Biopolitik

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Kusch kuscht – welcher Wiedergänger nutzt die Chance?

| 18 Lesermeinungen

Roger Kusch, lesen wir jetzt blattauf blogab, gibt seinen lukrativen Job als Sterbehelfer auf. Dass der ehemalige Oberstaatsanwalt, der hier auch schon als...

Roger Kusch, lesen wir jetzt blattauf blogab, gibt seinen lukrativen Job als Sterbehelfer auf. Dass der ehemalige Oberstaatsanwalt, der hier auch schon als „guilltonierender Lächler“ skizziert wurde, jetzt etwas weinerlich beklagt, wie belastend die Auseinandersetzung um Sterbehilfe für ihn und für die war, die bei ihm Hilfe, also den Tod, nachgesucht hätten, passt ins eher trostlose Bild des Mannes, der als mutiger Vorkämpfer in die Annalen der Sterbehilfebewegung eingehen wollte, der jetzt aber doch angesichts des erstinstanzlichen Eilbeschluss einer Verwaltungsgerichtskammer vom Ehrgeiz Rechtsgeschichte schreiben zu wollen, ganz plötzlich verlassen wurde (so wie ihn schon kurz nach der Gründung seiner Partei, deren Namen sich niemand merken konnte, die Wähler und andere guten Geister verlassen haben). Der schnelle Abtritt ist die andere Seite seiner starken, stets die eigene Person ins Licht rückenden Auftritte: Kusch geht es, was auch immer er macht, in erster Linie um Kusch. Und Kusch ist eben nicht der uneigennützig handelnde Gutmensch, als der er sich gerne darstellt, sondern zur Zeit jemand, gegen den ermittelt wird und der daher auch ein gewisses Interesse daran hat, die Ermittler gnädig zu stimmen um so strafrechtlich möglichst ungeschoren davon zu kommen – zumal für ihn, bei einer Verurteilung wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz, auch noch seine Anwaltszulassung auf dem Spiel steht. Grund genug also jetzt in einer Art tätiger Reue, den Rückzug anzutreten.    

Und wie geht es weiter? So wie es ausschaut versucht der ehemalige Hamburger Justizsenator auch die – vermutlich einträgliche –  Gemeinnützigkeit seines Vereins „Dr. Roger Kusch Sterbehilfe e.V.“ zu retten, der bis vor kurzem noch einen schnellen Link auf die Suizidbegleitungs-Homepage gelegt hatte, mit der Kusch sich ein lukratives Zubrot verdiente. Jetzt, nachdem sich auch das Finanzamt für die Art und Weise des Zusammenspiels von Verein „Dr. Roger Kusch Sterbehilfe e.V.“ und dem echten Sterbehelfer Dr. Roger Kusch  interessierte, ist dort zu lesen: „Der Verein bietet keine Suizidbegleitung an, stellt keine Suizid-Anleitungen zur Verfügung, vertreibt keine Suizidmittel und nennt auch keine Bezugsquellen.“ Und auch Kusch persönlich, fordert nur noch die Ärzteschaft auf, jetzt tätig zu werden: „Ärzte können die notwendigen Rezepte ausstellen, ohne die Gefahr einer Strafverfolgung befürchten zu müssen.“ (was so nur teilweise richtig ist). 

Auch wenn man hoffen möchte, dass Kusch sich jetzt von den Anstrengungen seines praktischen Tuns und den zahlreichen Medienauftritten erstmal ausdauernd erholen wird, steht zu befürchten, dass er uns als publicitybewußter Propagandist der Sterbehilfe auch weiterhin nicht erspart bleiben wird.

Das mag man, wie ich, ärgerlich finden. Problematisch ist etwas anderes, dass nämlich der mediale Erfolg, den der echte Roger Kusch erreichen konnte, sich ohne große Mühe vom nächsten wahren Kusch wiederholen lassen wird – so wie auch Kusch selbst letztenendes nur ein Wiedergänger medienbewußt auftretender Sterbehelfer wie Prof. Julius Hackethal oder Hans Henning Atrott war. Dass der als Sterbehelfer zurückgetretene Kusch im „Spiegel“ jetzt ankündigt Menschen, die sich an ihn wenden, künftig an „Dignitas“ verweisen zu wollen, zeigt das Problem: Ob Kusch anreist oder „Dignitas“ tätig wird, macht in ethischer und gesellschaftlicher Hinsicht keinen Unterschied.

