Biopolitik

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"Lieber Bein ab als arm dran" – Body Identity Integrity Disorder und das Selbstbestimmungsrecht

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Über Menschen mit „Body Identity Integrity Disorder" (BIID), die sich wünschen  hatte ich vor kurzem in diesem Blog schon berichtet. In Frankfurt...

Über Menschen mit „Body Identity Integrity Disorder“ (BIID), die sich wünschen  hatte ich vor kurzem in diesem Blog schon berichtet. In Frankfurt a.M. beginnt heute eine zweitägige Konferenz, die das Thema zum Gegenstand hat. Neben drei Betroffenen, die ihre Geschichte schildern, dominieren psychologische und neurowissenschaftliche Ansätze. Die als psychische Störung verstandene BIID soll im Gehirn lokalisiert werden. Dort werden dann auch Ansätze für therapeutische Strategien gesucht. Dass der renommierte Neurowissenschaftler Wolf Singer einen Beitrag auf der Tagung hält („Neural representation of the body image in healthy subjects“) wird das (wissenschaftliche) Interesse an diesem Thema sicher befördern.

Bei Menschen, die sich wünschen, dass bei Ihnen bestimmte Gliedmaßen amputiert oder auch eine Querschnittlähmung herbeigeführt wird, ist die Tagung teilweise auf Kritik gestoßen: Sie fühlen sich durch den psychologisch und psychiatrisch dominierten Ansatz stigmatisiert und wehren sich dagegen therapiert, statt entsprechend ihren Wünschen behandelt zu werden. Das Selbstverständnis von Menschen, die zu dieser Gruppe gehören, beschreibt ein Kommentar auf der Webseite „orthopoint“: „Der Begriff BIID beschreibt den Endpunkt einer akzeptablen aber seltenen Identitätsfindung hinsichtlich des eigenen Leibs, der gewohnte öffentliche Deutungsmuster des Leibs schockierend in Frage stellt. Ähnlich willkommene Anregungen, gewohnte Denkmuster zu durchbrechen, ist die Homosexualität und die Transsexualität. Auch die Begegnung mit ihrer Realität, kann ein Schockerlebnis sein. Eine freiwillige Amputation kann die Identität der Menschen festigen, die sie wünschen.“

Dass das andere anders sehen, ergibt sich schon aus der Beteiligung von Betroffenen ander Frankfurter Konferenz. Wer mehr über die Selbstwahrnehmung von BIID-Betroffenen erfahren will, stößt dann recht schnell auf die Seite BIID-Dach, wo auch über Erfahrungen mit Therapeuten brichtet wird:

„Viele Menschen haben sich ihrem Arzt oder einem Psychotherapeuten anvertraut. Die allermeisten haben gute Erfahrungen gemacht. Allein schon mit jemandem darüber zu reden hilft. Therapeuten haben viele gute Ideen, wie man mit BIID umgehen kann, wie man Schuld- und Schamgefühle überwindet. Und sie können helfen, innerlich klarer und sicherer zu werden. Wenn Du eine/n gute/n Therapeuten suchst, geben Dir im Forum andere Betroffene gerne Hinweise. An der Universität Frankfurt haben sie viel Erfahrung mit BIID. Du kannst dort anonym, kostenlos und unverbindlich anfragen. Möglicherweise sind Therapeuten, die mit Transsexuellen Erfahrung haben, besonders gut auf Menschen mit BIID vorbereitet.“

Der Ton des Textes, der die Betroffenen-Sicht wiederzugeben scheint, überrascht, wenn man ins Impressum schaut. Betreiber der Webseite ist ein Therapeut: Prof. Dr. Erich Kasten vom Institut für Medizin. Psychologie der Universität zu Lübeck. Ob das jetzt eine besonders raffinierte Strategie der Patienten-Akquise ist oder ein guter Service für Betroffene von einem Profi, der über gute Ressourcen verfügt, sei dahingestellt, etwas mehr Transparenz wäre bei einem so heiklen Thema sicher angebracht.

