück lehnen. Der Kerl kann ihre Einnahmequellen nicht mehr austrocknen. Ich hätte die Dienste des Hernn Kusch nicht bezahlen können und ich möchte auch nicht im Sterben an die Öffentlichkeit gezerrt werden. Aber ich hätte mir gewünscht, dass meine Entscheidung über mein eigenes Leben nicht von Vertretern einer anderen Lebnsauffassung zunichte gemacht wird. Ja, ich glaube an unseren Gott, aber hat das noch etwas mit unserer Kirche gemein? Ich habe längst alles vorbereitet, rechtzeitig zu gehen und bin wachsam genug, dann nicht einer Institution ausgesetzt zu sein, die mein Leben dann mit allen Mitteln verlängern wollen.

  6. <p>Ein Rentner, wenn Sie...
    Ein Rentner, wenn Sie meinen, dass Herr Kusch der Feind „unserer Elite“ (wer immer das auch genau sein mag) wäre, liegen sie wohl falsch. Er versteht sich als, vielleicht in manchen Fragen etwas dissidenter Teil davon: anders wird man wohl weder Oberstaatsanwalt in der Bundesanwaltschaft, noch CDU-Justizsenator. Ich gebe Ihnen recht, dass Menschen, die gerade jetzt Wege suchen, mit einem Verweis auf eine dereinst vielleicht mal bessere Zukunft wenig geholfen ist, aber auch heute gibt es gute Palliativmediziner, sorgsame Hospize, engagierte Pflegedienste… nicht so viel wie wir brauchen (und sie lösen auch nicht alle Probleme), aber doch genug, dass es der Dienste eines Herrn Kusch nicht bedürfen sollte. Oder, wie die Bremer Stadtmusikanten (denen man allerdings Klugheit nachsagen kann) feststellten: Etwas Besseres als den Tod finden wir überall…..

  7. Mir geht es in der Diskussion...
    Mir geht es in der Diskussion um das Recht auf Selbstbestimmung. Ich mag mir weder von der Kirche noch vom Staat vorschreiben lassen, wie mein Lebensende
    auszusehen hat. In einer aufgeklärten Welt, steht nur mir allein diese Entscheidung zu. Ich brauche dafür nicht zwingend Herrn Dr. Kusch uns seinen Verein. Sonlange es dafür in diesem Land jedoch keine legale Alternative gibt, ist es für Menschen, denen es um die Freisetzung Ihrer Individualität geht, die einzige Chance, sich im Verein von Hern Dr. Kusch oder der Gesellschaft für humanes Sterben Gehör und Stimme zu verschaffen.

  8. <p>Dr. Meißner, aber...
    Dr. Meißner, aber schreiben Kirche und Staat Ihnen denn vor, wie Ihre Lebensende auszusehen hat? Doch wohl kaum. Welche Krankheit Sie haben, steht außerhalb jeder Einflußmöglichkeit. Ob Sie einen Pflegedienst beschäftigen wollen, ob Ihre Familie sich um Sie kümmern will, ob bzw. welchen Arzt Sie mit Ihrer Versorgung befassen, welches Heim oder Hospiz Sie sich aussuchen, ob Sie sich an ärztliche Ratschläge halten oder nicht – alles Ihre Entscheidungen. Allenfalls regiert die Krankenkasse Ihnen rein, indem Sie die Kosten für bestimmte Schmerzmittel, die Ihnen helfen könnten (z.B. Cannabinoide) nicht übernimmt – aber dagegen wehren sich erstaunlich wenige Menschen und schon gar nicht mit dem Argument, dass sie durch die Medikamentenauswahl ihr Selbstbestimmungsrecht wahren wollen…. Kurz: Der Staat verbietet Ihnen lediglich, sich aktiv durch jemand anderen töten zu lassen. Herrn Kusch, der so wenig medizinische Vorbildung hat wie Sie, verbietet er, anderen tödlich wirkende Medikamente zu verschaffen… das ist die Art von Verboten, wie das Verbot in der Fußgängerzone 80 km/h zu fahren oder das zwingende Gebot, im Auto angeschnallt zu sein. Eigentlich ganz vernünftige Beschränkungen des Selbstbestimmungsrechts, die das Zusammenleben erleichtern und die etliche unnötige Todesfälle verhindern. Die Kirche verbietet Ihnen eigentlich gar nichts. Allenfalls könnten Sie sich noch über die Bundesärztekammer beschweren, die es für standeswidrig hält, wenn Ärzte assistierten Suizid leisten (der strafrechtlich vom Staat wiederum gar nicht verboten ist, wenn nicht gegen Arzneimittelgesetz und Betäubungsmittelverschreibungsverordnung verstoßen wird).

  9. Hierzulande ist es für alle...
    Hierzulande ist es für alle Normalbürger 100 % besser, keine Kommentare abzugeben, die nicht der Meinung der Mächtigen ensprechen. Es ist nur alles
    richtig was die GUTMENSCHEN verkünden – gleich welches Thema.
    Also lieber weinerlich Kopf einziehen – die Neustasi ist überall!

  10. Sollte ich ein hilfloser...
    Sollte ich ein hilfloser Pflegefall werden, der sich nicht selbst erlösen kann, brauche ich einen Roger Kusch. Sonst wäre mein Weiterleben für mich unwürdig, ich wäre entmündigt, da mir mein Recht auf Selbstbestimmung verweigert wird, und ich müsste vielleicht schreckliche Schmerzen erleiden. Die BRD, die Kusch Berufsverbot erteilt hat, ist ein Staat, der Menschen entmündigt, entwürdigt und Folterqualen überlässt.

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