Längst hat sich in (zu) vielen Köpfen die Vorstellung festgesetzt, dass schwerkranken oder auch nur das Pflegeheim fürchtenden Menschen den Tod zu bringen ein Akt der Befreiung wäre. Solange das Weiterleben  mit schweren Behinderungen und Krankheiten wie selbstverständlich als Fehler gesehen wird, den es tunlichst zu vermeiden gilt („dann lieber tot“),  braucht sich einer wie Kusch nicht um den Spendenfluss zu sorgen. Auch dass angesichts des Todes von Eluana Englaro vielerorts schnell, ohne großes Nachdenken und mit Selbstverständlichkeit die Schlagzeile getextet wurde „Sie durfte endlich sterben“ signalisiert, dass Kuschs Abtritt nur eine kurze Episode am Rande bleiben wird. Die Ideen, die er auch nur aufgegriffen und in ein geschicktes PR-Konzept umgesetzt hat, prägen weiterhin die Vorstellung zu vieler Menschen über ein Leben im Zustand von Pflegebedürftigkeit und mit schwerer Behinderung. Wer wünscht, dass wir dauerhaft von Akteuren wie Roger Kusch verschont bleiben, muss versuchen, andere Bilder vom Leben mit Behinderungen und im Alter in den Köpfen zu beleben und zu erzeugen. Das wird aber ohne eine nachhaltige tatsächliche Veränderung der durch veraltetet Konzepte, zu schlechte Bezahlung und zu geringe Personalschlüssel geprägten Situation in der Pflege, insbesondere in stationären Einrichtungen, nicht gelingen.  Ideologiekritik alleine ist viel zu wenig….    

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18 Lesermeinungen

  1. tolmein sagt:

    <p>Herr Wengel, welcher Beruf...
    Herr Wengel, welcher Beruf wurde Herr Kusch denn verboten? Und welche Folterqualen haben die Menschen erlitten, die Herr Kusch in Sachen Suizid tätig beraten hat? Das Bemerkenswerte hier ist ja, dass es gerade nicht Schmerzen waren, die diese Menschen den Tod haben suchen lassen, sondern die Angst vor Einsamkeit und Pflegeheim: zugegeben bittere Gefühle, aber Folterqualen ja wohl nicht (auch in den Video-Interviews wirkten die Kandiaten nicht gequält). Interessant ja auch, dass einige derer, die sich von Kusch in den Tod begleiten lassen wollten, davon nach der Hausdurchsuchung bei Kusch und nach Gesprächen mit ihren Angehörigen Abstand genommen haben…. Zum Thema „hilfloser Pflegefall“ hier nur so viel: In der Tat sollte Pflege so konzipiert sein, dass Menschen, die ihrer bedürfen, nicht unter dem Gefühl von Hilflosigkeit leiden müssen…

  2. Andreas Denk sagt:

    Herr Tolmein! Warum haben Sie...
    Herr Tolmein! Warum haben Sie sich noch nicht als Diktator beworben. Wo Sie doch gern Ihren Willen anderen aufzwingen wollen. Wer auf dieser Welt soll das Recht haben, mir vorzuschreiben wann und wie ich zu sterben habe. Es spielt schlicht keine Rolle ob ich ein Pflegefall bin oder nicht oder ob ich Schmerzen habe oder nicht.
    Massenvernichtungswaffen dürfen in Deutschland hergestellt werden, Sterbehilfe darf aber nicht angeboten werden?