 Eine ganz andere Sichtweise prägt einen langen, leider nur auf Englisch (immerhin besser als wäre er in Latein geschrieben) verfügbaren Aufsatz von Nance Riffe: „Voluntary Amputation and Disability Rights: Theorizing Disability through the Environment, Embodiment, and Choice“  Die Autorin vertritt darin die Auffassung, dass Menschen, sie nennt sie „Wannabes“, die sich eine Behinderung wünschen das herkömmliche Verständnis von Behinderung unterlaufen und Aktivisten für Behindertenrechte eine neue Argumentationsebene verschaffen: Choice. Die Begrifflichkeit ist im us-amerikanischen Kontext der „Pro Choice“-Debatte über das Recht auf Abtreibung zu verstehen. Die Autorin verweist in ihrem Aufsatz auf die Frage, die Behinderten immer wieder gestellt wird: „Wünscht ihr Euch nicht auch, nichtbehindert zu sein.“ – Angesichts dieser Frage, so meint sie, seien Wannabes „ein Beweis dafür, dass Behinderung etwas Wünschenswertes sein kann, dass Behinderung nicht nur etwas ist, das jemand erleidet. Für Wannabes macht es ihre Identität aus, jemand zu sein, der eine bestimme Beeinträchtigung hat.“ Das erinnert an die Debatte, die es vor einigen Jahren gab, als ein lesbisches gehörloses Paar anstrebte ein gehörloses Kind zu bekommen. Identität, Selbstbestimmung und die Möglichkeiten und Grenzen sie herzustellen, werden wohl ein großes Thema der Medizinethik der nächsten Jahre werden. Dass es wohl heute schon Kontakte zwischen Menschen mit BIID gibt und Sterbehilfeorganisationen, zeigt ebenso wie die von Nance Riffe gezogene Parallel zu Behinderten und die in der Debatte ohnehin präsente Querverbindung zum Thema Transsexualität, wie hier sehr unterschiedliche Ansätze zusammenfinden können – ich habe allerdings Zweifel, dass „Selbstbestimmung“ und „Choice“ (Wahlrecht) auf Dauer als Bindeglied tragfähig sein werden, da diesen Begriffen wie gerade die bioethische Debatte zeigt, auch etwas sehr formalistisches anhaftet.

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35 Lesermeinungen

  1. Jo, ich finde es gut, dass es...
    Jo, ich finde es gut, dass es so viele chrstlich denkende Menschen gibt, die den Körper geschützt sehen wollen und das auch dann, wenn dieser Schutzbedarf in begründeten Fällen gar nicht besteht. Und was begründet ist, das sollen bitte die Psychos entscheiden. Das Prinzip der Freiheit des Einzelnen hatt ja schon S. Freud nicht so ganz verstanden und es wurde in der KuK-Monarchie auch nicht ganz so hoch gehalten.
    Identität bezieht sich im Zusammenhang mit „BIID“ nicht auf eine Behinderung, sondern den Zustand des Körpers, den die Gesellschaft als Behinderung bezeichnet.
    Das Label Behinderung (querschnittgelähmt zu sein wird als eine Behinderung gesellschaftlich begriffen), das darf künstlich nicht hergestellt werden weil gesellschaftlich eine Behinderung dem medizinischen Modell von Behinderung folgend eben als schadhafter und defizitärer Zustand begriffen wird. Aber das kann eben auch ander zu sehen sein und da beginnt dann die politische Diskussion.
    Bei BIID geht es darum, z.B. bei dem Wunsch nach einer Querschnittlähmung, den Zustand „kein Gefühl“, keine „willkürliche Bewegungsfähigkeit“ im Unterkrörper zu erreichen. D.h. es soll der Körper der im Kopf vorhandene Realität über den Zustand des eigenen Körpers angepasst werden. Mir ist klar, dass das für Personen, die in diesem Zustand nicht leben, kaum oder gar nicht nachvollziehbar ist.
    Es geht natürlich nicht darum, etwas zu erreichen, was die Gesellschaft eine Behinderung nennt, auch wenn die in rechtlicher sozialer und politischer Hinsicht eintritt. Von daheher ist es politisch durchaus fraglich, ob in einem solchen Zusammenhang von einer Selbstverletzung geschrieben werden kann. Ich glaube das nicht und der Vergleich mit Verletzungen aus anderen Gründen hinkt, da die genannten Ursachen eben nicht die Ursachen sind für den Wunsch nach einer freiwilligen Amputation.
    „Der Kontrolverlust gehört nämlich auch zu einer Behinderung. “
    Das lese ich zum ersten mal. Könnten Sie das bitte näher erläutern?
    Lieber Herr Ruhl,
    Sie brauchen sich wegen der falschen URL nicht zu entschuldigen. Schade, dass ich erst jetzt weiß, dass Sie kein Psycho sind. Aber dann brauchen Sie sich ja von dem auch nichts zu herzen zu nehmen was ich geschrieben habe.
    “Wenn BIID nicht als Krankheit definiert wird, dann ist doch zu befürchten dass die Betroffenen alle medizinischen Folgekosten selbst zu zahlen hätten.”
    M.E. nicht. Die Behandlungskosten müssen zuerst selbst bezahlt werden, bzw sollten durch die Sozialhilfe getragen werden. Das Ergebnis ist eine Behinderung und das Vorliegen einer Behinderung unabhängig von ihrer Ursache berechtigt zu Leistungen und Unterstützungen aus dem Rehabilitationsrecht. Das soll nicht heißen, dass hier grundsätzlich solche Leistungen abgefragt werden sollen.
    Nun, ich sehe die ärztliche Hilfe im Sinne einer schönheitschirurgischen Dienstleistung und nicht als originäre Leistung eines Arztes im Sinne einer Heilleistung. Man muß ja nicht alle Meinungen übernehmen, wenn man einer Idee wie der der Antipsychiatriebewegung lediglich nur nahe steht.