  3. tolmein sagt:

    <p>Herr Denk, viele Fragen auf...
    Herr Denk, viele Fragen auf einmal. Aber in Kürze: Im FAZ-Stellenteil werden ja schon seit längerem keine freien Diktatorenposten mehr ausgeschrieben, deswegen musste ich leider den beschwerlichen und wenig einflußreichen Posten eines Bloggers annehmen…. Im übrigen: Ja, wer? Keine Ahnung. Ich jedenfalls lasse Ihnen bei der Auswahl von Ort, Zeit und Methode Ihres Sterbens freie Hand. Und Sterbehilfe erhalten Sie auf jeder gutsortierten Palliativstation, von ambulanten Palliativpflegediensten, stationären Hospizen – leichter jedenfalls als Massenvernichtungswaffen (oder meinten Sie damit Autos?), die unters Kriegswaffenkontrollgesetz fallen. Nur eben: Die „Tötung auf Verlangen“ steht unter Strafe (gegenüber dem „normalen“ Totschlag aber immerhin mit deutlich privilegiertem Strafmaß) – was übrigens zu der Frage führt, die kürzlich der BGH zu entscheiden hatte, ob auch das Verzehren eines Menschen, der darum gebeten hatte bei lebendigem Leib zerteilt zu werden, als „Tötung auf Verlangen“ qualifiziert werden muss (die Verteidigung des Mannes sah das so und führte auch das Selbstbestimmungsrecht des Getöteten, der es schließlich so gewollt habe, an)….

  4. Wer wird jetzt den Mut haben,...
    Wer wird jetzt den Mut haben, für das Selbstbestimmungsrecht des Menschen zu einem humanen Tod nach einem erfüllten Leben, weiter zu kämpfen?
    Ich bin Kusch sehr dankbar, dass er einen Anfang gemacht hat und hoffen, dass es weitergeht.

  5. Sehr geehrter Herr...
    Sehr geehrter Herr Tolmein!
    Sie wissen, daß ich als 2. Vorsitzender von DIGNITATE und Arzt die Dinge grundsätzlich und aus Erfahrung anders sehe. Sie haben auch bemerkt, daß Sie und die Menschen, die sich zum Glück auf diese Weise äußern, aneinander vorbei reden. Das geht bis zur persönlichen Verunglimpfung. Nicht gut. Die Kommentatoren sind Betroffene oder haben entsprechende Erfahrungen, wie ich auch. Jemand, der nicht solche Erfahrungen besitzt, sollte sich vorsichtig äußern oder besser den Mund halten. Zum Beispiel sollte Herr Hahne (Pfarrer und Sprecher im ZDF) besser schweigen, denn die Tatsache, daß er seinen Vater in einem Luxusaltersheim gut betreut wusste, macht ihn nicht zum Experten für Sterbehilfe oder Begleitungen am Lebensende, abgesehen davon, daß ich es erschreckend finde, daß ein laut bekennender Christ seinen nächsten Angehörigen ins Heim abschiebt, den er bei den ihm zur Verfügung stehenden finanziellen und familiären Bedingungen eigentlich zu Hause hätte behalten können und müssen. Nein, es geht doch um Selbstbestimmung, um Menschen-rechte und Menschenwürde, wie sie allen Menschen zustehen (Grundgesetz, Europäische MK, Uno). Unsere Zeit neigt dazu, diese Rechte aufzuweichen, sie einzuschränken und sie in passender (christlich-dogmatischer) Weise zu interpretieren. Die Kranken und Leidenden kommen dabei unter die Räder. Und es stimmt einfach nicht, daß man mit Palliativmedizin, guten Pflegeheimen, Schmerztherapie und Hospizen alle Situationen am Lebensende oder bei Krankheit in den Griff bekommt. Eine vernünftige Lösung der Probleme über eine gut fundierte Regelung des ärztlich assistierten Suizids mit großen Sorgfaltskriterien, die inbesondere den nie ganz auszuschließenden Misbrauch erfassen, muß her. Dafür kämpfe ich, dafür kämpft der Verein. Polemik und Verunglimpfung, wie jetzt von Herrn Dr. Kusch, ist nicht der richtige Weg.

  6. tolmein sagt:

    <p>Herr Arnold, erstaunlich,...
    Herr Arnold, erstaunlich, wie Sie in einem Text zur Zurückhaltung (gegenüber Herrn Kusch) mahnen und sich gleichzeitig über private Entscheidungen und Verhältnisse (bei Herrn Hahne) desavouierend äußern. Ihre Erfahrungen als Arzt kenne ich nicht (dass Sie als Palliativmediziner hervorgetreten wären, ist mir unbekannt) – ich habe aber eigene Erfahrungen gesammelt und mit vielen Ärzten und Pflegekräften über ihre Arbeit in der Sterbebegleitung gesprochen. Daher behaupte ich auch nicht, dass man mit Palliativmedizin, guten Pflegeheimen, Schmerztherapie und Hospizen alle Situationen am Lebensende gut „in den Griff bekommt“. Aber die allermeisten Probleme liessen sich mit dieser Quadriga erheblich entschärfen – ich wage zu behaupten: für die Fälle, in denen Roger Kusch (wie auch immer genau) tätig geworden ist, gilt das ausnahmslos. Auch der ärztlich assistierte Suizid löst des weiteren etliche Probleme nicht; wie wir aus den Niederlanden wissen, bleiben selbst wenn die aktive Tötung durch den Arzt erlaubt wird Problemfälle umstritten… Das dürfte, auch wenn Sie das als „Kämpfer“ für eine Sache ungern hören werden, obwohl sie es als Arzt allerdings wissen sollten, daran liegen, dass Sterben an sich ein Lebensabschnitt ist, der nicht leicht zu durchmessen ist, für den es aus ganz unterschiedlichen Gründen nicht immer eine „gute Lösung“ gibt. Ihr Ansatz, da bin ich mir sicher, schafft, gerade weil er behauptet einfache Antworten zu haben, am Ende mehr Probleme, als er wirklich Hilfen geben kann….

  7. nicole huber sagt:

    <p>Herr Tolbein, was genau ist...
    Herr Tolbein, was genau ist denn das Problem dabei, den ärtzlich assistierten Suizid mit in das gesamte programm aufzunehmen? Natürlich wird es immer Problemfälle geben, natürlich wird es immer ethische Schwierigkeiten geben – aber in welchem Bereich der modernen Medizin ist das denn nicht der Fall? Übrigens gibt es in Oregon eine Gemeinde, in der das mit der aktiven Sterbehilfe ganz gut funktioniert, unter sehr strengen Kontrollen, und die Befürchtungen, dass die ANzahl der assistierten Selbstmorde drastisch ansteigt, hat sich nicht bewahrheitet. Das eigentlich Verrückte ist doch, dass ein Menschenleben unter allen Umständen als „Absoluter Wert“ angesehen wird, den es zu schützen gilt, selbst wenn es sich nur um einzelne Zellen handelt, und selbst wenn der betroffene Mensch das nicht möchte, oder so nicht möchte – jedes andere Leben ist dagegen einen Dreck wert! Ironisch, dass die geradezu hysterische ideologische Fixierung auf „Menschenrechte“ dazu führt, dass in der Praxis wesentliche Bestandteile dieser Menschenrechte mit Füßen getreten werden, nämlich das Recht auf Selbstbestimmung und die menschliche Würde…

  8. tolmein sagt:

    Nicole Huber, ich habe schon...
    Nicole Huber, ich habe schon mit der Vorstellung eines „gesamten Programmes“ meine Probleme. In Oregon ist ärztlich assistierter Suizid übrigens im gesamten Bundesstaat erlaubt und es gibt dort in der Tat sehr wenige Fälle – was aber paradoxerweise damit zu tun hat, dass es eine sehr starke Protestbewegung gegen die Legalisierung des ärztlich assistierten Suizids gegeben hat, die u.a. dazu führte, dass dort die Qualität der Palliativversorgung um Klassen besser ist als in Deutschland. In Oregon werden beispielsweise auch Ärzte strafrechtlich verfolgt, die keine ausreichende Schmerztherapie machen. Das zeigt, dass man Modelle, die irgendwo irgendwie funktionieren nicht einfach übertragen kann, weil die Rahmenbedingungen woanders eben andere sind. Im übrigen gefällt mir an der Idee des ärztlich assistierten Suizids nicht, dass Suizid, den man meines Erachtens versuchen sollte zu verhinder, damit eine reguläre ärztliche Leistung wird. Das erscheint mir für ein Medizinsystem, zumal für eines unter den Bedingungen von Rationierung, eine gefährliche Entwicklung zu sein – die auch nicht zu mehr Selbstbestimmung führt, sondern allenfalls zu einer anderen Ausprägung von Selbstbestimmung…

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