  2. Nicole schrieb:

    “erklären...
    Nicole schrieb:
    “erklären Sie mir doch mal, was die „Identität“ eines Menschen mit Querschnittslähmung ist? Anders als das Geschlecht, da Sexualität ein so zentraler Bestandteil der menschlichen Persönlichkeit ist – kein Missverständnis, ich behaupte nicht, dass sie festgelegt oder gar biologisch determiniert ist. Aber wenn ich nicht querschnittsgelähmt bin, und dann zum Beispiel nach einem Unfall querschnittgelähmt – hat sich dann meine Identität geändert? Bin ich dann ein anderer Mensch? Und Sie, in Deutschland, was hätten SIe denn mit einem Querschnittsgelähmten in einem abgelgenen, rückständigen Dorf z.B. in irgendeinem afrikanischen Land zu tun?”
    Ich bezeichne in diesem Zusammenhang “Identität” als Begriff für die reflektierte Wahrnehungen aller meiner Lebensvollzüge. Äh, Moment mal, was habe ich da geschrieben? Also, wenn ich von A nach B reise, dann unternehme ich die Reise als Fußgänger. Aber ich denke mir seit meinem 8. Lebensjahr, dass ich diese Reise lieber als Mensch mit einer Querschnittlähmung unternehmen würde. Ich weiß aus Erfahrung, wie man Züge als Rollifahrer benutzt. Ich kenne die Probleme, die sich ggf. daraus ergeben können für mich und eventuelle Begleiter. Dabei spielt meine körperliche Erfahrungswelt eine wichtige Rolle, die so angelegt ist, dass ich meinen Unterkörper nicht mehr spüren will und zudem die mir uneingeschränkt zur Verfügung stehenden motroischen Funktionen eben nicht haben will. Das heißt aber nicht, dass ich das werden will, was die Gesellschaft als “Behinderter” bezeichnet. Sondern, um es noch einmal zu schreiben, ich will mein Leben so führen dürfen und können, wie es meiner nur im Kopf befindlichen sunjektiven Erfahrungswelt entspricht. Das verstehe ich unter einer Identität als Mensch, der eine Querschnittlähmung will.

  3. <p>In Bezug auf die Abhandlung...
    In Bezug auf die Abhandlung über die Website BIID-DACH.org und der dabei in den Raum gestellten Möglichkeit, daß es sich um ein Werkzeug »zur Patienten-Akquise« handeln könnte, stellt sich die Frage ob dem Blogger bei seiner Recherche (?) in den Sinn gekommen sein könnte, daß es aus ganz bestimmten Gründen problematisch sein mag, wenn ein oder mehrere BIID-Betroffene sich mit Namen und Adresse dort eingetragen hätten?
    Was nutzt einem der umsichtige Umgang mit diesem an sich bereits schwierigem Thema, in Interaktion mit Nicht-Betroffenen wie der »Gesellschaft« ja noch viel mehr, wenn journalistische Beiträge aufgrund schlechter Recherche oder – auch das gibt es leider in »unserer Mediengesellschaft« – schierer Sensationslust jegliche Seriösität bereits zu Beginn zu torpedieren imstande sind?
    Dieses hier ist zwar »nur« ein Blog. Aber eines unter dem Segel einer seriösen deutschen Tageszeitung. Da läuft man schnell Gefahr, mit Blog-Einträgen wie diesem das wichtigste Gut dieser Institution zu unterminieren.

  4. Hm. Also ich denke, dass...
    Hm. Also ich denke, dass Tolmein schon weiß was Selbsthilfe ist. Auch ich vermisse letztendlich jeden typischen Hinweis auf eine seriöse Selbsthilfeorganisation. Bisher waren das immer Vereine, die eine der demokratischen Grundverfassung hier entsprochen haben. Als „Betroffener“ habe ich übrigens rein gar nichts von dem gefunden, was mich und andere mir bekannte Personen mit der gleichen Problematik könnte weiterbringen. Dort stehen ohne Nachweis Behauptungen, die mir als „Betroffener“ u.U. sogar schaden könnten. Unter Selbsthilfe verstehen hier, so glaube ich zu wissen, Alle etwas anderes. Eine gute Seite, wo man etwas über Selbsthilfe lernen kann, ist https://www.kobinet-nachrichten.org. Aber die von Tolmein genannte Website kann ich als Betroffener nur als etwas misslungene Aufforderung begreifen, einen Psycho oder eine PsychoIn (gibt es das Wort, heute ist Weltfrauentag) zu besuchen.

  5. Sehr geehrter Herr Dr....
    Sehr geehrter Herr Dr. Tolmein,
    Herr Professor Dr. Kasten hat sich (gratis) zur Verfügung gestellt, nach außen als Betreiber der Website aufzutreten, damit die Betroffenen, die die Seite tatsächlich ganz allein gestalten, anonym bleiben können. Vielleicht können Sie aus Ihrer juristischen Fachkenntnis uns helfen, auf optimale Weise anonym und doch hilfreich zu wirken.
    Auch der von Ihnen zitierte Text stammt ausschließlich von Menschen mit BIID. Herr Prof. Dr. Kasten ist zwar damit einverstanden, hat aber keinen Einfluss auf die Formulierung und den Inhalt gehabt.
    Ihre Unterstellung, Herr Prof. Dr. Kasten wolle möglicherweise Patienten anziehen, halte ich für eine unangebrachte Unterstellung, die ich von Ihnen nicht erwartet hätte. Sie hätten ja auch einfach mal Prof. Dr. Kasten fragen oder ein Mail an die auf http://www.biid-dach.org angegebene Email-Adresse schicken können.
    Ab morgen wird im Impressum klargestellt, dass Prof. Dr. Kasten nur der leider für rechtliche Zwecke notwendige Website-Verantwortliche ist, als Treuhänder der Selbsthilfegruppe sozusagen.
    Auf der Tagung in Frankfurt wurde niemand stigmatisiert. Wer nicht dort war und die Vorträge und insbesondere die sehr offene Diskussion nicht gehört hat, sollte sich mit solchen Vorwürfen zurückhalten. Denn genau die Frage wurde mehrmals in Frankfurt behandelt: ob man überhaupt neurologische und psychologische Erkenntnisse und Therapieversuche braucht oder die Betroffenen einfach frei sein sollten, sich zur Operation zu entscheiden.
    Der von Ihnen erwähnte Neurologe Prof. Dr. Singer hält es übrigens durchaus für wahrscheinlich – bei aller Unsicherheit der Forschungslage -, dass eine so lang, so intensiv bestehende Erscheinung nicht zum Verschwinden gebracht werden kann und dass also für einige Betroffene vermutlich nur die Operation ein besseres Leben bringt. Alles unter der Einschränkung, dass man eben noch zu wenig weiß.
    Viele Grüße
    Phil B.

  6. @Tobias
    Ich vestehe diese...

    @Tobias
    Ich vestehe diese Kritik sehr gut, unter einer Selbsthilfe verstehe ich eben „Selbst“ Hilfe. Und nicht die Interessen von Psychologen, Ärzten und Co.

  7. <p>Tobias und Phil, Danke für...
    Tobias und Phil, Danke für die Klarstellung, die mir aber auch erforderlich scheint, denn der Eindruck war – für mich als unbefangenen Leser – merkwürdig. Zur Frankfurter Tagung habe ich Stimmen wiedergegeben – ich war nicht dort, war aber fürs Panel vorgesehen und wäre auch hingegangen, wenn mir nicht etwas berufliches dazwischen gekommen wäre. Wichtig ist mir, dass versucht wird mit Offenheit an die Lage heranzugehen und nicht einen Königsweg zu proklamieren (Königswege sind in bioethischen Fragen meistens Sackgassen). Professor Dr. Kasten, den ich nicht kenne, habe ich gar nichts unterstellt, sondern Überlegungen erwähnt, die mir in den Kopf kamen und zu mehr Transparenz aufgefordert, die jetzt ja erfreulicherweise da ist…..
    Gerne bald mehr dazu (und wegen der Homepage können wir an anderer Stelle gerne Überlegungen anstellen, ich bin da über die Kanzlei ja gut erreichbar).

  8. Nicht stigmatisiert? Nicht...
    Nicht stigmatisiert? Nicht diskriminiert? Das mag dem Wortlaut nach so zu verstehen sein. Es ging und es geht aber um die Gesamtumstände, unter denen in Deutschland dieses Thema (bewußt?) durch Ärzte lanziert worden ist und es geht um das durchaus berechtigte Interesse von Wissenschaftlern (Psychologen) ihrer Aufgabe nachzukommen, nämlich menschliches Verhalten zu erforschen. Das stellt tatsächlich keine Stigmatisierung da und wird von der Gesellschaft erwartet.
    Der Grad auf dem aber diese Gruppe wandert ist sehr schmal und da kann man ohne Medienerfahrung und Medienkenntnisse leicht abstürzen. Das ist leider passiert. Die Gazetten belegen es.
    Abschließend: Neuerdings wird BIID im Bereich der Zwangserkrankungen diskutiert. Im Oktober gibt es einen neuen Kongress, u.a. zum Thema BIID. Diesmal ist schon klarer wo der Hase langläuft. War schon beim Sex im Zusammenhang mit BIID nichts zu holen und fanden sich kaum verwertbare sogenannte Korrelate, so muß es doch jetzt ein Zwang sein. Wer den DSM-Eintrag aber bis zu seinem Ende mit seinen Anhängen zum Thema Zwang liest, der wird leicht feststellen, dass auch Zwang nicht zutrifft. Aber die im Internet und somit öffentlich geführte Diskussion geht weiter. Sie besagt, eine Krankheit machen wir noch daraus und das ist das, was man als Stigmatisierung in der Psychologie und Psychiatrie bezeichnet. Der Link verweist auf einen Kongress in München, der sich mit „krankhaften“ Zwängen befasst, auch dort trritt die ach so nette Frauenriege wieder auf:
    https://www.zwaenge.de/Tagung_2009_Vorp.pdf
    Der auf der Website biid-dach abgebildete Ansatz ist gut gemeint aber auf einem Niveau realisiert, das man nur als kindlich bezeichnen kann. Der sprachliche Duktus ist m.E. herablassend. Offensichtlich kann man sich dann so darstellen, wenn einem nahegelgt zu sein scheint, die Psychiatrie nötig zu haben. Das ist dann das Ergebnis von Stigmatisierung. Aber soweit haben weder an dieser öffentlich geführten Diskussion die Ärzte gedacht noch die wenigen „Betroffenen“. Klar im Dunstkreis von „Abartigkeit“ „unethischem Denken“ „Selbstverstümmelung“ da kann man Logik, Anstand, politisches Fingerspitzengefühl und Weitsicht natürlich vergessen. So etwas gab es in DE schon mal zwischen 1933 und 1945, nur da betraf es Milionen, jetzt nur 8000 Menschen.

  9. Lieber Sansibar,

    Du schreibst...
    Lieber Sansibar,
    Du schreibst immer nur von Stigmatisierung, Psychos, gelegentlich auch schon einmal von Hexenverfolgung und viele andere nicht zielführende Dinge. Mit dieser Wortwahl und diesem Ton bringst Du nur Zwietracht in die kleine Anzahl Betroffener und zwingst uns durch Beschimpfungen von uns wohlgesonnenen Fachleuten zu mancher wortakrobatischer Übung.
    Du schreibst am 6. März, dass Du beklagst, dass Deiner Meinung nach führende Wissenschaftler nicht zum Kongress eingeladen worden waren. Ich hatte Dich bereits im Dez./Jan. darum gebeten, Dich einzubringen und ‚Deine‘ Experten mit ins Boot zu holen, damit die Veranstaltung mit so guten und wichtigen Leuten wie möglich besetzt wird. Aber Du hast ja nur Deinen Hass auf alles, was ‚Psycho…‘ in seiner Berufsbezeichnung trägt und jegliche Zusammenarbeit kategorisch abgelehnt und zusätzlich noch zum Boykott aufgerufen.
    Dass diesem Boykottaufruf nicht viele gefolgt sind, fand ich sehr gut. Auch ich war auf dem Kongress und ich kann Phil und Tobias zu 100 % in ihrer Einschätzung beipflichten. Alle anwesenden Psychologen haben bestätigt, dass BIID an sich keine Krankheit ist, sondern eine – aus welchen Gründen auch immer herrührende – Störung des Körperempfindens, die in dem Satz ‚mit nur einem Bein [einem Arm, einer Lähmung, …] bin ich endlich vollständig‘ eine wunderschöne Beschreibung erfährt.
    Selbstverständlich sind auch jetzt Ethiker, Juristen und Hirnforscher mit im Boot, die – jeder aus seiner Sichtweise – an einer Erklärung und an einer möglichen Therapie von BIID arbeiten. Und alle beteiligten Verantwortlichen hatten die ‚elektive Amputation‘ als eine mögliche Therapieform genannt. Dass diese in der heutigen deutschen Gesellschaft nicht ohne Weiteres einfach umzusetzen ist, ist eine Herausforderung, der sich auch die im Herbst 2008 gebildete BIID-Kommission annimmt.
    Ich weiß auch nicht, wo Du den Vergleich mit ‚Zwangserkrankung‘ herholst. Weder Kasten noch Stirn noch Brugger noch First konnten irgend einen Zusammenhang von BIID mit bekannten psychischen Krankheiten herstellen. Das macht es für sie natürlich schwerer als wäre BIID z.B. eine Form der Schizophrenie (was sie natürlich nicht ist). Daher kommen aber die Schwierigkeiten, wie man eine Behandlung durchführen soll, wenn sich BIID als ’nicht therapierbar‘ im klassischen Sinne herausstellt (wofür es viele Datenpunkte gibt). Wenn es aber keine Krankheit ist (und BIID ist im eigentlichen Sinne keine), dann DARF natürlich auch kein Arzt operieren. Daher muss an einem DSM-Eintrag gearbeitet werden, nicht um uns zu Kranken zu erklären und nicht um den Psychos Aufträge zu schaffen, sondern um uns wirkungsvoll zu behandeln.
    Um nochmals auf Stigmatisierung zurückzukommen: Keiner wurde auf dem Kongress stigmatisiert. Nicht von den ‚Psychos‘, nicht von den Ärzten und nicht vom interessierten nicht-betroffenen Publikum. Und keiner der auf biid-dach teilnehmenden Betroffenen fühlt sich stigmatisiert, von wem denn auch? Was auf unserer Homepage steht, wurde von Betroffenen geschrieben und entspringt dem Gefühl und dem Bewusstsein, BIID zu haben. Wenn Du es besser und schöner schreiben kannst, dann fühle Dich frei, die Zeilen zu verschönern.
    Und, mit Verlaub, der Vergleich mit 1933-1945 Deines letzten Beitrags ist so etwas von schwachsinnig, dass ich darauf nicht mehr eingehen muss…

  10. Lieber Sansibar,
    vielleicht...

    Lieber Sansibar,
    vielleicht solltest Du wissen, dass die drei Frankfurter Wissenschaftlerinnen sich nicht nur mit BIID befassen, sondern sich intensiv z.B. um Patienten mit Waschzwang kümmern. Dies ist eine Zwangserkrankung und warum sollten die drei nicht auf den Kongress, der ihr „Gebiet“ betrifft, fahren? Dass BIID keine Zwangserkrankung ist, hat Frau Thiel in ihrem Vortrag in Frankfurt berichtet. Sie wird das Gleiche auf ihrem Poster tun (denn nur diese Auswertung wird den experimentellen Ergebnissen gerecht) und somit in der Fachgemeinde den vielleicht irgendwo angeschlagenen Ton, BIID sei eine Zwangserkrankung, den Wind aus den Segeln nehmen.

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